Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/filmkritik-who-am-i-ritalin-statt-mate-1409-109418.html    Veröffentlicht: 24.09.2014 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/109418

Filmkritik Who Am I

Ritalin statt Mate

Hacken sei wie Zaubern, sagt die Hauptfigur des Hacker-Films Who Am I - Kein System ist sicher, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Der Plot entspinnt eine zunächst verwirrende Geschichte, die sich später als überdeutliches Filmzitat entpuppt.

Der Film Who Am I - Kein System ist sicher handelt von Hackern, von Computerfreaks, die wie Anonymous in Server einbrechen und digitale Visitenkarten hinterlassen. Er erzählt von der Konkurrenz unter Hackern, die immer größere Coups landen wollen, um sich gegenseitig zu imponieren. Und er erzählt davon, wie die Aktionen immer mehr aus dem Ruder laufen. Das tut auch der Film, der ab dem 25. September selbstverständlich ein breites Publikum in die Kinos locken will - und nicht nur Nerds.

Die Geschichte des Verrats erinnert ein wenig an Anonymous und den Hacker Sabu, der vom FBI rekrutiert wird, um seine Mitstreiter zu verpfeifen. Der Film greift weitere aktuelle Ereignisse auf, etwa die Geschichte um Edward Snowden und die massenhafte Datensammlung durch die Geheimdienste. Er versucht auch, ein Abbild der aktuellen Hacker-Szene zu schaffen.

I am Superman

Mit Hacker-Klischees spart der Film Who Am I nicht. Zwar kommt kein Bällebad vor, dafür sind haufenweise Kapuzenpullis und stilisierte Anonymous-Masken zu sehen. Benjamin Engel, die zentrale Figur, ist nach eigenen Angaben seit seiner frühen Schulzeit für andere unsichtbar. Dort sei er noch nicht einmal verprügelt worden, weil er nie aufgefallen sei. Superheld habe er werden wollen, erzählt er. Superman zitiert er öfter. Er nennt sich ein Außenseiter, einen Freak, hält sich später lieber im Darknet auf, fühlt sich dort geborgen.

Der Film bedient allerdings nicht nur Klischees, er spielt auch gekonnt damit, setzt sie als Stilmittel ein, um sonst langweilige Sequenzen am Bildschirm, etwa Chats zwischen Hackern im Internet, szenisch darzustellen.

Tom Schilling spielt Benjamin Engel wortkarg und gehemmt. Man nimmt ihm die Rolle weitgehend ab. Seine Dialoganteile im ersten Teil des Films bleiben bei knappen Antworten. Um seiner Flamme Marie, gespielt von Hannah Herzsprung, zu imponieren, versucht Engel, sich im Serverraum in den Server der Hochschule zu hacken, um für sie die Fragen zu einer wichtigen Prüfung zu stehlen, und wird prompt von einem Nachtwächter erwischt. Er wird zu Sozialstunden verurteilt und muss Müll aufsammeln. Dort trifft er wiederum auf den extrovertierten Max, gespielt von Elyas M'Barek . Wie Benjamin hier gelandet sei, fragt Max. "Durch n 0-day." "Du kannst Maschinensprache lesen? Einfach so?" Spätestens jetzt wird klar: Der Film soll ein breites Publikum ansprechen und nicht nur Computerfreaks.

Hacken in der realen Welt

Gehackt wird daher kaum auf Hardware oder vor Bildschirmen. Blasse Gesichter vor bläulich schimmernden Bildschirm fehlen meist, stattdessen wird viel in der realen Welt gehackt, mittels des so genannten Social Engineering. "Die größte Sicherheitslücke ist der Mensch", darin sind sich die vier Hacker einig, die sich im Film zum Kollektiv Clay zusammentun. Damit rückt Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar die Thematik des Hackens vom Rechner in die reale Welt.

Ein erster Einbruch erfolgt über eine Angestellte, deren Glückwunschkarte die Hackergruppe auf der Müllkippe findet. Über eine Geburtstags-E-Mail wird ein Trojaner bei der Mitarbeiterin installiert. Die wiederum verwaltet die Zugänge der Putzkolonnen. Kein völlig abwegiges Szenario. Allerdings werden dann innerhalb von wenigen Minuten die "zentrale Firewall" geknackt und verschlüsselte Daten entschlüsselt. Aber nur so lässt sich die Geschichte im Film vorantreiben. Wer den Film Sneakers mit Robert Redford gesehen hat, kennt solche Geschichten aus dem Kino bereits.

Kaputte Charaktere

In Who Am I wirken die Charaktere jedoch deutlich kaputter als in Sneakers. Der verklemmte Benjamin erhält im Laufe des Films mehrere Blessuren. Stephan, gespielt von Wotan Willke Möhring, kann Tätowierungen zeigen. Er ist der zweite überdreht-extrovertierte Charakter der Gruppe. Paul (Antoine Monot Jr.) ist der Paranoide in der Hacker-Gemeinschaft. Er verstrickt sich aber in allgemeine Verschwörungstheorien und will nicht, wie seinerzeit Dan Aykroyd in Sneakers, die Hintermänner des Kennedy-Mordes erfahren. Die selbst verordnete Anonymität der Hackergemeinde wird auch im Film umgesetzt: Die Protagonisten verwenden Decknamen oder Nicks, obwohl der Zuschauer ihre Vornamen erfährt. Nachnamen sind auch im Film verpöhnt.

Untermauert wird der Hackerfilm mit genügend Stichwörtern aus der Szene. Die Hackergruppe, die Benjamin aufnimmt, nennt sich Clowns Laughing @ You oder kurz Clay. Sie will sein wie die echten Aktivistengruppen - "Anonymous oder Lulzsec." Er fühle sich wie früher beim Chaos Computer Club, sagt Mörings Charakter. Statt zu Mate greifen die Hacker in Who am I aber zu Ritalin, um die Nächte durchzumachen. Oder sie koksen - 23 - Nicht ist so, wie es scheint lässt grüßen. Das ist der Film, in dem August Diehl den berühmten Hacker Karl Koch aus den 1980er Jahren spielt. Koch verprasste sein vom russischen Geheimdienst erhaltenes Geld für rauschende Partys. Am Ende war er tot, verbrannt im Wald. Seitdem gibt es darüber Verschwörungstheorien.

Kein politischer Film

Who Am I zeigt eine ähnliche wilde, paranoide Welt wie in 23. Es wird nach jedem gelungenen Hack ausgiebig gefeiert, möglichst in Wohnungen ahnungsloser und abwesender Fremder. Dort wird auch Bier getrunken oder es gibt Rauschmittel en masse.

Der erste Hack der Gruppe ist auf einem Treffen einer neofaschistischen Gruppe. Damit rückt der Regisseur die Hackergruppe in die linke Ecke. Dennoch hält sich der Film weitgehend politisch neutral, zumindest was die Dialoge betrifft. Einmal bekommt Schilling den Ärger seiner Mit-Hacker zu spüren, als er Daten mitgehen lässt. Es sollte nur eine Nachricht hinterlassen werden, er wird gerügt - ein Hinweis auf die Hackerethik.

Überdeutliche Filmzitate

Allerdings gibt es filmische Zitate, die eine politische Meinung zumindest durchschimmern lassen, etwa als die Hackergruppe in einem gestohlenen Porsche durch das nächtliche Berlin brettert - eine deutliche Anspielung auf Andreas Baader und ein Zitat aus dem Film Der Baader Meinhof Komplex. Bis dahin hat sich Clay in Who Am I längst viel tiefer in die Hacker-Szene verstrickt als geplant. Denn inzwischen haben eine gewaltbereite russische Hacker-Gruppe, Informanten des Europol, ein Einbruch beim BND und ein Mord den Plot des Films verdichtet.

Zunehmend driftet Who Am I in ein Agentendrama ab und zitiert gleichzeitig einen berühmten Film aus den Neunzigern, der gekonnt mit Illusion und Realitätsverzerrung spielt. Erwähnen werden wir ihn nicht, denn er könnte den wesentlichen Teil der Geschichte verraten. Ein Filmplakat hat Regisseur bo Odar als Hinweis am Set aufhängen lassen. Es ist zu sehen, längst nachdem der Zuschauer das Filmzitat erkannt hat und auch das Ende vorhersehen kann.

Viele Details für Nerds

Nerds werden den Film bisweilen mitleidig belächeln. Ihnen sei gesagt: Es kommen die Betriebssysteme Unix, Ubuntu Linux und Mac OS X vor. Windows läuft nur auf Rechnern in der Uni-Bibliothek. Entsprechend gibt es Laptops von Lenovo, einen Mac und kaum Desktoprechner. Wir meinen, einen Raspberry Pi im Plastikgehäuse erkannt zu haben, samt externem Akku. Ein WLAN wird mit einem Evil Twin gehackt, einem Spoof-Netzwerk. Gechattet wird aber tatsächlich über IRC. Der im Film gezeigte Code soll von echten Entwicklern geschrieben worden sein. Wir erkennen oft IP-Adressen. Auf einer Party darf Möring einen Computerwitz reißen: "Die Jungs sind wie Windows. Es dauert, bis sie hochfahren." Die anwesenden Mädchen kichern.

Who Am I ist spannend und zeitweilig auch überraschend. Für Nerds gibt es zwar inhaltlich einiges zu kritisieren, aber wenig worüber sie sich aufregen müssten, weil es grundsätzlich falsch ist. Ein Klassiker wird es aber nicht.  (jt)


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