Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/automatisierungstechnologie-nehmen-roboter-uns-die-jobs-weg-1405-105990.html    Veröffentlicht: 18.05.2014 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/105990

Automatisierungstechnologie

Nehmen Roboter uns die Jobs weg?

Die US-Army will Kampfroboter statt Soldaten in den Krieg schicken, und Software generiert automatisch Artikeltexte. Wissenschaftlern zufolge wird der Mensch künftig zunehmend durch Maschinen ersetzt. Müssen wir also Angst um unsere Arbeitsplätze haben?

Cyborgs, Humanoide, Androide und Roboter aus künstlichen Sehnen und Muskeln haben eines gemeinsam: Sie werden vielen Beschäftigten künftig mehr als je zuvor den Arbeitsplatz streitig machen. Zu dem Schluss sind Wissenschaftler der Oxford University gekommen. Laut ihrer Studie (PDF) ist knapp die Hälfte aller Jobs, vorwiegend Büro- und Produktionsberufe, in den USA gefährdet. Doch welche Jobs sind noch betroffen? Bleiben Akademiker vom Maschinenzeitalter verschont? Warum setzt der Automobilhersteller Toyota weiterhin auf manuelle Arbeit? Welchen Einfluss nehmen Bankenspekulanten und Mindestlohn auf die Automatisierung? Für Deutschland gibt es bisher noch keine solche Studie, dennoch haben wir die Bundesagentur für Arbeit und die Bundeswehr gefragt, was sie von der Debatte "Gefährden Roboter unsere Arbeitsplätze?" halten. Alles nur Panikmache oder ist die Angst vor dem Jobverlust berechtigt?

Büro- und Produktionsberufe besonders betroffen

Die Studie der beiden Wissenschaftler der Oxford University, Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, trägt den Titel "Die Zukunft der Beschäftigung: Wie anfällig sind Berufe gegenüber der Computerisierung?" und wurde am 17. September 2013 veröffentlicht. Sie untersuchten, ob durch die Fortschritte in der Informatik und Robotertechnik in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten die Arbeitslosigkeit steigen könnte. Ihr Ergebnis: 47 Prozent aller beschäftigten US-Amerikaner drohen durch die Computerisierung ihren Job zu verlieren. "Unsere Studie sagt voraus, dass es Beschäftigte trifft, die im Transport- und Logistikgewerbe tätig sind, die Büro- und Verwaltungsaufgaben und Produktionsarbeiten ausführen", schreiben Frey und Osborne. Gefährdet sind demnach zum Beispiel Berufe wie Steuerberater, Uhrmacher und Kanalarbeiter. Als halbwegs sicher gelten Berufe wie Therapeut und Sozialarbeiter.

Gegen den Trend: Toyota setzt auf manuelle Arbeit

Obwohl einige Studien und Befürworter der Computerisierung das große Maschinenzeitalter vorhersagen und Unternehmen wie Amazon mächtig darin investieren, gibt es auch distanzierte Haltungen. Der japanische Automobilhersteller Toyota steht dem Automatisierungsboom der Industrie skeptisch gegenüber. Das Unternehmen konzentriert sich wieder mehr auf menschliche Arbeit und ist sehr darum bemüht, sie zu verbessern. "Wenn es jemals eine Technologie geben wird, die fehlerlos ist und immer perfekte Produkte erzeugt, werden wir bereit sein, diese Maschinen zu bauen", erklärt der leitende Manager von Toyota, Mitsuru Kawai. Bisher gebe es aber keine Maschine, die auf Dauer stabil sei. Für Kawai liegt der Zeitpunkt, an dem Maschinen den Menschen in der Automobilproduktion von Toyota ersetzen, noch in weiter Ferne.

Sind Roboter bald schlauer als wir?

Laut Experten wird es aber nicht nur Hilfstätigkeiten treffen, sondern auch Fachtätigkeiten, die dann von intelligenten Robotern ausgeführt werden sollen. Der Computerexperte Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, hat für die American Association for the Advancement of Science (AAAS) die Zukunft der maschinellen Intelligenz aufgezeigt. Seine Prognose: Innerhalb der nächsten 30 Jahre wird die Künstliche Intelligenz an die menschliche Intelligenz heranreichen oder diese sogar übertreffen. Folglich wären dann zum Beispiel auch Kundenberater, Lehrer, Programmierer und praktisch alle, die in ihrem Beruf mit Text zu tun haben, betroffen. Selbst Führungspositionen in großen Unternehmen könnten mit Robotern besetzt werden.

Texte aus Maschinenköpfen

Die Los Angeles Times hat vor einiger Zeit einen Artikel veröffentlicht, der von der Computersoftware Quakebot erstellt wurde. Die Idee für Quakebot stammt von dem Programmierer und Journalisten Ken Schwencke. Die Software sammelt Daten und Details, baut diese nach einem Baukastenschema ein und bündelt sie zu einem Artikel. So wurden Beiträge über ein Erdbeben in Kalifornien mit allen wichtigen Eckdaten veröffentlicht. Die Daten zog sich Quakebot aus einer offiziellen Mitteilung der Erdbebenwacht USGS. Drei Minuten dauerte es, bis der Artikel fertig war. Auch in Deutschland wird an solcher Software gearbeitet. Cord Dreyer, ehemals Chefredakteur der Nachrichtenagentur dapd, war Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Text-on. Entwickelt wird dort ein Programm, das automatisch Texte generiert - mit den thematischen Schwerpunkten Finanzen und Sport.

Beschleuniger: Bankenspekulanten und Mindestlohn

Dass der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz zunehmen wird, ist auch Gegenstand von Finanzspekulationen. Die Bank of America Merrill Lynch (BofAML) wettet auf eine solche Entwicklung. "Wir spekulieren auf Roboter und gegen Menschen", lautet ihr Motto. Auf einer von Michael Hartnett, einem Angestellten der Bank, veröffentlichten Grafik, ist der Trend deutlich zu erkennen.

Hartnett macht auch den Mindestlohn für diesen Prozess verantwortlich - eine Meinung, mit der er nicht alleine ist. Viele US-Medien teilen die Einschätzung. Menschliche Arbeiter, sagen sie, würden durch den Mindestlohn für Unternehmen immer teurer, Roboter indes immer günstiger. Zweifelsfrei spielen die Gewinnaussichten eines Unternehmens bei der Entscheidung "Mensch oder Roboter" eine Rolle. Deshalb rät auch Bill Gates in einem Interview mit BGR.com, den Mindestlohn nicht weiter zu erhöhen, damit Arbeitsplätze nicht durch Algorithmen ersetzt werden.

Die Bundesagentur für Arbeit ist gelassen

Die Bundesagentur für Arbeit sieht in der Entwicklung indes auch Positives. "Sollten Roboter eines Tages so weit sein und Fachkräfte in ihrer heutigen Tätigkeit ersetzen können, wird es im Gegenzug neue Berufsfelder geben, wo eben diese Fachkräfte wieder gebraucht werden", erklärt Pressesprecher Jürgen Wursthorn. Er vertritt die Ansicht, dass "allein die fortschreitende Technologie die Arbeitslosenzahlen nicht steigen lassen wird", wie von Kritikern befürchtet wird. Benachteiligt wären aus seiner Sicht in erster Linie Menschen ohne Berufs- und Schulabschluss. "Grundsätzlich wird der Zwang zur beruflichen Qualifizierung, Weiter- und Fortbildung immer stärker werden", so Wursthorn. Förderung lautet seine Devise, um Arbeitnehmern ohne Fachqualifikation eine Beschäftigung zu sichern.

Bundeswehr: "Nur punktuelle Gefährdung von Arbeitsplätzen"

Der Kauf des Roboterunternehmens Boston Dynamics und von Titan Aerospace durch Google rückte jüngst ein anderes Einsatzgebiet von Robotern in den öffentlichen Fokus: das Militär. Wie die Predator-Drohne und die SWORDS Kampfroboter sind die Maschinen von Boston Dynamics programmiert und werden ferngesteuert. Sie könnten eines Tages Soldaten aus Fleisch und Blut ersetzen. Daher könnte man vermuten, dass auch Arbeitsplätze beim Militär, etwa bei der Bundeswehr, bedroht sein könnten.

Der Leiter der Forschungsgruppe Intelligente Roboter an der Universität der Bundeswehr München, Volker Graefe, sieht aber "im Großen und Ganzen" keine Gefährdung von Arbeitsplätzen: "Punktuell könnten Arbeitsplätze zum Beispiel im Bereich der Büroboten oder der Essensausgabe gefährdet sein." Dem entgegen steht ein Bericht aus dem Fachmagazin Defense News. Dort heißt es, die US-Army strebe eine Verkleinerung einer Kampfbrigade von 4.000 auf 3.000 Mann an. Der Wegfall soll durch Kampfroboter ausgeglichen werden, die die Truppen vor Ort unterstützen. Durch Automatisierung versuche die US-Army, Kosten einzusparen. Eine Maschine, die in der Army eingesetzt werden könnte, ist zum Beispiel der Transportroboter Big Dog, der den Soldaten schwere Lasten abnimmt.

Arbeitsplätze hin oder her - diese Jobs sind brandgefährlich

Tatsächlich gibt es Bereiche, in denen der Einsatz von Robotern sinnvoll erscheint - dort nämlich, wo es für Menschen gefährlich wird. Beispiel Militär: Roboter werden vorangeschickt und vermindern somit das Risiko der Soldaten, lebensgefährlich getroffen zu werden.

Roboter erforschen auch das Weltall und Planeten, wie aktuell den Mars. Den extremen Bedingungen und Hindernissen in den verseuchten Gebieten von Tschernobyl und Fukushima sind Roboter noch nicht ohne menschliche Hilfe gewachsen; das zu erreichen, ist allerdings wünschenswert.

Als nützlich erweisen sich Roboter auch unter Wasser. Im Fall der verschwundenen Malaysia-Airlines-Maschine MH370 wurde das Mini-U-Boot Bluefin-21 im Indischen Ozean eingesetzt, das in 4.500 Metern Tiefe 90 Quadratkilometer des Meeresbodens nach Spuren abgesucht hat. Sinnvoll erscheint es auch, Roboter bei der Brandbekämpfung einzusetzen - oder zum Putzen der Glasfassaden von Hochhäusern.

Und im sozialen Bereich? Ein etwas befremdlicher Gedanke, und doch können soziale Roboter positive Wirkung haben - zum Beispiel bei der Betreuung von Demenzkranken. Ein Beispiel ist der Roboter Paro, ein Kuschelroboter in Gestalt eines Robbenbabys. Die Plüschrobbe soll die Demenzkranken zum Sprechen anregen, Emotionen hervorrufen und Stress abbauen.

Arbeitsmarkt der Zukunft mit Frage- und Ausrufezeichen

Einerseits stellen Roboter eine Chance für Militär und Wirtschaft dar, andrerseits werden sie von einigen Kritikern als Arbeitsplatzgefährdung in beiden Bereichen wahrgenommen. Die Bundesagentur für Arbeit hat zwar ein Förderinstrumentarium in der Hinterhand, doch stellt sich die Frage, ob jeder diese Förderung zweifelsfrei erhalten wird. Daraus ergibt sich eine weitere Frage: Wie viel Fachleute und Akademiker kann der Arbeitsmarkt überhaupt aufnehmen?  (csch)


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