Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/25-jahre-gameboy-nintendos-kultisch-verehrter-elektroschrott-1404-105968.html    Veröffentlicht: 21.04.2014 11:35    Kurz-URL: https://glm.io/105968

25 Jahre Gameboy

Nintendos kultisch verehrte Daddelkiste

Der Gameboy ist gut gealtert - heute wird mit der Konsole Musik gemacht, und selbst Spieleprogrammierer werden beim Anblick des grauen 8-Bit-Klotzes nostalgisch.

Heute vor 25 Jahren ist in Japan ein unansehnlicher grauer Plastikblock auf den Markt gekommen. Ausgestattet mit schon damals veralteter Elektronik und einem kleinen, monochromen Bildschirm ohne Hintergrundbeleuchtung war der Gameboy von Nintendo im Frühjahr 1989 wahrlich kein Technikwunder.

Trotzdem wurde Gemu Boi - so hieß das Gerät in Japan - zur erfolgreichsten mobilen Spielkonsole der neunziger Jahre und ließ technisch überlegene Mitbewerber wie den Atari Lynx oder das Sega Game Gear weit hinter sich. Mit der mobilen Konsole und Spielen wie Tetris und später Pokémon dominierte Nintendo lange den mobilen Spielemarkt.

Bis 2003 wurden 118 Millionen Gameboys verkauft. Erst nach 14 Jahren auf dem Markt, vielen farbigen Gehäusevarianten und nur wenigen technischen Innovationen rückte der Gameboy Advance nach.

Als Produkt ist der Gameboy seit mehr als zehn Jahren obsolet, technologisch noch länger. Doch die Konsole lebt weiter, und zwar nicht nur in Emulatoren. Hunderte Künstler weltweit produzieren bis heute Musik auf alter klassischer Heimcomputer- und Konsolenhardware wie eben dem Gameboy. (Das Ergebnis klingt zum Beispiel so.)

In dieser sogenannten Chiptune-Szene sind DMGs, dot-matrix Gameboys, immer noch gefragt. Anders als stationäre Rechner wie der Commodore 64 sind Gameboys tragbar, klein und batteriebetrieben. Sie eignen sich perfekt für Live-Auftritte und sind technisch zwar nicht komplex, aber vielseitig. Seit dem Ende der neunziger Jahre gibt es für Gameboys eigene Musiksoftware; das populärste Programm heißt Little Sound DJ, kurz LSDJ.

Die Gameboy-Musikszene ist weltweit vernetzt

Johan Kotlinski aus Stockholm hat es programmiert. LSDJ funktioniere wie Musiksoftware für PCs, sagt Kotlinski, nur besser: "Alles ist sehr effizient. Ein Stück hat man viel schneller fertig als mit neumodischer PC-Software."

Mit altmodischer Software kennt sich Kotlinski gut aus, er komponiert seit rund 20 Jahren Musik auf dem Heimcomputer Amiga. Vor 14 Jahren wurde der Software-Entwickler schließlich auf den Gameboy aufmerksam. "Damals war der Gameboy Color noch das Höchste im mobilen Gaming." Kotlinski wollte damit "etwas Cooles machen" - ein Musikprogramm in Amiga-Tradition entwickeln. Der Gameboy war für ihn eine Herausforderung: "Ein Steuerkreuz, paar Knöpfe und ein kleiner Bildschirm: Mich hat interessiert, was man mit einem solchen Interface schaffen kann."

Sehr viel, weiß Kotlinski heute. Zehn Jahre, nachdem der letzte klassische Gameboy aus dem Handel verschwand, komponieren noch immer tausende Chiptune-Enthusiasten ihre Musik mit LSDJ. Labels wie Micromusic, Bleepstreet oder 8bitpeoples bringen regelmäßig neue Stücke heraus. In Berlin, aber auch in Bogota, Manila, Philadelphia und Osaka finden Chiptune-Konzerte statt: Ein Gameboy, ein paar Effektgeräte, vielleicht ein Keyboard, und schon kann es losgehen: Jammen nur mit A/B-Tasten und dem Steuerkreuz.

So machen es jedenfalls die Puristen. Längst aber gibt es für den Gameboy auch MIDI-Interfaces, sie verbinden die Konsole mit modernen Musikprogrammen.

Auch Spiele-Entwickler werden nostalgisch

Nicht nur Musiker sind gerne nostalgisch. Manchen Spieleentwicklern sind Retro-Games mit 8-bit-inspirierter Grafik nicht genug: Sie entwickeln einfache Spiele für den Gameboy und verschenken sie als ROM-Dateien im Internet. Im Gegensatz zu modernen Konsolen von Nintendo oder Sony stellt der Gameboy den Hobby-Entwickler kaum vor hohe Hürden.

Man muss keine Hacks ausnutzen und keine Lizenzvereinbarungen verletzen, um einen eigenen Code auf dem Gameboy auszuführen. Allerdings gibt es auch keinen App-Store - wer die Spiele statt mit einem Emulator auf dem Original-Gameboy spielen will, braucht sogenannte Flash Carts. Solche beschreibbaren Spielmodule wie das Everdrive sind mit 70 bis 80 Dollar nicht billig - für das Doppelte gibt es schon eine moderne Konsole wie den Nintendos 3DS oder ein Android-Smartphone mit Spielen aus dem Google Play Store.

Gebrauchte Gameboys werden für 90 Euro verkauft

Natürlich gibt es für Gameboy-Spiele heute keinen Massenmarkt. An der Bastler-Szene verdienen höchstens die Verkäufer von Flash Carts oder Retro-Läden, die aufgemöbelte Gameboys für 90 Euro anbieten. Unter den Fans ist die Nachfrage groß.

Der Spiele-Entwickler Krystian Majewski hat vor drei Jahren acht Gameboys aus Ersatzteilen zusammengebaut und zum Laufen gebracht. Den Prozess dokumentierte er in seinem Blog - und sah sich irgendwann gezwungen, sein Posting um einen Hinweis in Großbuchstaben zu ergänzen: "Alle Gameboys aus diesem Posting sind längst verkauft. Ich habe keine mehr. Ich plane nicht, welche zu verkaufen. Ich werde deinen Gameboy nicht reparieren, selbst wenn du mich dafür bezahlst."

Der Gameboy ist also in Würde gealtert. Seine Erfinder aber stecken in der Krise: Für Nintendo ist der 25. Geburtstag der Konsole vor allem eine Erinnerung an gute, aber vergangene Zeiten.  (pl)


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