Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cherry-mx-switches-im-test-widerstand-ist-nicht-zwecklos-1405-106560.html    Veröffentlicht: 19.05.2014 12:09    Kurz-URL: https://glm.io/106560

Cherry MX-Switches im Test

Widerstand ist nicht zwecklos

Neben teuren Geräten, die auf Spieler zugeschnitten sind, gibt es bei mechanischen Tastaturen auch schlichte Modelle für den Büroalltag. Wir haben in der Redaktion in einem gänzlich unwissenschaftlichen Test ausprobiert, nach welchen Kriterien wir uns für eine von vier Varianten entscheiden.

"Die flutscht richtig", sagt eine Testerin, ein anderer Proband urteilt über dieselbe Tastatur: "Die ist mir viel zu schwammig". Beide haben ein paar Minuten ein Gerät mit den roten Cherry-MX-Switches ausprobiert, die eine will sie behalten, der andere kommt damit gar nicht zurecht. Diese gegenteilige Einordnung zeigt schon, worauf es bei einer Tastatur, die hauptsächlich zum Schreiben verwendet wird, wirklich ankommt: Sie ist Gefühlssache.

Deshalb hat sich Golem.de vier Exemplare des Cherry MX-Board 3.0 in die Redaktion geholt. Diese Tastatur stammt von Cherry selbst, der deutsche Hersteller baut seit den 1980er Jahren nicht nur die bekannten Schalter, MX-Switch genannt, sondern auch komplette Eingabegeräte. Das MX-Board 3.0 ist mit den vier verschiedenen Switches erhältlich, die nach ihrer Farbe Red, Brown, Blue und Black genannt werden. Sonst sind die Tastaturen identisch, sie sind äußerlich nicht auseinanderzuhalten.

Darauf kam es uns auch an, denn wir wollten wissen, für welche Switches sich unsere Testpersonen spontan rein nach dem Schreibgefühl entscheiden würden. Die wenigsten Tester hatten zuvor länger auf einer Tastatur mit MX-Switches gearbeitet, und keiner von ihnen wusste, welchen Schaltertyp er gerade verwendete. Dabei standen alle vier Varianten parallel zur Verfügung, die Tester konnten direkt vergleichen. Eine Zeitvorgabe machten wir nicht, und schon dadurch ergaben sich deutliche Unterschiede: Manche Nutzer entschieden sich innerhalb von Sekunden, andere probierten zehn Minuten lang im Wechsel immer wieder alle Modelle aus.

Für unseren Test haben wir insgesamt 20 Personen die Tastaturen ausprobieren lassen. Darunter waren sechs Nutzer, die täglich am PC arbeiten, bei denen der Rechner aber nicht das Hauptarbeitsmittel ist. Dazu kamen zehn Redakteure sowie vier andere Verlagsmitarbeiter von Golem.de. Erwartungsgemäß waren die Redakteure, die jeden Tag mehrere Stunden Texte schreiben, am kritischsten - nur einer, der sonst mit einer gewinkelten Ergo-Tastatur mit völlig flachen Chiclet-Knöpfen arbeitet, kam mit keinem der vier Modelle zurecht, alle anderen fanden mehr oder weniger schnell ihren Favoriten.

Die spontane Begeisterung oder Ablehnung eines Switches liegt bei drei der vier Modelle an der sehr unterschiedlichen Mechanik, was auch der hauptsächliche Unterschied der MX-Switches ist.

Wie viel Mechanik steckt in einer Mecha?

Seit 1983 bietet das Unternehmen Cherry aus der Oberpfalz, das inzwischen als ZF Electronics GmbH zum ZF-Konzern gehört, seine Schalter für Tastaturen an. Nach Darstellung von Cherry selbst sind die MX-Switches, manchmal auch "Modul" genannt, eine Weiterentwicklung des Schnappschalters, wie er für elektrische Schreibmaschinen verwendet wurde. Schon die Bezeichnung Schnappschalter ist dabei genau genommen nicht ganz korrekt, eigentlich handelt es sich um einen Sprungschalter.

Gleiches gilt auch für die Bezeichnung "mechanische Tastatur", denn mit Ausnahme von optischen Eingabegeräten wie einer projizierten Lasertastatur hat jede Tastatur mechanische Komponenten. Gemeint ist im Fall der MX-Switches, dass jede Taste einen eigenen gekapselten Mikroschalter besitzt, der unabhängig von anderen Tasten abgefragt werden kann. Dadurch ergab sich wohl historisch bedingt die Beliebtheit bei Spielern, denn es können mehrere Tastendrücke gleichzeitig an den Rechner gemeldet werden, was auch als "N-Key-Rollover" bekannt ist. Von Spielern stammt auch die liebevolle Bezeichung "Mecha" für Tastaturen mit Einzelschaltern.

Für den Büroalltag waren die Cherry-Switches aber von Anfang an wegen ihrer Präzision und Langlebigkeit beliebt. Letztere gibt der Hersteller mit 50 Millionen Anschlägen pro Modul an, die Präzision ergibt sich schon durch die Konstruktion.

Unter den Tastenkappen, die sich bei jeder Tastatur mit den Modulen leicht abziehen lassen, sitzt ein linear nach unten geführter Stempel, der den im Inneren des Switches befindlichen Mikroschalter auslöst. Die Tastenkappe selbst ist kaum beweglich auf den Stempel aufgesetzt, die geringe seitliche Beweglichkeit ergibt sich vor allem durch den Stempel. Da bei anderen Bauformen einer Taste wie den vor allem bei sehr billigen Tastaturen üblichen Membranschaltern (Rubberdome) die Tastenkappe nicht linear nach unten geführt wird, wirken die MX-Switches genauer.

Zwei grundsätzliche Versionen der Module gibt es: mit und ohne Klick, von Cherry auch "taktil" und "linear" genannt. Die nach der Farbe der Stempel Blue und Brown genannten taktilen Switches verfügen über einen spürbaren Auslösepunkt: Die Taste muss nicht ganz bis zum Anschlag gedrückt werden, um einen Buchstaben zu erzeugen. Bei den MX-Brown ist dieser Punkt nur mit einiger Übung spürbar, die meisten unserer Testpersonen bemerkten ihn erst nach einem Hinweis.

Bei den MX-Blue ist der Klick deutlich hörbar, daher sind diese Tastaturen als laut verschrien - das gilt aber bei Nutzern, die kräftig in die Tasten hauen, für alle Geräte mit MX-Switches. Der Grund ist die hohle Tastenkappe, die beim vollen Anschlag einen Resonanzkörper bildet. Als Lösung gibt es die sogenannten O-Ringe aus Gummi, die wie ein Stoßdämpfer wirken. Damit geht aber für viele Anwender einiges vom typischen Präzisionsgefühl verloren, weil der Cherry-typische harte Anschlag fehlt.

Die Switches Black und Red sind lineare Schalter, sie lösen zwar die Eingabe auch schon vor dem Durchdrücken aus, das ist aber nicht spürbar. Sonst unterscheiden sich die getesteten Schalter vor allem durch die nötige Kraft zum Betätigen: 60 Gramm sind es bei Black, 50 bei Blue, und je 45 bei Brown und Red. In den Datenblättern der Tastaturhersteller wird die Kraft oft auch in Centinewton (cN) angegeben, die Werte dafür sind jedoch gleich.

Dass beim Vergleich der linearen Switches Black und Red auf letztere mit 25 Prozent weniger Kraft gedrückt werden muss, machte sich in unserem Test neben den deutlich hörbaren Blue-Modulen am deutlichsten bemerkbar: Als zu leicht empfanden viele Probanden die Red, als zu schwer andere die Black.

Obwohl die Brown-Switches nominal die gleiche Kraft erfordern, ordneten einige Versuchspersonen sie zwischen Red und Black ein, was offensichtlich an dem leichten Klick liegt: Am Anfang muss eine größere Kraft zur Überwindung des Widerstands ausgeübt werden, danach scheint sich die Taste wie von selbst durchzudrücken.

Der leichte Klick ist bei Vielschreibern am beliebtesten

Bei unserem Test haben wir die Subjektivität auf die Spitze getrieben, weil die Nutzer nur die beste und die schlechteste Tastatur auswählen durften. Folglich sind die Ergebnisse stark polarisiert, und zwar vor allem bei den MX-Blue: Die Tasten mit dem hörbaren Klick fanden fünf Nutzer besonders gut, vier können sich gar nicht vorstellen, damit jeden Tag zu schreiben.

Vor allem ältere Anwender stellten dabei fest: "Das fühlt sich an wie eine Schreibmaschine" und "Das ist ja wie früher". Einige der Blue-Fans sagten im anschließenden Gespräch, dass sie solche Tastaturen vermisst hätten, obwohl sie sich durch häufige Notebooknutzung an Tasten mit flachem Hub gewöhnt hatten. Daher hatten wir mit dem MX-Board 3.0 eigens das bisher einzige Modell ausgewählt, bei dem die Tastenkappen gegenüber allen anderen Cherry-Tastaturen rund 2 Millimeter flacher sind. Wie sehr der Geschmack dabei dennoch eine Rolle spielt, zeigt die Wertung zur Tastatur mit Cherry MX-Blue: "Die ist mir zu brutal!".

Am beliebtesten war bei unseren Testern das Gerät mit den Brown-Switches: Sechs Anwender fanden sie am besten, nur zwei am schlechtesten. Ein typischer Kommentar: "Die ist am genauesten". Den leichten Klick spürte nur ein Nutzer auf Anhieb, vor allem Anwender, die zuerst die Red-Switches in die engere Wahl zogen, entschieden sich dann doch oft im direkten Vergleich für die braunen Schalter. Wie bei allen Probanden wiesen wir erst nach ihrer Entscheidung auf die Unterschiede hin, und das leichte taktile Feedback bemerkten dann auch alle Tester, die die Brown-Switches bevorzugten.

Nur zwei Anwender konnten sich für die Red-Switches begeistern, fünf lehnten sie rundherum ab. Die beiden Fans der roten Knöpfe hoben die geringe Auslösekraft hervor und fanden, sie könnten darauf am schnellsten schreiben. Überwiegend wurden die Tasten aber als "schwammig" beschrieben, diese Bemerkung kam gleich dreimal vor. Das scheint der Beliebtheit genau dieser Schalter bei Spielen zu widersprechen, liegt aber klar an der verschiedenen Art der Bedienung: Beim Schreiben werden die Tasten schnell hintereinander gedrückt, viele Gamer rutschen beim Spielen von einer auf die andere Taste, wobei weniger Kraft von Vorteil ist.

Am wenigsten positive wie negative Bewertungen erhielten die 25 Prozent schwergängigeren Black-Switches: Nur drei Tester wollten sie dauerhaft nutzen, aber auch nur einer lehnte sie rundherum ab, aus offensichtlichem Grund: "Viel zu hart", war der Kommentar. Auffällig ist, dass zwei andere Nutzer, die die MX-Black dennoch als nicht völlig ungeeignet einstuften, sie "schwammig" nannten.

Wir haben dann diesen Anwendern beim Schreiben genauer auf die Finger gesehen. Sie tippen so fest, dass die Fingerkuppen als Stoßdämpfer dienen, und machen auch entsprechend viel Krach. Andere Nutzer können auf den schwarzen Schaltern aber durchaus leiser schreiben, weil sie sich schnell an den hohen Widerstand gewöhnen - dazu zählt auch der Autor dieses Tests, der seit einem halben Jahr auf einem anderen Modell mit MX-Black tippt.

Fazit

Tastaturen sind und bleiben Geschmackssache. Das zeigt sich schon bei unserer kleinen und nicht repräsentativen Testgruppe, die aber durchweg viel Erfahrung beim Schreiben hat. Von 20 Personen hatten 12 sofort einen Favoriten, vier entschieden sich jedoch nach längerem Ausprobieren doch anders.

Dabei spielen aber nicht ausschließlich, wie oft angenommen, Gewohnheiten eine Rolle: Nur ein Nutzer, der täglich auf einer Chiclet-Tastatur arbeitet, konnte sich für keines der Modelle erwärmen. Drei andere, die vorher noch nie Tasten mit Klick benutzt hatten, waren spontan von den MX-Blue-Switches begeistert. Es lohnt sich also durchaus, auch einmal ungewohnte Eingabegeräte auszuprobieren.

Am beliebtesten ist in unserem Test der Schalter MX-Brown, und das obwohl der sehr wenig spürbare Klick nur einem Anwender auf Anhieb auffiel. Das deutet darauf hin, dass die anderen das taktile Feedback zwar fühlten, aber nicht bewusst wahrnehmen konnten.

An den Schaltern Red und Black scheiden sich die Geister: Entweder wird der leichtgängige Red ebenso wie der schwerere Black geliebt oder gehasst. Auch hier hilft nur ein eigener Versuch, was auch für die nicht in der für Büroeinsatz gestalteten Tastatur Cherry MX-Board 3.0 erhältlichen Switches Green und Clear gilt. Sie bietet Cherry nur Drittherstellern an.

Da mechanische Tastaturen unbestreitbare Vorteile haben, wird die Technik gerade in der letzten Zeit ständig weiterentwickelt, vor allem Razer als Hersteller von Gaming-Zubehör hat hier ein interessantes Konzept vorgestellt. Diese Tastaturen sind aber erst ab rund 100 Euro erhältlich, das MX-Board 3.0 kostet nur rund 60 Euro.  (nie)


Verwandte Artikel:
Microsoft Surface Studio im Test: Zeichnen aus dem Schwenkgelenk   
(30.01.2018, https://glm.io/132153 )
MX Low Profile im Hands On: Cherry macht die Switches flach   
(12.01.2018, https://glm.io/132134 )
MX Board Silent: Mechanische Tastatur von Cherry bringt Ruhe ins Büro   
(06.01.2017, https://glm.io/125443 )
Corsair K68: Neue MX-Red-Gaming-Tastatur ist vor Wasserschäden geschützt   
(31.05.2017, https://glm.io/128128 )
Microsoft: Surface Precision Mouse mit Bluetooth- und USB-Steuerung   
(16.02.2018, https://glm.io/132814 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/