Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/seiten-melden-facebook-haelt-sich-nicht-an-seine-richtlinien-1502-112219.html    Veröffentlicht: 09.02.2015 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/112219

Seiten melden

Facebook hält sich nicht an seine Richtlinien

Hassbotschaften, Sex, Gewalt: Wenn Facebook-Nutzer Seiten melden, werden sie eingehend geprüft. Entscheidend bei der Sperrung sind aber offenbar weniger die Richtlinien des Netzwerks als seine Moral.

Wehrmacht - ein Haufen guter Kerle und die SS Asian Division: Wenn Inhalte gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen, können Nutzer solche Beiträge und Seiten melden. Das haben wir mit den beiden Seiten getan. Auf ihnen waren verfassungsfeindliche Beiträge und Symbole zu sehen, die eindeutig gegen die Regeln von Facebook verstießen. Doch nur eine davon hat Facebook gelöscht. Obwohl das Unternehmen Richtlinien für Inhalte hat, entscheidet es oft nicht danach. Welche Beiträge es nicht auf seiner Plattform haben will, hat Facebook in den Gemeinschaftsstandards festgelegt. Es verbietet zum Beispiel "Hassbotschaften" oder "das Teilen pornografischer Inhalte sowie jedweder sexueller Inhalte". Auf Nachfrage von Golem.de sagte Facebook, dass es sehr genau prüfe, "ob gegen die Richtlinien verstoßen wird" und handele, wenn ein Verstoß vorliege.

Facebook-Teams prüfen die Inhalte

Ein Reporting-Guide von Facebook zeigt, dass es einen Leitfaden im Unternehmen gibt. Dort steht, was passiert, wenn Seiten von Nutzern gemeldet werden. Mitarbeiter weltweit befassen sich laut Facebook rund um die Uhr mit den gemeldeten Seiten. Für jede Art von Inhalt gibt es geschultes Personal. Das Safety Team. Das Hate and Harassment Team. Das Abusive Team. Zwar habe es eigene "komplexe Systeme" zum Aufspüren von Inhalten entwickelt, sagte uns Facebook. Ganz darauf verlassen will es sich aber offenbar nicht.

"Nachdem eine Meldung bei Facebook eingegangen ist, wird diese von einem Team überprüft und anschließend eine passende Maßnahme ergriffen", schreibt Facebook. Wenn eins der Teams feststelle, dass ein gemeldeter Inhalt gegen die Richtlinien verstoße, werde der Inhalt sofort entfernt. Bei einigen Inhalten wird laut Infografik die Rechtsabteilung des Netzwerks eingeschaltet.

Mal wird gelöscht, mal nicht

Laut Mimikama.at, das sich kritisch mit Inhalten von Facebook auseinandersetzt, ist das Unternehmen gerade bei Gewalt und Hetze sehr sensibel. "Hier ist nicht nur das Bild oder das Video relevant, sondern auch der Statusbeitrag in Textform." Facebook versuche, die Beziehung zwischen Bild und Text herzustellen, um eine Entscheidung zu treffen. "Wenn die Gewalt verurteilt wird, oder wenn zur Aufklärung aufgerufen wird, dann werden die Beiträge nicht gelöscht. Erst wenn die Posts die Gewalt verherrlichen oder dazu aufrufen, ist es aus Sicht Facebooks löschwürdig", schreibt Mimikama.

Trotz dieser genauen Prüfung wurde beispielsweise die Seite Save White Children from Genocide mit über 9.000 Mitgliedern auch nach mehrfachem Melden nicht gelöscht - obwohl sie viele laut Richtlinien verbotene Beiträge mit rassistischen Texten enthält. Auch bei der Seite SS Asia Division, auf der Beispielsweise SS-Männer und -Runen abgebildet waren, bekamen wir eine Nachricht von Facebook: "Wir haben die von dir wegen Hassbotschaften oder -symbolen gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt." Offenbar spielen also beim Sperrungsvorgang nicht nur die Richtlinien eine Rolle.

Facebooks Moral

Das Netzwerk wende bei der Löschung von Seiten trotz Richtlinien vor allem seine eigenen Moralvorstellungen an, schlussfolgert die Tageszeitung (taz). Gewaltverherrlichende Videos blieben häufig in der Timeline der Nutzer stehen. Pornografische Inhalte würden dagegen "zeitnah gelöscht" werden.

In seinen Gemeinschaftsstandards schreibt das Netzwerk, dass "jedweder sexueller" Inhalt verboten sei. Bei der Sperrung von Seiten schießt es mitunter über das Ziel hinaus. Vor zwei Jahren sperrte Facebook eine Museumsseite, die ein Aktfoto aus dem Jahr 1940 gepostet hatte. Auf dem Bild war eine Frau zu sehen, deren Brüste zu erkennen waren.

Auch das Mimikama.at-Team bestätigt: "Unserer Erfahrung nach werden Statusbeiträge mit sexuellem Inhalt relativ rasch gelöscht. Auch dann, wenn diese gar nicht sexuell sind." Es müsse für Facebook nur den Anschein von sexuellen Darstellungen haben.

Gelöscht und wieder da

Doch Verlass ist auch darauf nicht: Eine Seite mit eindeutigen sexuellen Inhalten, die wir gemeldet hatten, wurde dagegen erst nach mehreren Tagen gelöscht. Bei einer anderen Seite mit sexuellen und frauenfeindlichen Beiträgen antwortete Facebook, dass einige Seiteninhalte entfernt worden seien. Kurz darauf befanden sich erneut frauenfeindliche Posts auf der Pinnwand der Seite, die über 5.000 Likes hat. Von insgesamt 50 anderen Seiten, Kommentaren und Beiträgen, die wir gemeldet hatten, wurden nur 13 entfernt.

Gegen Facebooks undurchsichtige Vorgehensweise bei der Löschung von Inhalten können Nutzer wenig tun. Der Melde-Button ist nach wie vor die einzige Funktion, um das Netzwerk auf unangemessene Inhalte aufmerksam zu machen. Facebook schreibt: "Wenn dir auf Facebook etwas auffällt, von dem du denkst, dass es gegen unsere Bestimmungen verstößt, solltest du uns das melden."

Etwas weiter unten heißt es aber auch, dass Nutzer bei Inhalten, die ihnen nicht gefielen, jederzeit "Verbindungen mit anderen Personen, Seiten und Anwendungen [...] unbemerkt beenden sowie diese verbergen" könnten. Denn die Gespräche auf Facebook und die darin vertretenen Meinungen seien ein Spiegelbild der Menschen, die das Netzwerk nutzen.  (sha)


Verwandte Artikel:
Rechtsstreit: Blackberry verklagt Facebook wegen Messaging-Patenten   
(07.03.2018, https://glm.io/133189 )
Social Hacking und Facebook: Der Mensch ist die Schwachstelle   
(06.05.2014, https://glm.io/106287 )
Europäische Union: Europaparlament will Cyberkriminalität härter bestrafen   
(05.07.2013, https://glm.io/100221 )
Nach dem Redesign: Snapchat entlässt zehn Prozent seiner Entwickler   
(08.03.2018, https://glm.io/133226 )
HSTS: Facebook verschlüsselt alle ausgehenden Links, wenn möglich   
(06.03.2018, https://glm.io/133157 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/