Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-mittelerde-mordors-schatten-meine-ork-nemesis-heisst-feld-sh-1410-109647.html    Veröffentlicht: 08.10.2014 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/109647

Test Mittelerde Mordors Schatten

Meine Ork-Nemesis heißt Feldûsh

In Mordors Schatten treffe ich ihn vor dem Schwarzen Tor: Feldûsh Scharzdorn, einen Hauptmann der Uruk-hai. Er steht zwischen mir und der Schwarzen Hand Saurons.

Talion, der Waldläufer Gondors, ist tot. Ich bin tot. Eine hässliche Gestalt beugt sich über meinen Körper und reißt den blutbefleckten Speer aus meiner Brust. "Ich hab dir doch gesagt, leg dich nicht mit Feldûsh an, du Wurm!", höhnt der Uruk-hai noch, bevor er sich mit seinem Trupp davonmacht, der ihn just zum Hauptmann ernennt.

Mittelerde Mordors Schatten wird von Monolith entwickelt und ist ein Actionspiel mit leichten RPG-Einschlägen. Die Entwickler haben bewusst darauf verzichtet, Herr der Ringe in den Titel zu schreiben, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Geschichte der Bücher nachzuerzählen. Nichtsdestotrotz arbeitete Monolith mit Middle-earth Enterprises, Peter Jackson und Weta Workshop zusammen.

Vor dem Schwarzen Tor liege ich nun, nur wenige Hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem ich schon einmal dem Tod ins Auge blicken musste: Meine Frau und mein Sohn wurden von der Schwarzen Hand Saurons dahingeschlachtet, der sich an ihrem Leid ergötzte, bevor mein Leben endete.

Gemeinsam mit zwei weiteren Schwarzen Numenorern, dem Turm und dem Hammer Saurons, überrannten er und seine Uruk-hai unsere Stellung, um die Rückkehr des Dunklen Herrschers vorzubereiten. Wir hatten keine Chance. Doch mein Tod sollte nicht umsonst sein: Das blutige Ritual ging schief und ich verschmolz mit dem Elbengeist Celebrimbor.

Der sinnt ebenfalls auf Rache und holt mich auch nach dem zweiten Tod zurück ins Leben: Mein Blick schweift vom Aussichtsturm über das Land, gelenkiger als jeder Assassine beginne ich hinabzuklettern, das Ziel vor Augen: Feldûsh Scharzdorn zu finden und umbringen, damit der Weg frei ist, um Rache an der Schwarzen Hand Saurons zu üben.

Die Geschichte von Mittelerde Mordors Schatten spielt zeitlich zwischen Der Hobbit und Der Herr der Ringe, bedient sich mit dem Elbenschmied Celebrimbor jedoch einer Figur aus dem Silmarillion. Monolith spinnt mit Talion als Protagonisten mehrere eigene Handlungsfäden, die jedoch teils abrupt enden oder mit dem eigentlichen Kanon brechen.

Das kahle Land ist voll patrouillierender Horden von Uruk-hai, die Sonne steht tief am Horizont und der dichte Regen liegt wie ein schwarzes Tuch über den Ebenen von Udûn. Der Boden ist übersät mit Steinen, kleine Büsche laden zum Verstecken ein. Vorsichtig schleiche ich mich durch halbverfallene Festungsanlagen, belausche Orks aus den weichen Schatten heraus und versuche herauszufinden, wo sich Feldûsh aufhält.

Monoliths Darstellung von Mordor, genauer Udûn nahe des Schwarzen Tors und später die grünen Hügel von Núrn, gefällt mir: Die DX11-Version der Lithtech-Engine zeigt hübsch texturierte Landschaften samt plastischen Festungen, viele Objekte sind durch Tessellation mit zusätzlichen Polygonen modelliert. Beleuchtung, Schatten, Tiefenunschärfe und die tollen Ork-Modelle geben ebenfalls wenig Anlass zur Kritik, zumal Monolith Supersampling-Kantenglättung integriert hat.

Die sorgt dafür, dass die überall wachsenden kleinen Büsche nicht flimmern - in diesen versteckt sich Talion, um Feinden aufzulauern.

Mit Schwert und Bogen

Ein Uruk-hai begeht schließlich den Fehler, sich zu weit von seinem Trupp zu entfernen - offenbar haben seine Mitstreiter schlechte Augen und Nasen. Ich packe den einsamen, dahinschlendernde Ork vom Gebüsch aus und lasse Celebrimbors Geist in seinen Kopf eindringen. Stöhnend verrät mir der Uruk-hai, dass Feldûsh auf der Brücke zur zerstörten Festung Durthang neue Anhänger um sich scharen will.

Einst diente Durthang den Menschen Gondors als Bollwerk gegen die dunklen Horden Sauros, heute rekrutieren die Uruk-hai dort Truppen und halten sich vierbeinige Bestien, die Caragor. Die letzten Meter zum Brückenaufgang versuche ich im Sprint zurückzulegen und übersehe dabei ein gutes Dutzend um die Ecke kommende Orks, Flucht ist zwecklos.

Das Schwert in der Hand erwarte ich den Ansturm, pariere die Axthiebe und weiche schweren Keulenschlägen aus. Paraden, Konter sowie Meidbewegungen gehen nahtlos ineinander über - ich hörte Gerüchte aus fernen Landen, nur in Arkham soll es Kämpfer geben, die sich ähnlich flüssig verteidigen.

Ich ramme einem Ork mein Schwert in den Bauch, einem weiteren schleudere ich einen Dolch in die Kehle und blocke den Streich des letzten Uruk-hai. Ein wuchtiger Hieb, er beginnt zu taumeln und sinkt auf die Knie - mein Schwert trennt seine entstellte Fratze vom Körper, dunkles Blut spritzt umher, sein Kopf schwebt kurz in der Luft, dann fällt er mit einem satten Schmatzen in den Schlamm.

Merke: Mit etwas Übung ist es am besten, die Schilde von Berserker-Orks zu überspringen und sie von hinten zu Fall zu bringen. Gewöhnliche Uruk-hai sind nach einigen Hieben so angeschlagen, dass ich zu einem gewaltigen Todesstoß ansetzen kann - der muss aber schnell genug ausgeführt sein, sonst ist mein Rücken ungedeckt.

Das dynamische Kampfsystem sieht toll aus und auch wer die Konter-Taste entdeckt hat und in Bewegung bleibt, besiegt selbst kleinere Gruppen an Feinden selten ohne ernsthafte Verletzungen - insbesondere wenn Bogenschützen, dicke Berserker und Nahkämpfer ihn umringen.

Erst wenn Talion durch Erfahrung freigeschaltete Fähigkeiten betäubte Orks schneller erledigen oder Elben-Magie wirken kann, sind die Kämpfe weniger fordernd. Jetzt aber auf, bevor es sich Feldûsh noch anders überlegt oder eine weitere Horde Orks in meine Richtung marschiert! Dort oben steht er auf der Brücke, brüllend, gestikulierend - die raue, dröhnende Stimme geht im Geschrei der sich ankeifenden Uruks dennoch fast unter.

Ich spanne meine Bogen, halte die Luft an, die Sehne sirrt. Mein Pfeil dringt tief ins Auge von Feldûsh Scharzdorn ein, der Ork-Hauptmann stürzt leblos zu Boden. Ha! Grimmig balle ich meine Faust. Wurm hast du gesagt - nun liegst du selbst am Boden!

Bogenschießen ist in Mittelerde Mordors Schatten noch effektiver als das Schwert, nur sofort tödliche Dolch-Schleichangriffe sind mächtiger. Einmal gespannt, aktiviert das Spiel eine begrenzte Zeitlupe (Fokus genannt), die das Zielen sehr vereinfacht. Wer schnell genug ist, schafft mit lange aufgezogenen Schüssen zwei oder drei Kopftreffer.

Uruk-hai unter sich

Ich trete den Rückzug an, denn zwischen mir und der Schwarzen Hand Saurons stehen noch weit mehr Orks als nur Feldûsh Scharzdorn: Ganz Mordors ist voller Uruk-hai, die miteinander um die Position eines Hauptmanns wetteifern - ein getöteter Waldläufer steigert den eigenen Ruf natürlich erheblich.

Wie ich bei meinen Erkundungen feststelle, bin ich nicht der Einzige, der über die Ebenen von Udûn streift: Die Kreatur Gollum scheint ebenfalls noch eine Rechnung mit Sauron offen zu haben, vorerst aber muss ich herausfinden, wie ich die Schwarze Hand herausfordern kann. Eine Option ist es, Hauptmänner auszufragen, um zu erfahren, wer ihre Häuptlinge sind - in der Hoffnung, dass genügend tote Uruk-hai Aufmerksamkeit erregen.

Die Hauptmänner lagern meist zusammen mit größeren Gruppen, oft in alten Festungen oder in improvisierten Lagern: Dort treffen sie sich zu Saufgelagen oder den Vorbereitungen zu Jagden oder zwei Anführer verabreden sich zu einem Duell. Aus den Ränkeschmieden der Orks untereinander erfahre ich nach einigen Tagen, wer welchem Häuptling als Leibwächter dient.

"Borgud! Borgud! Borgud!", skandiert die Horde, als ein mit Tumoren übersäter Widerling seinen Kontrahenten niedermetzelt. Borgud der Abstoßende höhnt, für diesen Schwächling hätte er nicht einmal die Hilfe seines gefürchteten Aufpasser benötigt, dabei soll dieser den Grabläufer erschlagen haben. Grabläufer ... halt! So nennen mich die Orks seit Feldûsh mich getötet hat - was würde bedeuten, der Uruk-hai hätte das Attentat überlebt, grrr!

Das politische Geplänkel der Orks, von den Entwicklern Nemesis-System genannt, macht den eigentlichen Reiz des Spiels aus: Gewöhnliche Uruk-hai gewinnen an Macht, steigen im Rang zu Hauptmännern oder Häuptlingen auf oder werden getötet und ein anderer Ork rückt nach. Wird Talion umgebracht, sieht der Spieler wie sich die Beziehungen der Uru-hai untereinander ändern, sein Mörder wird mächtiger.

Töte ich einen Hauptmann oder Häuptling, erhält Talion Machtpunkte, mit denen automatische neue Fähigkeiten freigeschaltet werden, die durch Erfahrung gekauft werden können - ich nutze jedoch nur wenige Fertigkeiten tatsächlich, einzig mehr Lebensenergie und Fokus sind mir wichtig. Praktischer sind da schon die Waffenrunen, die beispielsweise Finisher-Attacken stärken, Ober-Uruks jedoch weiterhin nicht sofort umbringen.

Nicht selten kehren vermeintlich getötete Orks unerwartet zurück, so entwickele ich eine sehr persönliche Beziehung zu Borguds Leibwächter und meinem Mörder, Feldûsh Scharzdorn. Ich folge Borgud dem Abstoßenden bis in die Festung, dort hält er sich die meiste Zeit auf, geschützt von seinem Leibwächter. Im Schutze der Nacht klettere ich die Mauern von Durthang emport, immer darauf achtend, den Fackelschein der patrouillierenden Bogenschützen und das Licht der Blitze am Horizont zu vermeiden. "Habe ich da etwas gehört? Mir war ..." - in einem leisen Gurgeln erstickt der Warnschrei des Orks unter meinem Dolch, bevor ich den Leichnam von den Zinnen trete.

Hoch oben über den versammelten Uruk-hai lasse ich den Blick schweifen und traue meinen Augen kaum: Dort unten stolziert Feldûsh umher, sein halber Schädel und das verlorene Auge mit einer dicken Metallplatte bedeckt. Der Schuft lebt! In einem Anflug von Leichtsinn zücke ich den Dolch und stürze mich von oben auf den Ork herab, meine Klinge dringt tief in seinen Hals ein.



Der Erzfeind flieht!

"Waaaah! Der Waldläufer! Du dachtest wohl, ich sei tot? Hier bin ich!" Mit einer einzigen Bewegung schleudert mich Feldûsh in Richtung seines Häuptlings, dieser hebt in einer schnellen Bewegung die Armbrust - ich spüre, wie der brennende Bolzen an meinem Kopf vorbeizischt.

Hinter mir setzt Feldûsh zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll an, ich sehe ihn aus dem Augenwinkel auf mich zustürmen - und mich beiseite stoßen?! In einem rasenden Wutanfall springt der brennende Uruk-Hauptmann seinen Häuptling an, wirft ihn zu Boden und rammt ihm mit aller Gewalt den Speer in die Rippen.

Jeder Hauptmann oder Häuptling hat Stärken und Schwächen, die ich herausfinde, in dem ich aus Würmer genannten Orks Informationen mit Hilfe von Celebrimbors Geist herauspresse. Feldûsh etwa ist nach dem Pfeil-Attentat immun gegen Fernangriffe, ein Schleichüberfall jedoch klappt. Dafür hasst er Feuer und dreht durch, wenn er brennt.

Feldûsh blickt mit irren Augen umher ... ich brauche einen Augenblick, dann folge ich in großen Sätzen dem flüchtenden Feind. Wie schnell dieses Mistvieh mit solch einer Verletzung noch rennen kann! Erst ein geworfener Dolch bringt den Uruk-hai aus dem Gleichgewicht, Feldûsh stolpert und stoppt.

Langsam dreht er sich um: "Du schon wieder, nun gut. Ein letztes Mal!", kurrt der Ork und hebt den Speer zum Block. Doch meine Wut ist größer, meine Klinge drückt seinen Arm immer weiter hinab. Drück, drück, drück! Feldûsh taumelt, das ist die Chance! Ich trete seinen Oberkörper keuchend vor Anstrengung nach hinten, das Schwert fährt knirschend durch Harnisch. Ein letztes Röcheln und Feldûsh Scharzdorn, meine Nemesis, ist besiegt!

Der Leibwächter ist tot, der Häuptling ebenfalls, nun kann es nicht mehr lange dauern, bis die Schwarze Hand Saurons reagieren muss. Die Rache ist mein!

Plattformen

Ich habe die Windows-PC-Version von Mittelerde Mordors Schatten mit maximalen Details in 3.840 x 2.160 Pixel gespielt. Auf meiner Sapphire Radeon R9 290X Tri-X habe ich mit diesen Einstellungen etwa 35 bis 45 fps erreicht, was recht flüssig ist. Monolith hat eine überzeugende Maus- und Tastatursteuerung entwickelt, insbesondere das Justieren der Kamera und Bogenschießen ist damit einfacher als mit dem Gamepad.

Das Spiel ist derzeit auch für die Playstation 4 und die Xbox One verfügbar, abseits der geringeren Auflösung (1080p und 900p) fallen Textur-, Vegetations- sowie LoD-Qualität schlechter aus. Die Versionen für die Playstation 3 und die Xbox 360 mit abgespecktem Nemesis-System folgen Mitte November 2014. Das Spiel hat eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Mittelerde Mordors Schatten wäre ohne das Nemesis-System nicht viel mehr als eine handwerklich sehr gute - wie auch technisch überzeugende - Mischung aus Assassin's Creed, Far Cry und den aktuellen Batman-Spielen, wenngleich im Herr-der-Ringe-Universum angesiedelt. Es ist das Ringen um Macht in diesem System, das mich dazu veranlasst hat, diesen Test aus der Ich-Perspektive zu verfassen.

Jeder Ork hat das Potenzial, ein Hauptmann oder Häuptling zu werden, wenn er mich tötet, ein Anführer umkommt oder er anderweitig Macht erlangt. Durch individuelle Stärken und Schwächen, eine einzigartige Optik sowie die lebendige Welt, in der sich die Uruk-hai auch ohne mein Eingreifen bekriegen, entwickele ich eine Beziehung zu diesen, ja, Persönlichkeiten.

Feldûsh Scharzdorn etwa kann ich nicht ausstehen, da er der erste Uruk-hai ist, der wiederkehrt. Krakhorn den Hautlosen empfinde ich als makaber, da ich ihn dreimal töten muss - am Ende hat er ein Tuch mit einem Strick um den Kopf gebunden, so zerhackt ist dieser.

Und Zog der Kleine ist wie ich: nicht der Größte, ebenfalls sehr gut mit der Armbrust - aber mir über und ein elender Feigling. Ich hasse diesen Ork, da er immer flieht, immun gegen Fern- wie Schleichangriffe ist und mich zuvor jedes Mal verhöhnt, ich würde ihn eh nicht in die Finger kriegen.

Am Ende macht ihn mein Schwert dann doch einen Kopf kürzer und in solchen Momenten verzeihe ich Mittelerde Mordors Schatten nur zu gerne, dass Monolith abseits des Nemesis-Systems das Rad nicht neu erfunden hat.  (ms)


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