Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/marshall-headphones-ausprobiert-fullstack-fuer-die-ohren-ist-nicht-nur-mit-gitarren-schoen-1501-111493.html    Veröffentlicht: 06.01.2015 22:16    Kurz-URL: https://glm.io/111493

Marshall Headphones ausprobiert

Fullstack für die Ohren ist nicht nur mit Gitarren schön

Der Major II ist die zweite Auflage der Marshall Headphones, die auch als Headset dienen. Und trotz der angesagten Bassanhebung klingt das On-Ear-Headset transparent - nicht nur mit Rock und Metal. Leider packen die Kopfhörer aber in einem Punkt zu fest zu.

In der Welt der Musik gibt es wohl keine Marke, die so wie Marshall für einen bestimmten Sound steht - nämlich den der verzerrten E-Gitarre. Die sogenannten Fullstacks mit zwei 4-x-12er-Boxen und einem Röhrenverstärker darauf stehen so sehr für Rock'n'Roll, dass man sie als Dekoration für die Bühne auch ohne eingebaute Technik mieten kann. Fake-Marshalls werden diese Sperrholzkisten unter Musikern bisweilen genannt.

Seit einiger Zeit nutzt Marshall seinen Namen auch für Kopfhörer und eifert damit den Motörheadphones nach. Während diese in Kurztests von Golem.de aber durch übertriebene Höhen auffielen, waren die Marshall-Hörer bisher eher neutral abgestimmt. Zu neutral im Umfeld von Beats und Co., dachte sich wohl Marshall und hat den On-Ear-Kopfhörern der Linie Major in der zweiten Version eine moderate Bassanhebung verpasst. Golem.de konnte ein Serienmodell des Major II auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas ausprobieren. Im Februar 2015 soll der Kopfhörer weltweit erscheinen, in Deutschland kostet er rund 100 Euro.

An der Konstruktion hat Marshall nichts verändert. Der Major II ist noch immer ein Kompromiss aus Ohrstöpsel und Studiokopfhörer, eben ein On-Ear. Er sitzt mit einem einstellbaren Bügel auf den Ohren, und damit er dort bleibt, ist der Bügel recht wenig flexibel. Der Major drückt fest auf die Ohren, was beim Sport hilfreich sein mag. Die Polster sind jedoch ausreichend dick, so dass wir auch nach einer Stunde noch kein unangenehmes Gefühl hatten.

Beim Tragen um den Hals stört die Umklammerung dann aber deutlich. Immerhin ist der Hörer faltbar, eine Tragetasche liefert Marshall aber nicht mit. Wir würden auch empfehlen, das Kopfhörerkabel immer abzustecken, denn der Bügel drückt im zugeklappten Zustand stark auf den Knickschutz. Sonst haben wir aber am Major II nichts auszusetzen, denn die Funktionen und vor allem der Klang sind für diese Preisklasse hervorragend.

An beiden Hörmuscheln befindet sich eine 3,5-Millimeter-Buchse, das Kabel kann auf jeder Seite eingesteckt werden. Der freie Anschluss schleift dann das Signal durch, so dass mit einem anderen Kopfhörer eine zweite Person die Quelle des Zuspielers hören kann. Das Kabel mit Mikro und einer Bedienungstaste - der Major ist also auch Headset - ist an der Seite mit dem Mikrofon glatt, an der anderen als Spiralkabel ausgeführt. Von rund 1,5 Metern lässt es sich auf über 2,5 Meter ausziehen, ohne dass es überdehnt wird. Das Kabel lässt sich beidseitig verwenden, so dass man entweder den gewinkelten Stecker oder den geraden an Zuspieler oder Kopfhörer nutzen kann.



Rock, Metal und Electro klingen gut

Leider sind die Gehäuse beider Stecker rund 6 Millimeter dick und passen daher beispielsweise nicht in ein Smartphone mit Silikonhülle. Dafür lässt sich dann aber ein anderes Kabel, das man sich eigens besorgen muss, als Ersatz verwenden. Die Taste im Marshall-Kabel arbeitet wie bei anderen Headsets: Ein Druck nimmt Anrufe an oder beendet sie, bei Musikwiedergabe dient einfache Betätigung für Start oder Pause. Zwei Klicks springen einen Song vorwärts, drei einen zurück.

Wir haben den Klang des Ohren-Marshalls mit etlichen selbst von CDs erstellten MP3s mit hoher Bitrate (256 bis 320 KBit/s VBR, Lame-Encoder) über ein Notebook und ein Smartphone getestet. Die Klangverbesserer der Geräte selbst haben wir abgeschaltet. Dabei zeigte sich, dass die Hörer sich gut für klassischen Hardrock bis Modern Metal eignen und die Gitarren nicht aufdringlich in den Vordergrund stellen.

Bei AC/DCs "Rock'n'Roll Damnation" steht Sänger Bon Scott wie beim Abhören über ein gutes Stereosystem schön in der Mitte, die Gitarren der Young-Brüder sägen so, wie sie sollen, und der Groove der Rhythmussektion wird durch die langsam einsetzenden Instrumente nicht zugedeckt. Sprung in die Neuzeit: Das Synthie-Intro von In Flames' "Deliver Us" bleibt auch, wenn Gitarren und Schlagzeug dazukommen, noch erkennbar. Das bei dieser Band stets tiefer gestimmte Schlagzeug setzt sich in der Strophe noch gut durch. Der sehr breit produzierte mehrstimmige Gesang in der Bridge - also vor dem Refrain - deckt den Rest der Band nicht zu.

Wenn es so richtig um Bass geht, zeigt auch der Major II im Vergleich mit geschlossenen Over-Ear-Kopfhörern Schwächen. Die abgrundtiefe digitale Synthie-Linie von VNV Nations "Chrome" in der Albumversion ist zwar vorhanden, aber drückt bei weitem nicht so prägnant in die Ohren, wie wir sie schon mit Sonys älterem geschlossenen DJ-Kopfhörer MDR-V200 erlebt haben. Auch bei solcher elektronischen Musik machen die Marshalls aber viel Spaß. Die im Vergleich mit Over-Ears kleinen Membranen können auch hier nicht zaubern, jedem In-Ear-Hörer, den wir kennen, ist der Major II aber auch im Bass überlegen.

Die genannten Stücke stehen exemplarisch für viele andere Songs verschiedener Genres, die wir mit dem Marshall gehört haben. Dabei klang der Kopfhörer stets offen, die moderate Bassanhebung kommt Musik, die nicht ohnehin schon auf maximalen Effekt für Car-Hifi-Anlagen oder die Disco produziert ist, deutlich zugute. Freistehende Stimmen und akustische Instrumente beherrschen die On-Ears auch, wir empfinden den Klang insgesamt noch als neutral, ohne eine eigene Charakteristik - das ist bei einem Kopfhörer ein Kompliment. Die Höhen sind weder gedämpft noch hervorgehoben und wirken auch bei hohen Lautstärken nicht nervig. Lautstärke ist bei einem Gerät, das den Namen Marshall trägt, natürlich zentrale.

Das Unternehmen gibt die Empfindlichkeit mit 100 Millivolt bei 1 KHz an, was 99 dB Schalldruck erzeugen soll, die Impedanz liegt bei 64 Ohm. Auf unseren Ohren ist der Major II bei vollem Pegel des Zuspielers durchaus recht laut, das Lautsprecher-Chaos einer Messehalle übertönt er problemlos. Ob er sich - was der flexible Bügel erlauben würde - auch für DJs eignet, ließ sich während der Vortage der CES nicht ausprobieren.

Als Headset entspricht der Major II dem, was auch andere Geräte mit nur einem Mikro und ohne Unterdrückung des Umgebungsgeräusches leisten. Mit einem Fernseher bei etwas mehr als Zimmerlautstärke im Hintergrund verstand uns unser Gesprächspartner gut, bemängelte aber den etwas dünnen Klang seines Gegenübers. Moderne Smartphones mit Filterschaltungen für mehrere Mikros sind hier Headsets vorzuziehen. Für einen schnellen Anruf während des Musikhörens muss man den Marshall aber nicht gleich von den Ohren ziehen.

Im Februar 2015 soll der Major II weltweit auf den Markt kommen und in Deutschland rund 100 Euro kosten. Der Vorgänger ist bei Onlinehändlern schon für rund 85 Euro zu haben. Auch für den vollen Preis ist der neue Marshall sein Geld unserer Meinung nach wert - auch, wenn man tatsächlich etwas anderes als Rock damit hören will.  (nie)


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