Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/android-wear-im-test-google-macht-die-smartwatch-smart-1407-107576.html    Veröffentlicht: 02.07.2014 09:13    Kurz-URL: https://glm.io/107576

Android Wear im Test

Google macht die Smartwatch smart

Die ersten Smartwatches mit Android Wear sind bestellbar - und Google könnte damit den Markt umkrempeln. Golem.de hat das Wearable-Betriebssystem auf einer LG G Watch getestet und Lust auf mehr bekommen.

Auf der Google I/O 2014 sind die ersten Smartwatches mit Android Wear vorgestellt worden: die G Watch von LG und die Galaxy Live von Samsung. Wichtigster Unterschied zu anderen Smartwatches wie Samsungs Gear 2 und Sonys Smartwatch 2 ist weniger die Hardware als die Herangehensweise der Software.

Die Grundidee von Android Wear ist es, neben Systembenachrichtigungen die Karten von Google Now auf das Handgelenk zu bringen. Dadurch soll dem Nutzer zum richtigen Zeitpunkt die passende Information bereitgestellt werden - beispielsweise der Wetterbericht, Wegbeschreibungen oder Check-In-Informationen zu Flügen. Praktisch sind auch Informationen zu naheliegenden Orten wie U-Bahn-Stationen und Bushaltestellen.

Auf der von uns genutzten G Watch von LG klappt das gut: Mit den Möglichkeiten, die Google Now in Deutschland bietet, bekommen wir zu unterschiedlichen Tageszeiten die verschiedenen Karten auf der Uhr angezeigt. Werden diese aktuell nicht benötigt, können wir sie wegwischen. Alle Karten aus Google Now erscheinen allerdings nicht auf dem Display der Smartwatch: So bekommen wir beispielsweise nicht die aktuell auf unserem Smartphone eingeblendeten Informationen zur Fußball-Weltmeisterschaft angezeigt. Wer Google Now nicht auf seinem Smartphone aktiviert hat, bekommt keine der Karten auf der Uhr angezeigt. Das beschneidet den Funktionsumfang erheblich.

Display bleibt aktiv

In der Standardeinstellung der Uhr bleibt das Display immer aktiv: Verwendet der Nutzer die Uhr nicht aktiv, wird die Beleuchtung gedimmt. Dann werden noch die Uhrzeit und die Information der obersten Karte eingeblendet. Die G Watch aktiviert sich wieder, wenn der Nutzer draufschaut oder kann durch einen Tipp auf das Display aufgeweckt werden. Die aktuell angezeigten Karten lassen sich durch vertikales Wischen durchblättern. Wer Strom sparen möchte, kann einstellen, dass das Display nicht nur gedimmt, sondern abgeschaltet wird.

Android-Wear-Smartwatches sind stärker mit dem Android-System verzahnt als bisherige Smartwatches von Samsung und Sony. Ohne merkliche Verzögerung erscheinen sämtliche Benachrichtigungen der Statuszeile auf der G Watch, von Gmail, Facebook, Twitter oder beispielsweise der Fifa-Weltmeisterschaft-App. Dafür muss der Nutzer keinerlei Einstellungen an der Uhr vornehmen - die Smartwatch wird automatisch mit dem Smartphone gekoppelt, nachdem dort die Android-Wear-App installiert wurde. Diese liegt aktuell in einer Vorabversion vor, der offizielle Start im Play Store ist für den 7. Juli geplant. Ohne Smartphoneverbindung kann die G Watch allerdings nicht viel - zu abhängig ist sie von den Informationen und Diensten des Smartphones.

Wie bei Androids Statuszeile werden mehrere Benachrichtigungen einer App zu einer Sammelbenachrichtigung zusammengefasst. Dann ist es beispielsweise bei Whatsapp nicht mehr möglich, die einzelnen Nachrichten auf der Smartwatch zu lesen, was der Übersichtlichkeit dient. Dank einer Blacklist kann der Nutzer Apps auch untersagen, Benachrichtigungen auf die Smartwatch zu schicken. Das ist praktisch und verhindert, dass unnütze Meldungen auf der Uhr erscheinen.

Googles Spracheingabe bringt enormen Mehrwert

Bei Benachrichtigungen tönt die G Watch nicht - sie hat keinen Lautsprecher. Stattdessen vibriert sie unauffällig, aber gut spürbar. E-Mails können auf der Uhr geöffnet und komplett gelesen werden. Um eine Antwort zu schreiben, muss der Nutzer allerdings das Smartphone zur Hand nehmen. Aktuell ist es anders als bei anderen Smartwatches noch nicht möglich, über die Uhr auf sein E-Mail-Archiv zuzugreifen. In der täglichen Nutzung empfinden wir das kaum als Nachteil: Um bequem unsere E-Mails einzusehen, ziehen wir ohnehin das Smartphone dem kleinen Display einer Smartwatch vor.

Wie andere Smartwatches ermöglicht auch die G Watch eine Bedienung per Spracheingabe. Anders als bei Modellen ohne Android Wear kann hier allerdings direkt die Google-Spracheingabe genutzt werden. Diese ist deutlich umfangreicher als beispielsweise der Sprachassistent von Samsung und bietet im Zusammenspiel mit Google Now einen echten Mehrwert. Der Nutzer kann unter anderem SMS und E-Mails schreiben, Termine und Erinnerungen setzen, Wecker einstellen, nach dem Wetter fragen und die Navigation starten. Auch normale Internetsuchen funktionieren mit der Smartwatch wie auf dem Smartphone, nur ohne die Sprachausgabe. Die fehlende akustische Bestätigung stört uns nicht - im Gegenteil: Auf der Straße und im Beisein anderer empfinden wir dies eher als Vorteil. Allerdings reagiert die G Watch stellenweise mit einer merklichen Verzögerung auf die Spracheingabe: Erst nach einigen Sekunden Rechenzeit erscheint der eingesprochene Text.

Aktiviert wird die Spracheingabe per Sprachbefehl "OK Google", nachdem das Display der G Watch angegangen ist. Alternativ kann der Nutzer auch im Hauptbildschirm mit der Uhrzeit in das Display klicken, woraufhin die Uhr Befehle entgegennimmt.

Navigation auf dem Handgelenk

Android Wear kann auch von Apps angesteuert werden. Dies zeigte Google bei der diesjährigen Google I/O unter anderem anhand einer Koch-App. Aktuell gibt es noch kaum Anwendungen, die dieses Potenzial nutzen. Google hat allerdings auch gerade erst die Entwicklerressourcen freigegeben. Denkbar ist, dass der Funktionsumfang mit der kommenden Android-Version zunimmt. Momentan nutzen hauptsächlich Google-Anwendungen die Smartwatch, etwa Google Maps und dessen Navigation.

Wählen wir als Fortbewegungsmittel das Fahrrad oder gehen zu Fuß, bekommen wir nach dem Start der Navigation alle Routenanweisungen auf der Uhr angezeigt. Bei Fahrradtouren und Wanderungen kann das praktisch sein. Ist als Verkehrsmittel das Auto oder der öffentliche Nahverkehr gewählt, werden keine Anweisungen auf der Uhr angezeigt - beim Auto leuchtet das ein, bei den Informationen zu Bus und Bahn nicht.

Von der Smartwatch aus können wir einen Schrittzähler, einen Kompass, die Google-Notizen und eine Weltzeit-App starten. Denkbar, dass Google hier in Zukunft noch etwas nachliefert - generell dürfte das Konzept aber eher in Richtung automatisch mitinstallierter Begleit-Apps von Smartphone-Applikationen gehen.

Keine unnötigen Extras

Bei der G Watch selbst lässt die maximale Bildschirmhelligkeit etwas zu wünschen übrig: Bei voller Helligkeit ist im direkten Sonnenlicht nur noch schwer etwas auf dem 1,65 Zoll großen Display zu erkennen. Generell ist LGs erste Smartwatch kein technischer Höhepunkt: Zwar lässt sich das System dank des Qualcomm-Prozessors mit einer Taktrate von 1,2 GHz und 512 MByte Arbeitsspeicher flüssig bedienen, Extras gibt es aber nicht: Weder eine Kamera noch ein Helligkeitssensor sind eingebaut.

Um das Display der G Watch läuft ein lackierter Metallrahmen, der empfindlich gegenüber Stößen ist: Als wir mit der Uhr leicht an eine Haltestange in der U-Bahn stießen, blätterte sofort etwas von der Farbe ab. Dies sollte gerade bei einer Uhr, die aufgrund der Position am Handgelenk häufiger Stößen ausgesetzt ist, nicht so schnell passieren.

Billig wirkendes Armband, gute Ladestation

Das Armband ist aus billig wirkendem Gummi, der nicht recht zum Metallgehäuse der G Watch passt. Immerhin kann der Nutzer es leicht gegen ein anderes Armband gleicher Breite austauschen, beispielsweise eines aus Metall. Wie die Gear 2 von Samsung benötigt die G Watch zum Aufladen eine Ladestation. Diese verbindet sich über Metallpins mit der Uhr. LG hat allerdings eine weitaus komfortablere Lösung gefunden: Die Ladestation ist nicht nur ein kleiner Kunststoff-Clip, sondern eine echte Station, in der die Uhr magnetisch fixiert wird.

Dank eines klebrigen Gummifußes kann die Ladeschale auf glatten Oberflächen nicht verrutschen. Die Akkulaufzeit beträgt wie von LG prognostiziert tatsächlich nur knapp anderthalb Tage - bei voller Bildschirmhelligkeit ist bereits nach einem Tag Schluss. Die Smartwatch sollte also jede Nacht aufgeladen werden. Praktisch für unterwegs wäre eine Ladestation mit integriertem Akku.

Ungewöhnlich ist, dass die G Watch keinerlei Knöpfe hat. Die Uhr schaltet sich automatisch ein, wenn sie auf die Ladeschale gelegt wird, ausgeschaltet wird sie über das Menü. Dieses ist etwas versteckt: Der Nutzer muss die Spracheingabe aktivieren und anschließend bis nach unten scrollen. Auf der Rückseite bei den Ladepins befindet sich ein in das Gehäuse eingelassener Reset-Knopf, der mit einem Kugelschreiber oder Ähnlichem gedrückt werden muss. Mit diesem lässt sich die Smartwatch nach kurzem Druck ebenfalls ausschalten oder bei langem Drücken neu starten.

Fazit

Android Wear zeigt, wie Smartwatches sein sollten: Da alle Benachrichtigungen aus Androids Statuszeile auf der Uhr sowie die Karten von Google Now angezeigt werden können, wird die Uhr deutlich stärker zu einem Alltagsbegleiter als vorige Smartwatch-Modelle.

Dies geschieht auf eine unauffällige, unaufdringliche Art und Weise - anders als bei der Galaxy Gear, wo wir uns schnell fragten, für was wir die Smartwatch überhaupt brauchen. Die bisher verfügbaren Android-Wear-Geräte wie die vorliegende G Watch wollen nicht durch aufsehenerregende Funktionen glänzen, sondern erleichtern einfach den Alltag. Schnell wissen wir es zu schätzen, dass jede gewünschte Benachrichtigung an unserem Handgelenk ankommt, und wir mit Google-Now-Karten auf dem Laufenden gehalten werden. Die Spracheingabe ist dank ihres Umfangs ebenfalls nützlich. Dank der engen Verzahnung zum Android-System des Smartphones hat es Google geschafft, ein Smartwatch-System mit echtem Mehrwert zu schaffen.

Die G Watch selbst ist ein relativ unspektakuläres Gerät, das tut, was es tun soll. Ärgerlich sind die schnell sichtbaren Farbabplatzer am Gehäuse und die kurze Akkulaufzeit. Wie bei Samsungs Smartwatch-Modellen sollte der Nutzer die Ladeschale auf Reisen keinesfalls vergessen - ein einfaches Micro-USB-Ladekabel reicht zum Laden nicht aus. Der Preis von 200 Euro erscheint uns angesichts der wenig Aufsehen erregenden Hardware etwas zu hoch gegriffen.

Android Wear überzeugt

Android Wear hat uns bereits in der Version vor dem eigentlichen Verkaufsstart der ersten Geräte überzeugt. Insbesondere weitere günstige Smartwatch-Modelle, wie sie beispielsweise Asus angekündigt hat, dürften Android Wear helfen, den eingeschlafenen Smartwatch-Markt wiederzubeleben. Problematisch könnte es allerdings sein, dass für die Nutzung von Android-Wear-Geräten mindestens Android 4.3 auf dem Smartphone installiert sein muss - was bisher erst auf knapp 24 Prozent der Android-Geräte am Markt zutrifft.  (tk)


Verwandte Artikel:
Smartwatches: Fehler in Android Wear 2.0 sorgt für Verzögerung   
(31.03.2017, https://glm.io/127068 )
Asteroid OS: Erste Alpha-Version von offenem Smartwatch-OS veröffentlicht   
(08.12.2016, https://glm.io/124954 )
Q Control: Fossil präsentiert Smartwatch mit Pulssensor für 300 Euro   
(16.11.2017, https://glm.io/131175 )
Summit: Montblancs erste Smartwatch ist unspektakulär, aber teuer   
(17.03.2017, https://glm.io/126795 )
Tambour Horizon: Louis Vuitton stellt Smartwatch für 2.500 US-Dollar vor   
(12.07.2017, https://glm.io/128877 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/