Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/anki-overdrive-angespielt-carrera-bahn-und-videospiel-in-einem-1503-112829.html    Veröffentlicht: 12.03.2015 14:15    Kurz-URL: https://glm.io/112829

Anki Overdrive angespielt

Carrera-Bahn und Videospiel in einem

Das Overdrive sieht aus wie eine klassische Autorennbahn. Doch es kann viel mehr. Es ist ein physisches Videospiel - eine Idee, die viel Spaß bereitet.

Ein Test der im Handel erhältlichen Version ist mittlerweile in einem neuen Artikel zu finden.

Wir beschleunigen und versuchen zu entkommen, doch unser Gegner aktiviert seinen Turbo und nähert sich weiter. Er schießt, wir weichen aus, links, rechts, links. Unser angeschlagener Schild hält dem Trommelfeuer nicht stand. Wir fliegen aus der Bahn. Ein Punkt mehr für unseren Gegner. Doch wir setzen unser Auto sofort wieder auf die Strecke und nehmen die Verfolgung auf. Anki Overdrive soll keine simple Modellautorennbahn sein, sondern die Freiheit und Vielfältigkeit von Videospiel in der realen Welt umsetzen - und das funktioniert tatsächlich. Golem.de hat das Overdrive-Set ausprobiert und sich die Technik dahinter erklären lassen.

Gesteuert werden die Autos per Smartphone-App, die Strecke wird aus Geraden- und Kurvenstücken zusammengesetzt - wie bei einer klassischen Autorennbahn. Ein Overdrive-Kurs ist schnell aufgebaut. Die schwarz lackierten Abschnitte sind biegsam und erinnern an Tischauflagen aus Plastik. Die einzelnen Abschnitte werden mit Magneten zusammengehalten. Zwar wirkt die Konstruktion etwas wabbelig, aber beim Spielen verrutscht weder der Kurs noch trennen sich die Abschnitte von selbst. Aus den biegsamen Abschnitten können problemlos Brücken, Sprungschanzen und erhöhten Kurven mit Hilfe beliebiger Gegenstände wie Büchern gebaut werden.

Da das Overdrive-System derzeit noch im Betastadium ist, können wir jedoch leider noch keinen beliebigen Kurs aufbauen, sondern müssen uns an Vorgaben halten. Wenn das System regulär in den Verkauf kommt, soll der Spieler die Strecke frei aufbauen können. Sie muss dann noch nicht einmal eine geschlossene Runde ergeben.

Gesteuert wird per Smartphone

Wir nehmen drei Autos von der Ladestation und schalten sie über einen kleinen Taster am Boden an. Sie werden an einer beliebigen Stelle auf der Rennstrecke aufgestellt. Zwei Autos sollen durch uns gesteuert werden, das Dritte durch eine KI.

Auf unseren Smartphones starten wir die Overdrive-App. Einer der Spieler übernimmt die Rolle des Spielleiters. Er wählt den Spielmodus aus: Wir haben die Wahl zwischen klassischem Rennen und dem Battle-Modus und entscheiden uns für den Letzteren. Dabei gilt es, herumzufahren und den Gegner abzuschießen. Wer als Erstes fünf Abschüsse schafft, gewinnt.

Nun wählt jeder der Spieler sein Fahrzeug aus, der Spielleiter bestimmt außerdem für das dritte, KI-gesteuerte Fahrzeug einen virtuellen Fahrer. Je nach Wahl agiert die KI cleverer oder dümmer.

Schließlich beginnt das Spiel. Wir steuern unser Auto durch Drehen des Smartphones nach links oder rechts, geben Gas mit dem linken Daumen auf einem virtuellen Gaspedal auf dem Display. Mit dem rechten Daumen drücken wir immer wieder auf den Schießen-Button, wenn sich ein Fahrzeug vor uns befindet. Gelegentlich benutzen wir auch die Spezialfähigkeit unseres Autos. Es kann per Traktorstrahl die Fahrzeuge in unserer unmittelbaren Umgebung verlangsam. Dabei tönen aus den Lautsprechern des Smartphones ständig Fahrgeräusche und Schusssalven.



Mario Kart in der Slot-Car-Variante



Die Steuerung ist nicht schwer. Unser Auto fährt auf dem Kurs weitgehend selbstständig. In erster Linie sind wir damit beschäftigt, im richtigen Moment Gas zu geben oder zu verlangsamen, hin und wieder lenken wir nach links oder rechts, um in eine gute Schussposition zu gelangen - oder den Schüssen der Verfolger zu entkommen. Die Kurven nimmt das Auto ohne unsere Hilfe.

Das klingt simpel und wenig herausfordernd - das reine Fahren unterscheidet sich nicht wesentlich von klassischen Autorennbahnen. Doch gegen die KI ist schwer anzukommen. Obwohl wir nur gegen eine mittelstarke KI spielen, dauert es nur wenige Minuten, bis die beiden Autos der menschlichen Spieler wie von Geisterhand gleichzeitig von der Bahn katapultiert werden. Die KI hat als erste fünf Abschüsse erzielt.

Auto-Tuning wie bei Need for Speed

Trotz unserer Niederlage bekommt jeder menschliche Spieler einige Punkte im Spiel gutgeschrieben. Damit können wir nun einkaufen gehen und unser Auto aufleveln: Ein wenig mehr Motorleistung, und unser Auto fährt schneller, ein besserer Schild verträgt mehr Schüsse, oder wir kaufen eine neue Spezialfähigkeit.

Die Neuerwerbungen können direkt auf ein Fahrzeug übertragen und dort dauerhaft gespeichert werden. Wer fleißig trainiert und sein Fahrzeug hochrüstet, wird diesen Vorteil auch im Rennen mit anderen Besitzern von Overdrive-Sets ausspielen können. Interessanterweise gilt das auch für die KI: Ein Computerfahrer kann nur jene Fähigkeiten im Auto nutzen, die darin auch verbaut wurden. Ob menschlicher Fahrer oder KI, die Verbesserungen können nur dann voll benutzt werden, wenn das der Spielleiter zulässt. Anfänger mit neuen Autos sind altgedienten Profis also nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Unsere misstrauische Frage, ob der Kauf von Fähigkeiten nicht auf Pay-to-Win hinauslaufen könne, verneinen die Macher. Die Verbesserungen könnten nur durchs Spielen erworben werden. In-App-Käufe von Fahrzeugverbesserungen sind derzeit nicht geplant.



Hightech auf vier kleinen Rädern

In den kleinen Rennflitzern steckt einiges an Technik. Das Rechnerherz der Fahrzeuge ist ein ARM Cortex-M0-Microcontroller. Die Stromversorgung erfolgt über einen Lipo-Akku, der rund 25 Minuten im Rennen durchhalten soll. Geladen wird er über eine USB-Station, der Ladevorgang soll nur fünf Minuten in Anspruch nehmen. Die Verbindung zwischen dem Fahrzeug und dem Smartphone wird über Bluetooth Low Energy hergestellt. Zwei kleine Elektromotoren sorgen an den Hinterrädern für den Antrieb, durch unterschiedliche Motordrehzahlen wird das Auto gelenkt.

Das wichtigste elektronische Bauteil ist aber eine kleine Kamera. Sie befindet sich im Frontteil des Fahrzeuges und ist auf den Boden gerichtet. Über sie ermittelt das Fahrzeug seine aktuelle Position auf dem Rennkurs. Das verwundert auf den ersten Blick - auf den schwarzen Abschnitten der Rennstrecke sind schließlich keine direkten Markierungen zu erkennen. Doch die Kamera arbeitet im Infrarotbereich, und der schwarze Lack ist im Infrarotspektrum transparent. Unter dem Lack befinden sich Barcode-ähnliche Markierungen. Diese werden von der Kamera eingelesen und vom Micro-Controller ausgewertet. So kann das Fahrzeug stets an die Steuerungssoftware auf dem Smartphone melden, wo und auf welchem Abschnitt es sich befindet.

Nicht nur die KI für die Computerfahrer nutzt diese Information, auch die Fahrerunterstützung für menschliche Fahrer greift darüber unterstützend ein. Deswegen kann unser Auto auch selbstständig Kurven fahren und fährt auch bei expliziten Steuerungsversuchen nicht über die Grenze des Rennkurses hinaus.

Mit Hilfe eines SDKs kann die Steuerung der Fahrzeuge flexibler gemacht und auch automatisiert werden - die Macher zeigten eine eindrucksvolle Demo, bei der mehrere Fahrzeuge in einer festen Formation über den Rennkurs kurvten.

Fazit

Ankis Overdrive macht einfach Spaß. Der Vergleich mit einer Carrera-Bahn hinkt ein wenig, denn es hat tatsächlich Videospielcharakter: Noch mehr erinnert es uns an Mario Kart und klassische Arcade-Rennshooter. Trotz mehrmaliger Hinweise seitens der Macher, das System sei noch im Betastadium, fielen uns keine Macken auf. Das Overdrive-Basis-Set soll es ab September 2015 zu kaufen geben, es besteht aus zwei Autos und zehn Rennbahnabschnitten. Weitere Autos und Abschnitte sollen zusätzlich erworben werden können. Der Preis steht noch nicht fest, er wird aber zwischen 100 und 200 Euro liegen. Die erforderliche Smartphone-App wird kostenlos sein und für iOS wie auch Android angeboten.  (am)


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