Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bq-aquaris-e4-5-angesehen-das-erste-ubuntu-smartphone-macht-lust-auf-mehr-1503-112660.html    Veröffentlicht: 04.03.2015 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/112660

BQ Aquaris E4.5 angesehen

Das erste Ubuntu-Smartphone macht Lust auf mehr

Ein echter Geheimtipp ist das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition trotz des attraktiven Preises und des neuartigen Bedienungskonzepts nicht. Aber ein vielversprechender Anfang.

Endlich. Seit den ersten Ankündigungen vor mehr als zwei Jahren warte ich auf ein Smartphone mit vorinstalliertem Ubuntu-Betriebssystem. Nicht, weil ich mit den Android- und iOS-Geräten, die ich benutze, so unzufrieden wäre. Eher aus Prinzip.

Ubuntu ist für mich so etwas wie eine coole Band, die nicht mehr ganz Untergrund ist, aber auch noch kein Mainstream. Im Alltag ist es einfach ein Betriebssystem, das auf meinem Notebook so gut und stabil funktioniert, dass ich immer Mitleid empfinde, wenn ich Zeuge eines Software-Updates auf einem Windows-Rechner werde.

Seit zwei Jahren frage ich mich, ob mich die mobile Version der Linux-Distribution ebenso glücklich machen kann. Ob ein Ubuntu-Smartphone alle Vorteile der mittlerweile weit entwickelten Systeme Android und iOS (und Blackberry und Windows Phone sowieso) vergessen macht.

Nun ist es da. BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition heißt es, und es kostet 170 Euro. Ein Mittelklassegerät also, mit sehr mittelmäßiger Ausstattung. Aber das ist mir egal. Es geht ja ums Prinzip.

Kurz zum Äußeren: Das Smartphone des spanischen Herstellers BQ hat eine eher billig wirkende Plastikhülle, einen Bildschirm, der schnell verschmiert, und einen ziemlich dicken Rand zwischen Displaykante und Gehäuse. Sonderlich hochwertig wirkt es damit nicht. Aber immerhin hat es zwei Steckplätze für Micro-SIM-Karten und einen für Micro-SD-Karten mit bis zu 32 Gigabyte Speicherkapazität.

Eine SD-Karte sollte man auch gleich dazukaufen, denn mit (theoretisch) 8 GByte fällt der Speicher des Smartphones ziemlich klein aus - zumal er real noch etwas kleiner ist und das Betriebssystem einen Teil davon beansprucht. Die Bildschirmdiagonale beträgt - wie der Name schon sagt - 4,5 Zoll. Mit 123 Gramm ist das Gerät vergleichsweise leicht.

Die 8-Megapixel-Kamera macht dem ersten Eindruck nach etwas zu helle, aber akzeptable Fotos. LTE beherrscht das Gerät leider nicht. Zur Akkulaufzeit kann ich nach meinem eher kurzen Test keine verlässlichen Angaben machen.

Viel wichtiger dürfte den meisten ohnehin die Benutzeroberfläche sein. Die erfordert eine gewisse Eingewöhnungszeit, macht dann aber durchaus Spaß.

Die Oberfläche, auf der man sich die meiste Zeit bewegt, besteht aus sogenannten Scopes. Es sind Überblicksseiten, die Daten aus verschiedenen, thematisch zueinanderpassenden Apps versammeln. Die einzelnen Apps verlieren damit an Präsenz und Bedeutung.

Der erste nach dem Entsperren sichtbare Scope, also der Startbildschirm des Ubuntu-Smartphones, ist mit Heute überschrieben. Er zeigt Informationen zum Wetter, anstehenden Terminen und Benachrichtigungen zum Beispiel über die zuletzt empfangenen SMS.

Scopes sind nur zum Teil nützlich

Ein Wisch von rechts nach links führt zum nächsten Scope, er heißt "NearBy". Anhand der Standortdaten listet das Smartphone hier Sehenswürdigkeiten in der Nähe, Restaurants von Yelp, ortsbezogene Wikipedia-Artikel sowie geocodierte Flickr-Bilder auf. Für Touristen erscheint mir das praktischer als für jemanden, der seine Umgebung kennt.

Scope Nummer drei zeigt alle installierten Apps. Aktuelle Nachrichten aus verschiedenen vorausgewählten Quellen bilden den vierten Scope. Hier fehlen allerdings noch deutsche Kanäle. Die übrigen Scopes sind thematisch auf Musik, Videos und Fotos ausgerichtet, versammeln also zum Beispiel selbst geschossene Fotos, die Flickr-App und Instagram auf einem Bildschirm.

An die Desktopversion von Ubuntu erinnert nur wenig

Reihenfolge und Inhalt der Scopes lassen sich im Bereich "Verwalten" ändern. Dieser Bereich öffnet sich durch einen Wisch vom unteren Bildschirmrand nach oben. Dort lassen sich auch komplett neue Scopes auswählen, sofern diese auf bereits installierten, nativen Apps beruhen. Da aber zum Beispiel Twitter für das mobile Ubuntu nur eine Web-App ist, steht sie als Scope nicht zur Verfügung. Die Personalisierung des Smartphones stößt an dieser Stelle an ihre Grenzen.

Ein langsamer Wisch vom rechten Bildschirmrand nach links öffnet eine Übersicht der zuletzt verwendeten Apps und Scopes, so wie es der Doppel-Tap auf den Homebutton eines iPhones tut. Ein Wisch vom linken Rand öffnet die (anpassbare) Leiste mit den wichtigsten Apps wie Browser, Telefon und Adressbuch. Ein Wisch vom oberen Rand nach unten öffnet einen Shortcut zu den Einstellungen und den aktuellen Benachrichtigungen, ähnlich wie in Android. Das offensichtliche Ziel, die wichtigsten Apps jederzeit mit möglichst wenigen Wischaktionen aufrufen zu können, erreicht das mobile Ubuntu - sofern man sich ein wenig Zeit nimmt, und die Scopes den persönlichen Vorlieben anpasst.

Das mobile Ubuntu revolutioniert die Smartphone-Bedienung nicht, setzt sich aber doch ein wenig von der Konkurrenz ab. Wer sich fragt, ob irgendetwas am mobilen System an die Desktopversion erinnert: Die Antwort lautet nein. Abgesehen von der vertikalen App-Leiste am linken Rand.

Oberklasse-Smartphone mit Ubuntu auf dem Mobile World Congress

Schließt man das Smartphone an einen Ubuntu-Rechner an, passiert... nichts Besonderes. Ein Teil von mir ist enttäuscht, vielleicht, weil er irgendetwas Magisches erwartet hat. Aber eigentlich ist alles so, wie es sein soll: Das Smartphone wird als externes Laufwerk erkannt, man kann sofort per Drag-and-drop Dateien hin- und herschieben. Wer das mal mit verschiedenen Android-Versionen und Desktop-Betriebssystemen ausprobiert hat, der weiß: Selbstverständlich ist das nicht.

Ein paar Details trüben den grundsätzlich positiven Eindruck vom Gerät: Die angekündigte Option etwa, jeder einzelnen App bestimmte Berechtigungen wie zum Beispiel den Zugriff auf Standortdaten zu erlauben oder zu verwehren, ist offenbar noch nicht fertig. Es gibt ein entsprechendes Feld in den Einstellungen, aber zu verändern gibt es dort nichts.

Im App-Store dürfte wohl jeder Nutzer die eine oder andere für ihn wichtige App vermissen.

Mein Testgerät ist zudem am ersten von zwei Tagen mehrfach abgestürzt. Mal ist es in einen Neustart-Loop geraten, mal ist der Bildschirminhalt einfach eingefroren. Generell ruckelte es bei der Bedienung gehörig, trotz des verbauten Vierkernprozessors. Schwer zu sagen, ob das an der Hardware liegt oder am Entwicklungsstand vom mobilen Ubuntu. Sicherlich muss man den Entwicklern noch Zeit geben. Nun, wo es die erste Hardware gibt, werden sie das Betriebssystem hoffentlich schnell konkurrenzfähig machen.

Ich aber warte schon mit Spannung auf das zweite Ubuntu-Smartphone, das Meizu MX4 Ubuntu Edition mit Oberklasse-Ausstattung. Das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu Edition wäre jedenfalls höchstens als Zweit-Smartphone interessant. Derzeit wird es ohnehin nur schubweise verkauft; wer eines bestellen will, muss zur richtigen Zeit die Website von BQ besuchen.  (zeit-pb)


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