Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smartwatches-und-wearables-ich-darf-nicht-bloed-damit-aussehen-1405-106835.html    Veröffentlicht: 31.05.2014 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/106835

Smartwatches und Wearables

"Ich darf nicht blöd damit aussehen"

Smartwatches gibt es bereits seit einigen Jahren - seit sich die großen Hersteller mit den Geräten beschäftigen, hat das Thema jedoch zusätzlichen Schub erhalten. Aber sind aktuelle Smartwatches wirklich die Wearables, die wir benutzen wollen? Über Alternativen hat sich Golem.de mit dem Programmierer Ronan Schwarz unterhalten.

"Hol mich hier raus, Kumpel", wispert Michael Knight in seine Digitaluhr, woraufhin K.I.T.T., der sprechende Trans Am, mit fulminantem Drift angerast kommt. Die Idee einer klugen Uhr, die mehr als nur die Zeit anzeigen kann, ist in der Populärkultur nicht neu: Bereits Dick Tracy nutzte in seinen Comics aus den 1930er-Jahren eine Smartwatch, ehe 50 Jahre später eine Datenuhr bei Knight Rider ihren Dienst verrichtete. Mittlerweile sind Smartwatches in unserer Realität angekommen - aber entsprechen die aktuellen Geräte eigentlich dem, was wir wirklich benutzen wollen?

Moderne Smartwatches von Samsung, Sony oder Pebble können bisher unter anderem E-Mails und SMS anzeigen, den Musikplayer steuern, Twitter- und Facebook-Nachrichten anzeigen und teilweise Fotos aufnehmen und per Sprache gesteuert werden. Auf der Droidcon 2014 hat Golem.de sich mit dem Programmierer Ronan Schwarz über die Entwicklung von Smartwatches und Wearables unterhalten. Als Programmierer ist Schwarz in nahezu allen aktuellen mobilen Betriebssystemen sowie den gängigen Programmiersprachen unterwegs; Android-Entwicklern ist er als einer der Autoren des Android Developer Cookbook bekannt. Smartwatches und die Entwicklung von Software dafür gehören zu seinen Leidenschaften.

Das umgeschnallte Smartphone

Aktuelle Smartwatches sehen meist nicht wie eine klassische Uhr aus, sondern eher wie ein kleines, um das Handgelenk geschnalltes Smartphone; dementsprechend klobig sind sie auch. Für Ronan Schwarz gehört das mit zu den größten Problemen, die eine stärkere Verbreitung von Smartwatches aktuell noch bremsen. "Smartwatches müssen kleiner und vom Aussehen her attraktiver, schicker werden. Nur so können sie sich auf Dauer durchsetzen", sagt er. "Dass auch Künstler wie Will.i.am ihr eigenes Smartwatch-Modell in einer Talkshow zeigen, macht die Geräte für eine breite Masse attraktiver", vermutet Schwarz.

"Gerade eine Armbanduhr ist ja ein klassisches Schmuckstück: Eine teure Uhr ist etwas, das man repräsentativ trägt. Eine Smartwatch, wie sie momentan erhältlich ist, ist das nicht", sagt Schwarz. "Diese Hürde müssen die Hersteller noch nehmen: Erst, wenn die Geräte gut aussehen und man als Träger nicht mehr aussieht wie ein Borg, werden sie eine große Marktverbreitung haben. Die Minimalbedingung ist: Ich darf nicht blöd damit aussehen."

Mit dieser Meinung ist Schwarz nicht alleine: Erst vor kurzem beklagte Motorola-Manager Mark Randall, dass alle aktuellen Smartwatches Mist seien. Mag diese Meinung deutlich überspitzt sein und sicher nicht für alle verfügbaren Modelle gelten, spiegelt sie doch eine gängige Meinung wider - die Nutzerkommentare bei Golem.de zumindest bestätigten Randalls Ansicht.

Wearables bisher wenig verbreitet

Dementsprechend sind Smartwatches und Wearables aktuell nur selten an Handgelenken zu sehen. Vor der Ifa 2013 waren die Erwartungen an Samsung groß, insbesondere Samsungs Galaxy Gear enttäuschte aber trotz einiger guter Ansätze die meisten Kritiker. Auch Golem.de fragte sich damals im Test, wozu Nutzer das Gerät überhaupt brauchen: Zu umständlich, wenig intuitiv und nutzlos erschien es uns oft, statt auf das Smartphone auf die Uhr zu schauen und auf dem kleinen Bildschirm herumzutippen. Außerdem sind die Akkulaufzeiten für eine Uhr deutlich zu niedrig.

Bringt Android Wear die Wende?

Bei vielen aktuellen Smartwatches fehlen etwa bestimmte Apps, da sie erst an das jeweilige Gerät angepasst werden müssen. Hier biete Googles Wearable-Betriebssystem Android Wear einen Vorteil, sagt Schwarz: "Das Potenzial, dank einer gemeinsamen Plattform mehr Entwickler und daher auch mehr verfügbare Apps zu haben, ist bei Android Wear eindeutig vorhanden." Zudem ist es für Programmierer einfach, vorhandene Android-Apps an Wearables mit Android Wear anzupassen: So werden beispielsweise Statusmeldungen des Smartphones sowieso in der Uhr angezeigt.

Android Wear kommt spät

Als Entwickler hat sich Schwarz bereits ausführlich mit Android Wear beschäftigt. Er hat allerdings seine Zweifel, ob Googles Betriebssystem große Auswirkungen auf den Smartwatch-Markt haben wird. "Google wird es nicht leicht haben, weil Android Wear relativ spät erscheint: Andere Hardwarehersteller sind bereits jetzt mit ihren Smartwatches draußen, beispielsweise Samsung, Sony und andere kleine Hersteller wie Pebble. Die benutzen alle unterschiedliche Software - die alle in ein gemeinsames Konzept zu kriegen, wird verdammt schwer", erklärt Schwarz.

Dabei bietet Android für die Hersteller durchaus Vorteile: "Das Argument dafür, Android Wear zu benutzen, ist ähnlich wie das, Android für Smartphones zu nutzen: Mit Android erhalten die Hersteller eine relativ fertige Plattform, bei der sie nur noch kleinere Anpassungen machen müssen", sagt Schwarz. "Android Wear bietet zudem die Integration in den Google-Service an, was bedeutet, dass ein Programmierer viel Entwicklungsleistung nicht mehr selber erbringen muss." Motorolas Smartwatch Moto 360 soll mit Android Wear erscheinen, ebenso LGs G Watch.

Entwicklung hin zu kleineren Geräten

Für Schwarz stellen die aktuellen Smartwatches nur den Anfang der Entwicklung hin zu weiteren, kleineren tragbaren Geräten dar. "Wearables sind in ihrer Verbreitung und Entstehung noch total am Anfang. Momentan sind eher Smartwatches verbreitet, als nächstes werden Smart Glasses und zahlreiche kleine Geräte kommen", erklärt er. Zu den kleinen Wearables zählt Schwarz neben Fitness-Armbändern auch Accessoires wie Ringe.

Dabei kann seiner Meinung nach dank guter Sprachsteuerung durchaus auf den Bildschirm verzichtet werden. "Es ist merkwürdig, mit einer Uhr zu reden. Ein Produkt wie Commbadge versucht hingegen, etwas wie den Communicator von Star Trek: Next Generation nachzubauen. Es ist aber auch vorstellbar, dass das alles noch viel kleiner wird", sagt Schwarz. "Ein Ohrring wäre zum Beispiel eine Möglichkeit - Ringe haben auf jeden Fall auch ein großes Potenzial. Je kleiner die Sachen werden, desto interessanter wird es."

Bisheriges Smartwatch-Konzept für viele Nutzer nicht attraktiv

Mit der Etablierung von Smartphones ist die tägliche Menge an Informationen bei vielen Nutzern stark angestiegen - entsprechend sind auch die Anforderungen an Smartwatches größer geworden. Dabei wird manchen Nutzern nach anfänglicher Euphorie mittlerweile klar, dass die Uhren das nur bedingt können: E-Mails können zwar auf einem 1,2 Zoll großen Display gelesen werden, Spaß macht das aber nicht, ebenso bei Nachrichten oder Multimedia-Inhalten. Hier ist es einfach praktischer, sein Smartphone zu verwenden - das die meisten Nutzer, die als Käufer für eine Smartwatch infrage kommen, sowieso sehr häufig benutzen.

Um sich über den Eingang neuer Nachrichten informieren zu lassen, genügt auch ein kleines Wearable wie ein Ring oder ein Armreif. Der bisher eher schleppende Verkauf von Smartwatches zeigt, dass das bisherige Konzept des "Smartphones am Handgelenk" offenbar für viele Nutzer nicht attraktiv ist. Ob die Hersteller von Android-Wear-Geräten oder Apple mit seiner geplanten iWatch es schaffen, hier Nachfrage zu schaffen, bleibt abzuwarten. Dass wir jemals wie Michael Knight unser Auto per in die Smartwatch gewispertem Sprachbefehl rufen werden, ist mindestens genauso fraglich.  (tk)


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