Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/data-mining-polizei-will-straftaten-mit-predictive-policing-verhindern-1407-107638.html    Veröffentlicht: 04.07.2014 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/107638

Data-Mining

Polizei will Straftaten mit Predictive Policing verhindern

Die deutsche Polizei plant den Einsatz umstrittener Predictive-Policing-Methoden. Anhand statistischer Daten und mit Data-Mining-Methoden sollen Straftaten verhindert werden, bevor sie geschehen.

Für Aufsehen hat ein Fachvortrag von Dieter Schürmann über das sogenannte Predictive Policing gesorgt. Schürmann ist Landeskriminaldirektor beim Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Behördenspiegel erzählte er von einem geplanten Pilotprojekt der nordrhein-westfälischen Polizei: Einbruchsdelikte sollen präventiv dank einer besseren Datenauswertung schon im Vorfeld verhindert werden können. "Stellen wir in einem Ort das gleichzeitige Aufkommen ausländischer Transportfahrzeuge und die Verwendung ebenso ausländischer Telefonkarten fest, und das in regionalen Bereichen, die sich für mobile Einbruchstäter aufgrund ihrer Lage, etwa in Grenznähe oder Nähe der Autobahn, besonders eignen, sollte man aufmerksam werden", erklärte Schürmann.

Schon heute geht die Polizei von empirischen Erfahrungswerten aus, wenn sie verstärkt Streifen an einem Ort einsetzt. So ist jedem Polizisten bekannt: Wo Großveranstaltungen stattfinden, steigt die Zahl der Taschendiebstähle. Bei Einbruchsdelikten ist erwiesen, dass im Winter mehr Einbrüche stattfinden, da die Täter im Dunkeln schneller feststellen können, ob jemand zu Hause ist. Der Einsatz von Data-Mining-Software, die die verfügbaren Datenbestände durchsucht, soll solche Annahmen noch feiner treffen lassen.

Eine Roadmap fehlt bisher

Ein Pressesprecher des Ministeriums sagte Golem.de, dass Schürmann lediglich eine Vision entwickelt habe, wie die Kriminalpolizei Einbruchskriminalität besser bekämpfen könne. Derzeit untersuche das Ministerium, welche Anwendungen dafür in Frage kämen. Für das angesprochene Pilotprojekt gebe es allerdings noch nicht einmal eine Roadmap, geschweige eine Ausschreibung: "Wir prüfen das, es handelt sich im Moment um Vorfeld-Überlegungen."

Dabei sei die Verwendung ausländischer Telefonkarten oder die Kontrolle sozialer Medien "reine Fiktion" und "rechtlich nicht zulässig". Der Sprecher ließ offen, ob das Blatt Schürmann korrekt zitiert habe. Auch die Verwendung von Mautdaten benötige eine eigene Ermächtigungsgrundlage, da diese Daten derzeit für polizeiliche Zwecke nicht genutzt werden dürfen. Der Datenschutz spiele eine "hohe Rolle", es gehe nicht darum, zusätzliche Daten bei den Bürgern abzugreifen. Auch sei es völlig unklar, wie viele und welche der derzeit 80 Zentralanwendungen und 2400 dezentralen Anwendungen der Polizei in Nordrhein-Westfalen für ein Predictive-Policing-Projekt verwendet würden.

Projekt Caper wertet frei verfügbare Internet-Quellen aus

Die Befürchtung, dass auch frei verfügbare Daten aus sozialen Netzwerken wie Twitter für polizeiliche Analysezwecke verwendet werden könnten, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. So wertet etwa das EU-Forschungsprojekt Caper frei verfügbare Internet-Quellen aus, um sie mit Polizeidaten zu verknüpfen, sie semantisch zu analysieren und visuell aufzubereiten. Caper zielt auf die Aktivitäten organisierter Kriminalität ab. Die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt gehören zu den offiziellen "Beobachtern" des Projekts. In den USA speist die Polizei Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter in ihre Analysesoftware ein.

Obwohl das nordrhein-westfälische Innenministerium deutliche Grenzen für ein solches Data-Mining aufzeigt, wird klar: Das Thema Preditictive Policing ist bei der deutschen Polizei angekommen. Noch werden die Möglichkeiten und Methoden sondiert, Entscheidungen wurden noch nicht getroffen. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das erste Pilotprojekt aufgesetzt wird.

Kreditkartenbetrüger schneller identifizieren

Im Fall des Kreditkartenbetrugs testete das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen bereits in einem Modellversuch mit IBM die Analyse-Software Content Analytics (PDF), die von der Polizei in New York und in Estland verwendet wird. In dem Versuch ging es darum, mit der Analyse von strukturierten und unstrukturierten Daten Kreditkartenbetrüger schneller zu identifizieren. Dafür wurden Daten aus einem abgeschlossenen Ermittlungsverfahren gegen eine internationale Phishing-Bande verwendet: Die Software arbeitete eine Million Dokumente aus beschlagnahmten Festplatten mit einem Speichervolumen von 20 Gigabyte in wenigen Stunden durch. Unter anderem wurde auch der Hacker-Jargon in Chat-Protokollen semantisch analysiert.

Auch das Bundeskriminalamt interessiert sich für die Data-Mining-Methoden, die verschiedene IT-Firmen im Portfolio haben. Schon jetzt setzt das Bundeskriminalamt Analysesoftware wie Analyst's Notebook von IBM und Infozoom von HumanIT ein. Data-Mining-Software der Firmen IBM, Netapp Deutschland GmbH, Fun Communications GmbH, CID Consulting GmbH, IABG mbH, Moresophy GmbH, Oracle und Osher Ltd. hat man sich bereits angesehen.  (csh)


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