Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/erdbeobachtung-das-geschaeft-mit-der-nahansicht-aus-dem-all-1406-106885.html    Veröffentlicht: 04.06.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/106885

Erdbeobachtung

Das Geschäft mit der Nahansicht aus dem All

Immer näher zoomen Kameras von Satelliten aus an uns heran, immer mehr ist auf ihren Bildern von der Erde zu erkennen. Unternehmen wollen mit ihrer Erdbeobachtung praktisch in Echtzeit Geld verdienen - auch Google mit dem Satellitenbetreiber Skybox Imaging.

Reeder, Anlagenbetreiber, Ölförderunternehmen, Versicherungen, Landwirte, Investmentunternehmen - sie alle interessieren sich für das große Bild, die Draufsicht auf die Erde. Solche Bilder gibt es bei Diensten wie Google Earth oder Bing Aerial. Doch sie haben einen Nachteil: Sie sind meist nicht aktuell. Jedenfalls nicht aktuell genug.

Einige US-Unternehmen habe dort eine Marktlücke entdeckt. Sie bieten Interessenten Bilder aus dem All an, hochaufgelöst und aktuell: Die Kunden bekommen die Erdansichten kurz nachdem sie aufgenommen wurden, teilweise sogar auf die eigenen Anforderungen angepasst. Das Geschäftsmodell ist lukrativ. Das ist auch Google aufgefallen: Das Unternehmen will den Satellitenbetreiber Skybox Imaging kaufen.

Skybox plant Konstellation

Skybox Imaging betreibt derzeit einen etwa einen Meter großen Satelliten in der Erdumlaufbahn, der Bilder und Videos aufnimmt. Die Auflösung seiner Kameras reicht aus, um Objekte von weniger als einem Meter Größe zu erkennen. Geplant ist, die Konstellation bis Ende 2016 auf 24 Satelliten auszubauen, die mehr oder weniger den ganzen Planeten abdecken sollen.

Die Satelliten könnten künftig Bilder für Google Earth liefern - derzeit bezieht Google diese von Digitalglobe und Airbus Defence and Space (ADS), den führenden Lieferanten von Satellitenbildern. Allerdings sind die beiden teuer und langsam - Bilder in Angeboten wie Google Earth oder Bing Aerial View Maps sind zum Teil Jahre alt.

Mit Skybox könnte Google die Bilder selbst machen. Allerdings ist Erdbeobachtung auch sonst ein durchaus lukratives Geschäftsfeld. Und ein Unternehmen wie Skybox hat gegenüber den Großen einen entscheidenden Vorteil: Es ist schnell. Die Bilder sind praktisch in Echtzeit verfügbar.

Eigene Infrastruktur und die der Konkurrenz

Die Satellitenbilder haben eine Auflösung von weniger als einem Meter pro Pixel: Der Betrachter erkennt darauf also Felder, Schiffe, Flugzeuge, Häuser und andere Gebäude oder Fahrzeuge. Damit sollen Unternehmen ihre Infrastruktur wie Häfen, Parkplätze oder Pipelines im Auge behalten, um deren Zustand und Auslastung einschätzen zu können - oder um abzuschätzen, was die Konkurrenten vorhaben und wie sie im Vergleich mit ihnen abschneiden. Auch Banken und Investmentunternehmen interessieren sich für Einblicke von oben.

Andere Anwendungen sind verschiedene Naturbeobachtungen: Wie wird die Ernte ausfallen, wie sieht es mit der Umweltverschmutzung aus, welche Gebiete sind von Naturkatastrophen wie Überflutungen bedroht - für Versicherungen durchaus interessante Informationen. Zudem können die Satelliten bei Katastrophen Zerstörungen oder Flüchtlingsströme erkennen.

Bilder im Vergleich

Das Unternehmen will jedoch nicht nur Satellitenbilder aufnehmen, wie sie Google in Google Earth anbietet. Es hat eine riesige Datenbank aufgebaut, in der Bilder anderer Satelliten, Luftbilder oder Wetterdaten gespeichert sind - und weiter gesammelt werden: Es fordert andere explizit auf, ihm Daten zur Verfügung zu stellen. Die Idee ist, Kunden nicht nur Bilder von einem aktuellen Zustand zur Verfügung zu stellen, sondern auch eine Entwicklung zu zeigen.

Ein Kunde muss nicht einmal seine Daten ordern: Er kann sich einen sogenannten Skynode anschaffen. Das ist ein Zugangsterminal inklusive einer 2,4 Meter großen Antenne, die es einem Kunden ermöglicht, selbst mit den Satelliten zu interagieren: Er kann selbst bestimmen, wann er welche Bilder aufgenommen haben möchte. Er initiiert das über den Skynode und bekommt darüber auch die Bilder.

Planet Labs setzt Cubesats aus

Skybox ist nicht das einzige Unternehmen, das mit Satellitenbildern Geschäfte machen will. Allerdings betreiben nicht alle den gleichen Aufwand. Das kalifornische Unternehmen Planet Labs etwa hat seine Satelliten nicht ins All geschossen, sondern lässt sie von der Internationalen Raumstation (International Space Station, ISS) aus aussetzen.

Doves, Tauben, nennt das Unternehmen seine künstlichen Himmelskörper, die es als Flock, also im Schwarm, in den Orbit bringen will. Die Doves basieren auf dem Cubesat-Prinzip: Ein Cubesat ist ein würfelförmiges Modul mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern. Das Format wurde vor einigen Jahren an der California Polytechnic State University als Standard für Kleinsatelliten entwickelt. Dazu passend gibt es auch eine Startvorrichtung, um die als Sekundärnutzlast auf einem Raumtransport mitfliegenden Cubesats auszusetzen. Die Module können auch kombiniert werden - ein Cubesat3 besteht aus drei Modulen, ist also 30 Zentimeter lang.

Erster Schwarm im Orbit

Die Konstellation Flock 1 umfasst 28 Cubesats. Die Raumfähre Cygnus des US-Raumfahrtunternehmens Orbital Sciences hatte die Kleinsatelliten Anfang des Jahres mit zur ISS genommen. Die erste hatte ein ISS-Besatzungsmitglied Anfang Februar 2014 außenbords in den Orbit befördert.

Von der Auflösung her können es die Doves jedoch mit dem Skybox-Satelliten nicht aufnehmen: Sie liegt zwischen drei und fünf Metern pro Pixel. Das Unternehmen sieht seine Kunden in erster Linie in der Landwirtschaft - und das durchaus auch in Entwicklungsländern, wo sich die Bauern solche Dienste von den Marktführern gar nicht leisten könnten. Weitere Abnehmer sieht Planet Labs in der Finanzwirtschaft sowie im humanitären Bereich.

Urthecast: Per Anhalter auf der ISS

Ebenfalls die ISS nutzt das Unternehmen Urthecast (ausgesprochen: Earthcast). Die Kanadier aus Calgary in der Provinz Alberta unterhalten allerdings keine eigenen Satelliten, sondern haben sich auf der ISS festgesetzt: Urthecast ist eine Kooperation mit Roskosmos eingegangen. Die russische Raumfahrtagentur hat zwei Kameras von Urthecast zur Station transportiert und Ende Dezember vergangenen Jahres an ihrem Modul angebracht.

Urthecast will einen Videostream der Erde fast in Echtzeit bereitstellen. Die Kameras sollen einen Bereich zwischen 54 Grad nördlicher und 54 südlicher Breite abdecken, sie sind abhängig von der Position und der Bahn der ISS. Das entspreche etwa 90 Prozent der bewohnten Gebiete der Erde, erklärt Scott Larson, einer der Gründer und Chef des Unternehmens, Golem.de. "Derzeit liefert kein anderes Erdbeobachtungsunternehmen kostenlos über eine interaktive Plattform einen Blick aus dem Weltall auf die Erde."

Lieblingsorte aus dem All

Die Nutzer können kostenlos ein Konto einrichten und sich ihre Lieblingsorte aus großer Höhe anzeigen lassen. Hinzu kommen kommerzielle Dienstleistungen, die sich nicht wesentlich von denen unterscheiden, die auch Skybox anbietet. Als Zielgruppe nennt Larsen Behörden, Einrichtungen und Unternehmen aus Bereichen wie Bergbau, Umwelt, Landwirtschaft, humanitäre Hilfe oder Wissenschaft. Das Unternehmen habe bereits 16 Vertriebspartner gewonnen, die ihm Einnahmen von mindestens 26 Millionen US-Dollar im Jahr einbringen sollen.

Der Start verlief jedoch nicht ganz reibungslos: Nach der Montage an der ISS Ende Dezember seien zunächst keine Signale der Kameras auf der Erde angekommen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Die erste Kamera konnte erst Ende März Bilder zur Erde funken. Sie hat eine Auflösung von fünf Metern pro Pixel und liefert noch keine hochaufgelösten Bilder.

Die zweite Kamera soll laut Urthecast die "Erde in Ultra-HD" zeigen. Ihre Auflösung liegt bei einem Meter. Sie werde voraussichtlich im dritten Quartal in Betrieb genommen, sagt Larson. Seine kommerziellen Dienste wird Urthecast voraussichtlich im Herbst oder Winter aufnehmen.

Nasa liefert Livebilder von der ISS

Urthecast wurde allerdings überholt: Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hat ihrerseits Kameras an der ISS angebracht, die hochauflösende Videos praktisch in Echtzeit ins Netz streamen. Das High Definition Earth Viewing Experiment (HDEV) ist seit kurzem im Einsatz.

HDEV besteht aus vier handelsüblichen HD-Kameras: einer Hitachi GV-HD30, einer Panasonic AGHMC150, einer Sony FCB-EH4300 und einer Toshiba IK-HR1. Sie stecken in einem Gehäuse, das am europäischen ISS-Modul angebracht ist. Die Kameras sind fest montiert und unterschiedlich ausgerichtet: Die Hitachi-Kamera ist nach vorne, die von Toshiba senkrecht nach unten ausgerichtet. Die Sony- und die Panasonic-Kamera schließlich schauen nach hinten.

Larsen sieht darin jedoch keine Konkurrenz: "Die Kameras der Nasa sind Kameras aus dem Consumer-Bereich, die einen verkleinerten Blick auf einen Ausschnitt der Erde zeigen", erklärt der Urthecast-Chef. "Die Kameras von Urthecast hingegen sind hochtechnische Geräte, die dazu gedacht sind, Bilder von der Erdoberfläche aufzunehmen. Unsere Ultra-HD-Kamera erkennt Autos auf der Straße und Veranstaltungen. Das sind doch andere Ansichten als jene, welche die Nasa bietet."

Digitalglobe will Auflösung verbessern

Bilder aus dem Weltraum können aber noch höher aufgelöst sein: Digitalglobe will in diesem Sommer einen Satelliten in die Erdumlaufbahn schießen, der Bilder mit einer Auflösung von 25 Zentimetern aufnehmen kann. Worldview-3 wird der fünfte Satellit des Unternehmens, das unter anderem Bilder für Google Earth liefert.

Dort werden diese Bilder jedoch vorerst nicht zu sehen sein: Die US-Regierung verbietet es, Bilder mit einer Auflösung von weniger als 50 Zentimetern zu verbreiten. Sie dürfen nur an die US-Regierung verkauft werden. Will der Anbieter sie auf dem freien Markt anbieten, muss er sie unscharf machen.

Digitalglobe fordert höhere Auflösung

Die Auflage stammt aus dem Jahr 2000, als Satelliten noch nicht so leistungsfähig waren. Inzwischen aber bangt Digitalglobe um das Geschäft. Das Unternehmen verlangt deshalb von der US-Regierung, diese Beschränkung aufzuheben. Im April 2014 hat US-Geheimdienstchef James Clapper signalisiert, dass die Geheimdienste nichts gegen eine Aufhebung der Einschränkung hätten. Eine offizielle Entscheidung stehe indes noch aus, berichtete das US-Nachrichtenangebot GCN Ende April.

Digitalglobe beliefert ohnehin in erster Linie die US-Regierung mit hochauflösenden Satellitenbildern: Der Vertrag mit der National Geointelligence Agency macht rund zwei Drittel der Einnahmen des Unternehmens aus dem US-Bundesstaat Colorado aus.  (wp)


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