Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elite-dangerous-einmal-durch-die-milchstrasse-und-zurueck-1412-111255.html    Veröffentlicht: 18.12.2014 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/111255

Elite Dangerous

Einmal durch die Milchstraße und zurück

Die Weltraumsimulation lebt: Elite Dangerous bietet eine riesige Spielwelt, sieht umwerfend aus und könnte mit seiner Vielfalt sogar Eve Online den Rang ablaufen.

Eine Zeit lang wirkte sie wie ein Auslaufmodell. Doch längst ist die bemannte Raumfahrt zurück. China will Taikonauten zum Mond schicken, Russland ihn gar ab 2030 kolonisieren. Die USA planen Missionen zum Mars, auch Japan und Indien forcieren ihre Weltraumprogramme. Derweil liefert Hollywood das passende Begleitprogramm mit Filmen wie Gravity und Interstellar. Der Astronaut Chris Hadfield wurde durch ein Cover von David Bowie auf der Internationalen Raumstation selbst zum Popstar.

Das Space Race geht also in die nächste Runde und in der Games-Szene vollzieht sich eine ähnliche Renaissance: Die Weltraumsimulation, ein vor allem in den Achtzigern und Neunzigern beliebtes Genre, kehrt mit aller Macht zurück. Gleich drei Großprojekte mit Oculus-Rift-Unterstützung buhlen um die Gunst der Hobbyastronauten: Elite: Dangerous ist soeben für PC erschienen, No Man's Sky und Star Citizen folgen 2015 und 2016. Die Spiele setzen unterschiedliche Schwerpunkte: bei Grafik und Spielphysik, bei Handel, Ressourcenabbau und Kämpfen. Sie wollen die Weiten des Weltalls zum Schauplatz großer Dramen machen.

Piloten statt Strippenzieher

Vor allem bringen die Neuankömmlinge mehr Vielfalt in das Genre. Zugleich setzen sie Eve Online unter Druck, die einzige wirklich erfolgreiche Weltraumsimulation der vergangenen zehn Jahre. Das MMORPG hat Hunderttausende Abonnenten, die ganz erheblich an der Entwicklung des Spiels beteiligt sind und ihre Regeln selbst aufstellen: So wurde Eve Online zu einer hochkomplexen Wirtschaftssimulation und zum Schauplatz gigantischer Weltraumschlachten mit Tausenden von Teilnehmern. Allerdings werden diese Schlachten nicht aus der Pilotenperspektive geschlagen, sondern durch Tastatur- und Mausbefehle. Das actionreiche Dogfight-Spiel Eve Valkyrie, das diese Lücke schließen könnte, wurde bisher noch nicht ins Hauptspiel integriert.

Manchen Spielern ist Eve Online zu trocken: Die vielen Tabellen brachten dem Spiel den Spitznamen "Spreadsheets in Space" ein. Elite Dangerous hingegen setzt Spieler ins Cockpit eines wendigen Sidewinder-Raumgleiters, wo sie sofort die ersten Flugmanöver lernen, vom Andocken an der Raumstation bis zum Kampf mit mehreren Gegnern. Das ist zwar ziemlich anspruchsvoll und lernintensiv, weil viele Funktionen in verschachtelten Menüs sitzen und die Flugphysik den Newtonschen Gesetzen folgt. Doch wer das erst einmal beherrscht, der rast als waschechter Pilot durchs Weltall und nicht wie in Eve als strippenziehender Kommandant.

Bemerkenswert ist, dass beide Spiele dieselbe Inspirationsquelle haben. 1984 veröffentlichten David Braben und Ian Bell das erste Elite, das zum Klassiker wurde, weil es enorme Handlungsfreiheit und eine - für damalige Verhältnisse - revolutionäre 3D-Grafik bot. Schon damals konnten Spieler zwischen Handel, Piraterie, Kopfgeldjagd, Asteroiden-Bergbau und anderen Aktivitäten wählen. Die offene Spielwelt beeinflusste nicht nur spätere Weltraumsimulationen wie Wing Commander, sondern auch Spiele wie Grand Theft Auto.

Elite und seine beiden Sequels in den Jahren 1993 und 1995 waren dagegen reine Soloabenteuer, erst Eve verschmolz Weltraumsimulation mit Onlinerollenspiel. Eine Mischung, die auch Elite Dangerous bietet. Allerdings gibt es dort keine rollenspieltypischen Klassen und Levelstufen. Außerdem ist das Onlineuniversum in viele kleine Instanzen, den sogenannten shards, aufgeteilt. Massenschlachten wie in Eve sind deshalb nicht möglich.

Einmal durch die Milchstraße fliegen

Finanziert wurde Elite Dangerous über Kickstarter und Spenden der Fans, vor allem aber durch Eigenmittel des Entwicklers. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Spielwelt umfasst nach Angaben der Entwickler rund 400 Milliarden Sternensysteme der Milchstraße, wovon etwa 160.000 auf realen astronomischen Daten basieren. Die übrigen sind prozedural generiert: Sie werden, ähnlich wie die Spielwelt von Minecraft, nach und nach durch Algorithmen erschaffen. Gerade auf leistungsfähigeren PCs bietet Elite Dangerous atemberaubenden Detailreichtum: Sonnenoberflächen wabern in der Hitze, Asteroidengürtel glänzen im Licht, Raumschiffe fliegen insektengleich durch die Docks gigantischer Raumstationen. Die Planeten selbst rotieren und unterliegen somit Tag- und Nachtzyklen.

Elite Dangerous lässt sich nur online spielen - der versprochene Offline-Modus wurde kurz vor dem Release abgesagt. Die Spieler bewegen sich auf verschiedene Arten durch die Galaxis. Distanzen zwischen Sternensystemen überbrücken sie per Hyperraum-Sprung, die maximale Entfernung hängt von Schiffsklasse und -gewicht ab. Zwischen Planeten und Raumstationen reisen Spieler in mehrfacher Lichtgeschwindigkeit, dem sogenannten Supercruise-Modus. Für kurze Flugdistanzen und Dogfights wiederum ist der herkömmliche Düsenantrieb da. Piloten können ihre Raumschiffe mit Lasern, Lenkraketen und Schild-Upgrades ausstatten oder sich mit dem unterwegs verdienten Geld gleich ein besseres Schiff kaufen. In den Dogfights kommt es nicht nur auf fliegerisches Können an. Sondern auch darauf, die Energie des Schiffes richtig auf Antrieb, Schilde und Waffen zu verteilen.

Elite Dangerous ist eine gigantische Entdeckungsreise

Je tiefer man in die Galaxis vordringt, desto einsamer wird es. Auch das passt zum realistischen Ansatz, den Chefdesigner David Braben verfolgt: Spieler sollen sich nicht wie auf einer galaktischen Autobahn fühlen, sondern wie Entdecker auf unbekannten Pfaden. Abseitige Sternensysteme zu erkunden, kann sich durchaus lohnen, wenn es dort Rohstoffe gibt. Auch die entsprechenden Lagekarten sind bares Geld wert.

Überhaupt ist der An- und Verkauf von Gütern aller Art eine gute Einnahmequelle. Wer die globalen Preise mit den Preisen der einzelnen Raumstationen vergleicht, kann ein gutes Geschäft machen. Besonders lukrativ ist natürlich der Schwarzmarkt. Aber Vorsicht: Wenn die computergesteuerten Sicherheitskräfte ein Raumschiff mit Schmuggelware erwischen, zerstören sie es sofort. Es sei denn, das Schiff befindet sich im Tarnmodus, der aber schnell zur Überhitzung führen kann.

Wer fremde Schiffe angreift, wird zur Fahndung ausgeschrieben und damit zum lohnenden Ziel von Kopfgeldjägern. Ähnlich wie Eve hat auch Elite Dangerous Anarchiezonen, in denen sich Spieler straflos austoben können. Das eigene Raumschiff ist automatisch versichert: Wird es im Kampf zerstört, entscheidet man, ob man die vorgegebene Versicherungssumme zahlt oder mit einem einfachen Sidewinder weiterspielt. Piraten können Spieler auch im Supercruise-Modus angreifen - vorausgesetzt, sie verfügen über das entsprechende Abfangmodul. Piloten können sich solchen Angriffen aber durch geschickte Flugmanöver entziehen.

Wahlweise Handlung oder freies Entdecken

Wird die galaktische Sandbox packende Geschichten hervorbringen, große Karrieren und denkwürdige Schlachten? Diese Frage lässt sich wohl erst dann abschließend beantworten, wenn viele Spieler viel Zeit auf den Servern verbracht haben. Unterstützer konnten Elite Dangerous zwar bereits in der Beta- und Gammaphase testen. Die Hintergrundgeschichte fügte Frontiers Development jedoch erst mit dem Start-Patch am 16. Dezember hinzu. Verschiedene Fraktionen kämpfen in der Galaxis um die Macht: Welcher Gruppe sich der Spieler anschließt und welche Entscheidungen er trifft, soll Auswirkungen auf die Gesamthandlung haben. Genauso gut kann man der Handlung aber auch fernbleiben und den Weltraum genießen.

Elite Dangerous wird sich mit den bevorstehenden Weltraumsimulationen messen müssen. Sowohl No Man's Sky als auch Star Citizen befinden sich noch mitten in der Entwicklung. Schon jetzt zeichnet sich jedoch ab, dass No Man's Sky vor allem auf prozedurale Inhalte setzt - bis hin zur Flora und Fauna der Planeten, auf denen man nahtlos starten und landen kann. Entwickler Chris Roberts hat für sein ehrgeiziges Projekt Star Citizen schon mehr als 60 Millionen Dollar eingesammelt. Einen Teil davon mit Raumschiffen, die mehrere Hundert Dollar kosten. Sind das nun unendliche Weiten oder doch eher ein Fass ohne Boden? 2016 wissen wir mehr.  (igm-af)


Verwandte Artikel:
Atari Table Pong: Pong auf dem Couchtisch   
(12.01.2018, https://glm.io/132137 )
Robotik: Defekter Robonaut kommt zurück zur Erde   
(16.02.2018, https://glm.io/132826 )
Wreck-It Ralph 2: Videospielebösewicht macht das Internet unsicher   
(02.03.2018, https://glm.io/133097 )
Robert Bigelow: Aufblasbare Raumstation um den Mond soll 2022 starten   
(17.10.2017, https://glm.io/130670 )
Elite Dangerous: Diskussionen über Angriffe auf Aliens   
(06.10.2017, https://glm.io/130477 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/