Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/visiobike-ebike-mit-smartphone-als-bordcomputer-1405-106494.html    Veröffentlicht: 29.05.2014 14:30    Kurz-URL: https://glm.io/106494

Visiobike ausprobiert

Das erste Fahrrad mit Bordcomputer

Das Visiobike ist ein Elektrofahrrad, bei dem ein Smartphone als Bordcomputer dient: Es ist Kamera- und Tretunterstützungssteuerung, GPS-Tracker, Navigator und Schloss in einem. Wir haben es noch vor der Indiegogo-Kampagne ausprobiert.

Ohne Smartphone geht heute nichts mehr - selbst Fahrräder sind mittlerweile mit der allgegenwärtigen Technik verknüpft: Das Visiobike integriert den täglichen Begleiter als zentrale Steuereinheit, die alle Sensoren des E-Bikes überwacht und die Daten aufbereitet. Damit ist das Visiobike das erste E-Bike mit einem Bordcomputer ähnlich wie bei einem Auto. Wir haben uns Mitte Mai mit Erfinder Marko Matenda getroffen und sind das Visiobike Probe gefahren.

Das Elektrofahrrad basiert auf einem von Absolute Design entworfenen Karbonrahmen. In diesen hat der Kroate einen GPS-Sender und einen Tretlagermotor von MPF Drive auf Höhe der Pedalen eingebaut, der mit 250 Watt arbeitet. Er unterstützt den Fahrer beim Treten mit bis zu 25 km/h bei einer Reichweite von bis zu 120 Kilometern.

Dann ist der Akku leer und der Fahrer muss das Rad mit reiner Muskelkraft bewegen. Der Akku ist laut Visiobike in drei Stunden aufgeladen, jedoch nicht entnehmbar. Das Smartphone wird optional per Ladekabel am Akku angeschlossen, ist also während der Fahrt immer eingeschaltet.

Ein E-Bike funktioniert zwar prinzipiell wie ein normales Fahrrad, die Tretunterstützung vermittelt aber ein völlig anderes Fahrgefühl: Aus dem Stand heraus beschleunigt ein E-Bike stark und fast ohne Kraftaufwand und erreicht die Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h je nach Stufe der Unterstützung bereits in wenigen Sekunden. Das ist insbesondere bei steilen Auffahrten erst gewöhnungsbedürftig, danach aber eine tolle Erfahrung.

Bei den meisten E-Bikes ist eine verkabelte oder drahtlose Steuerkonsole für den Motor verbaut, beim Visiobike leistet dies ein Smartphone. Die Halterung am Lenker hält das Mobiltelefon fest an seinem Platz, wenngleich Matenda lachend hinzufügt, dass sein E-Bike für die Stadt und nicht für waghalsige Downhill-Rennen gedacht sei.

Steuerkonsole in App-Form

Auf dem Smartphone muss die gemeinsam mit Five Minutes entwickelte Visiobike-App installiert sein, die es für Android und iOS gibt. Nach der Erstellung eines Accounts kommuniziert die App per Bluetooth 2.3 oder 4.0 mit einer speziellen Platine und somit dem Motor, sofern zuvor das festgelegte Passwort eingegeben wurde.

Die grundlegende Idee, das Fahrrad per Smartphone aufzuschließen und es im Falle eines Diebstahls per GPS zu orten, ähnelt der des Lock8. Ist das Visiobike gesperrt und wird von seinem Platz fortbewegt, erhält der Radfahrer eine SMS an eine von ihm festgelegte Telefonnummer. Einmal freigeschaltet, startet ein langer Druck auf die Power-Taste in der Visiobike-App den Tretlagermotor.

Die Stärke der Tretunterstützung ist per Touch in zehn Stufen einstellbar, die App merkt sich die zuletzt ausgewählte. Sensoren am Hinterrad messen die aktuelle Geschwindigkeit und übertragen diese an die App, welche wiederum die automatische Nuvinci-Nabenschaltung kontrolliert. Das ist beim Fahren gewöhnungsbedürftig, da das Visiobike bei hoher Tretunterstützung auch bergauf sehr schnell 25 km/h erreicht.

Die App zeigt jedoch nicht nur die Geschwindigkeit und die Stufe der Tretunterstützung an, sondern auch den Ladestand des Akkus und die aktuelle Position. Visiobike hat dafür einen zweiten Homescreen programmiert, der Google Maps anzeigt. Die Fahrdaten wie Routen und Geschwindigkeit schickt die App an einen Server; sie sind somit im Nachhinein abrufbar.

An welchen Server genau wollte Matenda uns nicht sagen, da die Entwicklung an diesem Punkt noch nicht abgeschlossen sei. Visiobike nehme das Thema Datensicherheit aber sehr ernst.

Ein dritter Homescreen greift auf die Kamera unter dem Sattel zu, die bei unserem Prototpy noch in VGA-Auflösung (640 x 480 Pixel) das Geschehen hinter dem Visiobike-Fahrer an die App schickt. 720p oder gar 1080p hält Matenda für wenig sinnvoll, da einerseits die Datenmenge - die per Bluetooth geschickt wird - recht groß ist und anderseits nicht alle Smartphones hohe Auflösungen flüssig verarbeiten. Die finale Version des Visiobike nutzt allerdings eine HD-Kamera.

Mit im Karbonrahmen sitzt ein Beschleunigungssensor, der bei einem Zusammenstoß die letzten drei Minuten Videomaterial lokal auf dem Smartphone speichert - so ist ein schneller Zugriff auf die Daten gewährleistet.



Go, go, Indie!

In der Praxis funktionieren das Umschalten zwischen den drei Homescreens und die Stufenwahl der Tretunterstützung gut. Problematisch ist aber die schlechte Lesbarkeit bei Sonnenschein, da dafür je nach Smartphone auch die maximale Helligkeit zu gering sein kann und starke Spiegelungen auftreten können. Ist der Akku des Mobiltelefons leer, bleibt der Motor aus.

Der Rahmen, die Elektronik und die App sind Eigenentwicklungen, die restlichen Teile kauft Visiobike zu. Neben dem Tretlagermotor und der Nabenschaltung gibt es einen Sattel sowie Pedalen von Ergon; die Bremsen stammen von Magura.

Visiobike hat sich hier für durchschnittliche Komponenten entschieden. Das Fahrrad wiegt mit 21 Kilogramm für ein E-Bike mit Karbonrahmen vergleichsweise viel, selbst vollgefederte Mountain-E-Bikes mit Aluminiumrahmen sind ähnlich schwer. In der Praxis verringert ein höheres Gewicht die Reichweite etwas, bei dem für den Stadtverkehr ausgelegten Visiobike ist diese unserer Ansicht nach aber zweitrangig.

Am 28. Mai startete Visiobike eine Indiegogo-Kampagne mit dem Ziel von 180.000 Euro, um die Produktion zu starten. Für Unterstützer soll das E-Bike 3.900 Euro kosten und im August 2014 ausgeliefert werden. Später soll es für 4.500 Euro im Handel erhältlich sein. Damit ist das Technikspielzeug zwar teurer als die meisten E-Bikes, von denen jedoch keines Sicherheitsfunktionen per Smartphone als Bordcomputer ermöglicht.  (ms)


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