Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lifelogging-das-leben-im-zeitraffer-1410-109430.html    Veröffentlicht: 09.10.2014 08:50    Kurz-URL: https://glm.io/109430

Lifelogging

Das Leben im Zeitraffer

Wenn sich ein Geek eine ansteckbare Miniaturkamera kauft, will er damit herumspielen. Oder seinen Alltag aufzeichnen. So wie Lifelogger Dirk Haun. Im Sekundentakt macht die Kamera Bilder seines Lebens.

Für den Softwareentwickler und Buchautor Dirk Haun ist es ein Experiment gewesen: Morgens die Kamera ans Hemd stecken, einschalten und am Abend die aufgenommenen Bilder anschauen. Aus dem Experiment wurde Gewohnheit. Haun geht ohne seine Kamera nicht mehr aus dem Haus. Er hat sie fast überall dabei und lichtet damit seine Umwelt ab. Die reagiert darauf unterschiedlich.

Lifelogging ist Jahrzehnte alt

Die Idee, sein eigenes Leben aufzuzeichnen, ist nicht neu. Lifelogging heißt das. Bereits vor mehr als 30 Jahren betrachtete der Cyborg Steve Mann sein Leben durch das Objektiv einer tragbaren Kamera, die er am Kopf trug. Über Funkantennen konnte er die Bilder von der Kamera auf einen Computer übertragen. Mann ist Professor an der kanadischen Universität in Toronto und entwickelte in den 70er Jahren die ersten tragbaren Computer. Auch der bekannte Microsoft-Forscher Gordon Bell begann schon früh damit, im Microsoft Research-Projekt Mylifebits sein Leben und seine Erinnerungen kontinuierlich aufzuzeichnen. Zwischen 1998 und 2007 digitalisierte er alles, was "mit ihm selbst und um ihn herum geschah". Inzwischen lebt Bell, der im Ruhestand ist, nahezu papierlos. Das Microsoft Research-Projekt wurde zwar 2007 beendet. Aber Bell loggt sein Leben fleißig weiter. Was bringt Menschen eigentlich dazu, ihr eigenes Leben und das der anderen mit Smartphones, Gesundheits-Apps und Lifelogging-Kameras wie Autographer oder dem Narrative-Clip rund um die Uhr aufzuzeichnen, zu protokollieren oder sogar auszuwerten?

Fotokunst und totale Erinnerung

Einige erschaffen mit ihren Clips Fotokunst, wie Bildergalerien auf den Herstellerseiten solcher Kameras zeigen. Für andere wiederum geht es beim Lifelogging eher um abstrakte Begriffe wie Unsterblichkeit oder die totale Erinnerung. Begriffe, wie man sie nur aus Science Fiction-Filmen kennt. Gordon Bell aus dem Silicon Valley zum Beispiel ist jedenfalls überzeugt: In zehn Jahren werden wir alle unser Leben aufzeichnen. Für ihn seien die Lifelogs vielmehr eine Art "alternativer Speicher, wo man Dinge nachschlagen kann, wenn man sie gerade braucht", sagt Gordon Bell im englischsprachigen Wissenschaftsmagazin New Scientist.

Haun hat ebenfalls damit angefangen, sein digitales Archiv mit Leben zu füllen. Wie viele Fotos er nun schon in den letzten Monaten mit der kleinen Kamera geschossen hat, wisse er nicht. "Das ist zur Gewohnheit geworden. So, wie ich halt meinen Schlüssel einpacke, nehme ich die Kamera mit und klemme mir sie ans Hemd oder an die Jacke", sagt Haun. Erst am Abend lege er den Clip wieder ab, schließe den Fotoapparat an seinen Computer an und lade die Schnappschüsse auf den PC.

Die ersten Bilder, die er auf diese Art und Weise gemacht habe, seien unscharf oder verwackelt gewesen. Auch sehr viel "Alltag" sei dabei gewesen, meint Haun, und oft immer die gleichen Fotos von den Sitzen in der S-Bahn. Das sei halt eher langweilig, sagt der Technikfan. Wirklich interessant dagegen seien für ihn die Momente mit Freunden oder auf Konzerten. Die möchte er mit Hilfe des Kamera-Clips in Erinnerung behalten und seinen Freunden zeigen. Über konkrete Situationen, die ihm besonders am Herzen liegen, spricht er ungern. Das sei ihm dann doch zu privat.

'Ich kenne die überhaupt nicht.'

Privat sind mitunter auch die Fotos von anderen, die Hauns Kamera aufnimmt Wie ein Bild einer Mutter und ihrer Tochter, die Haun in der S-Bahn gegenüber saßen. Auf dem Bild sieht man sie zusammen lachen und aus dem Fenster sehen. Findet er solche Aufnahmen unter seinen Schnappschüssen, wird Haun nachdenklich. "Dann denke ich mir: Das ist nicht ganz koscher, dass ich diese Fotos von diesen beiden habe. Ich kenne die überhaupt nicht. Ich weiß nicht, wer die sind. Ich werde die wahrscheinlich nie wiedersehen." Über die Crowd-Funding-Plattform Kickstarter wurde der Technikbegeisterte auf den Narrative Clip aufmerksam. Der ansteckbare Clip ist etwa so groß wie ein tragbarer MP3-Player - ausgestattet mit einem GPS-Empfänger und einer hochauflösenden Kamera. Während Haun zum Beispiel auf einer Konferenz Impressionen aus seinem Leben zeigt, macht die Kamera regelmäßig Bilder seines Publikums. Selbstverständlich wurde das Publikum vorher um Erlaubnis gefragt. Einwände gegen die Kamera hatte zu diesem Zeitpunkt niemand. Wie so oft, wenn Haun mit seiner Kamera in den letzten Monaten unterwegs war. "Man bekommt immer mal wieder so merkwürdige Blicke. Aber die meisten Leute scheinen das eher für so einen Fitness-Tracker oder einen MP3-Player zu halten.", sagt Haun.

In den Lifelogging-Foren oder auf anderen Technik-Konferenzen tauscht man sich trotzdem darüber aus, wie man auf Kritik reagieren sollte oder was man rechtlich mit den Lifelogging-Geräten aufzeichnen darf und was nicht. Die persönlichen Fotos behält Haun jedenfalls für sich und zeigt nur wenige seiner Kunstwerke in seiner öffentlichen Fotogallerie.

Gerade erst hatte Haun wieder auf einer Technikkonferenz von seinen Erfahrungen als Lifelogger erzählt. In einer E-Mail schreibt er, er sei er dort auf teils heftige Kritik gestoßen. Nie zuvor sei ihm das in den letzten acht Monaten, in denen er bereits diese Kamera am Körper trägt, passiert.­  (dk)


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