Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/grafiktreiber-im-test-amd-wagt-mit-catalyst-omega-neuanfang-samt-downsampling-1412-111035.html    Veröffentlicht: 09.12.2014 06:01    Kurz-URL: https://glm.io/111035

Grafiktreiber im Test

AMD wagt mit Catalyst Omega Neuanfang samt Downsampling

Downsampling so einfach wie noch nie, ruckelfreie Blu-rays, mehr Leistung und jede Menge Bugfixes: AMD legt mit Catalyst Omega ein neues Konzept für seine Grafiktreiber unter Windows und Linux vor, das überzeugt. Ein Kritikpunkt vieler Spieler ist aber noch nicht berücksichtigt.

Die einzige richtig schlechte Nachricht gleich vorab: Das Catalyst Control Center, die Bedienoberfläche für AMDs Grafiktreiber, gibt es immer noch, und es ist immer noch recht unübersichtlich. Hier wertet der Chiphersteller noch Feedback von vielen Umfragen aus, ein Neudesign soll später folgen - wichtiger waren erst einmal technische Änderungen an den Treibern selbst.

Seit September 2014 fragt AMD vor allem in US-Foren nach häufigen Problemen, die Nutzer von Radeon-Grafikkarten mit der Catalyst-Software haben. Daraus wurde eine Top-10-Liste, die von Installationsproblemen über Hänger bei Youtube-Videos bis zu nicht aus dem Standby erwachenden Displays viele auch von Golem.de beobachtete Probleme umfasst. All das soll nun gefixt sein, dazu kommen auch eher exotische Bugs wie Ruckeln bei vier GPUs mit Quad-Crossfire und Abstürze mit 144-Hertz-Displays - hier wurden offenbar vor allem gut betuchte Hardcore-Gamer befragt.

Die größte funktionale Neuerung des Catalyst Omega nennt AMD "Virtual Super Resolution" (VSR). Das erinnert nicht zufällig an Nvidias "Dynamic Super Resolution" (DSR), die mit den GTX 970 und 980 sowie später für alle Geforce ab Serie 400 eingeführt wurde. AMDs VSR ist technisch vergleichbar mit Nvidias DSR, denn beide machen das, was Grafikfans seit Jahren per Handarbeit erreichen: Downsampling.

Dabei wird ein Spiel in der Grafikkarte mit einer höheren Auflösung berechnet, als der Monitor beherrscht. Erst direkt vor der Ausgabe wird das Bild auf die native Pixelzahl des Displays heruntergerechnet - daher der Name, von "down sampling" -, was eine höhere Bildqualität ergibt. Wie viel besser Spiele damit aussehen können, hat Golem.de bereits in zwei Artikeln beleuchtet.

Mit AMDs VSR ist die Handhabung von Downsampling ganz ohne Frickelei im Treiber möglich geworden. Es reicht, die Option einmal im CCC zu aktivieren. Danach bieten alle Spiele, die mit hohen Auflösungen zurechtkommen, weitere Einstellungen jenseits von Full-HD an: 1.920 x 1.200, 2.048 x 1.536, 2.560 x 1.440 und 3.200 x 1.800 Pixel. Empfehlenswert sind für 16:9-Displays eigentlich nur die beiden letzten Optionen, da sie ein korrektes Seitenverhältnis bieten.

Downsampling ist in jedem Spiel einstellbar

Das unterscheidet sich von Nvidias DSR nur dadurch, dass bei DSR im Treiber zuerst systemweit die möglichen Auflösungen ausgewählt werden müssen - es wird also die maximale Downsampling-Rate nach oben begrenzt. Das ist aber nur einen Mausklick aufwendiger als bei AMDs Lösung. VSR schaltet man einmal ein und kann künftig bei allen Spielen in den Titeln direkt bestimmen, welche Pixelzahl genutzt werden soll, was auch DSR bietet. Dafür gibt es aber anders als bei Nvidia keine Möglichkeit, den Grad des Filters beim Herunterrechnen zu bestimmen. Welche Algorithmen AMD benutzt, wollte das Unternehmen auch auf Nachfragen nicht verraten. Es soll jedoch laut Chiphersteller in künftigen Versionen von VSR erweiterte Einstellungen dafür geben.

Auch dass die typische 4K-Einstellung von 3.840 x 2.160 Pixeln bei den schnellsten GPUs fehlt, ist ein Nachteil. Ob sich für die eigene GPU-Konfiguration mit den Lieblingsspielen ein Ultra-HD-Monitor lohnt, kann man derzeit mit AMDs VSR nicht direkt überprüfen. 3.200 x 1.800 Pixel sind jedoch nah dran. Wenn der PC damit zu langsam ist, dann mit voller 4K-Auflösung mit Sicherheit auch.

Wir haben VSR auf einem 24-Zoll-Monitor mit einer nativen Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln (FHD) ausprobiert. Schon mit 2.560 x 1.440 Pixeln sehen Spiele deutlich besser aus. Mit der höchsten Einstellung wirken Bilder auf der kleinen Schirmfläche deutlich weniger weichgezeichnet. Anderes Anti-Aliasing haben wir bei den meisten Spielen mit Ausnahme von FXAA abgeschaltet, da dieses noch etwas Qualität herausholt, aber kaum bremst.

Überprüft haben wir AMDs Auto-Downsampling unter anderem mit Diablo 3, Battlefield 4, Kingdom Come, Wolfenstein: The New Order, Skyrim, Dead Space, The Walking Dead Season One, Call of Juarez Gunslinger, Borderlands 2, War of the Roses, Shadow of Mordor, Call of Duty: Advanced Warfare, Tomb Raider (2013) und Thief (2014).

Mit allen Titeln waren die höheren Auflösungen auswählbar, auch mit DX9, DX10, DX11, OpenGL und Mantle lief VSR bis auf einen Fall problemfrei. Bei Walking Dead ist ein Teil des Menüs an der Unterseite abgeschnitten, so dass sich das Spiel kaum bedienen lässt. Wie bei jedem Downsampling werden aber in allen Spielen manche Elemente, etwa der Mauszeiger in Menüs, recht klein. Ob man damit für die bessere Grafik leben kann, ist eine Frage des Geschmacks.

Das gilt auch für die Wiederholungsraten, denn mit Downsampling wird jedes Spiel langsamer, und zwar mit den beiden höchsten Stufen um jeweils rund ein Drittel. Wir würden beim Schleichspiel Thief mit seinen harten Kanten und detaillierten Objekten lieber die höhere Auflösung nutzen, bei einem schnellen Shooter oder Rennspiel aber auf VSR verzichten. Nur zum Angeben - beispielsweise im Heimkino mit Full-HD-Projektor, kann aber ein grafisch schöner Titel mit Downsampling trotz Rucklern beeindrucken. Bildwerfer mit echtem 4K sind eben immer noch unbezahlbar.

Der größte Haken an VSR ist, dass der Anwender eine aktuelle Grafikkarte benötigt: Nur die R9 290, R9 290X R9 295X2 und R9 285 werden bisher unterstützt. Auf der 285 ist als einziges Modell auch volle 4K-Auflösung geboten, aber das will AMD auch auf andere GPUs ausweiten. Ebenso sollen in einer "Phase 2" von VSR laut AMD auch alle Karten ab der R7 260 das automatische Downsampling bieten. Einen Zeitplan dafür gibt es aber noch nicht.

Die Benchmarks haben wir mit einer Radeon R9 290X im Uber-Modus, 32 GByte DDR4-Speicher bei effektiv 2.400 MHz Takt und einem Core i7 5960X durchgeführt. Alle Messungen in den Diagrammen sind neu und durch die geänderte Hardware nicht mit früheren Grafiktests von Golem.de vergleichbar. Das verwendete System wird Basis unserer nächsten Testplattform für Grafikkarten sein.

Ruckelfreie Blu-rays und einfachere Linux-Installation

Mehr Spaß am Bild ist auch AMDs Ziel mit zwei weiteren Optionen, die Videos betreffen, beide lassen sich in den Videooptionen des CCC einstellen. Contour Removal behandelt den bei Filmfans gefürchteten Effekt des Colour Bleeding: Feine Farbverläufe fransen auch auf hochwertigen Displays und Beamern durch stufige Artefakte oft aus. Bei den Titelsequenzen der Serie House of Cards ist das beispielsweise gut zu beobachten.

Mit diesen Szenen haben wir das auf einem per Displayport 1.2 angeschlossenen Monitor mit 2.560 x 1.440 Pixeln per Netflix im Browser und der Windows-8-App ausprobiert: Die Abstufungen reduzieren sich, sind aber immer noch sichtbar. Contour Removal arbeitet auf den Athlon-APUs, den APUs der A-Serie 7000 und den GPUs der R-Serie - mithin auch auf kleinen Rechnern ohne gesteckte Grafikkarte.

Viel überzeugender finden wir Fluid Motion, das nur bei Blu-ray-Discs mit ihren 24 Vollbildern pro Sekunde wirkt. Diese Funktion fügt Zwischenbilder ein, wie bei hochwertigen Fernsehern, HDMI-Receivern und Projektoren. Wir haben AMDs flüssige Videos mit dem Test-PC mit der Zwischenbildberechnung des älteren HDTVs 40ZF von Toshiba und dem aktuellen Benq-Beamer W1400 verglichen. Vor allem der Projektor wird von vielen Testern mit der Einstellung "Niedrig" für seine Zwischenbildberechnung gelobt - kostet aber auch rund 950 Euro. Auch wir finden die Glättung in der niedrigen Einstellung für Kinofilme akzeptabel, der gefürchtete Soap-Effekt tritt dabei noch nicht auf.

Mit der fordernden Anfangssequenz von Roland Emmerichs The Day after Tomorrow haben wir die Zwischenbildberechnung von Fernseher und Beamer mit der AMD-Lösung verglichen. Das Ergebnis: Das Ruckeln mildern alle Verfahren, AMDs Videoverflüssigung wirkt aber etwas natürlicher und fällt nicht durch spontane kleine Ruckler auf. Die produziert mit unserem Setup sowohl der Fernseher als auch der Beamer. Wenn wir die Wahl hätten, würden wir Fluid Motion bevorzugen, gefolgt von der Zwischenbildberechnung des Beamers, der ältere Fernseher wirkt etwas zu glatt.

Wie schon bei VSR gibt es auch bei Fluid Motion Haken: Eine APU ab der Serie A 7000 oder eine R7- oder R9-Grafikkarte ist nötig. Zudem wird die Funktion bisher nur vom kostenpflichtigen PowerDVD 14 unterstützt und auch nur für Blu-ray-Discs. Wer das Programm kauft, kann sich aber mit einer APU einen recht günstigen Heimkino-PC bauen, der auch ältere Beamer oder Fernseher ohne Zwischenbildberechnung entruckelt.

Natürlich spielt bei einer Erneuerung einer Treiberarchitektur auch die Leistung mit Spielen eine Rolle - hier gibt AMD im Vergleich von Catalyst 13.12 zu Catalyst Omega, also im Zeitraum eines Jahres, bei populären Titeln einen Vorsprung von 8 bis 19 Prozent an. Wir haben diese von AMD selbst gemessenen Spiele nicht neu getestet, sondern Tomb Raider und Thief vermessen. Ersteres erschien schon vor dem Catalyst 13.12, Letzteres danach, so dass AMD an beiden Spielen viel optimieren konnte. Beide Titel werden im Schnitt 12 Prozent schneller, was klar messbar, aber beim Spielen nur schwer merkbar ist.

Neuerungen gibt es auch für Linux-Anwender. Statt wie bisher das Packen des Treibers den Linux-Distributionen zu überlassen, stellt AMD diese nun zumindest für RHEL 7 und die Ubuntu-LTS-Versionen 12.04 und 14.04 selbst bereit. Offiziell hat AMD seinen Linux-Nutzern zuvor nur die Binärdateien mit dazugehörigen Skripten angeboten, so dass der Treiber manuell installiert werden konnte.

Für Linux-Nutzer, die den proprietären AMD-Treiber einsetzen, wird sich dadurch in der Handhabung wohl aber nicht viel ändern. Denn die von den Distributionen eigens gepflegten Pakete vereinfachten die Installation für die Nutzer ohnehin. Einzig die freiwilligen Paketbetreuer könnten von dieser Arbeitserleichterung profitieren.

Insgesamt ist AMD auf technischer Seite mit dem Catalyst Omega ein überzeugender Neustart gelungen. VSR ist noch einfacher als bei Nvidia verwendbar, es fehlt aber die 4K-Auflösung für alle Karten. Auch das CCC braucht eine Überarbeitung - dann ist AMD auch beim Treiberkomfort auf Augenhöhe mit Nvidia. Bisher ist der Catalyst Omega eine gelungene Ablenkung von der Tatsache, dass AMD Ende 2014 keine neue GPU-Architektur vorstellen konnte - aber das wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Der Catalyst Omega soll laut AMD ab sofort auf den Treiberseiten des Unternehmens verfügbar sein.

Nachtrag vom 10. Dezember 2014, 14:20 Uhr:

Anders als bisher behauptet lässt auch Nvidias DSR systemweit im Treiber aktivieren. Die Geforce Experience ist nicht nötig, aber hilfreich, weil das Programm die für das System empfehlenswerten Auflösungen vorschlägt. Die Aktivierung von DSR ist damit nicht umständlicher als bei AMDs VSR. Der Text wurde an einer Stelle geändert, wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.  (nie)


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