Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mini-pcs-unter-linux-installation-schwer-gemacht-1504-113147.html    Veröffentlicht: 01.04.2015 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/113147

Mini-PCs unter Linux

Installation schwer gemacht

Vier überzeugende aktuelle Mini-PCs, HPs Elitedesk 800 Mini, Lenovos Thinkcentre Tiny M93p, Dells Optiplex 9020 Micro sowie Fujitsus Esprimo Q520, haben wir bereits getestet. Jetzt haben wir noch ausprobiert, wie gut sie mit Linux laufen.

Aktuelle Minirechner für den Einsatz in Unternehmen sind auch deshalb interessant, weil sie weitgehend frei konfigurierbar sind. Außerdem bieten viele lange Supportlaufzeiten inklusive Ersatzteilversorgung und Garantieoptionen, sie lassen sich leicht erweitern und entsprechend warten. Das hat unser Test aktueller Minis gezeigt: HPs Elitedesk 800 Mini, Lenovos Thinkcentre Tiny M93p, Dells Optiplex 9020 Micro sowie Fujitsus Esprimo Q520. Uns interessiert jetzt, wie es mit der Unterstützung für Linux aussieht.

Die Hardware der von uns getesteten Minirechner ist weitgehend identisch, alle beherrschen WLAN auf zwei Frequenzbändern. Die CPU ist Intel-basiert und aus der vierten Generation (Haswell). Vom Zweikerner mit Hyperthreading über Vier-Kern-CPUs ohne Hyperthreading bis hin zu einer CPU mit 8 Threads ist alles vertreten. Entsprechend vorbildlich ist die Hardware-Unterstützung unter Linux. Die sonst häufige Treiber-Problematik für WLAN-Chips tritt bei keinem der Geräte auf. Alle sind aus Intels 7200er-Reihe und funktionieren ohne großes Zutun. Auch die Grafikausgabe über den Displayport bereitet keinerlei Probleme, selbst die Audioausgabe darüber funktioniert auf allen Minis einwandfrei.

Linux neben Windows aufspielen

Deshalb konzentrieren wir uns auf die eigentliche Installation, die wir mit dem aktuellen Ubuntu 14.10 samt Linux-Kernel 3.16 und Suse Linux Enterprise Desktop (SLED) 12 mit dem Kernel 3.12.28 ausprobieren. Wir versuchen zunächst, die Linux-Distributionen neben dem in der Regel vorinstallierten Windows zu installieren. Eine Ausnahme ist das Thinkcentre Tiny M93p. Lenovo schickte uns das Gerät in einer Modellvariante, die ohne Betriebssystem ausgeliefert wird. Dementsprechend spielten wir zunächst Windows 7 über ein ISO-Image per USB-Stick auf. Um uns die Partitionierung vorab anzusehen, nutzen wir die aktuelle Version 0.21 der Gparted-Live-CD. Sie lässt sich ohne Probleme auf allen Rechnern verwenden.

Um einen möglichst realistischen Test durchzuführen, nehmen wir zunächst keinerlei Anpassungen am Bios vor, außer um die Bootreihenfolge zu ändern, um vom USB-Stick mit dem jeweiligen Installationsmedium zu starten. Die Partitionierung überlassen wir zunächst dem Installer und greifen erst ein, wenn eine Parallelinstallation mit Windows zu scheitern droht.

Dells Optiplex 9020 Micro mit ausgeschaltetem UEFI

Für die Installation von Ubuntu 14.10 auf dem Dell Optiplex 9020M sind keine besonderen Einstellungen im Bios nötig, das mit F12 geöffnet werden kann. Dort müssen wir lediglich den Stick auswählen, von dem wir Ubuntu installieren wollen. Obwohl Secure Boot unterstützt wird, ist es auf unserem Testgerät deaktiviert. Selbst die UEFI-Unterstützung ist ausgeschaltet, stattdessen ist der Legacy-Modus aktiv. Schalten wir in den UEFI-Modus um, verschwindet der Eintrag der 128-GByte großen SSD aus der Liste der bootfähigen Geräte und nur unser UEFI-fähiger USB-Stick bleibt in der Liste zurück. Demnach lassen sich zwar auch nicht-UEFI-fähige Linux-Distributionen installieren, die in den meisten aktuellen Linux-Distributionen inzwischen nutzbare Secure-Boot-Option funktioniert dann aber nicht.

Die Installation von Ubuntu 14.10 läuft routinemäßig und schnell ab. Denn alle sechs USB-Ports unterstützen USB 3.0 und mit einem entsprechenden USB-Stick dauert die Installation knappe sieben Minuten, samt Partitionsaufteilung und dem Herunterladen von ersten Updates aus dem Internet. Das sind Zeiten, von denen die Windows-Kollegen träumen. Die Installation von offiziellen Microsoft-Images kann durchaus einen ganzen Arbeitstag beanspruchen. Im Optiplex ist ein kleiner Lautsprecher, über den die Klangausgabe unter Ubuntu zunächst erfolgt. In den Soundeinstellungen können wir problemlos mit der Änderung der Klangausgabe über HDMI/Displayport den Ton über die im Monitor verbauten Lautsprecher umleiten. Bluetooth funktioniert ebenfalls sofort. Proprietäre Treiber stehen nicht zur Verfügung, werden aber auch nicht benötigt.

Linux vergisst Windows

Etwas Kopfzerbrechen bereitet uns nach einem Neustart, dass der Bootloader Grub direkt Ubuntu startet, obwohl wir Linux parallel zum mitgelieferten Windows 7 installiert haben. Nachdem wir den Befehl sudo update-grub ausgeführt haben, erscheint das Bootmenü mit dem Eintrag für Windows. Von dort können wir dann mit F8 in die Wiederherstellungskonsole von Windows wechseln und mit Hilfe des von Dell bereitgestellten Werkzeugs das System in seinen Originalzustand versetzen. Die von Ubuntu angelegten Partitionen müssen wir anschließend unter Gparted löschen und die Windows-Partition wieder auf ihre ursprüngliche Größe zurücksetzen. Dell bietet unter Windows auch Werkzeuge, mit denen Backups vom bestehenden System beispielsweise auf einen USB-Stick übertragen werden können.

Bei der Installation von Suse Enterprise Linux Desktop moniert der Partitionierer, dass die SSD keine GUID-Partitionstabelle (GPT) enthält. Der Partitionierungsvorschlag des Installers sieht daher die Übernahme der gesamten SSD für SLED vor. Deshalb übernehmen wir selbst die Aufteilung des Speicherplatzes. Um das Recovery-System und auch Windows beizubehalten, müssen wir zudem den Bootloader auf einen USB-Stick auslagern, denn eine EFI-Partition fehlt. Ansonsten funktioniert auch hier die sämtliche Hardware ohne Klimmzüge. Das WLAN-Modul wird während der Installation bereits erkannt.

HPs Elitedesk 800 Mini hat keinen Platz für Linux

Der HP Elitedesk wird mit Windows 8 ausgeliefert. Den Start von den USB-Sticks mit den Linux-Installern forcierten wir über Microsofts Betriebssystem. Das Bios lässt sich mit der F12-Taste öffnen. Auf der 256 GByte großen SSD ist eigentlich genügend Platz für eine Parallelinstallation mit Linux. Allerdings macht hier die Partitionsaufteilung Probleme, denn neben der Boot- und Systempartition gibt es noch eine für das Recovery und schließlich noch eine weitere für HP Systemwerkzeuge. Alle vier sind als primäre Partitionen eingerichtet.

Somit lässt sich keine weitere Partition für Linux einrichten, ohne eine der primären Partitionen zu löschen. Folgerichtig schlägt der Ubuntu-Installer und auch der von SLED vor, die gesamte Festplatte für sich zu beanspruchen. Möglich wäre ein komplettes Backup des Inhalts des Datenträgers als Image etwa mit Clonezilla, um den Rechner später wieder in den Originalzustand zu versetzen. Als wir Ubuntu und SLED die gesamte Festplatte überlassen, klappt die Installation problemlos.

Fujitsus Esprimo Q520 ohne Rettungsmöglichkeit

Für die Installation der Linux-Distributionen sind auch hier keine besonderen Bios-Änderungen nötig. Mit dem einmaligen Drücken der F12-Taste gelangen wir in die Auswahl bootfähiger Geräte. Vorinstalliert ist Windows 7, das sich samt Recovery-Werkzeugen wie beim HP Elitedesk auf insgesamt vier primäre Partitionen auf der 128 GByte großen SSD verteilt. Eine davon ist etwa 60 GByte groß und wird unter Windows als leere Datenpartition angezeigt. Diese löschen wir und richten in einer erweiterten Partition eine Swap- und Systempartition für Linux ein.

Die Installation von Ubuntu funktioniert danach ohne Probleme. Auch hier vergisst Ubuntu aber, die Windows-Installation in den Bootloader Grub hinzuzufügen, was wir mit dem Befehl update-grub beheben können. Das Zurücksetzen auf den Werkszustand ist allerdings nicht so einfach. Zwar richtet Grub gleich zwei Einträge zum Windows-Bootloader ein, aber keiner der beiden startet den Recovery-Modus. Auch im Menü, das zum abgesicherten Modus führt, gibt es anders als beim Dell keinen Eintrag zum Wiederherstellen des Systems. Eine noch größere Überraschung erleben wir, als wir unter Windows eine Rettungs-DVD erstellen. Zwei darüber erstellte optische Datenträger funktionieren nicht. Mit dem Werkzeug Mbrfix können wir den Windows-Bootloader wiederherstellen, da es sich nicht um ein UEFI-System handelt.

Lenovos Thinkcentre Tiny M93p vergisst Linux oder Windows

Bei dem Start des Ubuntu-Live-Systems auf dem Thinkcentre Tiny M93p erwartet uns eine Überraschung. Es erscheint die Fehlermeldung "gfxboot.c32: not a COM32R Image". Erst mit der Eingabe live können wir das Betriebssystem starten. Auch hier funktionieren WLAN sowie Bluetooth und die Soundausgabe über den Displayport problemlos. Das Angebot des Ubuntu-Installers: die gesamte Festplatte zu löschen. Wir legen selbst Hand an und verkleinern die bestehende Windows-Partition, die auf einer dritten primären Partition liegt, um die Hälfte.

Die Installation dauert hier etwas länger als auf den anderen Geräten, denn unser Modell hat eine 500-GByte-SATA-Platte, die naturgemäß langsamer ist als die in den anderen Rechner verbauten SSDs. Nach dem Neustart erscheint wie bereits bei den anderen Rechnern in Grub kein Eintrag zum parallel installierten Windows. Hier hilft auch der Befehl update-grub nicht. Denn der Installer erkennt die EFI-Partition auf dem System nicht und richtet Grub im herkömmlichen Modus im Bootsektor der Festplatte ein. Eine zweite Installation, bei der wir den Ubuntu-Installer auf die EFI-Partition hinweisen, behebt das Problem nicht.

Ähnlich geht es uns mit Suses Enterprise Desktop. Die Installation von SLED läuft problemlos, es gibt keine Probleme mit der GUID-Partitionstabelle. Die bestehende Windows Partition wird automatisch verkleinert. Da SLED den Bootloader aber nicht korrekt installieren kann, sondern auf der Linux-Partition ablegt, landen wir wieder in Windows. Interessanterweise führt also das selbstinstallierte Windows zu deutlich mehr Problemen bei der Installation von Linux als die vorkonfigurierten Images, die Dell, Fujitsu und HP auf ihre Geräte aufspielen.

Fazit

Bei keinem der vier Minirechner gibt es Probleme mit der Hardware-Unterstützung. Alle Komponenten und Anschlüsse funktionieren tadellos unter Ubuntu 14.10 und Suse Linux Enterprise Desktop. Der in Haswell-CPUs verbaute Grafikkern reicht locker für eine flüssige Darstellung sowohl von Ubuntus Unity-Desktop als auch von dem unter SLED verwendeten Desktop Gnome 3 auf einem Monitor mit einer maximalen Auflösung von 1.920 x 1.080 Bildpunkten. Die unter Ubuntu verwendete Version 10.3 und die unter SLED bereitgestellte Version 10.0 der Grafikbibliothek Mesa unterstützt aber lediglich OpenGL in der Version 3.0.

Eine komplett problemlose Parallelinstallation von Linux und Windows ist uns auf keinem der Minirechner gelungen. Bis auf das Nachbessern im Bootmanager Grub funktionierte das immerhin auf Fujitsus Esprimo Q520 und Dells Optiplex 9020 Micro weitgehend ohne übermäßiges Eingreifen. Bei Lenovos Thinkcentre Tiny M93p mit dem von uns installierten Windows und HPs Elitedesk 800 Mini muss entweder tief ins System eingegriffen oder auf Windows gänzlich verzichtet werden.  (jt)


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