Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/suchmaschine-wie-google-den-rest-des-internets-ueberfluessig-macht-1407-107597.html    Veröffentlicht: 02.07.2014 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/107597

Suchmaschine

Wie Google den Rest des Internets überflüssig macht

In immer weniger Bereichen begnügt sich Google damit, Suchmaschine zu sein. Immer häufiger beantwortet Google Nutzeranfragen gleich selbst - und macht das Internet hinter den Trefferlisten damit teilweise überflüssig.

Es ist so einfach: Wer auf Google nach WM-Ergebnissen sucht, muss noch nicht einmal unbedingt auf die Treffer klicken. Bei Anfragen wie "Fußball WM" oder "WM Deutschland" liefert Google die Ergebnisse ganz einfach selbst. In immer mehr Bereichen versucht der Suchkonzern, den Rest des Internets überflüssig zu machen.

Kleine Antwortboxen oberhalb der eigentlichen Trefferlisten liefern zu verschiedenen Themen direkte Antworten, auch außerhalb der WM. Wer in den vergangenen Monaten "bundesliga spiel" gegoogelt hat, bekam eine interaktive Grafik mit verschiedenen Bundesliga-Spielen zu sehen. Wetter ist ein anderes Beispiel. Googelt jemand "Wetter Berlin", wird eine optisch ansprechende Übersicht für heute und die nächsten sieben Tage präsentiert. Ähnlich ist es bei Börsenkursen und vielen anderen Anfragen. Bei der zweiten Spielart, dem Knowledge Graph, bindet Google rechts neben den Trefferlisten vor allem Wikipedia-Inhalte ein. Wer nach einer Stadt oder einem Prominenten sucht, bekommt das Intro des jeweiligen Artikels zu sehen. Unterhalb dieses Snippets befinden sich strukturierte Daten: Bei Angela Merkel sind es unter anderem das Geburtsdatum, die Körpergröße und der Name des aktuellen Partners sowie des Ex-Manns.

Eigene Inhalte sind nützlich für Google

Die Einblendung eigener Inhalte habe für Google entscheidende Vorteile, sagt Jens Heickmann vom SEO-Software-Anbieter Seolytics. Google kann so sicherstellen, dass die Nutzer möglichst lang auf seiner Seite verbleiben. Klicken Nutzer auf Links innerhalb des Knowledge Graphs und der Antwortboxen, lösen sie neue Suchen aus. Zudem konditioniert Google Nutzer darauf, dass sich oberhalb und rechts neben den Trefferlisten nützliche Informationen befinden - also dort, wo bei anderen Keywords Google-Anzeigen eingeblendet werden.

Zur Häufigkeit von Antwortboxen gibt es keine Zahlen, zum Knowledge Graph hat Seolytics zuletzt im März 2013 die Verbreitung erhoben. Der Anteil an allen Suchanfragen hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, von vier auf knapp acht Prozent. Heickmann glaubt, dass die Einblendung eigener Inhalte weiter zunehmen wird: "Sicherlich wird sich in Deutschland der Trend zu vermehrter Einblendung von Knowledge Graphs und Antwortboxen noch fortsetzen. Damit befriedigt Google direkt das Informationsbedürfnis von denjenigen, die nur oberflächlich recherchieren."

Existenzängste

Für Anbieter von Onlineinhalten ist der Google-eigene Content eine ernsthafte Bedrohung. Er verschiebt die eigentlichen Suchtreffer nach unten, so dass sie teilweise aus dem Sichtfeld der User verschwinden. Dazu kommt, dass die Google-Ergebnisse einfache Suchen durchaus beantworten und die Seiten der Inhalteanbieter nicht mehr zwangsläufig angeklickt werden müssen.

Thomas Engelhardt betreibt ein kleines Webportal, das sich auf die Fußball-WM spezialisiert hat. Von den Ergebnis-Einblendungen durch Google ist er nicht begeistert: "Unsere Seite WM2014-Infos.de ist stark bei allen Suchanfragen rund um den WM 2014-Spielplan und leidet jetzt darunter, dass Google die Suchanfragen der Nutzer selbst beantwortet." Er würde es begrüßen, wenn der Suchkonzern bei der Beantwortung konkreter und potenzieller Nutzerfragen zurückhaltender agierte: "Wünschenswert wäre zum Beispiel, wenn Google die Ergebnis-Einblendungen nur für das aktuelle Live-Spiel vornimmt und dann auch nur für spezifische Suchanfragen zum Ergebnis und nicht fast alle Suchanfragen rund um die WM 2014 abgreift."

Etwas gelassener sieht das David Kaiser, Head of Consumer bei der auf Wetter-Portale spezialisierten Meteogroup. Firmeneigene Portale wie Wetter24.de hätten viele Stammbesucher und seien nicht nur auf Google angewiesen, sagt er. Zudem glaubt er, dass Nutzer oft nach weitergehenden Wetter-Informationen suchen, sich also nicht mit der reinen Anzeige von Temperaturen zufriedengeben. Er fände es aber gut, wenn Google transparenter würde und Nutzer vielleicht doch auch auf externe Angebote weiterleitet: "Wünschenswert ist aus unserer Sicht, dass Google seine Quellen anzeigt und den Nutzern die Möglichkeit gibt, aus mehreren Quellen auszuwählen - und über einen Link zu diesen mehr zu erfahren."

Für die Online-Reisebranche ist ärgerlich, dass Google immer mehr das Geschäft von Vergleichsseiten übernimmt. Wer nach "Hotel Köln" oder nach "Flug Berlin München" sucht, bekommt oberhalb der eigentlichen Treffer zuerst Ergebnisse des Google Hotel Finder und von Google Flights zu sehen. Wie genau diese Ergebnisse generiert werden, ob und wie viel Geld Google von welchen Anbietern erhält, ist nicht bekannt. Allerdings steht rechts oben über der Trefferbox das Wort "Anzeige". Klickt man darauf, heißt es vage: "Unter Umständen erhält Google eine Vergütung von einigen der Anbieter."

Google attackiert immer mehr Branchen

Es gefährde nicht nur die Existenzgrundlage von Vergleichsportalen, sondern generell aller Vermittler im Netz, wenn Google selbst die Antwort sei, meint Michael Buller vom Verband Internet Reisevertrieb: "Wenn Google so weiter macht, gibt es im Extremfall auf Dauer immer weniger Wettbewerb. Das ist auch für Konsumenten schlecht, denn Wettbewerb sorgt für niedrige Preise. Zudem gibt es keine Markttransparenz, denn die Flug- und Hotel-Ergebnisse von Google sind nicht vollständig."

Ein Blick in die USA zeigt, was uns hierzulande erwartet. Ein US-amerikanischer Blogger hat 101 Anwendungsfälle der Antwortbox aufgelistet. Viele von ihnen sind auch schon im deutschen Sprachbereich aktiv. Andere stehen noch aus, wie die Auflistung von Krankheitssymptomen. Derzeit testet Google in den USA die Anzeige von Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Dabei werden Inhalte von verschiedenen Webportalen extrahiert. Google kann dann selbst erklären, wie man beispielsweise Windows 7 installiert, ein iPhone zurücksetzt oder Eier kocht. Unter den Tipps soll es einen Link zur Ursprungsseite geben. Die könnte der Nutzer dann natürlich besuchen, wenn er noch mehr wissen will. Für Webseiten mit How-to-Inhalten dürfte das nur ein schwacher Trost sein.  (stm)


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