Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/linux-jahresrueckblick-2014-umbauarbeiten-gezanke-und-container-1412-111287.html    Veröffentlicht: 31.12.2014 10:59    Kurz-URL: https://glm.io/111287

Linux-Jahresrückblick 2014

Umbauarbeiten, Gezanke und Container

Während es 2014 immer wieder kontroverse Diskussionen um Debian, Systemd und Limux gegeben hat, haben andere erfolgreich umgebaut und setzen nun auf neue Technik. Und ein kleines Unternehmen hat mit viel Unterstützung eine alte Idee salonfähig gemacht.

Das vergangene Jahr hat für viele Projekte in und um Linux Probleme bereitgehalten, von denen viele, aber nicht alle inzwischen gelöst sind. Die Entscheidungen dazu sind etwa von Debian sehr öffentlichkeitswirksam diskutiert worden, während in München kaum Interna preisgegeben werden. Doch wie viele Teams beweisen, kann eine gewisse Stille auch sehr produktiv sein.

Die meisten der in diesem Jahr erreichten Erfolge, reichen aber weiter zurück. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte 2014 Wayland, das sich nun schon seit sechs Jahren in Entwicklung befindet. So können verschiedene Compositors auf eine einheitliche Eingabebibliothek zugreifen, und mit Hilfe von XWayland können alte X-Anwendungen auch problemlos unter Wayland genutzt werden. Das könnte Nutzern eine Migration wesentlich erleichtern.

Diesen Schritt weg von X11 können Experimentierfreudige und Tester bereits probieren. So enthält die minimalistische Desktop-Umgebung Enlighthenment 19 einen neuen Wayland-Compositor, und auch die zwei in diesem Jahr veröffentlichten Versionen von Gnome haben die Wayland-Unterstützung deutlich ausgebaut.

KDE-Ports ohne viele Probleme

Zwar wird eine vollständige Wayland-Unterstützung durch das KDE-Projekt noch etwas dauern, doch die Hacker hatten in diesem Jahr zunächst dringlichere Aufgaben: die Portierungen auf Qt5 sowie die damit verbundenen neuen Techniken und die endgültige Auftrennung der bisherigen KDE Software Compilation.

Mit den Frameworks 5 haben die Entwickler die grundlegenden Bibliotheken aufgeteilt, so dass einige Bestandteile direkt von der Qt-Community als Addon genutzt werden können. Darauf aufbauend ist kurze Zeit später die Oberfläche Plasma 5 erschienen, die eher eine Weiterentwicklung denn revolutionär ist und ein neues Design hat. Inzwischen sind auch ein erste großes Update für Plasma 5 sowie die ersten KDE-Anwendungen mit Qt5 vor wenigen Wochen erschienen.

Distributionen bauen um

Zum Jahresanfang 2014 haben die Entwickler von Fedora begonnen, darüber zu diskutieren, wie die Erstellung der Linux-Distribution effektiver gestaltet werden kann. Die Kampagne Fedora.Next führte schließlich zu einer Aufteilung der Distribution in sogenannte Produkte, die lediglich die gleichen Kernbestandteile in der Standardinstallation aufweisen, sich aber ansonsten entsprechend der Zielgruppe klar voneinander unterscheiden.

Auch Opensuse kündigte im Frühjahr an, die Gestaltung der Distribution umzustrukturieren. Da waren zwar nicht alle Details geklärt, doch es sollte noch mehr auf den Open Build Service und OpenQA gesetzt werden. Das führte unter anderem dazu, dass das Rolling Release, Tumbleweed, auf eine komplett neue Art und Weise erstellt wird. Mit einer eingeplanten Verzögerung von vier Monaten ist im Herbst das stabile Opensuse 13.2 erschienen.

Init-Streit in Debian

Ein gepflegter Flamewar mit Stammtischkultur gehört zum Linux-Umfeld seit jeher dazu, was wohl auch an dem vergleichsweise offen zugänglichen Diskussionskanälen wie Mailing-Listen liegt. Eine der bestimmenden Diskussion war 2014 jene um die Verwendung von Systemd in Debian. Ihre Heftigkeit und Dauer war jedoch überraschend.

Zwar ist Systemd selbst seit seiner Einführung als Ersatz für die klassischen SysV-Init-Skripte nicht nur positiv aufgenommen worden und das Debian-Projekt ist für seine langwierigen Debatten geradezu berüchtigt. Doch Systemd ist in anderen Distributionen nahezu ohne Gegenwehr eingeführt worden. Es hätte also auch viel entspannter ablaufen können.

Es begann ruhig

Begonnen hatte die Diskussion bereits im Vorjahr und hätte eigentlich auch schon im Januar beendet werden können. Das technische Komitee (CTTE) Debians entschied sich jedoch nicht für ein Init-System als Standard, sondern vertagte die Entscheidung, um weiter Vor- und Nachteile diskutieren zu können.

Kurze Zeit später entschieden die Beteiligten mit einer knappen Mehrheit, die letztlich nur durch den Ausschuss-Vorsitzenden gesichert wurde, zugunsten von Systemd. Canonical-Gründer Mark Shuttleworth kündigte daraufhin an, dass auch Ubuntu künftig Systemd verwenden werde.

Persönliche Angriffe

Doch auch Monate später ebbte die Kritik an dieser Entscheidung und auch der technischen Umsetzung nicht ab. So sah sich der Systemd-Gründer Lennart Poettering im Oktober dazu gezwungen, öffentlich die extrem harschen Umgangsformen anzuprangern. Er habe Hassmails bekommen und es seien sogar Bitcoins gesammelt worden, um einen Auftragsmörder zu engagieren.

Diese Art andauernder persönlicher Angriffe führte bei dem Debian-Projekt schließlich zu personellen Konsequenzen: Die Entwickler gaben ihre Positionen auf. Die technische Entscheidung sollte durch eine Art Urabstimmung im Projekt rückgängig gemacht werden.

Das scheiterte zwar an der Mehrheit der Entwickler, die die Verwendung von Systemd nun akzeptieren und keine weitergehenden Aktionen für notwendig halten. Doch eine kleine Gruppe möchte einen Debian-Fork ganz ohne Systemd erstellen. Wer sich tatsächlich an diesem Projekt beteiligt, ist derzeit aber noch wenig bekannt.

München diskutiert über Limux

Im August dieses Jahres kündigte der zweite Bürgermeister von München, Josef Schmid (CSU) an, er werde eine Rückkehr der Münchener Stadtverwaltung zu Windows prüfen. Seitdem ist das eigentlich erfolgreich abgeschlossene Limux-Projekt - die Migration der Desktops der Stadtverwaltung auf Linux - wieder einer teils sehr starken Kritik auch vom neuen Stadtrat und der Spitze ausgesetzt.

Dass Schmid ebenso wie seine CSU-Fraktion in weiten Teilen nicht mit Limux zufrieden ist, kam wenig überraschend. Die CSU hatte sich als Oppositionspartei gegenüber einer Rot-Grünen Mehrheit schon zu Projektbeginn wenig überzeugt gezeigt.

Auch der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der die Nachfolge von Christian Ude (SPD) angetreten hat, unterstützt das Limux-Projekt wesentlich weniger deutlich als sein Vorgänger. Reiter bezeichnete sich selbst sogar als Microsoft-Fan.

Die Münchner IT-Landschaft wird überprüft

Die nicht nur von Reiter und Schmid, sondern zum Beispiel auch von der OB-Kandidatin der Grünen, Sabine Nallinger, und anderen vorgebrachte Kritik an Limux bezieht sich oft auf die schlechten Bedingungen, unter denen die Mitarbeiter der Stadt arbeiten müssen, sowie deren Beschwerden.

Dies ist laut einem Pressesprecher der Stadt München zwar nicht der Grund für die zurzeit laufende Überprüfung der städtischen IT. Doch die Studie soll Organisation, Kosten, Leistung und Benutzbarkeit bewerten und die Zufriedenheit der Mitarbeiter untersuchen. Betrachtet werden nicht allein die eingesetzten Desktop-Betriebssysteme, es wird also nicht einfach Windows mit Linux verglichen. Vielmehr werden sämtliche Bestandteile der IT überprüft.

Der städtische IT-Dienstleister IT@M steht weiter zu Limux. Warum sich vor allem Schmid und Reiter aber wiederholt zu Limux äußern und dieses auch dann wieder ins Gespräch bringen, wenn die Probleme der IT-Infrastruktur nicht direkt darauf zurückzuführen sind, ist nicht ersichtlich. Wegen des Verhaltens der Stadtspitzen wird diesen von Mitarbeitern der Stadt und anderen Beteiligten vorgeworfen, aktiv an einer Demontage der Linux-Migration zu arbeiten.

Docker reaktiviert Container

Wesentlich größerer Beliebtheit erfreute sich in diesem Jahr dank Docker eine alte Idee hübsch und neu verpackt: Container. Wobei diese Beschreibung dem Projekt, seinem Wachstum sowie der steigenden Verbreitung und Unterstützung durch viele große Technikunternehmen bei weitem nicht gerecht wird.

Der Verzicht auf eine komplett virtualisierte Maschine zum Trennen von Anwendungen und stattdessen direkt die Möglichkeiten dazu, diese auf einem Host-System zu verwenden, ist seit über zehn Jahren etwa mit den FreeBSD Jails möglich. Auch das ursprünglich von Sun stammende Solaris und die daraus entstandenen Abkömmlinge bieten diese Technik mit den sogenannten Zonen und Containern seit längerer Zeit.

Ebenso bietet der Linux-Kernel mit Control-Groups und einer Ressourcen-Isolation über Namensräume verschiedenen Userspace-Programmen die Möglichkeit, Container zu erstellen. Darauf setzt unter anderem das Projekt der Linux Containers (LXC) auf, das in diesem Jahr stabil und mit Langzeitunterstützung erschienen ist.

Docker ist erfolgreich

LXC ist eine der Grundlagen von Docker, hinzu kommen einige von dem Unternehmen selbst erstellten Bibliotheken und Programme, um die Container besser verwalten zu können. Bereits im Jahr 2013 erhielt das Projekt so viel Zuspruch, dass sich die dahinterstehende Firma ausschließlich auf die Erstellung von Docker verlegte.

In diesem Jahr führte das Docker-Unternehmen zwei sehr erfolgreiche Finanzierungsrunden durch, bei denen mehrere Millionen US-Dollar an Investitionen gesammelt werden konnten. Zusätzlich dazu erstellte der größte kommerzielle Linux-Distributor, Red Hat, ein eigenes Host-System, das komplett auf das Zusammenspiel mit Docker ausgelegt ist.

Darüber hinaus hat Google im Frühjahr Docker in seine eigene Cloud Plattform integriert. Für eine noch einfachere Verwaltung auf Cluster-Rechnern und in Rechenzentren erstellten Google-Entwickler das Werkzeug Kubernetes. Schon wenige Wochen nach dessen Ankündigung gaben Unternehmen wie IBM oder auch Microsoft ihre Unterstützung und Mitarbeit an Kubernetes bekannt.

Große Unternehmen ziehen nach

Welchen Druck Docker auf die miteinander konkurrierenden Unternehmen im Markt ausübt, zeigen einige Beispiele sehr deutlich. So ist das Engagement von Microsoft nur durch die immer stärker werdende Linux-Konkurrenz im Cloud-Segment zu erklären. Der Windows-Hersteller will sogar die notwendigen Techniken schaffen, um Docker im kommenden Jahr nativ auf seinem Server-Betriebssystem anbieten zu können.

Ebenso veröffentlichte Joyent den Quellcode zu seiner eigenen Cloud- und Container-Software. Der Ubuntu-Sponsor Canonical konzentriert sich ebenfalls stärker auf dieses Unternehmensfeld und stellt mit dem Linux Container Daemon eine Art Hypervisor für LXC bereit. Außerdem existiert mit Ubuntu-Core eine speziell für den Betrieb von Containern gedachte Version der Linux-Distribution.

Ob Docker für Endnutzer relevant werden wird, muss sich aber noch zeigen. Bisher hilft es hauptsächlich Entwicklern und den Technik-Unternehmen. Ebenso wird das kommende Jahr wohl zeigen, ob sich die Debian-Community mit Systemd abfinden kann und ob der Rückhalt für Limux durch die Stadtspitze in München wieder erreicht werden kann.  (sg)


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