Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-advanced-warfare-call-of-duty-popcorn-vom-feinsten-1411-110270.html    Veröffentlicht: 03.11.2014 13:17    Kurz-URL: https://glm.io/110270

Test Advanced Warfare

Call-of-Duty-Popcorn vom Feinsten

Ein Hollywoodstar mischt in der Kampagne mit, es gibt mehr Gadgets als in jedem James-Bond-Film und die Handlung ist erstmals ziemlich gut: Mit Advanced Warfare reiht sich Call of Duty endgültig in die großen Blockbuster ein - und bietet zusätzlich den gewohnt guten Multiplayermodus.

Der Arm ist ab! Genauer gesagt: unser Arm - wir verlieren ihn gleich im ersten Einsatz von Advanced Warfare, in dem wir 2054 in der US-Armee in Südkorea gegen die Invasion aus dem Norden kämpfen. Für Soldaten wie uns bedeutet das eigentlich das Karriereende. Im neuen Call of Duty bekommen wir gleich für den zweiten Einsatz eine Prothese, die nach ein bisschen Feintuning dann auch gleich besser funktioniert als das Original - unter anderem können wir dank der eingebauten Supermagneten an Stahlwänden hochlaufen.

Die Hightech-Hand ist nur eines von vielen Gadgets, die das Spielgefühl im neuen Advanced Warfare bestimmen. Schon in den letzten Serienteilen hat sich die Serie immer weiter in die Zukunft vorgewagt, jetzt hat sie endgültig zu James Bond und dessen Spezialgerätschaften aus dem Labor von Q aufgeschlossen.

So manchem altgedienten Serienfan dürfte die Abkehr weg vom (pseudo-) authentischen Elitesoldatenpathos weniger gefallen als ein Marschbefehl nach Sibirien. Aber immerhin sorgen die Extras in der fünf bis sechs Stunden langen, in zehn Missionen unterteilten Kampagne von Advanced Warfare für viel Abwechslung und Überraschungen - ernst zu nehmen ist das an keiner Stelle, aber der Staun-und-"Das meinen die jetzt nicht ernst"-Faktor ist enorm hoch.

Überhaupt spielt sich das vom Activision-eigenen Entwicklerstudio Sledgehammer Games produzierte Advanced Warfare deutlich anders als die Vorgänger. Zum einen geht es viel weniger düster-martialisch zu: Es gibt kaum noch krasse Gewaltszenen, und eine Stelle mit Folter ist so harmlos umgesetzt, dass sie (ernsthaft) auch im Vorabendprogramm laufen könnte. Oft kämpfen wir an sonnendurchfluteten Einsatzorten, eine Mission in Griechenland erinnert mit einer kurzen Zielobjektverfolgung tatsächlich sehr stark an Gemeinagentenfilme.

Zum anderen steuern wir erstmals nur einen einzigen Protagonisten, nämlich einen Soldaten namens Mitchell - über dessen Privatleben oder Vergangenheit wir so gut wie nichts erfahren. Mitchell kämpft zuerst für die Armee und dann für ein privates Sicherheitsunternehmen namens Atlas. Dessen Chef trägt das Antlitz von Kevin Spacey. Inwieweit der tatsächlich länger vor den Motioncapture-Kameras der Entwickler stand, ist unklar.

Das Ergebnis ist in jedem Fall viel besser als erwartet: Der von Spacey "dargestellte" Firmenboss trägt die Story tatsächlich und ist eine Figur, die auf angenehm subtil dargestellte Art sogar so etwas wie eine Charakterwandlung erfährt. Advanced Warfare erzählt das mit extrem wenigen, aber gelungenen Bildern. Unterm Strich erzählt natürlich auch das jüngste Call of Duty "nur" einen eher schlichten Actionplot, aber das immerhin um Klassen besser als die Vorgänger - das ist letztlich gut so, aber ein bisschen fehlt dem Programm dadurch auch die eigene, unverwechselbare Atmosphäre.

Zeitlupe auf dem Schlachtfeld

Auch die Gadgets machen die Schießerei in der Kampagne zwar interessanter, aber zugleich ein bisschen austauschbar. So gibt es nun sogar in Call of Duty ein Extra, mit dem wir auf Knopfdruck die Zeit verlangsamen und so einen Gegner nach dem anderen ausschalten können - Overdrive heißt das gute Stück. Dank unseres Exoskeletts können wir in den meisten Missionen ähnlich hoch wie ein Jediritter springen, in anderen Einsätzen können wir außerdem ein Schutzschild vor uns hochfahren.

Besonders teils aufwendig animiert sind die Gegenstände, mit denen wir im Verbund mit den computergesteuerten Kameraden durch Wände gucken oder uns - sogar schallgedämpft - durch dicke Betondecken sprengen. Die Gesetze der Physik gelten da schon lange nicht mehr, aber der Unterhaltungsgewinn ist groß, zumal die hohe Überraschungsdichte bis zum Ende der Kampagne durchgehalten wird. Die schickt uns übrigens wieder in die ganze Welt, unter anderem sind wir in Nigeria, Griechenland und in einem düsteren Einsatz in Seattle unterwegs. Besonders interessant finden wir einen Abstecher nach Camp David, also das Wochenendhäuschen des jeweiligen US-Präsidenten in Maryland.

An den Schauplätzen haben wir es mit mehr oder weniger dick gepanzerten Feinden zu tun, also den serientypischen Armeen an Fußsoldaten und dazwischen ein paar dickeren Biestern, deren Panzerstahl wir mit entsprechend großkalibrigen Geschossen zerdeppern müssen. Die KI spielt nach wie vor keine nennenswerte Rolle - Call of Duty setzt auf Masse statt auf kluge Gegner, was aber auch Spaß macht. Die meisten Feinde gehören zu Superorganisationen namens KVA oder Hades, die wir im Verlauf der Handlung jeweils kurz vorgestellt bekommen.

Die Grafik ist nochmal besser als in Ghosts aus dem Vorjahr, insbesondere die Gesichter sehen teils atemberaubend gut aus. Auch das Leveldesign, die Texturen und ein großer Teil der Licht- und Schatteneffekte sind auf aktuellem Stand der Technik und lassen kaum Wünsche offen. Advanced Warfare ist nicht direkt High-End, aber mit mehr Sorgfalt und Liebe zum Detail produziert als viele andere Spiele. Laut den Entwicklern läuft das Programm auf der Playstation 4 übrigens nativ in einer Auflösung von 1080p (1.920 x 1.080 Pixel), die Xbox-One-Fassung hingegen in einer dynamisch variierenden Auflösung von 1.360 x 1.080 bis 1.920 x 1.080 Pixel. Beide Versionen verwenden eine Bildrate von 60 fps.

Der Multiplayermodus bietet Gewohntes mit der jährlichen, diesmal eher etwas größer ausgefallenen Beigabe an Neuerungen. Das Programm hat zwölf Modi, darunter Klassiker wie Capture the Flag, Team Deathmatch und Hardpoint. Neu ist eine Spielart namens Uplink, bei der die beiden Teams um einen Ball kämpfen, den sie durch Werfen zu Kameraden und vor allem in eine Energiekugel befördern müssen.

Multiplayer und Fazit

Das altbekannte Charaktergenerierungssystem "Pick 10" ist in neuer Form unter dem Namen "Pick 13" auferstanden. Spieler haben nun mehr Möglichkeiten, ihr Alter Ego nach eigenen Vorstellungen auszustatten. So sollen etwa 350 Waffen im Spiel sein, darunter auch Energiekanonen, die etwa mit nicht sehr schön gemachten Laserstrahlen feuern. Für das Loot-System hat sich Sledgehammer Games eine neue, nett aufgemachte Präsentationsform namens Supply Drops ausgedacht, die je nach Spieldauer und Erfolgen alle gewonnenen Ausrüstungsteile mit schicken Glitzereffekten präsentiert.

Call of Duty - Advanced Warfare ist ab dem 4. November 2014 für Xbox 360 und One, Playstation 3 und 4 sowie für Windows-PC erhältlich; zum Test lag uns die PS4-Fassung in Version 1.03 vor. Die Preise liegen je nach Händler und Plattform zwischen 50 und 60 Euro.

Hierzulande erscheint das Spiel vollständig und sehr gut lokalisiert, Kevin Spacey hat seine bekannte Synchronstimme aus Kino und TV. Das Programm enthält nach Angaben von Activision keine inhaltlichen Schnitte; insgesamt geht es übrigens generell etwas weniger gewalthaltig zu als bei den Vorgängern. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Von wegen Pflichtveranstaltung! In keinem anderen Call of Duty gab es eine so gut gelaunte Kampagne wie in Advanced Warfare. Und das trotz der teils düsteren Handlung. Die ach so superernsthaften Elitesoldaten zaubern allerlei alberne und bestaunenswerte Hightech-Gadgets aus der Waffenkammer. Dagegen sieht James Bond blass aus!

Das heißt aber auch: Wer vor allem die martialischen Seiten früherer Call of Duty mochte, kommt in Advanced Warfare nicht auf seine Kosten. Stattdessen gibt's noch massenkompatiblere, bei aller Linearität glänzend inszenierte fünf bis sechs Stunden Ballerspaß mit viel Abwechslung, tollen Effekten und ohne jeden Leerlauf.

Und obwohl wir echte Schauspielstars in Games und 3D-Sequenzen sonst meist albern finden: In diesem Fall ergibt sogar der Auftritt von Kevin Spacey Sinn. Wer auch immer ihn gespielt oder animiert hat, hat eine interessante Figur mit Tiefe geschaffen. Und das auch noch in einer erstmals immerhin einigermaßen interessanten und verständlichen Handlung.

Jenseits der Kampagne bietet der diesjährige Multiplayermodus natürlich die bewährte Mischung aus ein paar Neuerungen und vielen bewährten Elementen. Größte Änderung ist der Hochsprung - wir finden ihn gut. Wer die etwas phantasievoll-freiere Neuausrichtung der Serie mag, sollte Advanced Warfare ruhig eine Chance geben.  (ps)


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