Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-divinity-original-sin-schwergewicht-mit-charme-und-scherzen-1407-107837.html    Veröffentlicht: 12.07.2014 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/107837

Test Divinity Original Sin

Schwergewicht mit Charme und Scherzen

Es erinnert an Baldur's Gate und Ultima, bietet eine epische Handlung und herausfordernde Rundenkämpfe - plus Humor und ein in vielerlei Hinsicht schlagfertiges Heldenpaar: das Rollenspiel Divinity: Original Sin der belgischen Larian Studios.

Die Frau von Ratsmitglied Jake treibt es mit jedem! Das ist bekannt in der beschaulichen Hafenstadt Cyseal. Kein Wunder also, dass die Situation irgendwann eskaliert - und Ratsmitglied Jake eines Morgens tot in der Kneipe liegt... Dieser Mord ist die erste Quest, die wir in Divinity: Original Sin untersuchen sollen. Natürlich geht es dann ziemlich schnell doch um mehr als um einen schlichten Kriminalfall: Von einem Kobold erfahren wir, dass unser Schicksal irgendwie auf direktem Wege mit dem Universum verbunden ist. Klingt ja eigentlich toll - wenn sich nicht auch gleichzeitig herausstellen würde, dass besagtes Universum kurz vor seinem Ende steht.

Ähnlich wie in Baldur's Gate und den meisten Teilen von Ultima sieht der Spieler das Geschehen aus der Vogelperspektive. Allerdings lässt sich die Kamera in Divinity von der Seitwärts- auf eine Direkt-von-oben-Sicht kippen, sowie drehen und zoomen. Wir haben diese Funktionen aber nur in Ausnahmefällen verwendet, denn normalerweise ist das Spiel ganz gut darin, störende Gegenstände - etwa Felsen an Steilhängen oder Häuserdächer - automatisch auszublenden, sobald die beiden Hauptfiguren verdeckt würden.

Moment mal - zwei Hauptfiguren? Ja, das ist tatsächlich so: Schon bei der Charaktererstellung basteln wir nicht einen, sondern zwei Helden. Einen weiblichen und einen männlichen, denen wir beliebige Namen und jeweils eine von elf Klassen verpassen können. Im Angebot sind Zauberer, Ritter und Kämpfer - die aber alle langfristig im Spielverlauf auf die eigenen Wünsche angepasst werden können. Wer mag, kann sich so auch eine nahkämpfende Hexe und einen fernkämpfenden Waldläufer mit hohen Charisma-Werten basteln, dem die Herzen nur so zufliegen.

Wir können das Duo trennen, indem wir die beiden Symbole am Bildschirmrand auseinanderziehen. Dann lassen sich Scarlett und Roderick - so die beiden veränderbaren Standardnamen - etwa separat auf Kippschalter stellen, was gelegentlich für einfache Rätsel nötig ist. Normalerweise ziehen die beiden aber gemeinsam durch Rivellon, wie die Fantasywelt heißt. Wer mag, kann noch zwei weitere Gruppenmitglieder aufnehmen.

Scarlett und Roderick können sich nicht nur gut im Kampf ergänzen: Nach einiger Zeit stellen wir fest, dass die Beziehung der beiden aus mehr besteht als aus Kämpfen und Abenteuern. Besonders deutlich wird das in einigen Gesprächen mit NPCs, bei denen sich die beiden per Multiplechoice-Textmenü plötzlich miteinander unterhalten. Das kann zu absurden und witzig geschriebenen Debatten führen, etwa darüber, ob sie eine gefangengenommene Orkfrau foltern, töten oder vielleicht doch besser in ihrer Liebe zu einem menschlichen Soldaten unterstützen sollen. Wer sich für Letzteres entscheidet, bekommt übrigens ein paar Romantik-Skillpunkte gutgeschrieben. Falls es zu keiner Einigung kommt, entscheidet eine Partie Schere, Stein, Papier.

Rundenkämpfe mit den Elementen

Die meisten anderen unserer Begegnungen mit Orks haben deutlich weniger mit Romantik zu tun: Es kommt zu Kämpfen, ebenso wie bei Treffen mit Untoten, Riesenspinnen, Kobolden, Skelettkriegern oder den unzähligen anderen Gegnern. Gefechte laufen rundenweise ab, ein Teilnehmer kommt nach dem anderen dran. Erst führt also der erste unserer Helden einen Angriff aus, dann der zweite, und anschließend sind nacheinander alle Feinde dran - oder zwischendurch ein Verbündeter, je nach dem.

Das System ist an sich gut gestaltet und unkompliziert. Standardangriffe wie einen Flammenzauber können wir auf einer Leiste am Bildschirmrand ablegen. Herausfordernd wird das Ganze vor allem dadurch, dass so etwas wie Physik eine Rolle spielt. Beispielsweise können wir unterschiedliche Elemente miteinander reagieren lassen: Erst lassen wir einen magischen Eisregen auf unsere Gegner niedergehen, verflüssigen das Ergebnis per Feuerzauber und geben den Feinden anschließend den Rest mit einem Blitzschlag - der dank des dann vorhandenen Wassers deutlich mehr Schaden anrichtet.

Kleiner Nachteil: Sehr viele Gegner sind schon in frühen Stufen gegen bestimmte Elemente unempfindlich, so dass vor allem Zauberer recht flexibel agieren müssen - unsere aus anderen Spielen bewährte Taktik, immer erstmal zum Feuerball zu greifen, funktioniert in Divinity nur bedingt. Außerdem haben auch viele der größeren Gegner allerlei Elementzaubertricks drauf, die sich durchaus schlau anwenden lassen und damit die sowieso schon herausfordernden Bosskämpfe noch schwieriger machen.

Auch jenseits der Kämpfe sollte kein Spieler hoffen, die Fantasywelt von Divinity im Sauseschritt zu retten: Das Spieltempo ist ausgesprochen niedrig, das Inventar schnell voll und entsprechend aufwendig zu verwalten, die Anzahl der freiwilligen Quests sehr hoch. Ein kleiner Abschnitt auf der Weltkarte mit einer Handvoll Häusern und vier oder fünf Kämpfen sorgt durchaus für ein paar Stunden Beschäftigung, die gesamte Kampagne ist kaum unter 50 Stunden zu schaffen - eher deutlich mehr.

Das liegt aber auch daran, dass es sehr viele Unterhaltungen mit Massen an Text gibt. Die sind meist sehr gut geschrieben und unterhaltsam. Uns war es zugegebenermaßen irgendwann doch zu viel: Wir haben uns im Eiltempo durch die Menüs geklickt und anschließend alle relevanten Infos komprimiert im Quest-Journal nachgelesen, was ziemlich gut funktioniert.

Insbesondere bei den Gesprächen haben die Entwickler übrigens ihr Faible für skurrilen Humor ausgelebt. Sehr oft geht es dabei nicht um witzige Spielsituationen, sondern um so etwas wie Meta-Scherze. Beispiel: An einer Stelle versperrt ein simples Seil den Helden den Weg. Sobald sie sich nähern, lästern ein Sprecher und eine Texteinblendung, dass wir ja so super mächtig seien, aber dieses simple Hindernis nicht überwinden könnten. Lustig? Wir finden nicht - aber wer auf derlei Witzchen steht, bekommt in Divinity mehr als genug zu lachen. Unterm Strich ist der Humoranteil allerdings nie so hoch, dass er uns ernsthaft gestört hätte.

Kopierschutz und Fazit

Divinity: Original Sin ist für PCs mit Windows oder Mac OS verfügbar und kostet rund 40 Euro. Derzeit ist eine Aktivierung bei Steam nötig. Über Gog.com gibt es eine Version ganz ohne Kopierschutz. Unterstützer bei Kickstarter - wo die Entwickler fast eine Million US-Dollar gesammelt hatten - bekommen direkt von den Larian Studios eine Version zur Verfügung gestellt.

Das Programm ist noch nicht ganz bugfrei. Probleme gibt es nach unserer Beobachtung unter anderem mit plötzlich auftauchenden, starken Rucklern in einigen Städten, den Bildschirmtexten, die plötzlich doch wieder auf Englisch statt auf Deutsch sind, sowie ab und an mit Abstürzen. Richtig schwerwiegende Fehler sind uns nicht begegnet - wir haben aber auch alle paar Augenblicke die Schnellspeicherfunktion genutzt.

Hierzulande erscheint Divinity über Daedalic Entertainment mit gelegentlicher englischer Sprachausgabe und sehr vielen deutschen Bildschirmtexten, die uns bis auf kleine Ausrutscher gut gefallen haben. Wer will, kann das Programm im Koopmodus mit anderen Spielern spielen - ausprobiert haben wir das nicht. Die USK hat eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Kann doch eigentlich nicht sein: Ein kleines belgisches Entwicklerstudio veröffentlicht ein Rollenspiel, das es mit Klassikern wie Baldur's Gate oder Ultima aufnimmt? Ist aber so, denn mit seiner spannenden und epischen Handlung, den Massen an guten Quests, den tollen Dialogen und dem gelungenen Kampfsystem samt Physikeffekten haben die Larian Studios mit Divinity: Original Sin eines der besten Rollenspiele der letzten Zeit veröffentlicht.

Wirklich zu mäkeln gibt es wenig: Der Humor ist wohl nicht jedermanns Sache - aber auch nur selten so aufdringlich, dass er stört. An das wegen der vielen Dialoge und des vielen Mikromanagements etwa im Inventar eher gemächliche Spieltempo mussten wir uns erst gewöhnen.



Aber wer sich irgendwann mit den beiden Hauptfiguren angefreundet hat und drin ist in der schicken Fantasywelt, kann mit viel Spaß in sie eintauchen. Rollenspieler mit Erfahrung und Lust auf herausfordernde Kämpfe sollten Divinity unbedingt eine Chance geben.  (ps)


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