Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sinkende-akkupreise-nutzfahrzeuge-sollen-neuen-elektroauto-boom-ausloesen-1502-112424.html    Veröffentlicht: 17.02.2015 19:11    Kurz-URL: https://glm.io/112424

Sinkende Akkupreise

Nutzfahrzeuge sollen neuen Elektroauto-Boom auslösen

Im Allgemeinen wird Elektromobilität mit Autos verbunden, doch das könnte eine Fehleinschätzung sein. Um die Elektromobilität in Deutschland in Gang zu setzen, müssen vor allem Nutzfahrzeuge mit Akkus ausgestattet werden. Das wussten die Hersteller schon vor 100 Jahren.

Eine Studie des Öko-Instituts und des Verbandes der Elektrotechnik (VDE) sieht die Zukunft für Elektroautos nicht so sehr bei Pkw, sondern eher in der gewerblichen Nutzung. Kurier- und Paketdienste könnten die mit Elektromotoren angetriebenen Fahrzeuge sinnvoller nutzen als Privatpersonen.

Die Studie, die dem Handelsblatt vorliegt, ist für das Bundeswirtschaftsministerium angefertigt worden. Demnach können gewerbliche Fuhrparks schon heute wirtschaftlich mit Elektrofahrzeugen betrieben werden - wenngleich das nicht für alle Anwendungszwecke gilt.

"Die Studie zeigt, dass Elektrofahrzeuge sich bald schon wirtschaftlich lohnen. Dies ist ein ganz wichtiges Signal, nicht nur für Unternehmen, sondern zunehmend auch für private Fahrer. Und es zeigt, wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren eine solide Basis für eine gute Entwicklung der Elektromobilität geschaffen", so Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel gegenüber dem Handelsblatt.

Die Idee, besonders bei Lieferwagen auf den Elektroantrieb zu setzen - sie ist 100 Jahre alt. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden Busse, Postautos und Lastwagen elektrisch betrieben. So wurde schon 1913 zum Beispiel von General Electric der Commercial Electric Truck gebaut und General Motors (GMC) baute von 1912 bis 1917 elektrische Lkw. Lastwagen der Walker Vehicle Company hatten Reichweiten von 80 Kilometern und konnten eine Tonne Nutzlast transportieren. Auch in Deutschland wurden zum Beispiel von Hansa Lloyd oder von der Hannoverschen Waggonfabrik Last- und Lieferwagen gebaut, die nicht mit Diesel oder Benzin betrieben wurden.

Nach dem Krieg war die Elektroauto-Ära praktisch vorbei und nahm erst Ende der 90er Jahre wieder Fahrt auf. Die Erfolge sind jedoch gering. Ende 2014 waren 24.000 Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen. Eigentlich will die Bundesregierung versuchen, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, doch dieses Ziel dürfte zumindest allein mit Pkw unmöglich realisierbar sein, wenn nicht gewaltige finanzielle Anreize geschaffen werden. Dies hat die Bundesregierung nicht vor.

Durch moderat sinkende Akkupreise, die die Autoren der Studie sehen, soll in Deutschland bis 2020 wieder ein Potenzial für 700.000 elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge entstehen.



Besser schlafen dank leiser Lieferwagen



Die gewerbliche Nutzung von Elektrofahrzeugen hat einige Vorteile gegenüber privater Verwendung. Zum einen können die Fahrzeuge deutlich besser ausgelastet werden und so hohe Fahrleistungen erreichen. Außerdem sind sie durch die Möglichkeit der steuerlichen Abschreibung wirtschaftlich attraktiv und vielen Unternehmen stehen günstigere Stromtarife zum Aufladen zur Verfügung als Privatpersonen.

Die Deutsche Post DHL setzt seit 2013 insgesamt 50 Elektroautos vom Typ Streetscooter ein, um Briefe und Pakete zuzustellen. Das Unternehmen Streetscooter wurde später von der Post übernommen. 2015 soll die Streetscooter-Flotte auf 100 Fahrzeuge ausgeweitet werden.

2010 hatten Ford und Daimler jeweils einen Kleinlaster mit Elektromotor ausgerüstet. Der Daimler-Lieferwagen basiert auf dem Vito, der mit einem Elektroantrieb ausgestattet wurde. Das Fahrzeug soll in erster Linie für den innerstädtischen Lieferverkehr eingesetzt werden. Entsprechend ist es auch ausgelegt: So ist die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt. Eine Ladung der Lithium-Ionen-Akkus ermöglicht eine Reichweite von rund 130 km. Der Motor hat eine Leistung von bis zu 90 kW. Der Transit Connect wurde mit einem Antriebsstrang vom Elektroautohersteller Azure Dynamics versehen. Wie der Vito soll auch der Transit Connect Electric als Lieferwagen in der Stadt eingesetzt werden. Die Reichweite beträgt ebenfalls um die 130 km. Allerdings ist der Ford mit 120 km/h etwas schneller als der Mercedes.

Derweil baut Siemens in Kalifornien eine Versuchsstrecke für Oberleitungs-Lkw. Es soll die erste öffentliche Straße der Welt für elektrische Lastwagen sein. Die Strecke ist mit 3 km aber nicht besonders lang. Der Abschnitt soll im Juli 2015 in Betrieb genommen und ein Jahr lang in der Praxis erprobt werden. Die Oberleitungstechnik für Lkw hatte Siemens auf einer Teststrecke in der Nähe von Berlin vorgestellt.

Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) hatte 2013 zudem ein Elektromobilitätsprojekt in Berlin gestartet, bei dem ein Logistikunternehmen seine Kunden nachts mit einem leisen Transporter beliefert, der elektrisch betrieben wird und über einen Wechselakku verfügt. Ziel des Projekts "Nachtbelieferung mit elektrischen Nutzfahrzeugen" (Na Nu) ist, Kaufhäuser zu beliefern, wenn auf den Straßen kein Berufsverkehr herrscht. Das soll den Verkehr besser verteilen und zudem die Fahrzeiten der Lieferanten verkürzen. Durch Einsatz von Elektrolieferwagen sollen die Anwohner der Geschäfte nicht durch Verkehrslärm belästigt werden.  (ml)


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