Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/humanitaere-freie-software-programmieren-fuer-einen-guten-zweck-1410-109912.html    Veröffentlicht: 27.10.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/109912

Humanitäre freie Software

Programmieren für einen guten Zweck

Kriege, Überschwemmungen oder Waldbrände: Wenn Menschen in Gefahr sind, laufen internationale Hilfsmaßnahmen an. Humanitäre freie und offene Software unterstützt die Katastrophenhelfer.

Humanitäre freie und offene Software steht für Anwendungen, die nur einen Zweck haben: Unterstützung in der humanitären Hilfe. Die Grundlagen solcher Softwareprojekte sind der freie und uneingeschränkte Zugang zu Datenressourcen, ein offener Quelltext, der von vielen Freiwilligen laufend verbessert wird, und der hohe soziale Nutzen der fertigen Tools.

Das bekannteste Beispiel humanitärer freier und offener Software ist Openstreetmap (OSM). Das ist eine Weltkarte, die von vielen Freiwilligen erstellt und ergänzt wird. Die Karten von Openstreetmap können Leben retten. <#youtube id="P8qKaL9IGjk"> Als sich im November 2013 der Wirbelsturm Haiyan auf die Philippinen zubewegte, setzten sich mehr als tausend Menschen weltweit zu Hause an ihre Rechner und aktualisierten das Kartenmaterial der Küstenstadt Tacloban City, die sich im Osten der Philippinen befindet. Bereits wenige Tage nach dem verheerenden Wirbelsturm gab es die ersten Satellitenbilder von der Inselgruppe. Im Minutentakt wurden neue Bilder und aktuelle Geodaten in Openstreetmap hinzugefügt. Die hochauflösenden Straßenkarten von Tacloban City zeigten genau, welche Straßenzüge in der Großstadt besonders schwer von dem Orkan betroffen waren und wo internationale Hilfe am dringendsten notwendig war.

Hilfe bei Ebola

Humanitarian Openstreetmap (HOT) begann mit seiner Arbeit im Jahr 2010, als sich auf der Karibik-Insel Haiti ein verheerendes Erdbeben ereignete. Hunderttausende Menschen starben, mehr als eine Million Menschen wurden obdachlos. HOT vermittelte zwischen den Openstreetmap-Nutzern und den internationalen Hilfsorganisationen.

Die Aktivitäten von HOT werden meist aus der Ferne ausgeführt. Das bedeutet, die Nutzer sitzen weltweit an ihren internetfähigen Geräten wie dem PC oder Smartphone und erweitern die Landkarten von OSM mit Straßen, Gebäuden oder Plätzen. Inzwischen ist die Anzahl registrierter OSM-Nutzer auf knapp zwei Millionen gestiegen. Ein Teil dieser Nutzer fokussiert sich dabei auf die humanitären OSM-Projekte (HOT).

Derzeit werden unter anderem die von der Ebola-Epidemie betroffenen Gebiete in Westafrika kartographiert.

"Bei diesem Ebola-Projekt war das Wichtigste, die Ortsnamen zu identifizieren und die unterschiedlichen Regionen so genau wie möglich zu kartographieren", sagte Pierre Béland zu Golem.de. Der pensionierte Wirtschaftswissenschaftler war eines der Vorstandsmitglieder von HOT und koordinierte bereits einige Hilfsprojekte. Béland ist fasziniert von der Abwechslung, die ihm ein Tool wie OSM bietet. Er schreibt zum Beispiel statistische Skripte, damit die OSM-Nutzer schnell über wesentliche Fortschritte informiert werden und er diskutiert mit den Nutzern über mögliche Programmverbesserungen.

Mehr als 2.000 Nutzer hat HOT seit dem Ausbruch der Ebola-Epidemie mobilisiert, die Karten auf den neuesten Stand zu bringen. "Mehr als 120.000 Straßenkilometer, 750.000 Gebäude und 33.000 Plätze haben sie in OSM eingetragen", sagte Béland. Die Nutzer orientieren sich an Luftbildern bei Bing Maps.

RapidFTR und GNU Health

Wo Karteninformationen nicht ausreichen, kommen andere Programme zum Einsatz.

Auf einer Open-Source-Veranstaltung in Bonn wurde dieses Jahr eine Smartphone-App vorgestellt, mit der Familien in Krisenregionen wieder zusammengeführt werden können. Rapid Family Tracing and Reunification (RapidFTR) heißt das Programm, das von der Hilfsorganisation Unicef unterstützt und mit dem globalen Softwareunternehmen Thoughtworks weiterentwickelt wird.

Nach den ersten Feldversuchen in Uganda im Jahr 2012 wurde die Hilfs-App auch auf den Philippinen eingesetzt.

Hilfe bei vermissten Kindern

Zum Beispiel können Daten vermisster Kinder mit dem RapidFTR-Smartphone aufgenommen und an andere Helferteams weitergegeben werden - dazu gehören ein Foto, das Alter, das Geschlecht und der letzte bekannte Aufenthaltsort des Kindes. Die ehrenamtlichen Helfer reisen durch das betroffene Gebiet und zeigen den dort lebenden Menschen die Bilder der vermissten Kinder, um Hinweise auf deren neuen Aufenthaltsort zu bekommen.

Open Source im Krankenhaus

In eine ganz andere Richtung humanitärer Software gehen die Krankenhaus-Verwaltungsprogramme OpenMRS und GNU Health. Mit OpenMRS können zum Beispiel Patienten- und Labordaten erfasst werden, die verordnete Medikation aufgenommen oder stationäre Visiten geplant und dokumentiert werden. Wie viele andere humanitäre Hilfsprojekte legt auch die OpenMRS-Gemeinschaft den Fokus derzeit auf die Ebola-Krise in Westafrika.

Ganz ähnlich wie OpenMRS funktioniert GNU Health. Das Programm soll allen Menschen eine gleich gute und transparente Qualität in der Gesundheitsversorgung ermöglichen.

Beide Krankenhaus-Informationssysteme sind frei verfügbar und der Quelltext kann entsprechend an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Inzwischen werden beide Systeme in einigen Kliniken in Entwicklungsländern eingesetzt. Lizenzgebühren gibt es nicht. Schulungen oder Services können aber durchaus etwas kosten.  (dk)


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