Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-sherlock-holmes-ein-meisterdetektiv-sieht-alles-1410-109579.html    Veröffentlicht: 02.10.2014 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/109579

Test Sherlock Holmes

Ein Meisterdetektiv sieht alles

Dank erfolgreicher TV- und Kino-Serien ist Sherlock Holmes seit ein paar Jahren wieder hip, jetzt wagt auch die altbewährte Adventure-Serie einen Neustart. Sie setzt auf frische Ermittlungsideen und eine stimmungsvolle Welt.

John Neligan sitzt vor uns im Verhörzimmer von Scotland Yard und wir sehen: Der Stoff seiner Jacke ist viel zu fein für einen armen Burschen wie ihn, seine Hände sind voller kleiner Wunden. Und versteckt er da etwas in seiner Tasche? Sobald wir den jungen Mann im schick animierten Zeitlupen-Gesprächspartner-Untersuchungsmodus des Adventures Crimes and Punishments untersucht haben, konfrontieren wir - Sherlock Holmes - ihn mit unseren Beobachtungen. Kein Wunder, dass Neligan anschließend redet wie ein Wasserfall und uns hilft, einen Mord aufzuklären.

Das jüngste Sherlock-Holmes-Spiel des ukrainischen Entwicklerstudios Frogwares geht ein paar neue Wege im Vergleich zu den sieben älteren Spielen der Reihe, die seit 2002 entstanden sind. So gibt es nicht einen einzelnen großen Fall, sondern sechs eigenständige Kurzgeschichten - was durchaus zur literarischen Vorlage von Sir Arthur Conan Doyle passt, der Holmes und Begleiter Watson ja auch vor allem in Short Storys ermitteln ließ.

Also ermitteln wir erst wegen eines Mordes, klären wenig später einen Diebstahl auf und suchen dann verschwundene Personen. Jeder Fall ist rund drei Stunden lang, sodass sich eine durchaus ordentliche Gesamtspielzeit von etwa 18 Stunden ergibt. Neben Verbrechen in der feinen und nicht so feinen Gesellschaft von London gibt es auch etwas exotischere Untersuchungen, die aber ganz gut zu den mythologischen Anwandlungen der Bücher passen. Zwei der Fälle basieren direkt auf Geschichten von Arthur Conan Doyle: Wer sie kennt, weiß natürlich gleich, ob es der Gärtner war.

Den Meisterdetektiv Holmes steuern wir wahlweise aus der Schulter- oder der Ich-Perspektive. Auf Knopfdruck schalten wir außerdem in einen Scharfsichtmodus, der wichtige Spuren gelb einfärbt. Die meisten dieser Spuren sind problemlos zu finden, aber auf einige wenige sind zumindest wir nur nach langem Suchen und mit Glück gestoßen. Was wir finden oder in Gesprächen und auf andere Art herausbekommen, landet als Information in unserem Notizbuch.

Irgendwann haben wir alle Indizien oder gar Beweise gesammelt und müssen dann weitgehend selbst darauf kommen, wer der Täter ist - und welche Art von Strafe er verdient: den Galgen oder doch Gnade? Das ist spannend umgesetzt und erlaubt tatsächlich auch folgenschwere Fehlurteile in der virtuellen Welt.

Grafik und Fazit

Allerdings achtet das Programm darauf, dass wir keine echten Fehler machen und etwa steckenbleiben. Der Modus, in dem wir Gesprächspartner im Detail untersuchen können, stellt uns zwar vor mehrere mögliche Antworten - aber wenn wir uns vertun, müssen wir uns nur den letzten Dialog noch einmal anhören und dürfen dann erneut raten.

Das Spiel verfügt über mehrere Spezialmodi, in denen wir etwa Stichwörter miteinander verknüpfen müssen, um Holmes auf neue Ideen zu bringen - allerdings genügt es, die vier bis sechs Möglichkeiten einfach alle mal anzuklicken, um weiterzukommen. Gelegentlich gibt es herausfordernd gemachte Mini-Denkspiele, die wir auf Wunsch aber auch einfach vom Computer lösen lassen können.

Anders als die früheren Holmes-Spiele von Frogwares basiert das neue Programm nicht auf einer hauseigenen Laufzeitumgebung, sondern auf der Unreal Engine 3. Grafik und Animationen können mit millionenschweren Großproduktionen nicht mithalten, wirken aber in sich stimmig und liebevoll, einige der Gesichter sehen tatsächlich richtig klasse aus. Schade finden wir vor allem, dass wir von London und den anderen Orten wenig zu sehen bekommen, weil wir uns nur in sehr kleinen Umgebungen bewegen.

Sherlock Homes - Crimes and Punishments ist für Playstation 3 und 4, Xbox 360 und One sowie für Windows-PC erhältlich und kostet je nach Plattform rund 40 bis 60 Euro. Das Spiel bietet erstklassige britische Sprachausgabe plus makellos übersetzte deutsche Bildschirmtexte und Untertitel. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Trotz der interessanten Ermittlungsmethoden braucht man nicht den Intelligenzquotienten eines Meisterdetektivs, um in Sherlock Holmes auf die richtigen Spuren zu kommen und die Verbrechen aufzuklären. So mysteriös die sechs Fälle anfangs wirken: Die eigentliche Knobelarbeit ist nur selten anspruchsvoll - jedenfalls dann, wenn der Spieler keinen Hinweis übersieht, was leider durchaus vorkommen und dann für Frust sorgen kann.

Die wahre Stärke von Crimes and Punishments ist die stimmungsvolle Inszenierung. Das Untersuchen und Analysieren von Gesprächspartnern, die sehr guten Dialoge und auch die sechs Kurzgeschichten selbst fangen die Welt von Sherlock Holmes wunderbar ein. Trotz der kleinen Schwächen sollten Freunde von guten Adventures diesem Spiel also ruhig eine Chance geben.  (ps)


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