Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/p2p-der-wohnsitz-beeinflusst-das-filesharing-verhalten-1410-109673.html    Veröffentlicht: 07.10.2014 11:47    Kurz-URL: https://glm.io/109673

P2P

Der Wohnsitz beeinflusst das Filesharing-Verhalten

Auf welche Weise Menschen Filesharing-Netzwerke nutzen, hängt weniger mit der simplen Verfügbarkeit von Breitbandinternet zusammen als mit den Lebensumständen der Anwender. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Sie überwachten Millionen Bittorrent-Nutzer aus armen und reichen Ländern.

Weltweit nutzen 150 Millionen Menschen mindestens einmal im Monat das P2P-Filesharing-Netzwerk Bittorrent. Je nach Kontinent trägt es zwischen 9 und 27 Prozent zum gesamten Internet-Traffic bei. Trotzdem existieren wenige Daten zum Nutzerverhalten - was daran liegt, dass es sich um ein Netz ohne zentrale Server handelt, das unter anderem gerade deshalb in dieser Form geschaffen wurde, um die Sammlung von Nutzerdaten zu erschweren.

Das Netzwerk bleibt wegen seiner ökonomischen und politischen Auswirkungen ein einflussreiches System und ein spannendes Untersuchungsobjekt für die Wissenschaft. In den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) stellt jetzt ein internationales Forscherteam Ergebnisse einer vierjährigen Datensammeltätigkeit vor. Als Messfühler diente ihnen Ono, ein Plugin für den Bittorrent-Client Vuze. Mit expliziter Genehmigung von 1,4 Millionen Usern des Plugins konnten die Forscher eine umfangreiche Datenbank darüber aufbauen, wer mit Bittorrent was mit wem austauscht.

Erste Erkenntnis: Zwar zeichneten die Wissenschaftler den Dateityp nicht auf, wohl aber die Dateigröße. Dabei ergaben sich deutlich Peaks bei bestimmten Dateigrößen, die sich Inhaltstypen zuordnen ließen. 18 Prozent der getauschten Dateien enthielten demnach Musik, 12 Prozent TV-Serien, 26 Prozent SD-Filme und 9 Prozent HD-Filme. Zusätzlich ordneten die Forscher ihren Daten das Herkunftsland der IP-Nummer zu - und waren überrascht: Einzelne Länder zeigten jeweils ziemlich klare Profile, was das Nutzerverhalten in P2P-Netzwerken betrifft. Gemeinsamkeiten lassen sich schnell finden, wenn man dazu den sozioökonomischen Status des Landes betrachtet. Nutzer aus Ländern wie Schweden, den Niederlanden und den USA verhielten sich anders als Nutzer aus Brasilien und Indien.

Die Forscher ziehen aus ihrer Arbeit Schlussfolgerungen, die zum Beispiel die Diskussion zwischen der Content-Industrie und den Peer-to-Peer-Usern betreffen. So führt allein die Möglichkeit schneller Downloads nicht dazu, dass die Nutzer tatsächlich mehr Dateien untereinander austauschen. In den USA und anderen relativ reichen Ländern werden HD-Filme und HD-TV-Sendungen nicht in dem Maße heruntergeladen wie zu erwarten, wenn man die schnellen Internetverbindungen betrachtet. Stattdessen ziehen sich die Nutzer in all den Ländern besonders viele Filme via Bittorrent, in denen nur wenige (legale) Streaming-Möglichkeiten zur Verfügung stehen - und zwar trotz der schlechteren Infrastruktur.

Zum Zweiten zeigt sich aber auch, dass eine strenge Umsetzung des Urheberrechtsschutzes wenig bewirkt: In den reicheren Ländern werden unverhältnismäßig mehr Musikdateien per Bittorrent ausgetauscht als in den ärmeren. Die Forscher vermuten, dass das noch immer an einem Mangel an einfach zugänglichen, legalen Kanälen für digitale Musik und E-Books liegt.

Schließlich, und dieser Aspekt ist den Wissenschaftlern am wichtigsten, zeigt die Untersuchung auch, dass die meisten P2P-User eher Spezialisten als Generalisten sind - ein großer Anteil der Nutzer teilt nur einen einzigen Typ von Inhalten. Das hat Folgen für die Netzwerk-Infrastruktur: Es führt dazu, dass sich das komplette P2P-Netzwerk in mehrere, kaum miteinander verknüpfte Bereiche aufspaltet. Umso wichtiger wird ein cleverer Algorithmus zur richtigen Wahl der Peers, wie ihn das Ono-Plugin zum Ziel hat. Da sich zudem die Spezialisierung oft auf Ländergrenzen beschränkt, funktionieren P2P-Netzwerke auch länderübergreifend überraschend effizient - die meisten Daten bleiben eben innerhalb der Landesgrenzen.  (mma)


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