Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-valiant-hearts-tapfere-herzen-im-ersten-weltkrieg-1406-107424.html    Veröffentlicht: 24.06.2014 18:00    Kurz-URL: https://glm.io/107424

Test Valiant Hearts

Tapfere Herzen im Ersten Weltkrieg

Ein düsteres Adventure im Szenario des Ersten Weltkriegs, und das mitten im Sommer parallel zur Fußballweltmeisterschaft - kann das Spaß machen? Klare Antwort: Ja. Mit seinen tollen Rätseln und der stimmigen Aufbereitung ist Ubisoft mit Valiant Hearts ein richtig gutes Spiel gelungen.

Der einzige, dem es in Valiant Hearts (Tapfere Herzen) wirklich gut geht, ist Walt. Das liegt daran, dass Walt ein Hund ist - und ihn Franzosen, Deutsche und Briten gleichermaßen gerne streicheln. Außerdem hat Walt jede Menge Platz zum Buddeln, und er kann Sachen apportieren. Knochen etwa, oder Dynamit: Walt befindet sich wie die anderen, menschlichen Helden des Spiels von Ubisoft Montpellier auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.

Die rund acht Stunden lange, in vier Kapiteln erzählte Kampagne des Action-Adventures folgt grob - und mit zeitlichen Sprüngen - dem Verlauf wichtiger Ereignisse des Krieges. Spieler bekommen einen Einblick in die Schlacht von Marne, erleben den ersten Gasangriff der Deutschen nahe der belgischen Stadt Ypres und den Bombenhagel von Reims mit, und sie liegen in den Schützengräben von Verdun. Dazwischen gibt es nur sehr kurze (fast) unbeschwerte Episoden, etwa in Paris.

Der politische und militärische Rahmen spielt aber nur die Nebenrolle. Valiant Hearts konzentriert sich auf eine Handvoll Personen. Da ist etwa Emile, der französische Bauer, der kurz nach Kriegsbeginn in deutsche Gefangenenschaft gerät, dann aber bald zusammen mit Hund Walt auf den Schlachtfeldern ums Überleben ringt. Oder die ehemalige Tierärztin Anna, die als Krankenschwester verwundete Soldaten mit Wasser, Krücken oder Verbänden versorgt. Diese Soldaten machen ihr anschließend mit einem Herz in einer Sprechblase eine Liebeserklärung.

Natürlich ist von Anfang an klar, dass sich die Protagonisten früher oder später über den Weg laufen und dass ihr Schicksal eng miteinander verbunden ist. Valiant Hearts erzählt das auf zurückhaltende, trotzdem emotionale Art und Weise - die düster-traurige Stimmung wirkt stimmig und glaubhaft.

Gerade weil Valiant Hearts von Menschen erzählt, wirkt es übrigens etwas merkwürdig, dass Deutsche an sich über weite Strecken die Rolle der eindeutig Bösen bekommen haben, die entweder Bier trinken, Wurst essen oder aus allen Maschinengewehr- und Kanonenrohren feuern. Für uns hat sich dieser Aspekt des Spiels etwas zu schlicht angefühlt.

Immerhin: Auf Tafeln, die der Spieler zusätzlich aufrufen kann, bekommt er echte Fotos und differenzierte Hintergrundinformationen über die Vorgänge in den Schützengräben aller Nationen und darüber, was die Zivilbevölkerung im Krieg erleiden musste. Diese Infos sind in Zusammenarbeit mit Historikern entstanden und sehr gut aufbereitet. Angucken lohnt sich also - zumal es dafür ein Achievement gibt.

Welche Figur beim eigentlichen Spiel jeweils aktiv ist, gibt das Programm vor. Ganz grundsätzlich dreht sich das Gameplay darum, die Welt von links nach rechts zu durchqueren und dabei zu überleben. Zusätzlich gibt es Actionsequenzen, in denen der Spieler etwa feindlichen Bomben ausweichen muss.

Gameplay und Fazit

Meistens ist aber Knobeln angesagt. Anders als in den meisten Point-and-Click-Adventures gibt es kein Inventar, jede Person kann nur einen Gegenstand mit sich herumtragen. Damit lassen sich einfache Probleme lösen: Ein Wurf mit einer Rotweinflasche an eine hochgezogene Strickleiter eröffnet etwa den Weg zum nächsten Stockwerk. Wenn dann noch Schalter, nur von Hund Walt per Fernsteuerung erreichbare Stellen und immer in die falsche Richtung schauende deutsche Wachen dazu kommen, wird das Ganze durchaus anspruchsvoll.

Richtig komplex ist Valiant Hearts aber dann auch wieder nicht. Die Rätsel sind zwar herausfordernd, aber auch sehr logisch aufgebaut. Mehr als drei oder vier interaktive Objekte gibt es selten pro Szene, sodass nicht allzu viel Hin- und Hergelaufe nötig ist, und man meist mit ein bisschen Knobeln schon weiterkommt.

Wer dann doch mal festhängt, kann auf ein Hilfesystem zurückgreifen - das leider just an einigen wenigen tatsächlich etwas komplizierteren Stellen nicht weiterhilft. Allerdings: Das Niveau der Rätsel ist sowohl für Einsteiger als auch erfahrene Spieler geeignet. Bei uns hat sich sogar der "nur noch fünf Minuten weiterspielen"-Effekt eingestellt, was bei Adventures sonst selten vorkommt. Den Spielstand sichert das Programm übrigens an vorgegebenen Stellen - uns hat das in diesem Fall ausnahmsweise nur selten gestört.

Valiant Hearts ist ab dem 25. Juni 2014 zum Herunterladen über die gängigen Portale für Windows-PC, die Xbox 360 und One sowie für Playstation 3 und 4 erhältlich. Der Preis liegt bei 15 Euro, der Download ist rund 1,3 GByte groß. Das Programm ist gut lokalisiert, gesprochene Sprache spielt abgesehen vom Erzähler keine sehr große Rolle - ein Großteil der Kommunikation findet nonverbal statt. Die USK hat Valiant Hearts eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Die erste Stunde in Valiant Hearts ist etwas irritierend. An zwei Dinge müssen wir uns erst gewöhnen: die Story und das Rätseldesign. Denn trotz der anspruchsvollen Aufmachung sollen die Hintergründe des Ersten Weltkriegs gar nicht differenziert dargestellt werden. Die Handlung ist absichtlich simpel gestrickt und stark auf die Hauptfiguren fokussiert - was zwar schade, aber auf Popcorn-Kino-Art auch spannend und berührend ist.

Das Rätseldesign von Valiant Hearts ist ebenfalls ungewöhnlich. Es gibt keine der sonst im Genre üblichen unübersehbaren Hinweise, sondern wir müssen selbst herausfinden, was zu tun ist. Nach einiger Zeit merken wir dann aber, dass wir den Entwicklern vertrauen können: Es gibt keine doofen Stellen, an denen wir wirklich feststecken - ein bisschen herumprobieren, kurz mal innehalten, und dann geht es schon irgendwie weiter.

Stellenweise erleben wir sogar ganz große Rätselkunst und kommen in einen Flow, der uns das Gefühl gibt, zusammen mit den Protagonisten in einer fürchterlichen Welt gegen alle Widerstände anzutreten.

Dazu kommen kurze, teils furios inszenierte Actioneinlagen und die sehr stimmig in Szene gesetzte Grafik. Auch wenn wir von der Handlung etwas mehr Tiefe erwartet haben: Valiant Hearts ist ein tolles Adventure geworden, das sich Genrefreunde nicht entgehen lassen sollten.  (ps)


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