Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/icann-top-level-domains-als-riesengeschaeft-1407-107982.html    Veröffentlicht: 21.07.2014 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/107982

Icann

Top-Level-Domains als Riesengeschäft

Hunderte neuer Internetendungen werden in diesem Jahr freigeschaltet. Das soll für mehr Vielfalt und Wettbewerb im Netz sorgen, in dem freie Domains mit den Jahren immer knapper wurden. Doch wie so vieles im Internet werden sie höchst ungleich verteilt sein.

Insgesamt etwa 1.930 Bewerbungen um neue Internetendungen sind im Jahr 2012 bei der globalen Internetbehörde Icann eingegangen; in diesem Jahr werden sie vergeben. In 675 Fällen geht es um Markenendungen wie .audi oder .lidl, auf die Markeninhaber exklusiv Zugriff haben. Es bleiben 1.255 Bewerbungen um öffentlich zugängliche Top-Level-Domains (TLDs). Mehr als die Hälfte stammen von sechs Massenbewerbern. Die klassischen im Netz dominanten Konzerne Google und Amazon zählen dazu, die neuen Internetendungen bringen aber auch neue Mächtige hervor. Ein Überblick.

Ein Massenbewerber par excellence: Donuts

Das US-Startup Donuts hat 307 Bewerbungen um neue Endungen eingereicht, von denen allerdings 13 im Rahmen einer strategischen Partnerschaft an den kleineren Bewerber Rightside abgetreten wurden. Eine inhaltliche Systematik sucht man vergebens. Donuts beantragt Endungen in allen möglichen Branchen und allen möglichen Sprachen. Für jede Bewerbung wurde eine eigene Firma mit klingendem Namen wie Outer Moon, LLC oder New Cypress, LLC gegründet.

Die TLDs werden zentralisiert betrieben, für die einzelnen Endungen gibt es noch nicht einmal eigenständige Vermarktungswebseiten. Im deutschen Sprachraum wird Donuts die beiden deutschsprachigen Endungen .schule (startet am 20. August 2014) und .reisen (23. Juli 2014 ) betreiben. Um die Endung .gmbh streitet sich Donuts mit vier anderen Unternehmen, darunter zwei kleine deutsche Bewerber sowie Google.

Google will .app, .blog und .search nun doch öffnen

Google ist natürlich auch mit von der Partie. Über die Firmentochter Charleston Road Registry hat sich der Suchkonzern um 101 Endungen beworben. Auch 13 Markenendungen wie .youtube und .android sind dabei. Ursprünglich wollte Google einige Endungen wie .app, .blog und .search als sogenannte Closed Generics exklusiv vermarkten und für seine Nutzer reservieren. Im Rahmen einer öffentlichen Kommentierphase zum Thema Closed Generics kündigte Google aber an, alle TLDs mit allgemeinen Begriffen auch für Externe zu öffnen.

Im deutschen Sprachraum interessiert sich Google nur für die Endung .gmbh. Zündstoff barg die Frage, ob Google die eigenen TLD-Angebote im Suchalgorithmus bevorzugt. In dem Fall würden die Google-Endungen für Nutzer attraktiver werden und die anderen TLDs wären strukturell benachteiligt. Die Diskussion über die Machtballung von Google im Internet würde dann neue Relevanz bekommen.

Amazon will besonders viele allgemeine Endungen als Closed Generics

Auch Amazon ist bei den neuen Endungen prominent dabei. Über die in Luxemburg angesiedelte Tochter Amazon EU S.à r.l. bewirbt sich der Konzern um 76 Endungen, darunter neun Marken-TLDs wie .kindle. Amazon will besonders viele allgemeine Endungen als Closed Generics betreiben und hat sich damit bei weiten Teilen der Domain-Community noch unbeliebter als Google gemacht. Unter anderem sollen .book, .read und .music als geschlossene Endungen betrieben werden.

Anders als Google will Amazon von dem Plan bisher nicht abrücken. Bei der Bewerbung um .amazon als Markenendung musste die Firma eine Niederlage einstecken. Südamerikanische Staaten hatten protestiert, da das Wort auch für den Fluss Amazonas steht, der den Kontinent durchquert. Im Mai 2014 entschied die Icann überraschend und ohne weitere Begründung, dass die Bewerbung um .amazon vorerst nicht weiterverfolgt wird.

Drei Investoren und Domainhändler im Süden

Etwa 68 komplett eigene Bewerbungen hat der Finanzinvestor Top Level Domain Holdings (TLDH), auch bekannt als Minds+Machines, eingereicht. Dazu kommen noch 24 Bewerbungen im Rahmen von Partnerschaften. Der offizielle Sitz der Firma sind die Britischen Jungferninseln. Das idyllische, britische Überseegebiet in der Karibik ist die Heimat vieler Briefkastenfirmen. Zu den komplett eigenen Bewerbungen zählen unter anderem .baby, .design und .video. Im deutschen Sprachraum ist die TLDH über eine Partnerschaft an den Bewerbungen um .bayern (startet am 30. September 2014) und .nrw (voraussichtlich November 2014) beteiligt.

Die TLDH betreibt die beiden Endungen auf der Grundlage von Verträgen mit den jeweiligen Bundesländern. Hinter .bayern steht die Münchner Firma Bayern Connect GmbH, hinter .nrw die Minds+Machines GmbH, an beiden Firmen hält die TLDH jeweils 80 Prozent der Anteile. Die TLDH interessierte sich ursprünglich auch für die Hauptstadtendung .berlin. Ein deutscher Bewerber bekam aber stattdessen ein Unterstützerschreiben der Stadt Berlin, und die TLDH reichte die Bewerbung doch nicht ein.

Der Finanzfonds Domain Venture Partners wurde extra gegründet, um beim neuen TLD-Geschäft mitzumischen. Über die Tochterfirma Famous four Media bewirbt sich der Investor um 60 TLDs, unter anderem .love, .party und .sale. Um .wine tobt zurzeit ein Kulturkampf. Vor allem die französische Regierung will verhindern, dass die Endung an einen Massenbewerber geht, der keinerlei Zugangsbeschränkungen vorsieht. Sie befürchtet, dass Wein als wichtiges französisches Exportgut durch eine Verwässerung des Begriffs Schaden nehmen könnte. Die Firma sitzt in Gibraltar, einem winzigen britischen Überseegebiet im Süden von Spanien. Den Investoren verspricht Domain Venture Partners selbstbewusst eine kurze Zeitspanne zwischen Investment und Gewinnausschüttung.

Auch Uniregistry sitzt in einem Überseegebiet: der karibischen Inselgruppe Cayman Islands, die Kritiker als Steueroase bezeichnen. Frank Schilling, der Gründer von Uniregistry, stammt ursprünglich aus Deutschland, seine Familie zog aber nach Kanada, als er zwei Jahre alt war. Schilling hat sich vorher mit dem Handel mit Domains im großen Stil einen Namen gemacht. In die 54 Bewerbungen hat Schilling nach eigenen Angaben 60 Millionen US-Dollar investiert. Uniregistry interessiert sich unter anderem für die TLDs .art, .auto und .shopping, um die es sich noch mit Donuts streiten muss.

Diese neuen und alten mächtigen Konzerne bestimmen die Regeln für die neuen Endungen. Sie bewerben sich vor allem um Branchenendungen, die kommerziell besonders interessant erscheinen. Oft gibt es bei diesen profitversprechenden TLDs mehrere Bewerber. In solchen Fällen wird die Endung versteigert. Dann entscheidet der Meistbietende. Bei Donuts, Google, Amazon, TLDH, Domain Venture Partners und Uniregistry ist eines klar: Am nötigen Kleingeld wird es ihnen nicht mangeln.  (stm)


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