Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/filmkritik-citizenfour-edward-snowden-ganz-nah-1411-110341.html    Veröffentlicht: 06.11.2014 09:08    Kurz-URL: https://glm.io/110341

Filmkritik Citizenfour

Edward Snowden, ganz nah

Der Whistleblower Edward Snowden steht exemplarisch für den harten Umgang mit Whistleblowern durch die US-Regierung. Laura Poitras' neuer Dokumentarfilm Citizenfour zeigt ihn ganz persönlich in der spannenden Phase kurz vor und nach den ersten Enthüllungen.

Verschlüsselte E-Mails in einem Terminal. Texteingaben auf einer riesigen schwarzen Leinwand: "Ich bin ein Freund." Der Dokumentarfilm Citizenfour beginnt wie ein Agententhriller. Ein Unbekannter versucht, das Vertrauen der Dokumentarfilmerin Laura Poitras zu gewinnen, sie davon zu überzeugen, dass er wertvolle, aber äußerst heikle Informationen für sie und den Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald hat. Er nennt sich Citizenfour.

Es sollte eigentlich kein Film über Edward Snowden werden, es wurde aber einer: Das Konterfei des Whistleblowers ist auf dem Filmplakat zu sehen. Und Snowden hat die Gelegenheit genutzt, an seinem eigenen Mythos zu stricken. Er hat zur Premiere des Films in Leipzig eine Videobotschaft verfasst. Die Menschen in Leipzig seien für ihn ein Vorbild: normale Menschen, die durch friedlichen Widerstand immer montags ein repressives Regime zu Fall gebracht hätten. Snowden redet und handelt fast wie ein Held aus einem Comic. So wird er auch im Film gezeigt. Und doch macht er eine Wandlung durch, von einem etwas naiven zu einem klugen Mann. Er habe viel über den Umgang mit Medien lernen müssen, sagte Poitras.

Die Angst der Whistleblower

Citizenfour ist Poitras' dritter Dokumentarfilm über die Zeit nach dem 11. September 2001. Alle drei Filme erzählen von den Auswirkungen der Terroranschläge auf die politischen Entscheidungen der USA. Sie zeichnen ein Bild einer Nation, die überreagiert. Und von Journalisten und Whistleblowern in Angst. Tatsächlich gehören die ersten Minuten William Binney. Binney ist ebenfalls Whistleblower und hat früher für die NSA Analysewerkzeuge programmiert. Er hat schon vor dem 11. September an Software gearbeitet, die geheimdienstliche Daten auswerten sollte. Dann kritisierte er seinen ehemaligen Arbeitgeber, wurde verhaftet und angeklagt.

Die Angst zeigt sich auch bei der ersten Kontaktaufnahme Snowdens mit der Dokumentarfilmerin. Citizenfour hat Poitras nicht zufällig ausgewählt. Er sucht den Kontakt zu dem Journalisten Glenn Greenwald, den er über verschlüsselte Kanäle nicht erreicht hat, und weiß, dass Poitras ihn gut kennt. Und Poitras, auch das weiß er, kennt sich mit Verschlüsselungstechniken aus. Citizenfour will sicherstellen, dass kein Geheimdienst die Konversationen abhören kann. PGP-Schlüssel werden erstellt, werden über Fingerprints verifiziert. Sicher habe sie sich nicht dabei gefühlt, sagt Poitras am Rande des Dokumentarfilmfests. Es hätte auch eine Falle sein können.

Besuch von der NSA

Dennoch stellte sie den Kontakt zwischen Greenwald und Snowden her - und Greenwald beginnt, über die massenhafte Überwachung durch Geheimdienste zu schreiben. Die NSA-Affäre nimmt ihren Lauf. Der Film Citizenfour handelt von den Schwierigkeiten, die Journalisten bekommen, wenn sie kritisch über die US-Regierung und ihre Verbündeten berichten. Über die Gefahren für Whistleblower, die aufzudecken versuchen, was die Regierungen lieber im Geheimen lassen möchten. Den Namen Citizenfour hat sich Snowden selbst gegeben. Four steht für die vierte Gewalt in einer Demokratie, die der Presse, der Journalisten. Er sieht sich als Bürgerjournalist.

Snowden flüchtet nach Hongkong. Im Hotelzimmer erfährt er per Chat, dass seine Freundin Besuch von der NSA in der gemeinsamen Wohnung gehabt habe. Die Straße vor seinem ehemaligen Zuhause sei voller Bauwagen, die Miete werde nicht mehr überwiesen. In fünf Tagen erfolge die Zwangsräumung. Snowden sieht traurig aus. Wenigstens sei sie noch am Leben, sagt er. "Sie sind mir auf der Spur", sagt Snowden zu Greenwald.

Gefangen im Hotelzimmer

In dem Hotelzimmer in Hongkong begegnen sich Greenwald und Snowden zum ersten Mal. Poitras ist dabei, sie filmt sechs Tage lang alles, was in dem Zimmer geschieht - unter Anspannung. Snowden überträgt Dokumente auf einen Laptop mit der Linux-Distribution Tails. Er gibt das Passwort unter einem roten Tuch ein, das seinen Kopf, seine Hände, das Gerät verdeckt. Greenwald sieht besorgt zu. Den Laptop hat Snowden für ihn eingerichtet, ohne Netzwerkanschluss - ein Airgap-Gerät. Ein Aufkleber mit dem Schriftzug Tor ist zu sehen, vom Anonymisierungsnetzwerk. Greenwald gibt sein Root-Passwort ein, lehnt das rote Tuch ab, das Snowden ihm anbietet. Der Whistleblower rät: "Dein Passwort hat nur vier Zeichen." "Es sind zehn Zeichen, ich tippe schnell", erwidert Greenwald.

Abgeklemmte Telefone

Ein Feueralarm geht mehrfach los. Zuerst lachen sie, dann blicken Snowden und Greenwald immer besorgter. Snowden hat das VoIP-Zimmertelefon abgesteckt. Darüber könne auch abgehört werden, sagt er. Jetzt klemmt er es wieder an, ruft bei der Rezeption durch, erfährt, dass es sich um Wartungsarbeiten handelt. "Das hätten sie uns auch früher sagen können."

Poitras spielt zwar selbst eine zentrale Figur, ist involviert in die Geschichte, aber in dem Film ist sie selten zu sehen. Nur wenige Male erscheint sie im Spiegel hinter ihrer Kamera. Nur die E-Mails an sie und von ihr, die Chats über Jabber samt OTR mit ihr deuten auf ihre nicht unwesentliche Rolle in den Ereignissen um Snowdens kurzen Aufenthalt in Hongkong hin.

Verbrannte Zettel

Der Film vermittelt gelungen, unter welcher Anspannung Whistleblower und kritische Journalisten ihre Arbeit jetzt machen müssen. Alle verschlüsseln, sie schalten ihre Mobiltelefone ab, müssen sie abgeben, wie die Gruppe von Menschenrechtsanwälten in Berlin, die Snowden unentgeltlich vertreten. Poitras habe auf Reisen immer ihren eigenen Drucker mitgenommen. Selbst bei den Produktionsarbeiten seien viele Unterhaltungen auf Papier geschrieben, anschließend in kleine Teile zerrissen und dann verbrannt worden, erzählt der deutsche Produzent Dirk Wilutzky.

Wieder ist die Kommandozeile zu sehen: Ein Informant hat mir mitgeteilt, dass das FBI uns und unsere Angehörigen und Freunde im Visier hat, schreibt Greenwald an Poitras. Woher hast Du die Information? Aus einer vertrauenswürdigen Quelle.

Zerstörte Laptops

Greenwalds Lebensgefährte wird gezeigt, als er in Brasilien landet. Übermüdet und verängstigt. Die Briten haben ihn mehrere Stunden am Flughafen Heathrow festgehalten und befragt. Journalisten der britischen Zeitung The Guardian diskutieren: "Dafür können sie uns dichtmachen." Im Keller des Bürogebäudes des Guardian werden Rechner und Festplatten zerstört, die Kamera macht wackelige und körnige Aufnahmen aus einem anderen Raum, durch einen Türrahmen mit angelehnter Tür. Poitras und Greenwald beschließen, zunächst nicht mehr in die USA zu reisen.

Der Film wirkt zeitweilig seltsam ruhig, kaum provozierend, aber dann auch wieder äußerst beunruhigend und düster. Denn Poitras wertet nicht, sie erzählt distanziert - auch deshalb, weil sie ein Teil der Geschichte ist. Aber genau das macht die Stärke des Films aus. Denn obwohl er einige wenige stilistische Mittel einsetzt, um die Spannung zu erhöhen, ist Citizenfour dann doch kein Agentenfilm. Sondern ein Krimi.

Citizenfour outet sich

Die ersten Artikel zu Prism sind erschienen, Snowdens Name ist in der Öffentlichkeit aber noch nicht erwähnt worden. Snowden möchte kein Schattenmann bleiben. Er will der Öffentlichkeit mitteilen, wer er ist. Greenwald und der Guardian-Reporter Ewen MacAskill fragen nach: Ist das wirklich sein Wunsch? Snowden bestätigt. Es gehe nicht um ihn, sondern um die Sache. Mit seinem Outing wolle er den Fokus auf die Dokumente lenken und von seiner Person ablenken. Gelingen wird ihm das nicht ganz.

Als Snowdens Name bekannt wird, muss er umgehend das Hotel in Hongkong verlassen. Er wird zunächst zu der UNHCR-Vertretung in der chinesischen Stadt geschafft. Dann nehmen ihn Aktivisten von Wikileaks in ihre Obhut. Der Kontakt zu Poitras und Greenwald bricht ab. "Diese Leute sind extrem vorsichtig", schreibt er an Poitras, "ich darf nicht mehr mit euch sprechen. Ihr seid zu exponiert." Wikileaks-Gründer Julian Assange ist in seinem Zimmer in der Ecuadorianischen Botschaft zu sehen. Er versucht, Snowden Asyl in Venezuela oder Ecuador zu verschaffen. Die Szene wirkt gestellt. Snowden strandet in Moskau.

Angst in Nahaufnahmen

Wer die Geschichte von Snowden und die durch ihn ermöglichten Enthüllungen verfolgt hat, wird in Citizenfour kaum Neues erfahren. Der Film komprimiert jedoch nicht nur die ganze Geschichte Snowdens als Whistleblower, er zeigt die beteiligten Menschen aus der Nähe. Auch wenn immer wieder betont wurde, wie gefasst und entschlossen Snowden gewesen sei, der Zuschauer sieht seine Angst, seine Einsamkeit in einer fremdem Stadt, die er nur durch das Hotelfenster betrachtet, seine Reaktion auf den zeitweiligen Kontaktverlust zu seiner Familie. Es sind bewegende Bilder in einem sehenswerten Film.

Citizenfour wurde von Laura Poitras und dem Regisseur Steven Soderbergh sowie unter anderem auch von Dirk Wilutzky von der Berliner Praxis Films produziert. Für den Schnitt war Mathilde Bonnefoy verantwortlich, die auch mit Tom Tykwer an dessen Filmen Lola rennt und Der Krieger und die Kaiserin gearbeitet hat. Der Dokumentarfilm läuft in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln am 6. November 2014 in den deutschen Kinos an.  (jt)


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