Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smart-home-wenn-das-zuhause-vernetzt-wird-1411-109401.html    Veröffentlicht: 04.11.2014 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/109401

Smart Home

Wenn das Zuhause vernetzt wird

Im vollautomatischen Heim ist alles vernetzt - oder auch nur manches: Teuren Komplettlösungen stehen Insellösungen gegenüber, alle haben ihre Vor- und Nachteile. Die verschiedenen Ansätze stellt der erste Artikel unserer Reihe über das Smart Home vor.

Es ist keine Science-Fiction, sondern in manchen Häusern bereits Realität: Das vollautomatische Heim - Smart Home genannt - hat eine breite Käuferschicht erreicht. Auf der diesjährigen Ifa war es eines der wichtigsten Themen, und die Hersteller haben das smarte Eigenheim als Zukunftsmarkt entdeckt. Kein Zufall also, dass die neuen Haushaltsgeräte auf der Funkausstellung teils mit Netzwerkbuchsen ausgerüstet sind. Die Zahl an Herstellern, die Systeme und Produkte für das Smart Home anbieten, steigt rasant.

Ganz grob lassen sich die Smart-Home-Lösungen in zwei Kategorien einteilen: Die einen werden fest bei einem Neubau oder einer Renovierung von einer Fachfirma installiert. Die anderen können nachgerüstet werden.

Bei den fest eingebauten Lösungen setzen in Deutschland viele Betriebe auf die Heimautomations-Bustechnik KNX, auch EIB genannt (Europäischer Installationsbus). Der Begriff Bustechnik steht für ein Steuerungsprotokoll, über das sogenannte Aktoren und Sensoren miteinander kommunizieren. Aktoren können Lichtschalter oder der -dimmer sein, Sensoren etwa Bewegungsmelder oder Überwachungskameras.

Damit diese Geräte miteinander kommunizieren können, werden zusätzlich zu den Stromleitungen Unterputzdrähte verlegt und mit einer Relaissteuerung verknüpft. Ein Vorteil des Systems ist, dass alles selbst dann funktioniert, wenn die KNX-Zentrale einmal versagt. Zudem lassen sich KNX-Schalter oder Steuerdisplays ebenfalls unter Putz in die Wand einlassen. Egal, ob Heizungsthermostate oder motorgetriebene Jalousien - alles lässt sich per KNX steuern. Der Nachteil ist der hohe Preis, der für die Planung und Installation durch einen Elektrofachbetrieb fällig wird. Die Kommunikation zwischen KNX-Bus und einem Ethernet-Heimnetzwerk ist nur über zusätzliche Gateways möglich. Damit klappt dann auch die Steuerung per Smartphone-App. Aktuell bieten rund 200 Hersteller Produkte für KNX, darunter Firmen wie Gira, Jung und Revox.

Komplette Lösungen für Haussteuerungen bietet auch Crestron, ein US-Unternehmen, dessen Mediensteuerungen oft im Profibereich eingesetzt werden. Im Crestron-Portfolio finden sich High-End-Multiroom-Audioanlagen, Video-Kreuzschienen zur Signalverteilung, Steuerungen für Licht, Heizung und Jalousien sowie Wanddisplays oder portable Controller zur Bedienung. Die Heimsteuerungen basieren auf dem Cresnet-Protokoll, über Gateways lassen sich hier auch andere Systeme einbinden. Eine Alternative hat die Firma Digitalstrom entwickelt. Deren Konzept setzt auf intelligente Lüsterklemmen, die etwa hinter Lichtschaltern oder Steckdosen verbaut werden. In den Klemmen steckt ein Chip, der über die Stromleitungen Steuersignale empfängt. Im Sicherungskasten sitzt ein zentraler Server, der die Digitalstrom-Klemmen mit dem Heimnetzwerk verbindet. So lassen sich verschiedene Funktionen oder Szenarien fernsteuern oder einprogrammieren. Geschäftsführer Michael Vesper setzt auf eine offene Architektur, die auch anderen Firmen offenstehen soll oder es ihnen ermöglicht, passende Produkte zu entwickeln.

Die drei bislang vorgestellten Lösungen sind vor allem für den Neu- oder Umbau eines Eigenheims geeignet. Denn die nachträgliche Installation in eine Mietwohnung, in der man nur auf unbestimmte Zeit verweilt, rechnet sich bei diesen Systemen kaum. Dafür empfehlen sich andere Lösungen, die man selbst anstecken oder -schrauben und entsprechend leicht wieder ausbauen und mitnehmen kann.

Produkte für den Massenmarkt

Die Ankündigung des Apple Home Kits machte im Juni dieses Jahres Furore. Dahinter verbirgt sich ein Protokoll, das letztlich die Spracherkennung Siri für Smart-Home-Geräte diverser Partnerfirmen öffnet. Darunter stecken Unternehmen wie Philips Lighting, Kwikset, Netatmo, Withings, Haier oder Honeywell. Das Home Kit könnte auch wegen iBeacon, dem Bluetooth-Funk von Apple, erfolgreich werden. Entscheidend ist aber, dass Apple als internationaler Konzern eine weit größere Marktbedeutung hat als beispielsweise die Unternehmen der KNX-Fraktion. Das Home Kit ist wie das Health Kit Teil des neuen iOS 8, das am 17. September erschien. Das kalifornische Startup Nest ist ebenfalls nicht unbekannt: Von ehemaligen Apple-Mitarbeitern gegründet, wurde es um die Jahreswende von Google für 3,2 Milliarden US-Dollar übernommen. Seine Heizungsthermostate und Rauchmelder sind lernfähig. Nach der Übernahme durch Google gab es Spekulationen über mangelnde Datensicherheit, die das Unternehmen zunächst heftig bestritt. Dann räumte es laut Medienberichten doch eine Datenweitergabe ein.

Der koreanische Konzern Samsung möchte ebenfalls im Smart Home mitmischen. Seine Smart-Home-Plattform, bei der Samsung-Smart-TVs als Zentrale dienen, ist in den USA und Korea bereits gestartet. Hierzulande zeigte Samsung beispielsweise die Waschmaschine Crystal Blue auf der Ifa: Sie lässt sich per App steuern. Zudem möchte Samsung bis Ende des Jahres clevere LED-Lampen auf den Markt bringen, die sich per Funk an- und ausschalten lassen. Dabei sollen zwei verschiedene Varianten kommen, von denen sich eine per Bluetooth, eine andere per Zigbee-Funk steuern lässt. Denn eine Haussteuerung benötigt keinesfalls zwingend eine Strippe. Per Funk klappt das auch drahtlos: Technologien wie Zigbee oder Bluetooth Low-Energy verbrauchen weniger Strom als beispielsweise WLAN. Natürlich wichtig für smarte Heime - denn Energiesparen ist schließlich einer der wesentlichen Gründe zum Erwerb einer Haussteuerung.

Abseits der großen Unternehmen

Das Versorgungsunternehmen RWE bietet eine eigene Smart-Home-Lösung. Hier dient ein Funk-Gateway als Steuerzentrale. Es wird mit dem Internetrouter verbunden und hält drahtlos Kontakt zu einer Vielzahl verschiedener Geräte: Heizungsthermostaten, Lichtschaltern, Rauchmeldern, Bewegungsmeldern für innen und außen, Tür- und Fenstersensoren und vieles mehr. Zudem arbeitet die RWE-Lösung auch mit Produkten anderer Firmen, etwa den Philips-Hue-Leuchten, deren Farbton sich per App justieren lässt.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt die Qivicon-Plattform der Deutschen Telekom: Die Home-Base, die als Zentrale dient, wird per Kabel an den Router angedockt. Via Zigbee-Funk steuert die Qivicon-Base Geräte, die keineswegs alle von der Telekom hergestellt werden: Denn Qivicon steht nicht für eine eigene Produktreihe, sondern für eine Allianz mehrerer Hersteller - darunter etwa EnBW, Miele, Samsung, D-Link und viele andere. Entsprechend groß ist das Angebot: elektrische Heizungsthermostate, Rauchmelder, Funkwandschalter, Unterputz-Rolladen-Steuerungen oder sogar Waschmaschinen. LED-Lampen von Osram, Lautsprecher von Sonos und IP-Kameras von D-Link sollen in Kürze hinzukommen. Die ehemalige Siemens-Tochter Gigaset bietet mit Elements ein System, das aus einem zentralen Gateway und per Funk gesteuerten Sensoren und Bewegungsmeldern aufgebaut ist. Das Prinzip ist also mit den beiden oben beschriebenen Lösungen von RWE und der Telekom vergleichbar.

Der Netzwerkspezialist D-Link hat zur Ifa eine eigene Smart-Home-Lösung gestartet: Mydlink Home basiert auf einem WLAN-Funknetzwerk. Als erste Geräte sind zwei Webcams zur Überwachung erhältlich; eine davon lässt sich ferngesteuert schwenken, neigen und zoomen, die sogenannte PTZ-Kamera. Zudem bietet D-Link einen Bewegungsmelder, eine steuerbare Steckdose sowie einen Audio-Streaming-Adapter. Über die Mydlink-Cloud-Plattform lassen sich viele Mydlink-Home-Geräte, aber auch Router oder NAS-Festplatten von D-Link, außer Haus per App steuern. Auch Geräte anderer Hersteller sollen sich einbinden lassen.

Tado mit Sitz in München hat eine Heizungssteuerung entwickelt, die sogar als Nest-Alternative gehandelt wird. Die Steuerung verbindet sich per WLAN mit dem Heimnetzwerk und lässt sich sodann mit der zugehörigen App für Smartphones steuern. Der Clou: Sobald sich der Bewohner samt Smartphone vom Heim entfernt, bemerkt dies die Steuerung und regelt die Temperatur herunter. Nähert sich der Bewohner wieder, heizt das Tado-System vor, so dass Hausdame oder -herr bereits eine mollig warme Wohnung vorfindet.

Der französische Smartphone- und Tablethersteller Archos ist seit diesem Jahr auf dem Smart-Home-Markt vertreten. Hier dient ein Archos-Tablet als Zentrale, das zwischen dem Heimnetzwerk und den Connected Objects vermittelt. Die Objects sind die Mini-Cam-Webkamera, der Motion-Ball-Bewegungsmelder, die Wetterstation Weather Tag und der Fenster- und Türensensor Movement-Tag. Sie werden über das Archos-Tablet per Bluetooth-Low-Energy-Funk gesteuert. Dies verlängert die Akkulaufzeit der angeschlossenen Geräte.

Daneben gibt es Einzellösungen wie die Belkin Wemo: ein Aufsatz für die Steckdose, der sich mit dem WLAN verbindet. Er lässt sich per App an- und ausschalten. Webcams und Bewegungssensoren gibt's obendrein.

Der Netzwerkspezialist AVM hat per DECT und Powerline steuerbare Steckdosen im Angebot. Die Dosen übermitteln den Stromverbrauch der angeschlossenen Geräte per Netzwerk an die Myfritz-App für iOS- und Android-Mobil-Geräte. Darüber lassen sich die Dosen und damit die verbundenen Geräte zudem ein- und ausschalten.

Der Begriff Internet der Dinge bringt die gesamte Entwicklung auf den Punkt: Egal, welche Lösungen sich künftig etablieren - bald werden sämtliche elektronischen Geräte im Haus vernetzt sein. Doch wir Käufer sollten uns nichts vormachen: Das Sammeln von Daten spielt eine zentrale Rolle in den Geschäftsmodellen vieler Firmen. Solange keine belastbare Datenschutzregelung besteht und die Justiz Verstöße dagegen auch ahndet, ist der Bewohner smarter Heime für Werbetreibende und staatliche Überwachungsdienste gläsern.

In den kommenden Wochen werden wir uns in einer losen Artikelreihe mit weiteren Aspekten des Smart Home beschäftigen, unter anderem mit dem Thema Sicherheit und Datenschutz.  (jfl)


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