Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-civilization-beyond-earth-die-zukunftsrunde-mit-der-schuldenfalle-1410-110028.html    Veröffentlicht: 23.10.2014 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/110028

Test Civilization Beyond Earth

Die Zukunftsrunde mit der Schuldenfalle

Ein kleiner Schritt für Firaxis, aber ein großer Schritt für Civilization? Mit Beyond Earth schickt Sid Meier sein Rundenstrategiespiel erstmals unter dem Namen seiner beliebtesten Marke ins Weltall. Wir haben uns im Test mit grünen Aliens verbündet, sind im ersten Anlauf aber an ganz terrestrischen Problemen gescheitert.

Die Zukunft sah so rosig aus. Unsere Französisch-Iberische Allianz war eins mit der Natur geworden auf dem fremden Planeten, den wir gemeinsam mit den Chinesen, Russen und Amerikanern besiedelten. Die grünen Aliens verschonten uns nicht nur im Kampf, sie kooperierten sogar und eroberten Städte. Die eigene Forschung hatten wir soweit vorangetrieben, dass Ranger durch Exoskelettrüstungen aussahen wie im Film Predator. Ein Sieg der Harmonie mit der Natur war zum Greifen nah...! Doch dann kam der Kontoauszug am Ende von Runde 341.

Die vielen Einheiten kosteten zu viel Unterhalt. Der Verteidigungskrieg gegen die neidischen Nachbarn stand auf dem Spiel, doch mit dem Schuldenberg verloren wir Runde für Runde eine unserer teuren Eliteeinheiten. Schnell entschlossen wir uns, die Hauptstadt Le Coeur und die Ressourcenhochburg Aintza auf Energieproduktion (Energie = Geld) umzustellen, um doch noch das Schlimmste abzuwenden. Doch es war zu spät. Viele Fehler lassen sich im neuen Civilization noch korrigieren. Wer aber Krieg ohne Kohle führt, verliert am Ende alles - ganz wie auf der Erde.

Ein Civilization für Entdecker

Das Rundenstrategiespiel Beyond Earth ist nicht wie Civilization 5 (Civ 5) und noch viel weniger wie Alpha Centauri. Es gibt zwar viele Gemeinsamkeiten, allen voran Grafikengine, Interface und Steuerung. Siedler gründen neue Städte, die wir nach bestem Wissen und Gewissen ausbauen. Mit den ausgebildeten Einheiten erforschen wir das Festland, die Meere und annektieren so viele Ressourcen wie möglich. Durch den Bau neuer Gebäude, das Erschließen von Handelsrouten und politische Entscheidungen verwalten wir den Output von Nahrung, Produktion, Wissenschaft, Kultur und Energie unserer Zivilisation.

Aliens und Technologienetz statt Barbaren und Technologiebaum

Statt Barbaren treffen wir in Beyond Earth auf grüne Aliens in Chitin-Panzern. Es gibt fliegende und berittene Varianten sowie die besonders mächtigen Belagerungswürmer. Im Gegensatz zu den altbekannten Barbaren sind die Aliens zu Spielbeginn fast nicht zu besiegen, der Spieler sollte ihnen also aus dem Weg gehen. Glücklicherweise entwickeln sich die Außerirdischen auch nicht weiter und so können wir es im Spielverlauf entweder militärisch mit ihnen aufnehmen oder uns entscheiden, sie zu Verbündeten zu erziehen.

Die friedliche Option setzt immer voraus, dass wir die nötigen Technologien erforschen, die uns auf den Weg der Harmonie bringen. Das ist eine von drei neuen Affinitäten in Beyond Earth, zwischen denen sich Spieler entscheiden müssen.

Neben Harmonie stehen noch Reinheit und Vorherrschaft zur Wahl. Theoretisch können Punkte in allen drei Affinitäten gesammelt werden, die Spezialisierung auf eine ergibt jedoch am meisten Sinn. Je mehr Punkte in einer Affinität vorliegen, desto stärkere Eliteeinheiten stehen zur Verfügung. Anhänger der Vorherrschaft bekommen so recht früh im Spiel äußerst starke Cyborgs mit dem vierfachen Angriffswert normaler Einheiten. In all unseren Partien war das rechtzeitige Ausbilden der jeweiligen Spezialeinheiten das wichtigste Ziel, um bis zum Ende um den Sieg kämpfen zu können.

Der alte recht lineare Technologiebaum wird in Beyond Earth durch ein ziemlich unübersichtliches Technologienetz ersetzt. Kleine Markierungen weisen die Forschungswege aus, die für die gewünschte Affinität besonders wichtig sind. Berater für das Militär, Ökonomie und Kultur geben ebenfalls ihren Ratschlag nur in Form eines Symbols. Davon abgesehen gibt es abseits von ein paar Filterfunktionen wenig Hilfestellung für den Spieler, auf welchem Weg er idealerweise Forschung betreiben sollte.

Missionen, Satelliten und Spione

Die erste Aufklärungseinheit braucht meistens nicht lange, bis sie das erste Mal auf verstreute Riesenskelette, Ruinen oder Artefakte stößt. Meistens sind sie der Startpunkt für die neuen Missionen in Beyond Earth. Diese Aufträge variieren zwischen schnell mal eben erledigt, wenn es darum geht, zwei entsandte Pods von der Erde zu bergen, bis hin zu Okay, das versuche ich in 50 Runden vielleicht mal. Dann geht es beispielsweise darum, eine besonders seltene Ressource zu erschließen oder das eigene Satelliten-Netz auszubauen.

Was alle Missionen gemein haben: Sie bringen Boni auf Ressourceneinkommen, Kultur oder Affinitätspunkte. Der Spieler wählt zwischen zwei Optionen nach dem erfolgreichen Abschluss einer Mission. Meistens präsentiert eine Option einen kurzfristig effizienten Bonus, die zweite eine längerfristig wirksame Vergütung.

Die Missionsbeschreibungen erzählen fast so etwas wie eine kleine Hintergrundgeschichte zum Planeten und fördern vor allem bei der ersten Partie die Atmosphäre enorm. Außerdem haben sie noch einen zweiten positiven Effekt. Sie sind so etwas wie ein begleitendes Tutorial. Durch ihre Belohnungen bringen sie den Spieler dazu, die neuen oder andersartigen Spielmechaniken auszuprobieren, zum Beispiel das erwähnte Satellitennetz aufzubauen.

Neuer Satellit im Orbit

Die Satelliten gehören zu den spannendsten taktischen Neuerungen von Beyond Earth. Sie können offensiv wie defensiv eingesetzt werden oder sorgen einfach nur für mehr Einkommen durch die Geländefelder unter ihnen. Alle Satelliten können nur eine bestimmte Anzahl von Runden im Orbit bleiben, bevor sie wieder auf die Oberfläche herabstürzen. Dort können Aufklärungseinheiten erneut ein Camp errichten, um an wertvolle Forschungspunkte zu kommen.

Bei der Spionage hat sich gegenüber Civilization 5 Gods & Kings nicht viel getan. Spieler können Spione in fremde Städte entsenden. Dort errichten sie sich eine Schaltzentrale und geben Auskunft über die Details der Städte. Je länger sie unbemerkt und erfolgreich arbeiten, desto komplexere Aufträge können sie für den Spieler erfüllen: zum Beispiel eine Technologie stehlen oder via Coup d'État die komplette Stadt übernehmen.

Technik, Verfügbarkeit und Fazit

"Unsere Reise durch die unendlichen Weiten war dunkel und still", erklärt uns die Stimme im Intro von Beyond Earth. Zum Glück trifft das nur auf die Reise zu. Auf den neuen Planeten buhlen bunte Ressourcen in schillernden Farben um die Aufmerksamkeit des Spielers. Auch bei der Musik hat Firaxis erneut genau den richtigen Nerv getroffen und bietet einen Soundtrack, der sich irgendwo zwischen Brahms und den Filmmusiken von Star Trek und Star Wars ansiedelt. Je nach Spielsituation - Krieg, Handel, Expansion - ändern sich die orchestral eingespielten Musikstücke dynamisch. Grafisch ist Beyond Earth keine große Verbesserung gegenüber dem vier Jahre alten Civilization 5. Die Engine wirkt aber nach wie vor modern und schick.

Sid Meier's Civilization Beyond Earth erscheint am 24. Oktober 2014 für Windows-PC über Steam sowie DVD und kostet knapp 50 Euro. Noch in diesem Jahr sollen angepasste Versionen für Mac OS und Linux folgen. Die Mac-Fassung wird zusätzlich über den App Store vertrieben. Die Windows-Version unterstützt die Grafikschnittstelle Mantle, die mit den passenden Grafikchips für eine bessere Performance der 3D-Grafik sorgt. Die USK hat den Titel ab 12 Jahren freigegeben.

Fazit

Beyond Earth ist kein Civilization 6 und es ist auch nicht Alpha Centauri 2. Allein durch die nach wie vor sehr militärisch geprägte Hexfeldstrategie mit je nur einer Einheit pro Feld spielen sich die Partien recht ähnlich wie in Civ 5. Alpha Centauri spielt sich dagegen fast völlig anders und nur ein paar Details erinnern an die Verwandtschaft zu Sid Meiers letztem Ausflug zu den Sternen.

Es handelt sich bei Beyond Earth aber auch bei weitem nicht nur um ein simples Weltraum-Addon. Die Spielmechanik wird gerade durch die drei Affinitäten umgekrempelt und macht auf eine neue Art und Weise Spaß und dabei gleichermaßen süchtig. Die neuen Satelliten bieten zahlreiche taktische Möglichkeiten, die Affinitäten, Tugenden und Science-Fiction-Technologien wurden stimmungsvoll erdacht.

Die Spezialeinheiten und Ressourcen unterscheiden sich gerade gegen Spielende deutlich vom Endkrieg aus Civ 5. Besonders gut haben uns die neuen Missionen gefallen. Sie geben Solospielern mehr Struktur, erzeugen zusätzliche Atmosphäre und dienen gleichzeitig als intelligentes Tutorial.

Diplomatie, Spionage und Handelsrouten wurden bei den Anpassungen dezent vereinfacht - in diesem Bereich bleibt Civ 5 mit allen Addons eine Spur komplexer und vor allem über ein gesamtes Spiel interessanter als Beyond Earth. Das nun weniger lineare Technologienetz hätten die Entwickler übersichtlicher gestalten können, hier müssen Spieler unnötig viel Zeit investieren.

Wir werden Beyond Earth eine sehr lange Zeit über den Test hinaus spielen. Sid Meiers zweites extraterrestrisches Aufbauspiel ist insgesamt eine äußerst runde Angelegenheit und weckt die Neugier bei Civ-Neulingen wie -Veteranen gleichermaßen.  (mw)


Verwandte Artikel:
Civilization 6 auf iPad angespielt: Rundenbasierte Spieltiefe erobert Flachdisplay   
(22.12.2017, https://glm.io/131833 )
Sid Meier: Mit Civilization Beyond Earth ins All   
(13.04.2014, https://glm.io/105829 )
Civilization 6: Erweiterung mit dunklen und goldenen Zeitaltern   
(30.11.2017, https://glm.io/131417 )
Onlinemodus: Civ 3 und 4 sowie Borderlands ziehen um   
(23.04.2014, https://glm.io/106012 )
Firaxis Games: Civilization 6 kämpft mit Update schlauer   
(30.03.2017, https://glm.io/127035 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/