Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vivaldi-der-echte-opera-nachfolger-1502-112125.html    Veröffentlicht: 05.02.2015 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/112125

Vivaldi

Der echte Opera-Nachfolger

Der neue Browser Vivaldi soll vor allem langjährige Opera-Fans begeistern: Obwohl er die gleiche Engine benutzt wie die neuen Opera-Versionen, bringt er viele der alten Funktionen aus Opera 12 zurück.

Wer Opera bereits seit Jahren nutzt, wird sich nur schwer mit den neuen Versionen anfreunden können. Seit der Hersteller vor rund zwei Jahren die Rendering-Engine Presto gegen die Chromium-Engine ausgetauscht hat, finden sich die gewohnten Opera-Funktionen nur noch in der alten Version 12; die aktuelle Ausführung hat einen deutlich verringerten Umfang.

Vivaldi will nun mit dem gleichnamigen Browser die wahre Nachfolge des klassischen Opera-Browsers antreten. In vielen Bereichen bietet der Browser bereits in der ersten Tech-Preview für Windows, OS X und Linux Funktionen, die Opera selbst in seiner neuen Browsergeneration noch nicht implementiert hat. Innerhalb einer Woche hat Vivaldi bereits zwei Tech-Previews veröffentlicht.

Er habe den Eindruck gehabt, dass es "keinen Browser mehr gibt, der für frühere Opera-Nutzer gemacht ist" und für Nutzer, die einfach "mehr von ihrem Browser verlangen", sagt der frühere Opera- und jetzige Vivaldi-Chef Jon. S von Tetzchner im Gespräch mit Golem.de.

Alle Browser bewegten sich in die gleiche Richtung. Es gehe nur noch um "Vereinfachung, aber das will nicht jeder". Zwar erhielten viele Browser mittels Erweiterungen neue Funktionen, aber das sei vielen zu mühselig. Deshalb ähnelt der Grundansatz von Vivaldi stark dem, der Opera bekanntgemacht hat: Viele Funktionen sind gleich im Browser enthalten.

Vivaldi hat eine Tastensteuerung wie Opera

Eine der Besonderheiten der klassischen Opera-Version ist eine umfangreiche Tastatursteuerung, mittels derer der Browser selbst ohne Maus schnell bedient werden kann. Viele dieser Opera-Tastenbefehle sind bereits in Vivaldi integriert. Bisherige Opera-12-Nutzer müssen sich kaum umgewöhnen, für Neulinge listet Vivaldi die Kürzel in einer Übersicht auf, um den Zugang zu erleichtern. Die Vivaldi-Macher wollen die Tastenbefehle aber noch erheblich erweitern - denn bisher ist eine Webseitennavigation darüber nur eingeschränkt möglich.

Die Tastenbedienung richtet sich ganz klar an anspruchsvolle Nutzer, die etwa immer wieder mit bestimmten Webseiten arbeiten. Eine schnellere und komfortablere Bedienung ermöglichen auch Mausgesten. Damit kann etwa bequem eine Seite zurückgeblättert werden, ohne dass ein separater Zurückknopf angeklickt werden muss.

Vivaldi soll ein schneller Browser werden

Diese Bedienungsfunktionen sind für die Vivaldi-Macher entscheidend, denn schnelles und effizientes Arbeiten soll den Browser für Anwender auszeichnen. Dabei liegt allerdings der Schwerpunkt nicht allein auf der Geschwindigkeit bei der Darstellung von Webseiten. Es geht eben darum, Aufgaben zügig damit erledigen zu können.

Auch im Einstellungsmenü fühlen sich Nutzer von Opera 12 schnell heimisch. Dort lässt sich der Browser umfangreich konfigurieren; viele der Einstellungen sind aus Opera 12 bekannt. So kann die Position der Browser-Tab-Leiste frei gewählt werden, die Standardsuchmaschine kann leicht geändert werden und die Tastaturkommandos sind einstellbar. Für eine bessere Übersichtlichkeit sind die Einstellungen in Kategorien unterteilt.

Noch läuft nicht alles rund

Prinzipiell unterstützt Vivaldi auch Tab-Gruppen und mit der zweiten Tech Preview funktioniert es deutlich besser. Der Nutzer kann nun auch zwischen den einzelnen Tabs einer Grupppe bequem wechseln, die erste Tech Preview machte hier noch Probleme. Tabs lassen sich zu einer Gruppe zusammenfassen und mittels einer Markierung unterhalb des Tab-Symbols ist ein Wechsel zwischen den einzelnen Seiten möglich.

Die Tab-Gruppe kann derzeit nur über ein Kontextmenü geöffnet werden und es fehlt eine Vorschau innerhalb der Tab-Gruppe. Vivaldi gehört zu einem der wenigen Browser, der die Tab-Leiste auf Wunsch auch links oder rechts anzeigt. Der Browser versucht, ähnliche Tabs zu erkennen und kann diese zu einer Gruppe zusammenfassen.

Beim Tab-Wechsel nimmt die Browseroberfläche die bestimmende Farbe der Webseite an. Damit soll sich der Nutzer besser zurechtfinden. Die Darstellung der Tabs in der Tab-Leiste ist bislang noch nicht konfigurierbar, dies dürfte noch kommen. Die mittlerweile zum Standard gewordene Schnellwahlseite ist auch bei Vivaldi dabei.

Auf der linken oder rechten Seite können die aus Opera vertrauten Paneele eingeblendet werden, um platzsparend auf Lesezeichen, die Downloadübersicht und Notizen zuzugreifen. Über die Paneele wird sich auch der geplante E-Mail-Client nutzen lassen. Lesezeichen, Kennwörter oder Notizen lassen sich aus einer alten Opera-Installation importieren, zudem gibt es einen Import für Firefox und den Internet Explorer, Chrome wird derzeit nicht unterstützt.

Die Rendering Engine ist Chromium

Vivaldi verwendet als Rendering Engine Chromium, also die gleiche Engine wie die neue Opera-Generation. Das Unternehmen habe sich bewusst gegen eine ganz neue Rendering Engine entschieden, weil es einfach zu lange gedauert hätte, erklärt von Tetzchner. Er verweist darauf, dass es in "mehr als 15 Jahren keine neue Engine gegeben" habe. "Selbst Google und Apple verwenden Engines, die andere entwickelt hatten", wobei beide Firmen deutlich größer seien als Vivaldi.

Dennoch wird Vivaldi bei der Engine wohl nie an Opera 12 heranreichen. Dank der Presto-Engine benötigt Opera 12 vergleichsweise wenig Arbeitsspeicher - vor allem bei vielen offenen Browsertabs. Aufgrund der Chromium-Engine werde Vivaldi das nicht erreichen können, erklärte von Tetzchner. Nach seiner Auffassung war der Presto-Kernel ein "Meisterwerk" in dieser Disziplin. Die Vivaldi-Macher wollen aber dennoch versuchen, den Speicherverbrauch möglichst gering zu halten. Vivaldi verwendet wie der Chrome-Browser für jedes Tab einen eigenen Prozess.

Trotz dieser Vorzüge von Presto spart der Vivaldi-Chef auch nicht mit Kritik am alten System. Die zielt aber eher auf Opera Software als auf den Browser selbst. Denn Presto sei seit vier Jahren nicht weiterentwickelt worden und bräuchte viel Nacharbeit. Wenn es entsprechend aktualisiert würde, würde auch Presto größer werden und mehr Speicher verbrauchen, sagt von Tetzchner.

Vivaldi als natürlicher Nachfolger von Opera 12

Bereits jetzt enthalte der Vivaldi-Browser Funktionen, die Nutzer aus Opera 12 vermissten, wovon Vivaldi der "natürliche Nachfolger" sei. Wenn die noch fehlenden Funktionen aus Opera 12 eingebaut seien, solle Vivaldi aber auch neue Funktionen erhalten, verspricht von Tetzchner.

Von Tetzchner gründete Vivaldi zwei Jahre nach seinem Weggang von Opera Software. Das Unternehmen bietet unter Vivaldi.net viele der Communityfunktionen, die es früher auch von Opera Software gab. Dazu gehören Foren, Blogs, Chatdienste und ein Freemail-Dienst. An dem Browser werde seit anderthalb Jahren gearbeitet, erklärte der Vivaldi-Chef. Das wurde aber erst jetzt bekannt.

Geplante Funktionen für Vivaldi

Vivaldi will in den Browser einen vollständigen E-Mail-Client integrieren - auch dieses Konzept erinnert stark an das Vorbild. Das Vivaldi-Team verwendet nach Angaben des Chefs den E-Mail-Client in Opera 12 heute noch. Für das Team ist die E-Mail-Funktion so wichtig, weil sich die Arbeit mit Browser und E-Mails damit beschleunigen lassen soll. Bisher halten sich die Vivaldi-Macher über die Besonderheiten des E-Mail-Clients bedeckt.

In der fertigen Version soll sich der Funktionsumfang von Vivaldi mit Erweiterungen ergänzen lassen. In den Tech Previews wurde dies abgeschaltet, da es noch nicht zuverlässig funktioniert. Aller Voraussicht nach wird es auch eine Lesezeichenleiste geben, die bislang noch fehlt.

Langfristig sollen sich zudem wie beim Vorbild Lesezeichen, Notizen, Browsersessions und der Browserverlauf synchronisieren lassen. Und schließlich soll es Vivaldi irgendwann auch für Mobilbetriebssysteme geben. Details will von Tetzchner dazu nicht nennen, es werde aber bereits daran gearbeitet.

Fast die Hälfte des Vivaldi-Teams, das mit 25 Mitarbeitern nicht besonders groß ist, hat früher bei Opera Software gearbeitet. Es überrascht daher nicht, dass Vivaldi tatsächlich das Zeug zum wahren Opera-Nachfolger hat. Es gäbe dann ein Unternehmen, das hauptverantwortlich an dem Browserprojekt arbeitet - bisherige Opera-12-Alternativen sind vielfach kleinere Projekte, eine langfristige Fortführung ist oft nicht gesichert.

Tech Preview für drei Plattformen verfügbar

Die Macher haben innerhalb von einer Woche eine zweite Tech Preview von Vivaldi veröffentlicht, der Browser steht für Windows, OS X und Linux zum Herunterladen bereit. Nach Angaben von Vivaldi sind weitere Vorabversionen für die kommenden Monate geplant. Vivaldi will dabei auf die Wünsche und Anforderungen der Nutzer eingehen.

Wann eine finale Version erscheint, ist noch nicht bekannt. Vom Hersteller heißt es dazu nur, dass sie "erscheint, wenn sie fertig ist". Das lässt vermuten, dass es noch einige Monate dauern wird.  (ip)


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