Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/in-eigener-sache-golem-pur-eine-erste-bilanz-1501-111342.html    Veröffentlicht: 12.01.2015 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/111342

In eigener Sache

Golem pur - eine erste Bilanz

Seit August bietet Golem.de seinen Lesern ein Abomodell an. Statt Texte hinter Paywalls zu räumen und künstliche Schranken aufzubauen, lautet das Angebot von Golem pur simpel: Ab 2,50 Euro im Monat gibt es Werbe- und Tracking-Freiheit. Wie das ankommt, verrät unsere erste Bilanz.

Es war ohne Übertreibung die wichtigste Neuvorstellung in der jüngeren Geschichte von Golem.de. Über ein Jahr lang haben wir an einer Version von Golem.de gearbeitet, die den Bedürfnissen unserer Leser entspricht. Denn nach dem Aufruf, den Adblocker zumindest auf unserer Seite abzuschalten, waren viele Argumente zurückgekommen, dies nicht zu tun: Die Werbung verlangsamt den PC, sie ist Einfallstor für Schadsoftware, lenkt zu sehr vom Inhalt ab. Viel und intensiv haben wir damals mit den Lesern diskutiert, an der hohen Adblock-Rate weit jenseits der 50 Prozent hat sich kaum etwas geändert. Daraus zog Golem.de-Gründer Jens Ihlenfeld den Schluss: Eine faire Alternative muss entwickelt werden, um das Überleben der Seite zu sichern.

Denn Nutzer, die Werbung blockieren, bringen kein Geld, verursachen aber Kosten (Server, Strom, Traffic). Und bis zur Einführung des Abos war Werbung die einzige Einnahmequelle für Golem.de. Mit dem Abo hat Golem.de eine zweite Einnahmesäule bekommen - und viele Leser das, was sie sich gewünscht haben: Golem.de ohne Werbung, mit rasanten Ladezeiten, ohne unerwünschtes Tracking und mit einigen Zusatzfunktionen.

Ursprünglich sollte Golem pur im Februar 2014 starten, August ist es dann geworden. Wie so oft bei Eigenentwicklungen und Unterfangen auf unbekanntem Terrain dauerte aufgrund der Komplexität manches länger als gedacht, beispielsweise das Einbinden des Zahlungsdienstleisters. Somit fiel der Start mitten in die Ferienzeit. Nicht nur aufgrund der Temperaturen standen uns am Startmontag die Schweißperlen auf der Stirn: Funktioniert es unter Volllast, haben wir etwas vergessen und vor allem: Was werden unsere kritischen Leser sagen?

Wir arbeiten an neuen Funktionen

2.000 Kommentare, Hunderte persönlich beantwortete Mails und viele Medienberichte später können wir sagen: Ja, es funktioniert - und das, obwohl unsere Abonnenten mitunter sehr exotische Betriebssystem-Browser-Kombinationen verwenden (Firefox-Nightly-Builds auf Linux-Derivaten).

Seit dem Start von Golem pur haben wir sehr viel über unsere Leserinnen und Leser gelernt. Welche Funktionen sie sich wünschen, was sie gut finden, was sie gerne anders hätten. Viele der geforderten Funktionen würden wir sofort umsetzen wollen. Mit einem einzigen Aboprogrammierer, der nebenbei auch noch andere wichtige Projekte umsetzt, erfolgt der Ausbau aber leider nur in kleinen, wenn auch beständigen Schritten. In den ersten Wochen nach dem Start wurde ein weiterer Volltext-RSS-Feed integriert, der alle Videos und Fotos ausspielt. Dann folgte die Integration von SEPA bei den Zahlungsoptionen. Danach wurde umgesetzt, dass Abonnenten Videos auch in Full-HD ansehen und herunterladen können. Und aus Foren- und E-Mail-Korrespondenz destillierte FAQ gab es endlich auch.

Seit diesem kleineren Feintuning widmen wir uns der Ausweitung bei den Zahlungsoptionen. So wird in den kommenden Wochen eine Funktion eingeführt werden, mit der Leser Golem pur bequem testen können, ohne gleich ein Abo für mindestens einen Monat abschließen zu müssen.

Abonnenten geben uns spannendes Feedback

Abseits vom technischen Ausbau binden wir unsere Abonnenten auch in inhaltliche Fragen ein. So haben wir unsere Abonutzer um Feedback zu einem neuen Videoformat gebeten, das wir gerade entwickeln. Der Rücklauf an spannenden, inspirierenden und detaillierten E-Mails war beeindruckend und vieles davon werden wir umsetzen.

Insgesamt können wir nach den ersten Monaten Golem pur sagen: Wir sind stolz auf unsere Abonnenten und freuen uns, dass sie an uns glauben und uns finanziell wie auch kreativ unterstützen. Als Dankeschön haben wir ihnen unser erstes Printmagazin "Android verstehen" als PDF zum Download geschenkt.

Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: Aber wie viele sind es denn nun, die sich für ein Abo entschieden haben?

Golem pur in Zahlen

Mit Stand 31. Dezember 2014 haben wir 1.638 Abonnenten. Davon haben sich 1.279 für ein Zwölfmonatsabo entschieden, 253 für die Sechsmonatsoption, 106 für die Einmonatslösung. Der größte Wachstumsschub kam in der Startphase, nach rund drei Wochen ebbte er ab. Seitdem wächst die Zahl der Abonnenten im Monat um rund drei Prozent. Dass sich die Mehrheit von ihnen für eine langfristige Bindung an Golem.de entscheidet, freut uns sehr.

Ob wir mit der Zahl zufrieden sind? Wie so oft ist die Antwort nicht eindeutig. Dafür, dass wir eines der ersten Onlinemedien sind, das so ein Modell anbietet: ja. Dafür, dass die Zahlungsbereitschaft für Nachrichten und Texte im Internet weiterhin gering ist: ja. Dafür, dass wir keine Goodies, exklusiven Inhalte oder andere Lockangebote anbieten: ja. Wir wissen auch, wie vergleichbare Projekte anderer Medienhäuser in und außerhalb Deutschland funktionieren und können auch hier sagen: Ja, wir sind zufrieden.

Es könnte allerdings auch besser laufen. So müssen wir uns eingestehen, dass wir die Bewerbung des Abos aufgrund anderer Projekte sträflich vernachlässigt haben. Nach der Startphase gab es viele Wochen keinerlei Hinweise auf der Startseite, dass wir ein Abo haben. Erst als wir im November nach einer Merkel-Rede über böse Internetwerbung spontan ein Anzeigen-Sujet entwarfen, kam wieder Schwung rein (Danke an dieser Stelle an die Kanzlerin! Wir warten aber noch auf ihren Aboantrag).

Wie man die Zahlen lesen kann

Man kann die Zahlen auch besonders pessimistisch lesen und argumentieren: Eigentlich könnten wir deutlich mehr Abonnenten haben. Denn 1.600 Abonnenten entsprechen nicht einmal einem Prozent unserer Leser. Die Agof-Zahlen, die in Deutschland die Onlinereichweite messen, bescheinigen Golem.de 1,92 Millionen Unique User im Monat, die zumindest einmal im Monat bei Golem.de vorbeischauen. Geht man davon aus, dass mindestens ein Zehntel davon Stammleser sind, liegt die Aboquote somit unter einem Prozent.

Dem kann man die sogenannte Conversion Rate von Freemium-Apps gegenüberstellen; also jenen Prozentsatz an Nutzern, die üblicherweise bei einer werbefinanzierten Gratis-App für Premiumfunktionen oder Werbefreiheit zahlen. Diese Rate liegt in Appstores bei ein bis zwei Prozent, etwa bei Services wie Pandora oder Evernote. Bei Games ist die Rate meist etwas höher und kann zehn Prozent erreichen.

Vergleiche mit anderen Abomodellen sind schwierig

Der Erfolg unseres Abomodells lässt sich nur schwer im Vergleich zu anderen Medien beurteilen. In unserer Branche hat nur Ars Technica ein vergleichbares Modell und der österreichische Standard hat nach uns ein ähnliches Modell eingeführt. Beide behalten ihre Zahlen für sich. Andere Medien lassen ihre Leser für Inhalte bezahlen und bieten oft ein kombiniertes Abo für die Inhalte der Homepage und der gedruckten Zeitung an, wie etwa das Wall Street Journal und die New York Times - die zusätzlich beide englischsprachig sind. Dort zahlen rund 800.000 respektive 900.000 Menschen für ein Abo.

Der Vergleich mit Netzpolitik.org und der Tageszeitung (taz) ist ebenfalls schwierig, legt aber den Verdacht nahe, dass für Golem.de mehr Abonnenten möglich sein müssten. Deutschlands führendes Netzpolitikblog hat zwar nur rund ein Zehntel der Uniques von Golem.de, nimmt aber im Monat durch Daueraufträge und Überweisungen zwischen 6.500 und 7.000 Euro an Spenden ein. Die taz online, deren Leserzahl leicht hinter der von Golem.de liegt, erreicht halbwegs stabile Einnahmen von etwas unter 8.000 Euro im Monat durch das Abo taz-zahl-ich. Hinzu kommen noch rund 2.000 Euro im Monat an Spontanzahlungen, was summiert 10.000 Euro Leserunterstützung im Monat bedeutet. Es gibt dort keine Paywall, stattdessen werden seit 2011 die Leser aufgefordert, zu spenden, um Qualitätsjournalismus zu sichern. Premiumfunktionen oder Werbefreiheit wie bei Golem.de gibt es bei der taz nicht.

Im Vergleich dazu wirken unsere eigenen Zahlen ernüchternd.

Wir haben noch mehr vor

3.680 Euro nehmen wir im Monat durch das Abo ein. Aktuell können wir mit den Einnahmen fast eine Redakteurstelle (mit Nebenkosten etc.) absichern. Das ist schön, aber nicht genug. Ein realistisches Ziel scheint es, nach drei Jahren mindestens den Level der taz erreicht zu haben. Von den 900.000 Euro, die Krautreporter durch Crowdfunding eingenommen hat, sind wir aber sicherlich noch über 20 Jahre entfernt.

Langfristig streben wir Abonnentenzahlen im Bereich von ein bis fünf Prozent der Leserschaft an. Auch dieses Ziel erscheint erreichbar, auch weil wir unsere Preisgestaltung am Geschmack des Publikums ausgerichtet haben. So geht aus einer repräsentativen Umfrage von Statista hervor, dass jene, die in Deutschland für Nachrichten zahlen würden (40 Prozent der Befragten), einen Betrag zwischen 2 und 5 Euro im Monat für angemessen halten.

Golem.de soll seinen Preis wert sein

Wir sehen uns am Beginn eines spannenden, langen Weges. Wie alle Onlinemedien müssen wir daran arbeiten, neue Einnahmequellen zu erschließen. Das Abo kann dabei nur eins von mehreren Standbeinen sein. Es ist aber wichtig für unser Weiterbestehen. Wir sehen das Abo in den kommenden Jahren vor allem als Ausgleich zu den rückläufigen Anzeigeneinnahmen, die auf die hohe Adblock-Nutzer-Rate und den einsetzenden radikalen Wandel des Werbemarkts zurückzuführen sind.

Wir stehen zu unserer Entscheidung, unsere Inhalte frei zugänglich zu lassen und nicht hinter einer Bezahlschranke zu verstecken. Mit unserem Team von rund 20 Mitarbeitern arbeiten wir ständig daran, auf Golem.de ein Angebot bereitzustellen, das unseren Lesern Geld wert ist.

Im vergangenen Jahr haben wir den Anteil exklusiver Inhalte stark erhöht. Wir haben eigene Inhalte recherchiert, analysiert und Themen in Hintergrundartikeln beleuchtet. Auch auf die Korrektur der Artikel legen wir viel Wert. Über die Autorenplattform haben wir für Golem.de neue Themengebiete erschlossen. Im Videobereich haben wir experimentiert und ein neues Videoformat entwickelt.

Die Meinungen unserer Leser sind uns wichtig, und wir stecken viel Arbeit in die Betreuung unseres Forums. Und unsere Entwickler arbeiten ständig daran, dass Golem.de auch technisch überzeugt.

Mit dem Abo können Leser, die Journalismus mit Qualität, Recherche und Fachwissen verbinden, dafür sorgen, dass Golem.de in dieser Form weiterbesteht und man bei uns Aspekte und Artikel lesen kann, die es so woanders im Netz nicht gibt.  (bst)


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