Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/orte-entdecken-foursquare-kann-das-bessere-yelp-werden-1408-108508.html    Veröffentlicht: 13.08.2014 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/108508

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Foursquare kann das bessere Yelp werden

Mit der Auslagerung der Checkin-Funktion in eine eigene App will Foursquare zum Empfehlungsdienst werden. Mit seiner primären Ausrichtung auf mobile Geräte könnte Foursquare Anbietern wie Yelp und Tripadvisor den Rang ablaufen.

Im Mai dieses Jahres hat die mobile Empfehlungsplattform Foursquare die beliebte Checkin-Funktion in eine eigene App namens Swarm ausgelagert. Dadurch sollen Nutzer die Möglichkeit erhalten, selbst zu entscheiden, ob sie sich bei der Nutzung der Dienste von Foursquare vernetzen und ihre Empfehlungen teilen oder diese nur anschauen wollen.

Ganz im Sinne der aktuell verbreiteten mobilen Entbündelung, in Folge derer zum Beispiel Facebook den Messenger von der Haupt-App in eine eigene App ausgelagert hat, hat auch Foursquare aus einer App zwei gemacht. Statt auf den Checkin setzt Foursquare in der neuen, seit vergangener Woche verfügbaren Foursquare-App auf die Tipps. Die Checkins gibt es in der neuen separaten Swarm-App. Swarm konzentriert sich auf den sozialen Aspekt von Foursquare: Der Nutzer kann seine Freunde wissen lassen, wo er sich befindet, oder mit anderen Pläne schmieden. In der neuen Foursquare-App findet man den Checkin-Button nur noch, wenn Swarm ebenfalls auf dem Smartphone installiert ist. Visuell ist die neue Foursquare-App auf Entdeckungen ausgelegt: Sie empfiehlt mit großen Bildern Kategorien wie Essen und Ausgehen. Wichtiger aber ist, welche neuen Mechaniken Einzug im Foursquare-Universum gehalten haben.

Die App-Auftrennung ermöglicht es Foursquare, eine neue Vernetzungsart einzuführen, ohne zu komplex zu werden. Wer sich auf Swarm vernetzt, tut dies nur unter Freunden. Es ist wie bei Facebook: Der Nutzer kann nur die Aktivitäten anderer sehen, wenn er den anderen als Freund hinzufügt. Angesichts der privaten Natur des Checkins ist das sehr sinnvoll. Foursquare-weit schränkt diese symmetrische Vernetzung aber ein. Was, wenn jemand in meiner Stadt regelmäßig gute Tipps auf Foursquare hinterlässt und ich über Tipps von dieser Person gern informiert werden möchte? Zwischen Menschen, die nicht zufällig auch befreundet sind, war das bisher unmöglich. Ähnlich wie bei Twitter und Instagram ist es auf Foursquare in der neuen Version möglich, interessanten Personen zu folgen.

Herzen für Expertentipps

Wenn man in der Nähe eines Ortes ist, an dem einer dieser gefolgten Experten einen Tipp abgegeben hat, sendet Foursquare eine Push-Nachricht ans Smartphone. Zum Auffinden solcher Experten nutzt das System alle Signale, die es von seinen Nutzern erhält. Jeder kurze Tipp kann von anderen Nutzern mit einem Herzen versehen werden: das Foursquare-Äquivalent zum Facebook-Like. Wenn jemand viele Tipps für italienische Restaurants oder für Burger-Imbisse schreibt und wenn diese Tipps von vielen Nutzern mit Herzen bewertet werden, erhebt Foursquare den Nutzer zum Experten für italienische Restaurants oder Burger-Imbisse. Aufgeteilt werden diese Tipps in 10.000 Kategorien. Diese Kategorien sind die Basis für eigene Vorlieben, die als Grundlage für Empfehlungen dienen.

Wer viele populäre Tipps für seine Stadt schreibt, kann Stadtexperte werden, für Berlin gibt es bereits die ersten. Die Tipps solcher Experten werden in den Tipplisten der Orte hervorgehoben und erscheinen neben den unzähligen Empfehlungen, welcher Burger der beste sei, als Burger-Experten-Tipp. Im eigenen Profil können angehende Experten anhand von farbigen Fortschrittsbalken ihre Entwicklung ablesen. Das könnte für viele Ansporn genug sein, um mehr zu schreiben. Ohne Zweifel wird Foursquare in der Zukunft Ranglisten für lokale Experten erstellen und so das Finden von guten Tipps erleichtern, um etwa mit einem Fingertipp einer Gruppe von Experten im nächsten Urlaubsziel zu folgen.

Foursquare-Konkurrenz am Desktop entstanden

Es gibt bereits einige Internetdienste, die Nutzern Empfehlungen über Restaurants und Sehenswürdigkeiten in der Nähe geben. Tripadvisor etwa soll Touristen helfen. Das deutsche Qype war ebenfalls eine Empfehlungsplattform, auf der Nutzer sich Frisöre, Ärzte und Cafes empfehlen oder vor ihnen warnen konnten. Der größte Anbieter dieser Art ist das an der Börse notierte Yelp, das vor geraumer Zeit Qype übernommen hat.

Alle diese Dienste haben gemeinsam, dass sie in der Zeit des Desktop-Webs entstanden sind und für dieses konzipiert wurden. Alle haben zwar längst eigene Apps, weil eine Umgebungsempfehlung natürlich auf dem Smartphone am besten funktioniert. Aber man merkt ihnen an, dass sie nicht für das Smartphone entwickelt wurden. Wer etwa bei Yelp schnell eine kurze Einschätzung über ein Restaurant am Smartphone tippen möchte, stößt auf eine Zeichenuntergrenze - ein, zwei Sätze reichen in der Regel nicht aus, um eine Yelp-Rezension veröffentlichen zu können. So etwas hatte vielleicht Sinn, als alle Rezensionen auf Laptops geschrieben wurden, am mobilen Markt aber gewinnt die Kleinteiligkeit: hier kurz tippen, dass der Kuchen lecker und dort schnell den Hinweis geben, dass das Bier günstig ist.

Checkin bringt Foursquare viele Daten

Foursquare war schon immer anders, weil es ein Unternehmen der Smartphone-Ära ist und mit der App anfing. Es entwickelte später eine Website, die aber nur Beiwerk war, für die Momente, wenn man Foursquare nicht am Smartphone, sondern am Laptop nutzte. Es gehört also zu einer neuen Gruppe von Unternehmen, die zuerst an Smartphone und App denken, wie auch Instagram, das innerhalb kürzester Zeit zu einem der populärsten Fotodienste wurde und vielleicht der bekannteste Vertreter dieser Gruppe ist. Foursquare hat für sich eine geniale neue Datenart erfunden: Den Checkin. Mit im Idealfall nur einem Fingertipp kann man sich auf einchecken und so seinen Freunden mitteilen, wo man sich befindet. Checkin erfüllte noch eine zweite wichtige Aufgabe: Foursquare erhält auf diese Weise sehr viele nutzbare Daten. Es erfährt nicht nur, wo sich zum Beispiel ein Restaurant befindet, sondern auch wer wie oft dort hingeht.

Foursquare konnte so nicht nur eine der umfangreichsten weltweiten Ortsdatenbanken aufbauen, sondern auch eine der besten lokalen Empfehlungsmaschinen. Auf dieser Basis kann Foursquare dem Nutzer die Orte empfehlen, die für ihn interessant sind - ganz nach dem Amazon-Prinzip: Leute, die Orte ähnlich oft besucht haben, sind auch dorthin gegangen. Darüber hinaus konnte sich Foursquare dank des zwischenmenschlichen Aspekts der Checkins schneller auch in entlegenere Gegenden verbreiten als etwa Yelp. Wenn Yelp, Tripadvisor und Co. versagen, lohnt sich immer ein Blick in Foursquare, das vielleicht von den Bewohnern der Gegend untereinander genutzt wird, die so als Nebenprodukt Empfehlungen produzieren. Für Touristen besonders interessant: Foursquare kann unterscheiden zwischen Orten, die bei Einheimischen populär sind und solchen, die bei Durchreisenden Anklang finden.

Experimente mit mobilen Konversionswegen

Der Checkin ist eine hervorragende Datenform für Foursquare als Grundlage für lokale Empfehlungen. Es gibt nur ein Problem dabei: Nicht jeder, der auf der Suche nach dem besten Restaurant oder dem vielversprechendsten Ausflugsziel ist, will in einer App den Aufenthaltsort mit Freunden austauschen. Tatsächlich gibt es zwei Benutzergruppen, die bisher die gleiche App verwendeten: Die eine nutzte die Checkins, die andere suchte nach lokalen Empfehlungen. Diese Interessen überschnitten sich nur bei einem Teil der Anwender. Vor allem aus der letzteren Gruppe waren viele bestenfalls irritiert über den Checkin-Button oder verwarfen schlimmstenfalls Foursquare ganz, weil sie nichts mit Checkins anfangen konnten oder wollten.

Das soll sich mit der Aufspaltung in normale Foursquare-App und Swarm ändern. Über Swarm erhält das Unternehmen weiter die wertvollen Checkin-Daten und kann seine Informationsfülle, die bereits bei 5 Milliarden Checkins und 55 Millionen Tipps liegt, weiter ausbauen. Mit den kommenden App-Extensions in iOS8 und den ähnlichen Entwicklungen auf Android wird die Verschmelzung von Apps leichter werden, was die meisten Nachteile der Aufteilung wieder aufheben dürfte. Insgesamt ist Foursquare, das schon vorher als vielversprechendster Underdog seiner Kategorie galt, mit der App-Aufteilung und der neuen App ein Geniestreich gelungen. In den Eingangsbereichen der Cafés und Restaurants im Zentrum Berlins klebt schon lange neben den Yelp- und Qype-Aufklebern das Foursquare-Logo. Für Gastronomen und Ladenbesitzer wird Foursquare immer interessanter, nicht zuletzt, weil es mehr als die Mitbewerber mit mobilen Konversionswegen experimentiert, um Smartphonenutzer von der Straße in das Geschäft zu bringen.

Wirbel um ständige GPS-Verortung

Mit der Umstellung auf die neue Version setzt Foursquare auf eine ständige GPS-Verortung im Hintergrund, über die die Tipps der Experten geortet werden. Diese Änderung, statt der expliziten Nennung des Ortes über den Checkin eine ständige passive Ortung einzusetzen, hat für Aufregung gesorgt. Bereits Swarm bietet mit dem Neighborhood Sharing passives Verorten an. Diese Funktion lässt sich ausschalten, ohne dass Foursquare oder Swarm unbenutzbar werden, allerdings gehen die an diese Ortserfassung gebundenen Features verloren. Der Sommersturm im Wasserglas angesichts dieser Änderung dürfte Foursquare kaum schaden.

Foursquare demonstriert sehr anschaulich, was mit Internetdiensten möglich ist, wenn vom Smartphone her gedacht wird. Yelp und Co. sind die Internetumsetzungen der klassischen Restaurantrezensionen der Zeitungen. Foursquare dagegen zeigt die Zukunft für das auf, was sie alle - Yelp, Foursquare und Restaurantkritiker - machen: die Orte empfehlen, die einen Besuch wert sind.  (mweiß)


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