Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/radikalisierung-im-internet-wie-extremisten-das-netz-erobern-1409-109129.html    Veröffentlicht: 25.09.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/109129

Radikalisierung im Internet

Wie Extremisten das Netz nutzen

Langweilige Traktate von Islamistenführern waren gestern: Extremisten nutzen das Internet immer professioneller für ihre Propaganda. Forscher tun sich schwer, dem ständigen Wandel zu folgen - und während sie über Ethik und Moral diskutieren, schaffen Behörden Fakten.

Extremisten nutzen das Internet sehr vielfältig und manchmal erschreckend kreativ und professionell zur Rekrutierung von Attentätern, zur Do-it-yourself-Radikalisierung und natürlich auch zu klassischen Propagandazwecken. Zu einer gewissen Popularität hat es beispielsweise das islamistische Magazin Inspire gebracht. Es dient oft als Paradebeispiel für eine islamistische Digitalisierungsstrategie, bei der nichts dem Zufall überlassen wird, sondern ein hochwertiges PDF-Magazin elementarer Bestandteil eines ganzheitlichen Radikalisierungs- und Rekrutierungsansatzes ist.

Und wie jede erfolgreiche Idee fand es Nachahmer: So gibt es seit kurzem ein weiteres Magazin namens Dabiq, das auch auf Deutsch erhältlich ist und sich in seiner ersten Ausgabe vor allem dem Kalifat der IS widmet und damit nicht nur dieselbe strukturelle Strategie einer zielgruppengerechten Darstellung verfolgt, sondern auch inhaltlich genau im Trend islamistischer Diskurse und der Bestrebungen nach Radikalisierung im Netz liegt.

Das Netz dient Extremisten schon lange für Propaganda

Seit es das Internet gibt, versuchen Extremisten, das digitale Netz zu Propaganda- und Radikalisierungszwecken zu nutzen. Ein gutes Beispiel ist das linksextremistische Blatt Radikal, das in den 70er Jahren erstmals erschienen ist und später auch als eine der ersten Szenezeitschriften im Internet vertreten war. Dieses könnte man mit einiger Berechtigung die am meisten von Ermittlungsverfahren betroffene Zeitschrift Deutschlands nennen.

Selbst ein Umzug ins Ausland war da wenig hilfreich: 2002 musste der niederländische Hoster XS4ALL auf Druck eines Gerichts die Seiten der Zeitschrift entfernen. Trotzdem half dies nicht, die Verbreitung des Heftes zu stoppen. Im Gegenteil: Überall im Netz tauchten Mirror-Websites auf, die sich mit der Radikal solidarisierten. Auch war die Radikal schnell über andere, nicht-webbasierte Services wie P2P und Mailinglisten erhältlich - und natürlich über die etablierten nichtdigitalen Kanäle.

Bereits viele Jahre vor dem Schritt in die digitale Sphäre war die Radikal eines der wichtigsten Blätter für die linksradikale Szene, und auch die frühe Netzpräsenz sowie die medienwirksamen Sperrbemühungen von Justiz und Wirtschaft verhalfen ihr zu einem Ausbau ihrer szeneinternen Berühmtheit. Davon kann heute, mehr als ein Jahrzehnt später, jedoch keine Rede mehr sein: Die Radikal-Website wurde seit Jahren nicht mehr aktualisiert. Nichtsdestotrotz haben die Behörden das Blatt noch nicht ad acta gelegt. Ihre Bedeutung hallt noch in so mancher Schrift über den Linksextremismus nach.

Inzwischen hat sich viel getan. Während die Radikal hinsichtlich Gestaltung, Textlänge und Lesbarkeit oftmals noch zu wünschen übrig ließ, da die Texte und ihre Verbreitung im Vordergrund standen, sind die islamistischen Magazine von heute in Sachen Layout und Inhalt deutlich professioneller. Ebenso die Propagandavideos von ISIS und andere: Bild, Ton, Schnitt, Text und Länge orientierten sich im Laufe der Jahre immer mehr an professionellen Studiovorbildern.

Professionalisierung der Netzpropaganda

Auch Extremisten wissen inzwischen sehr genau, was die Zielgruppe will, und nehmen Rücksicht auf die digitalen Eigengesetzlichkeiten; langatmige Traktate oder zähe Vorträge von Islamistenführern in Großaufnahme sind passé. Dazu kommen die entsprechenden Verbreitungswege wie Youtube, Facebook und Twitter - und schon hat man ein ganzheitlich konzipiertes Produkt, über dessen Wirkung man sich sicher sein kann. Zumindest in der Theorie, denn selbstverständlich ist Radikalisierung im Netz weder mit einem PDF-Magazin noch mit einem Enthauptungsvideo ein Selbstläufer im Sinne der Initiatoren. Es ist ein Baustein von vielen, wenngleich ein sehr wichtiger.

Um zu verstehen, wie Onlineradikalisierung überhaupt wirkt, lohnt sich ein Blick auf den aktuellen Forschungsstand, denn an Publikationen, Präsentationen und Konferenzen mangelt es heutzutage nicht. Und es werden inzwischen auf wissenschaftlicher Seite ganz unterschiedliche Ideen vorgestellt, Onlineextremismus und -radikalisierung zu analysieren. Besonders beliebt sind dabei die sozialen Netzwerke. Sie bieten schließlich nicht nur eine riesige Zahl an Mitgliedern, sondern auch entsprechende Relevanz für alle Beteiligten.

Zahlreiche Tools sollen helfen, sie zu durchleuchten, um Zusammenhänge, Entwicklungen und Verbindungen darzustellen. So existieren inzwischen einige Erfahrungen und auch Schulungsangebote für Tools wie Gephi, Netvizz und NodeXL, die der Datenextraktion aus Quellen wie Facebook und Twitter dienen. Von besonderer Bedeutung ist dabei nicht nur die Datenauswahl, sondern auch eine brauchbare Visualisierung, denn nur so entdeckt man das Unbekannte im Bekannten.

Schwierige Analyse

Die Datenmengen sind oftmals enorm: So existieren beispielsweise islamistische Diskussionsgruppen bei Facebook, die von einem harten Kern von 30 Islamisten gegründet wurden, aber inzwischen über 2000 Teilnehmer haben. Hier alle mehr oder weniger interessanten Querverbindungen und Beziehungen herauszufinden bzw. vor allem die uninteressanten Verbindungen herauszufiltern, kann sehr schnell sehr umfangreich werden. Die sozialen Netzwerke sind heutzutage auch deshalb interessant, weil sie eine niedrige Einstiegshürde für alle Beteiligten darstellen. Interessierte und Suchende finden schnell Anschluss - im wahrsten Sinne des Wortes, denn soziale Netzwerke ergeben bekanntlich erst durch aktive Vernetzung Sinn.

Und Islamisten liefern sowohl bei Facebook als auch bei Twitter viel: von Propagandamaterial über Schulungen bis zur Interaktion mit Anführern und Kämpfern in Kriegsgebieten. So kommt man von der simplen Mitgliedschaft in einer offenen Diskussionsrunde schnell zu den berüchtigten Enthauptungsvideos und Magazinen mit Bauanleitung für Sprengvorrichtungen, aber auch zu Berichten aus Kriegsgebieten und kann aus erster Hand erfahren, wie es ist, im Heiligen Krieg zu kämpfen. Dass hierbei oftmals eine Beschleunigung von Radikalisierung festzustellen ist, dürfte auf der Hand liegen. Und spätestens das interessiert dann auch die zuständigen Behörden.



Forschung und Verteidigung: zwei ganz unterschiedliche Perspektiven

Zwischen wissenschaftlichen Projekten und Behördenvorgängen liegen allerdings oftmals Welten, nicht zuletzt aufgrund der Zugriffsmöglichkeiten, die ausschließlich Staatsorgane haben. Das Live-Mithören einer VoIP-Telco, das Mitlesen eines Chats von Schmugglern in einem gerade stattfindenden Onlinespiel oder eine Funkzellenauswertung - das sind Analysemöglichkeiten, die Forschern kaum zur Verfügung stehen, meistens sogar nicht einmal als Beobachter innerhalb einer Behörde.

Deshalb müssen sie sich in solchen Fällen oftmals auf retrograde Alternativen wie die Analyse von Gerichts- unde freigegebenen Fallakten oder Interviews mit den Tätern konzentrieren, um festzustellen, welche Rolle das Internet bei der Radikalisierung gespielt hat. Dass es hier zu entsprechenden Informationsverlusten kommen kann, die auch die wissenschaftliche Analyse entsprechend beeinflussen, ist naheliegend.

Die Wissenschaft stößt allerdings nicht nur an rechtliche und methodische, sondern sehr oft auch an ethische Grenzen. Aus polizeilicher Sicht ist ein Lauschangriff nicht verwerflich, sondern notwendig und auch unumstritten, da parlamentarisch legitimiert und in Gesetzesform festgehalten. Auf wissenschaftlicher Ebene sieht das jedoch ganz anders aus. Wenn man beispielsweise in einem öffentlichen Chat eine Sollbruchstelle entdeckt, an der man intervenieren und die Diskussion ins Positive, also in eine demokratische Richtung, drehen könnte, beispielsweise auch, um beim polizeilichen Pendant zu bleiben, zwecks Verhinderung einer Straftat, stellt sich schnell die Frage: Ist solches Social Engineering überhaupt vertretbar?

Wissenschaftler diskutieren, Behörden schaffen Fakten

Doch während Wissenschaftler weltweit intensiv über eine Cyber(forschungs)ethik diskutieren und sich an der Vielfalt des Internet of Everything und seinen zahllosen Verwebungen abarbeiten, schaffen Behörden in manchen Ländern knallharte Fakten: In China arbeiten angeblich zwei Millionen Analysten am Public Opinion Policing, eine für europäische Verhältnisse ungeheure Einmischung in die Meinungsfreiheit.

In Europa wird hingegen die Stärkung der Zivilgesellschaft bevorzugt, auch im Bereich Social Media: Wissenschaftler und Praktiker, beispielsweise aus der Aussteigerhilfe, empfehlen häufig, sich die Netzwerke so zunutze machen, wie es die Extremisten tun. Aktiv werden sollen also die Bürgerinnen und Bürger. Die Wissenschaft soll diese inhaltlich unterstützen, und Behörden sollen nur als letzte Instanz tätig werden und auch nur mit Maßnahmen, die ihnen allein aufgrund der rechtlichen Lage zur Verfügung stehen, also in Form von Datenlöschungen (wie im bereits erwähnten Falle der Radikal) und Strafverfolgungen.

Wo beginnt die Meinungsfreiheit?

Denn wo Meinungsfreiheit anfängt und ab wann man eingreifen kann oder sogar muss, um Hass kein Forum zu bieten, ist eine hochgradig sensible und zugleich stark umstrittene Frage. Etliche Forscher diskutieren beispielsweise anhand der Repräsentation von Extremismus in den klassischen Medien, wo hier eventuell Grenzen zu ziehen sind.

In den deutschen Medien war dies in der jüngsten Vergangenheit an der Diskussion über die Präsentation des Enthauptungsvideos von James Foley zu beobachten. Darf man ein solches Video zeigen? Oder muss man hier bildtechnisch eingreifen? Reicht ein Kommentar anstelle des Videos, vielleicht zusammen mit einem Screenshot und Verpixelung des Opfers vor seiner Enthauptung? Oder hat dies alles ohnehin keinen Zweck, da jedermann das Video innerhalb weniger Minuten online finden kann, ungeschnitten und unkommentiert? Wo beginnt das legitime Interesse der Öffentlichkeit und ab wann fördert man nur die Propaganda der Extremisten?

Bisher war alles erfolglos

Zusätzlich ist auf der Metaebene eine gewisse Hilflosigkeit festzustellen, da alle bisherigen Einschränkungsversuche im Internet nahezu vollständig erfolglos waren und Islamisten nicht zuletzt durch ihre Erfolge im Irak auch an medialer Wirkungsmacht hinzugewonnen haben, also medial wahrscheinlich stärker sind als je zuvor.

Es ist deshalb davon auszugehen, dass Einschränkungen höchstens in den klassischen, redaktionell betreuten Medien Anklang finden dürften, auch aufgrund des herrschenden Pressekodex und der damit verbundenen Symbolwirkung bzw. Vorbildfunktion. Wirklich verhindern kann man digitale Propaganda bis hin zu extremer Brutalität in Zeiten digitaler Vernetzung jedoch nicht.

Keine einfachen Antworten

Analyse und Bekämpfung von Radikalisierung im Netz befinden sich noch in den Anfängen. Die zahlreichen digitalen Phänomene - beispielsweise das Aufkommen sozialer Netzwerke in den vergangenen Jahren, die begonnene Ausbreitung des ubiquitären Internet of Everything, die rasante Professionalisierung und weiter zunehmende Ausbreitung von Extremismus im digitalen Raum - stellen Forscher vor immer neue Herausforderungen und machen entsprechende Gegenmaßnahmen schwierig. Kaum haben Forscher oder Behörden einen interessanten Ansatz gefunden, schon besteht die Gefahr, dass in kurzer Zeit bereits ganz andere Wege beschritten werden und man mehr oder weniger von vorn beginnen muss.

Einfache Antworten sind deshalb nicht zu erwarten: Weder helfen technische Sperren, noch reicht eine vorrangig behördliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Zwischen den fast schon gemächlich erscheinenden und über viele Jahre andauernden Auseinandersetzungen zwischen der Zeitschrift Radikal und der Staatsmacht und den heutigen digitalen Herausforderungen liegen Welten: In immer kürzeren Abständen tauchen völlig neue Phänomene auf, die man nicht aus den Augen lassen darf, da sie oft genug das Potenzial haben, zu einem riesigen Problem zu werden - oder aber zur Lösung beizutragen.

So verbinden sich in einem sozialen Netzwerk plötzlich Rechtsradikale mit Islamisten und tauschen sich aus über den Bau von Waffen und Sprengfallen. Aber es werden im selben Netzwerk auch Attentate verhindert, die ohne sie wohl niemals geplant worden wären.

Die Lage ist und bleibt komplex. In den letzten Jahren sind zahlreiche Herausforderungen aufgetaucht, die nicht nur nach passenden Forschungsgrundlagen und Werkzeugen verlangen, sondern auch nach neuen Theorien und viel intensiverer Interdisziplinarität und einer Vermittlung von Forschungsergebnissen und Lösungsansätzen zugunsten der Öffentlichkeit. Denn letztlich ist wohl die (digitale) Gesellschaft das beste Korrektiv. Wissenschaft und Behörden sollten sie dabei nach Kräften unterstützen.  (shu)


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