Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/weihnachten-1984-was-vor-30-jahren-unterm-christbaum-lag-1412-111306.html    Veröffentlicht: 24.12.2014 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/111306

Weihnachten 1984

Was vor 30 Jahren unterm Christbaum lag

BTX statt Streamingdienst, Apple Macintosh statt iPhone: Im Orwell-Jahr standen ganz andere Dinge als heute auf der Wunschliste der Technikfans. Und so manch gefloppte Idee von damals ist heute sogar ein voller Erfolg.

30 Jahre liegen zwischen unserer digitalen Gegenwart und dem symbolhaften Jahr 1984, von dem George Orwell in seinem gleichnamigen und vor allem in Hinblick auf digitale Überwachung weltberühmt gewordenen Roman annahm, dass seine Geschichte einerseits eine ferne Dystopie darstellen würde, andererseits aber auch deutliche Bezüge zur Zeit der Romanveröffentlichung Ende der 1940er Jahre bestehen dürften.

Die Zukunft wurde somit wie so oft in der Menschheitsgeschichte nicht vollständig losgelöst von der Gegenwart betrachtet. Schaut man sich heutzutage die Digitalisierung unserer Welt an, mag es vielen Menschen schwerfallen, hier noch Kontinuitäten zu entdecken. Zu groß erscheinen doch die Entwicklungssprünge, zu rasant die Beschleunigungen und zu vielfältig die Vernetzungen. Deshalb lohnt sich so kurz vor Weihnachten ein Blick auf die Wunschzettel von damals und heute, denn einerseits sind diese ein gut sichtbarer Ausdruck populärer Techniktendenzen, andererseits lassen sich aber trotz aller Rasanz und daraus resultierender Unterschiede auch überraschend viele Beständigkeiten und damit besonders nachhaltige Entwicklungslinien entdecken.

Ich wünsche mir einen Macintosh

1984 ging der Macintosh an den Start, passenderweise mit einem inzwischen nicht nur in der Marketingwelt legendär gewordenen Werbevideo, welches sich direkt auf Orwells Roman bezieht und eine ganz andere, bessere und - symbolisiert durch das Apple-Logo - buntere Zukunft verspricht. Technisch gesehen wurde tatsächlich alles immer bunter und vor allem immer leistungsfähiger: Während Apples Macintosh vor 30 Jahren 128 KByte Speicher hatte, bietet heute allein schon Apples iPhone mehr als das Hunderttausendfache an Speicherkapazität. Auch muss sich heute niemand mehr mit einem Grün-Monitor begnügen: 24 Bit Farbtiefe, das heißt über 16 Millionen Farben sind bereits seit den 1990er Jahren üblich und auch im iPhone zu finden.

Bis heute gleich geblieben ist - trotz aller unternehmerischen Auf und Abs in den vergangenen drei Jahrzehnten - der Status der Firma aus dem kalifornischen Cupertino: Der Macintosh war damals für viele Menschen ebenso ein Objekt der Begierde wie es heute das iPhone ist.

Dabei spielt die durch technische Innovation und die Persönlichkeiten im Hintergrund - allen voran Steve Jobs - gleichermaßen aufgebaute Strahlkraft der Marke Apple sicherlich ebenso eine Rolle wie die konkrete Erweiterung der persönlichen Handlungsspielräume, die einem die digitale Technik damals wie heute ermöglicht.

Bei den Gerätepreisen ist sich Apple jedoch treu geblieben: Wie vor 30 Jahren sind die Produkte eher im Hochpreissegment angesiedelt, was treuen Fans natürlich kein Hindernis, sondern vielmehr Teil des besonderen Reizes ist. Schließlich war es immer schon etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben, so die ewig gültige Idee des feinen Unterschieds - und Apple erfüllt dieses Bedürfnis ohne jeden Zweifel sehr gern und mit Leichtigkeit.

Der große Bruder ist heute selbst einer

Das hat den Konzern schließlich zu einem der wertvollsten der Welt gemacht. Wertvoll ist er allerdings auch noch in ganz anderer Hinsicht - mehr als zuvor sind es digitale Daten, die reich machen. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Konzern, der sich vor 30 Jahren als Befreier vom großen Bruder inszenierte, heute in den Augen des US-Geheimdienstes NSA selbst zum großen Bruder geworden ist - und die Kunden von heute die Zombies aus Orwells Dystopie sein sollen.

BTX-Geräte unterm Weihnachtsbaum

Doch Kunden sind freilich mehr als nur Opfer ihrer Daten und erleben nicht nur Nachteile durch die Vernetzung. Dass Datenfernübertragung - allen Abhörskandalen und Geheimdienstaktionen zum Trotz - enorme Vorteile bietet, war bereits 1984 unbestritten. Deshalb brachte die damalige Deutsche Bundespost einen Dienst auf den Markt, der die Deutschen an die digitalen Welten anschließen sollte: Bildschirmtext (BTX).

1984 war erst das zweite Weihnachtsfest für den bundesweit aufstrebenden Postdienst und die Erwartungen waren groß: Eine siebenstellige BTX-Nutzerzahl peilte die Bundespost an, spätestens bis Mitte der 1980er Jahre sollte dieses Ziel erreicht werden. Viel Zeit blieb also nicht, und die Franzosen machten mit ihrem ebenfalls 1982 gestarteten Minitel-Service vor, wie es geht: Dieser begeisterte binnen weniger Jahre Millionen Menschen und sorgte so schnell für eine kritische Masse an Nutzerinnen und Nutzern, die dem System so zu langjähriger Akzeptanz und entsprechendem Erfolg verhalfen. <#youtube id="iBfvIh2K4G0"> BTX hingegen blieb viel länger als gewünscht in der Nische, allen Werbeaktionen und Weihnachtsangeboten zum Trotz. Denn im Gegensatz zu den Minitel-Terminals, welche von der französischen Post gratis ausgegeben wurden, waren BTX-Geräte weder leistungsstark noch günstig und die dazugehörigen Services überschaubar, langsam und teilweise sehr teuer.

Fernseher mit eingebauten Decodern setzten sich ebenso wenig durch wie - teilweise gar nicht erst durch die Post zugelassene - Zusatzhardware für damals populäre Computer wie den Commodore 64.

Und auch die Bundespost selbst stellte ein Problem dar, denn der damalige Monopolist genoss aufgrund seines kundenfernen Auftretens in der Bevölkerung nicht gerade den besten Ruf. Der Hamburger Chaos Computer Club, der die Post seinerzeit in Anlehnung an ihre ginstergelbe Behördenfarbe liebevoll Gilb nannte, sorgte 1984 mit dem BTX-Hack für eine entsprechende Blamage des Bonner Amtes.

Auch wenn später erhebliche Zweifel am technischen Hintergrund des Hacks aufkamen, so stand die Post in den Medien nicht gut da und das System BTX wirkte auch nicht unbedingt attraktiver. So kam unterm Strich bei den Deutschen keine rechte Begeisterung auf und BTX-Geräte blieben eine Rarität unterm Weihnachtsbaum, trotz aller innovativen und richtungsweisenden Grundideen hinter dem System wie der schnellen Vernetzung über das Telefonnetz.

Günstige Modems lösten BTX ab

Knapp zehn Jahre später erledigte sich das Thema von selbst: Das Internet gelangte dank immer günstigerer Modems und DSL-Anschlüsse in die Haushalte, in denen inzwischen immer mehr anschlussfähige Computer standen. Noch bevor BTX vom Markt verschwand, verschwand die Behörde dahinter: 1994, sieben Jahre vor dem BTX-Aus, wurde die Bundespost privatisiert und der Markt entsprechend liberalisiert.

Während BTX-Geräte heute nur noch in Technikmuseen und auf Retrocomputing-Messen eine Rolle spielen, hat sich die Onlinebegeisterung der Menschen vom Bildschirmtext-Debakel nicht aufhalten lassen, sondern ist längst in der Gesamtbevölkerung angekommen.

Der C64 veränderte alles

Schaut man sich die aktuellen Umfrageergebnisse an, so stellt man fest, dass fast alle genannten Geräte internetfähig sind. Während 1984 vernetzbare Devices nur bei sehr technikaffinen Menschen auf dem Wunschzettel standen, waren digitale Geräte ganz allgemein auch vor drei Jahrzehnten schon begehrt. Man denke hier nur an den bereits erwähnten und hinsichtlich seiner Verkaufszahlen legendären Commodore 64, der nicht nur deutlich günstiger als ein Apple Mac oder ein IBM-PC war, sondern den Markt auch in Deutschland unbestreitbar dominierte und schon 1984 aus vielen Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken war.

Spielen und Programmieren waren damals die vorrangigen Interessen der Nutzer. Die Industrie kam diesen Wünschen mit Geräten wie dem C64, Atari 400 und 800, IBMs PC beziehungsweise PC/AT und dem Apple II nach. So manches Spiel aus diesem Jahr wurde zur Legende, beispielsweise die Science-Fiction-Simulation Elite. Erstmals 1984 veröffentlicht und im Laufe der Zeit für mehr als ein Dutzend Systeme umgesetzt, gilt Elite sowohl qualitativ als auch quantitativ als wegweisend. Von der nur oberflächlich schlichten, aber technisch raffinierten Echtzeitgrafik über die Idee eines Verzichts auf ein endgültiges Endziel bis hin zu den zahlreichen Versuchen anderer Programmierer, das wirtschaftlich erfolgreiche Spiel zu kopieren - Elite setzte in vielerlei Hinsicht Maßstäbe in der damals noch jungen Welt der Heimcomputer, die bis heute nachwirken. <#youtube id="ltsqeUbPuEM"> Ähnliches dürfte auch für The Hitchhiker's Guide to the Galaxy gelten, ein Textadventure auf Basis des Kultromans Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams. Die Textlastigkeit mag zwar einfacher zu programmieren gewesen sein als die anspruchsvollen Echtzeitwelten von Elite, simpel oder gar langweilig war das Spiel deshalb jedoch keineswegs. Im Gegenteil: Die teilweise skurrilen Aufgaben wie das als extrem schwierig berüchtigte Babelfish-Puzzle sorgten zwar allgemein für Kopfarbeit, erlangten jedoch aufgrund ihrer Skurrilität schnell Kultcharakter. <#youtube id="6-KsB5r46uA"> Hinzu kam der vielfach gelobte Sprachwitz des Spiels, welcher maßgeblich zum Erfolg des Adventures beitrug und sicherlich besonders der Mitarbeit von Douglas Adams zu verdanken sein dürfte. Pünktlich zum 30. Geburtstag erschien HHGTTG in einer Jubiläumsversion: Das Spiel ist heute grafisch etwas zeitgemäßer dank HTML-Support und nun auch nicht mehr offline, denn aufgrund einer Twitter-Anbindung teilt es selbstständig die Handlungen des Spielers mit.

Eine solche Vernetzung war 1984 noch nicht möglich, doch die Digitalisierung war nicht aufzuhalten - auch und gerade unter dem Weihnachtsbaum. Gespielt und programmiert wird seitdem mehr denn je, online wie offline, trotz oder vielleicht genau wegen der beeindruckenden Erfolge und Niederlagen in der digitalen Welt.

Der pessimistische Roman 1984 spielte in seinem namensgebenden Jahr auf deutschen Wunschzetteln übrigens keine Rolle. Auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste stand damals ein gänzlich unpessimistisches Werk: Die unendliche Geschichte von Michael Ende.  (shu)


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