Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/die-paten-des-internets-oliver-samwer-die-execution-sau-1408-108609.html    Veröffentlicht: 19.08.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/108609

Die Paten des Internets

Oliver Samwer - die "Execution-Sau"

Perfektionist, Exzentriker und Alphatier: Es ist nicht einfach, Oliver Samwer zu beschreiben. Gründerszene-Herausgeber Joel Kaczmarek hat Dutzende Weggefährten des Rocket-Internet-CEO für sein Buch "Die Paten des Internets" befragt. Ein Auszug.

Oliver Samwer hat den Ruf eines cholerischen Perfektionisten. Dutzende Geschichten grassieren über ihn. Er werfe Büromaterialien nach Angestellten und selbst gestandene Manager verließen weinend seine Meetings. Doch oft scheint es sich dabei um Kalkül zu handeln: In einem Moment brüllt er einen Meetingraum mit einem halben Dutzend hochrangiger Angestellter zusammen, im nächsten umgarnt er einen wichtigen Kontakt am Telefon, um danach wieder eine Wutrede zu halten. Gespielte Aggressivität und Freundlichkeit zählen zu den Werkzeugen dieses Sozial-Chamäleons auf dem Weg zum alles überragenden Ziel: dem unternehmerischen Gewinn. Diese Fähigkeiten machen Oliver Samwer letztlich zum geborenen Anführer, der sich und seinen Mitarbeitern Unmenschliches abverlangt. Durch das Versprechen von Reichtum, durch gigantische Lerneffekte und geschickte psychologische Manipulation gelingt es ihm, andere Menschen Dinge schaffen zu lassen, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätten. Zu seiner Taktik zählt es, Ziele derart hoch zu stecken, dass klar ist, dass sie sich nicht erreichen lassen. Eine Kultur des Lobens fehlt und selbst wenn es gelänge, die maßlos übertriebenen Ziele zu erfüllen, würde Oliver Samwer noch bessere Ergebnisse fordern. In dem Versuch, die gesetzten waghalsigen Ziele dennoch zu realisieren, gehen seine Angestellten über das, was üblich und gesund ist, deutlich hinaus.

Kein Wunder: In jede seiner Unternehmungen bringt Oliver Samwer diese wahnsinnige Energie ein, die in Verbindung mit seinem Fokus auf das Wesentliche eben jenen Kraftakt ermöglicht.

Dieser auf Leistung getrimmte Führungsstil funktioniert aber nur, weil er ihn selbst lebt. Auch der dreifache Familienvater selbst ordnet alles seinem Erfolg unter. Zur Not kommt seine Familie eben ohne ihn aus, treibt ihn doch dieser unbändige Wille an, zu gewinnen. Alles ist für ihn wie ein Sport, und Gewinnen ist das eine hehre Ziel, in dessen Dienst er alles andere stellt - auch sich selbst und seine Gesundheit. Geschichten von einem Oliver Samwer, der im Büro schläft, bereits im Taxi vom Flughafen Interviews gibt und Telefonate erledigt, selbst aus dem Kreißsaal noch Umsatzzahlen erfragt oder nach Reisen um den gesamten Erdball mehrstündige Ansprachen vor der Belegschaft hält, gibt es genug."Execution-Sau" oder "Ausführer vor dem Herrn" sind die Titel, die er von seinen Mitarbeitern verliehen bekommt. Die Energie dieses Mannes scheint keine Grenzen zu kennen.

"Kein 'Hallo' und kein 'Auf Wiedersehen'"

Oliver Samwers Arbeitsweise ist eben auf das Mantra der Geschwindigkeit ausgelegt. Stets schreibt der Kölner lediglich kurze Stakkato-Mails aus einzelnen Sätzen oder Worten, um aus der Ferne unterschiedliche Angestellte zu steuern. Eine öffentlich gewordene umfangreiche E-Mail von 2011, in der Samwer einen Blitzkrieg gegenüber der Konkurrenz ausruft, spiegelt zwar seine Vorstellung vom temporeichen Wettstreit in der Unternehmenswelt wider, fällt gegenüber seinem sonst eher kurzen Telegrammstil aber aus der Reihe. Er fasst sich in der Regel lieber kurz und kann jedem seiner Mitarbeiter, egal in welchem Kontext, rasant schnell antworten - sei es per E-Mail oder Kurzanruf. Wer Teil von Oliver Samwers Führungsstil des Management by Telephone ist, muss sich darauf einstellen, dass es kein "Hallo" und kein "Auf Wiedersehen" gibt, dass es immer sofort zur Sache geht und der Unternehmer mit Knopf im Ohr sein Gegenüber gerne auch mal mitten im Satz wegdrückt.

Sozial ist Oliver Samwer eher ein Exzentriker, ein Mann, dem sein Umfeld lange Probleme bereitet hat und der sich die Welt so hinbiegt, wie sie ihm passt. Er fährt mit seinem Porsche Cabrio durch München, geht aber in Sandalen und kurzen Hosen ins Büro. Würde man sein Verhalten an einer Soziopathen-Checkliste überprüfen, es würde wohl viele Punkte erfüllen. Doch wenngleich dieses Verhalten unberechenbar erscheint, folgt es einem Konzept. Wie kein Zweiter verfügt Oliver Samwer über ein ausgemachtes Überzeuger-Gen. Er spielt die komplette Klaviatur der Beeinflussung, sofern er denn ein inhaltliches Interesse an seinem Gegenüber hegt. Denn auch jegliche Form der Hierarchie ist ihm herzlich egal. Ob er einen Mitarbeiter oder Geschäftsführer anschreit, macht für ihn keinen Unterschied. Selbst vor seinen Brüdern macht er nicht Halt. Dass er bei Gruppentelefonaten mit Dutzenden Länderverantwortlichen etwa regelmäßig auch einen seiner Brüder mit Worten wie "Jeder hat's gerafft, nur du nicht" runterputzt, ist bei Oliver Samwer keine Seltenheit.

"Hohe Effizienz seiner Organisationen"

Wie in seinem unternehmerischen Schaffen allgemein konzentriert sich Oliver Samer auf ausgewählte Themen und versucht nach Möglichkeit, jedes Problem unmittelbar zu lösen, auch wenn es einige Stunden Telefonkonferenz mit mehreren Verantwortlichen erfordert. Schließlich ist das Fehlen umfangreicher Hierarchieebenen und langer Entscheidungswege ein weiteres zentrales Merkmal, mit dem Oliver Samwer eine hohe Effizienz seiner Organisationen sicherstellt. Er ist der Alleinherrscher in seinem Unternehmensreich, zu lange Diskussionen und komplexe Entscheidungswege gibt es nicht. Vielmehr betrachtet er es persönlich als eines seiner Erfolgsgeheimnisse, dass er seinen Mitarbeitern sehr schnell viel Vertrauen und Verantwortung gibt, so dass diese auf Grundlage gemeinsamer Ziele autarke Entscheidungen treffen können.



Maximierer, Verkaufsgenie, Machiavellist

Alphatier, Maximierer, Verkaufsgenie, Machiavellist, Perfektionist, Execution-Sau oder Exzentriker - mit vielen Zuschreibungen wird versucht, Oliver Samwer zu charakterisieren. Doch dem Unternehmer aus Köln ist überraschenderweise auch eine ausgeprägte Risikoaversion zu eigen. Stets suchte er sich wohlhabende Geldgeber, die seine ungemein hoch bewerteten Unternehmungen finanzierten und ihm die Munition für seine Blitzkriege lieferten.

Oliver Samwers ausgeprägte Angst vor dem Tod

Nach seinen ersten - für seinen Geschmack verfrühten - Unternehmensverkäufen resümierte er später selbst, dass es vor allem der konservative Hintergrund seiner familiären Herkunft war, der ihn und seine Brüder so vorsichtig machte und ihm diese Risikoaversion mit auf den Weg gab. Belege gibt es genug: Bis im Jahr 2014 ein Börsengang seines Firmenimperiums Rocket Internet anstand, hatte der sonst so aggressive Executer keinen Positionstitel inne, sondern ließ andere das formelle Risiko tragen. Glaubt man einem Vertrauten der Familie, verbindet ihn und seine Brüder bis heute eine ausgeprägte Angst vor dem Tod und vor Krankheiten, und auch beruflich bestand deshalb stets ein gewisses Sicherheitsnetz für die Samwers.

Während es die Samwers zusammen auf ein kolportiertes Privatvermögen von über einer Milliarde Euro gebracht haben dürften, sind im Dunstkreis von Oliver Samwer nur sehr wenige reich geworden. Schließlich gilt es, im Umgang mit dem Firmenpatriarchen inhaltlich ein gutes Näschen, formal eine genaue Kenntnis der Materie und operativ Nähe zum Hochgeschwindigkeitsbetrieb der Samwers mitzubringen, will man gegenüber dem Internetunternehmer dauerhaft bestehen. Andernfalls steigt die Gefahr, durch Oliver Samwers Verhandlungsgeschick und operative Dynamik abgehängt zu werden. Selbst seine Brüder verblassen gemessen an seiner Schaffenskraft zu Ausführenden seiner Ideen. Doch Oliver verbindet mit Marc und Alexander ein starkes Band des Vertrauens. Marc und Alexander Samwer sind für das Mastermind so etwas wie Unterstützungssysteme im Hintergrund, die ihm helfen, alle Ressourcen in eine Richtung zu lenken.

Die Schattenseite des Erfolgsstrebens

Alle anderen bleiben für ihn lediglich Angestellte. Die Leiter seiner Gründungen bleiben reine Projektmanager und Umsetzungsgehilfen seiner Anweisungen, während er und seine Brüder als kompetente Gründer auftreten. Insofern haftet Oliver Samwer auch ein gewisser Narzissmus an, attribuiert er Erfolg doch gerne auf sich. Zahlreiche seiner ehemaligen Weggefährten sagen dennoch, dass es eine Ehre sei, einmal mit Oliver Samwer zusammengearbeitet zu haben. Schließlich sei es ein Ereignis, ihn und seine einzigartige Arbeitsweise zu erleben.

Die Schattenseite dieses Erfolgsstrebens liegt darin, dass er seine Mitarbeiter nicht nur die Grenzen ihrer Kräfte, sondern auch die ihrer Moral vergessen lässt. Von den "Samwer-Schergen", jenen willigen Befehlsempfängern der Samwers, denen der Kampf mit harten Bandagen, das Abzocken und das Fertigmachen von Menschen vorgelebt wurde, wird noch öfter zu reden sein. Denn Mitarbeiter aus dem direkten Umfeld von Oliver Samwer machen sein Verhalten oft zu ihrem und stellen ihren Ziehvater als Rechtfertigung für ihr Tun hin. Da es dem Gefolge jedoch meist an dessen Know-how oder Intellekt fehlt, geraten diese Nachahmungen zumeist zu einem billigen Abklatsch. Jene zweite Führungsebene beschert nicht selten ein schlechtes Arbeitsklima und bildet den Ursprung vieler Abzocker- und Sklaventreibergeschichten über den Samwer-Clan.

Der Text ist ein Auszug aus "Die Paten des Internets: Zalando, Jamba, Groupon - wie die Samwer-Brüder das größte Internet-Imperium der Welt aufbauen" von Joel Kaczmarek. Finanzbuchverlag, 2014. 19,99 Euro.

Joel Kaczmarek ist Herausgeber von Gründerszene.de. Derzeit widmet er sich als Mitgründer von Sessionbird einem Technologieunternehmen, das die sichere und benutzerfreundliche Durchführung von Online-Meetings aus dem Browser heraus ermöglicht.  (jka)


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