Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/virtual-cockpit-mit-60-bildern-pro-sekunde-in-den-roten-drehzahlbereich-1405-106526.html    Veröffentlicht: 16.05.2014 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/106526

Virtual Cockpit

Mit 60 Bildern pro Sekunde in den roten Drehzahlbereich

Tachonadel war gestern: In seinem neuen TT hat Audi den klassischen Tachometer durch einen Bildschirm ersetzt. Der Fahrer kann sich dort seine Rundinstrumente anzeigen lassen - oder eine digitale Landkarte.

Tesla hat es. Volvo und Mitsubishi arbeiten daran: Immer mehr Hersteller statten ihre Autos mit einem Display aus. Es dient als Navigationssystem, kann aber auch einiges mehr. Nicht alle finden das gut.

Das Tesla Model S etwa hat einen Bildschirm dort, wo bei herkömmlichen Autos Tachometer und Instrumentenanzeige sitzen. Ein zweiter befindet sich über der Mittelkonsole, zwischen Fahrer und Beifahrer. Der Touchscreen ist nicht nur Navigations- und Infotainmentsystem. Über ihn werden auch alle möglichen Funktionen des Autos gesteuert: Heizung und Klimaanlage beispielsweise oder das Webradio. 17 Zoll, knapp 43,2 Zentimeter, misst der Bildschirm in der Diagonalen.

Ausfahrmonitor

Deutlich kleiner ist der Bildschirm ausgefallen, den Audi für das Modell A3 beim Genfer Autosalon und auf der Cebit 2012 vorstellte. Das Display ist im Armaturenbrett versenkt und wird nur bei Bedarf ausgefahren.

Über das Display kann der Fahrer verschiedene Multimediadienste abrufen, darunter das Navigationssystem, Verkehrs- und Ortsinformationen oder Assistenzsysteme, etwa ein System, das auf Geschwindigkeit und Abstand achtet. Selbst einige Facebook-Dienste oder Twitter lassen sich darüber abrufen - sie werden vorgelesen, um den Fahrer nicht abzulenken. Bedient wird das System über einen Knopf in der Mittelkonsole, der verschiedene Möglichkeiten zur Interaktion bietet: Durch Drehen navigiert der Fahrer durch die Menüs der Anwendungen. Die Oberfläche des Knopfes ist zudem ein Touchpad, über das der Fahrer Buchstaben eingeben kann.

Neues System im Audi TT

Für das neue TT-Modell hat sich Audi ein neues Konzept ausgedacht. Der Knopf ist geblieben, aber das Display in der Mitte ist verschwunden: Es ist mit der Instrumentenanzeige verschmolzen. Das Virtual Cockpit besteht aus einem 12,3 Zoll großen Bildschirm mit einer Auflösung von 1.440 x 540 Pixeln.

Auf den ersten Blick sieht das Virtual Cockpit weitgehend aus wie eine normale Instrumentenanzeige mit zwei Rundinstrumenten, die in etwa so groß sind wie die heutigen. Der Unterschied ist, dass dazwischen das Menü für das Infotainment zu sehen ist. Das sei die klassische Ansicht, erklärt ein Audi-Sprecher im Gespräch mit Golem.de.

Der Fahrer kann aber auch in den Infotainment-Modus umschalten: Dann werden Tacho und Drehzahlmesser verkleinert und machen der Multimedia-Anwendung Platz. In erster Linie ist das die digitale Landkarte des Navigationssystems. Angezeigt werden auf Wunsch aber auch das Adressbuch des Mobiltelefons, das Radio oder die Musiklisten. Beim Audi TTS kommt noch eine dritte Ansicht hinzu: In diesem Sportmodus erscheint der Drehzahlmesser groß in der Mitte des Displays.

Cockpits mit Tegra 3

Bedient wird das Virtual Cockpit in erster Linie vom Lenkrad aus. Das hat verschiedene Tasten, etwa für den Aufruf des Menüs, ein Scrollrad, Tasten zum Bedienen der Musikanlage oder um ein Telefongespräch anzunehmen. Außerdem kann der Fahrer das MMI Touch auf der Mittelkonsole nutzen. Das besteht aus sechs Tasten sowie einem Drehknopf. Wie im A3 hat der auch im TT ein Touchpad zum Scrollen oder für die Eingabe von Buchstaben. Will der Fahrer seine Hände nicht vom Lenkrad nehmen, kann er das System auch per Spracheingabe bedienen. Die versteht laut Audi viele Redewendungen aus dem täglichen Sprachgebrauch.

Gesteuert wird das Virtual Cockpit von einem Tegra-3-Prozessor mit vier Kernen von Nvidia. Als Arbeitsspeicher stehen 2 GByte zur Verfügung. Bei der Darstellung der Grafiken, etwa des Drehzahlmessers, müsse beachtet werden, dass die Animation ruckelfrei ablaufe, dass sich also die Nadel beim Beschleunigen ebenso flüssig bewege wie bei einem analogen Instrument, erklärt der Audi-Sprecher. Um das zu gewährleisten, werde die Grafik mit 60 Frames pro Sekunde gerechnet.

Virtual Cockpit im Lamborghini Huracán

Audi ist nach eigenen Angaben der erste Automobilhersteller, der diesen Prozessor einsetzt. Neben den eigenen Modellen TT und TTS hat auch der Huracán der italienischen Sportwagen-Tochter Lamborghini eine digitale Instrumentenanzeige.

Das System ähnelt dem Virtual Cockpit: Auch der Supersportwagen hat ein 12,3 Zoll Display mit einem Tegra 3. Wie beim TTS gibt es drei Anzeigemodi, allerdings keinen mit zwei Rundinstrumenten. Im Full Drive Mode erscheint eines der beiden groß in der Mitte, flankiert von Temperatur- und Tankanzeige. Daneben wird der jeweils andere Wert - Geschwindigkeit oder Drehzahl - kleiner digital angezeigt. Welches Instrument groß erscheint, kann der Fahrer selbst bestimmen.

Im zweiten sogenannten Mixed Mode erscheint links ein Rundinstrument und rechts eine digitale Landkarte. Darüber werden die Fahrzeugdaten eingeblendet. Im Full Infotainment Mode rückt diese groß in die Mitte. Drehzahl, Geschwindigkeit, Temperatur und Tankstand sind klein an den beiden Seiten sichtbar.

Wird der Fahrer abgelenkt?

Nicht jeder kann sich mit den Multimediasystemen in den Autos anfreunden. Ein hochrangiger Polizist aus Zürich etwa befand, der Bildschirm des Tesla Model S sei zu groß, um ihn während der Fahrt zu ignorieren. "Die Ablenkung durch den riesigen Bildschirm im Tesla ist nicht tolerierbar. Ich bin davon überzeugt, dass die Ablenkung durch Bild und Ton während der Fahrt so groß ist, dass Unfälle aufgrund dessen markant zunehmen würden", sagte Marco Cortesi, Chef des Mediendienstes der Züricher Stadtpolizei, im Februar der Handelszeitung.

Zu einem ähnlichen Schluss kam auch der Allgemeine Automobil Club Deutschlands (ADAC), als er im vergangenen Jahr das Elektroauto testete. Sehr viele Funktionen des Fahrzeugs werden über den Touchscreen gesteuert: das Licht ebenso wie Heizung und Klimaanlage oder die Musikanlage.

Unterwegs on

Einige der Funktionen seien dauerhaft auf dem Display sichtbar, andere müssten in Untermenüs gesucht werden, befanden die Tester des Verbandes. Weiterer Minuspunkt: Bei Sonnenlicht sei das Display schlecht ablesbar. "Nicht verständlich ist, dass die vielen Funktionen wie z.B. der Internetzugang während der Fahrt nicht gesperrt sind und der Fahrer somit extrem vom Verkehr abgelenkt werden kann", kritisierten sie.

Diese Gefahr besteht beim Virtual Cockpit nicht. Dessen Vorteil sei die Übersichtlichkeit, sagt der Audi-Sprecher: Gehe der Blick sonst im Dreieck zwischen Instrumentenanzeige, Straße und Navigationssystem, brauche der Fahrer im Virtual Cockpit den Blick nur zwischen Anzeige und Straße heben und senken. Der Fahrer könne also "alle Funktionen steuern, ohne den Blick von der Straße nehmen zu müssen". Zudem sei die Menüstruktur vereinfacht worden, wodurch das System leichter zu bedienen sei.

Fahrerfokussiertes Bedienkonzept

Dass auch andere Modelle in Zukunft ein Virtual Cockpit bekommen, scheint indes unwahrscheinlich. Das Bediensystem müsse "perfekt zum jeweiligen Fahrzeugkonzept" passen, erklärt der Sprecher. "Das fahrerfokussierte Bedienkonzept ist speziell für den Audi TT als kompakten Sportwagen konzipiert."

Gut möglich, dass sich die Ingolstädter für ihre anderen Baureihen andere Multimedia-Konzepte einfallen lasen. Verzichten sollten sie darauf auf keinen Fall: Die elektronischen Systeme im Auto seien inzwischen als Kriterium für die Auswahl eines bestimmten Fahrzeugs wichtiger geworden als dessen Leistungsmerkmale, erklärt das Beratungsunternehmens Accenture.

Accenture hatte im vergangenen Jahr Autofahrer befragt, wonach sie ein Auto auswählen. 39 Prozent der Befragten gaben dabei an, dass die Technik im Auto das wichtigste Auswahlkriterium sei. Die Fahrleistung war nur für 14 Prozent ausschlaggebend. Für die Anfang Dezember 2013 veröffentlichte Studie hatte Accenture 14.000 Autofahrer aus Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Italien, Malaysia, Südafrika, Südkorea, Spanien, und den USA befragt.  (wp)


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