Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-life-is-strange-highschool-dramolett-mit-zeitreise-1502-112091.html    Veröffentlicht: 02.02.2015 14:02    Kurz-URL: https://glm.io/112091

Test Life is Strange

Highschool-Dramolett mit Zeitreise

Ein Mädchen verschwindet, ein anderes kann plötzlich durch die Zeit reisen: Das Adventure Life is Strange schickt Spieler in mehreren Episoden an eine Highschool - in herbstlicher Stimmung. Besonders viel zu entdecken finden dort übrigens Fans von Fotografie.

Was hätte so mancher von uns in der Schule dafür gegeben, nur ein paar Minuten zurückreisen zu können! Sämtliche Klausuren hätte er mit Spitzenergebnissen absolviert, wenn er in Ruhe alles Nötige herausfinden und dann die Zeit hätte zurückspulen können. Die gerade 18 Jahre alt gewordene Schülerin Maxine Caulfield im Adventure Life is Strange verfügt über die Fähigkeit zur Zeitreise, wie sie etwas unvermittelt im Unterricht an der Blackwell Academy in der fiktiven Kleinstadt Arcadia Bay in Oregon herausfindet.

Max kann damit nicht nur die Fragen ihres Lehrers beantworten, sondern fast gleichzeitig den Tod einer Mitschülerin verhindern. Das deutet schon an, dass es in Life is Strange nicht um das Aufpolieren von Noten geht. Stattdessen dreht sich die Handlung um die Außenseiterin Max und um ihre Freundin Chloe, und um das Miteinander in der Schule: um einen elitären Club, um reiche und arme Schüler, sogar um frühe Schwangerschaft und Abtreibung - allerdings werden viele der eher ernsten Themen nur angerissen.

Eine Ausnahme ist die Fotografie: Max ist begeisterte Fotografin, und so geht es immer wieder um berühmte (echte) Bilder und Fotografen, um den Streit "analog versus digital" und um Ähnliches. Das ist zwar nur ein Randthema, aber Fans können sehr viele hübsche Referenzen und Anspielungen entdecken.

Schon gleich nach dem Start von Life is Strange gibt es allerdings Hinweise darauf, dass durchaus große und dunkle Mächte am Wirken sind: Da sind vor allem die überall herumhängenden Plakate, auf denen um Hilfe bei der Suche nach einer vor Monaten verschwundenen weiteren Mitschülerin gebeten wird. Und da sind die seltsamen Alpträume von Max, in denen ein riesiger Wirbelsturm tobt... Life ist Strange vom französischen Entwicklerstudio Dontnod Entertainment (Remember Me) will diese Geschichte in fünf jeweils zwei bis drei Stunden langen Episoden erzählen. Die erste ist nun verfügbar, die nächste soll im März 2015 folgen.

Die Episodenform erinnert an die Adventures von Telltale Games - aber beim eigentlichen Spiel gibt es dann doch Unterschiede. So kann sich der Spieler als Max fast immer frei in den kleinen Abschnitten bewegen, und er hat mehr Kontrolle bei der Auswahl von Gesprächspartnern - jedenfalls dann, wenn diese nicht entscheidend für die Haupthandlung sind. Die Dialoge laufen dann aber weitgehend selbstständig ab, nur gelegentlich kann der Spieler zwischen mehreren Antworten wählen.

Diese Entscheidungen sollen sich später teils deutlich auswirken. Ob Life is Strange tatsächlich langfristig einen anderen Handlungsverlauf präsentiert oder ob die Unterschiede wie bei Telltale-Titeln praktisch kaum vorhanden sind, lässt sich auf Basis der ersten Episode nicht einschätzen. Ähnlich wie in den Adventures von Telltale ist fast immer völlig unklar, was sich wie auswirkt. Von daher bringt die Möglichkeit, in der Zeit zurückzureisen und sofort mal auszuprobieren, was eine Entscheidung kurzfristig ausmacht, nicht sehr viel.

Grafik und Fazit

Immerhin gibt es in Life is Strange gelegentlich echte, typische Adventure-Puzzles, bei denen Gegenstände kombiniert werden müssen. Recht früh am Anfang etwa muss der Spieler an einer Stelle die Zeit zurückdrehen, dann einen Hammer ergreifen und damit etwas einschlagen, bevor eine Sequenz allzu dramatisch endet. Das ist nicht gerade komplex, aber eine nette Abwechslung - sehr viel mehr als in diesem Beispiel muss Max aber nie knobeln.

Das Programm basiert auf der Unreal Engine 4 und macht grafisch einen etwas durchwachsenen Eindruck. Zwar sind die Animationen etwa von Gesichtsausdrücken gut - teils sogar sehr gut - und das Spiel wirkt insgesamt stimmig und wertig. Es gibt schöne Sonnenuntergänge, schicke Kamerafahrten, dazu kommen dezent wie gekonnt eingesetzte Effekte, etwa Tiefenunschärfen. Gelegentlich gibt es aber auch auffällig matschige Texturen etwa auf Wegen, und beim Laden neuer Abschnitte kann der Spieler sogar zusehen, wie ein Objekt nach dem anderen in der Landschaft aufploppt.

Life is Strange ist als Download für Playstation 3 und 4, Xbox 360 und One sowie für Window-PC erhältlich. Die Einzelepisode kostet rund 5 Euro, ein Season Pass für alle fünf Episoden rund 20 Euro. Das Programm enthält nur die englische Sprachausgabe sowie englische und französische Untertitel. Die USK hat Life is Strange eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Die erste Stunde der Auftaktepisode von Life is Strange ist klasse: Die herbstlich-melancholische Atmosphäre wirkt stimmig, die Grafik und die schicke Benutzerführung sind frisch und die Hauptdarstellerin ist interessant. Das hohe Niveau wird leider nicht gehalten, weil man später viel Zeit in uninspirierten Dialogen verbringen muss. Wenn Life is Strange eine TV-Serie wäre, wäre sie nicht Prime Time, sondern später Samstagnachmittag auf einem kleineren Sender.

Schade auch, dass das Programm bislang wenig aus der Zeitreise holt. Es wirkt natürlich erst mal witzig, damit etwa in der Schule an eine richtige Antwort zu gelangen. Aber fast immer ist es viel zu offensichtlich, wie der Spieler die Funktion einsetzen muss. Vielleicht könnte mal jemand ein paar Monate zurückreisen und den Entwicklern Kreativpillen verabreichen?

Unterm Strich bietet der Auftakt von Life is Strange dennoch gute Unterhaltung, zumal der spielerische Anspruch etwas höher ist als bei den sonst durchaus ähnlichen Adventures von Telltale Games. In den nächsten Episoden sollte die Handlung aber noch ein paar mehr Überraschungen bieten.  (ps)


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