Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nokia-x-mit-android-im-test-windows-phone-in-schlecht-1404-105927.html    Veröffentlicht: 17.04.2014 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/105927

Nokia X mit Android im Test

Windows Phone in Schlecht

Nokia hat also doch noch ein Android-Smartphone auf den Markt gebracht: Das Nokia X hat eine stark angepasste Oberfläche, die an Windows Phone 8 erinnert, aber deutlich weniger gut läuft. Was genau Nokia mit dem X erreichen will, ist schwer auszumachen.

Mit dem Nokia X hat der finnische Hersteller auf dem Mobile World Congress 2014 doch noch ein eigenes Android-Smartphone vorgestellt. Das X richtet sich wie die anderen beiden Geräte der Reihe, das X+ und das XL, an Einsteiger - sowohl von der Ausstattung als auch vom Preis her. Nokia installiert auf dem X kein normales Android, sondern ähnlich wie Amazon auf seinen Kindle-Tablets eine stark angepasste Version.

Diese soll absichtlich ähnlich aussehen wie die Kacheloberfläche von Windows Phone: Anstelle der bei Android üblichen Startbildschirme werden beim X alle Apps als kleine Symbole auf einer Seite angezeigt. Diese können wie bei Windows Phone gruppiert werden. Auch die Größe und die Hintergrundfarben lassen sich ändern, die Größe allerdings nur in zwei Stufen. Um bei vielen installierten Apps den Überblick zu behalten, sollten sich Nutzer Ordner anlegen. Einzelne Apps sind auch über die Suche auffindbar, die sich am oberen Rand des Hauptbildschirms befindet und durch Ziehen nach unten aufgerufen wird.

Mit Windows Phone vergleichbare Live-Kacheln gibt es beim Nokia X nicht, dafür kann der Nutzer auch Android-Widgets einbinden. Diese wirken allerdings inmitten der Kacheln etwas deplatziert. Im Grunde ist die Kacheloberfläche des Nokia X nur eine billige Kopie des eigentlichen Kachel-Bildschirms von Windows Phone. Und dies ist nicht die einzige Stelle, an der Nokia versucht, Funktionen von Windows-Phone-Smartphones zu importieren - und dabei scheitert.

Schlecht umgesetzte Windows-Phone-Funktionen

Ein weiteres Beispiel ist Glance Screen. Bei den neueren Windows-Phone-Lumias kann der Nutzer, sofern das Gerät einen Helligkeitssensor hat, die Uhrzeit und Statusinformationen durch Darüberhalten der Hand abrufen. Hierfür muss das Smartphone also nicht aus dem Schlafzustand aufgeweckt werden. Beim Nokia X gibt es diese Funktion nur als zeitlich begrenzte Anzeige, nachdem das Gerät in den Standby-Modus versetzt wurde. Bewegt der Nutzer seine Hand über das Display, passiert gar nichts.

Auch das Aufwecken per Doppeltipp auf das Display hat Nokia beim X eingebaut, auch hier jedoch nur als schlecht gelungene Kopie der ursprünglich sehr gut arbeitenden Funktion. Um das X aufzuwecken, müssen wir fast schon brachial auf das Display-Glas klopfen. Offenbar funktioniert das Aufwecken beim X über den Bewegungssensor - wir können das Smartphone auch aufwecken, indem wir kräftig auf die Rückseite schlagen oder das Gerät auf einen Tisch klopfen. Selbst wenn das Nokia X auf dem Tisch liegt und wir eine Müslischüssel daneben abstellen, wird es aktiviert.

Veraltete Android-Version als Grundlage

Das von Nokia als "Nokia X Software Platform" bezeichnete Betriebssystem basiert auf der veralteten Android-Version 4.1.2. Das bedeutet, dass alle Bugfixes, Sicherheitsupdates und Optimierungen, die seitdem in Android eingebaut wurden, beim Nokia X fehlen.

Einen Zugang zum Play Store hat das Nokia X nicht, allerdings können Apps im APK-Format und alternative App-Shops wie der von Amazon installiert werden. Dies ist auch nötig, da der Nokia Store zahlreiche bekannte Apps noch nicht anbietet - beispielsweise Whatsapp oder Spotify. Googles Play Store kann nachinstalliert werden, hierfür muss das X allerdings erst gerootet und einige Dateien müssen manuell auf das Gerät übertragen werden.

Überblick mit Fastlane

Wischt der Nutzer vom Hauptbildschirm nach links oder rechts, ruft er die Fastlane auf. Dies ist eine Mischung aus Benachrichtigungscenter und einer Übersicht der zuletzt genutzten Apps. Die von Android gewohnte Übersicht der aktuell laufenden Programme gibt es auf dem Nokia X nicht: Unterhalb des Displays befindet sich nur eine Schaltfläche, die bei einmaligem Tippen als Zurück-Taste fungiert und bei langem Druck den Hauptbildschirm aufruft.

Wie beim normalen Android - und mittlerweile auch bei Windows Phone 8.1 - kann die Benachrichtigungszeile heruntergezogen werden. Hier findet der Nutzer App-Benachrichtigungen und eine Schnelleinstellungsleiste, mit der Funktionen wie WLAN oder Bluetooth schnell ein- und ausgeschaltet werden können. Die Schaltflächen lassen sich nicht konfigurieren, einen Regler für die Displayhelligkeit gibt es ebenfalls nicht.

Träges System

In der alltäglichen Nutzung macht uns das Nokia-Android wenig Spaß. Die Oberfläche reagiert nicht sonderlich flüssig auf unsere Eingaben: Ständig haben wir das Gefühl, ausgebremst zu werden. App-Starts dauern deutlich länger als bei anderen Android-Smartphones, die Tastatur ist klein und reagiert schlecht, Animationseffekte wirken ruckelig und der Fastlane-Aufruf klappt oft nicht beim ersten Mal. Diese Probleme dürften auch mit der älteren Android-Version zusammenhängen, weil der 512 MByte große Arbeitsspeicher nicht ausreicht. Inwieweit die Portierung selbst Ursache des Problems ist, bleibt Spekulation. LG hat allerdings mit dem L40 gerade gezeigt, dass auch Smartphones mit wenig Arbeitsspeicher nicht langsam und ruckelig sein müssen.

Schwache Benchmark-Ergebnisse

Im Benchmark-Test Geekbench 3 erreicht das Nokia X im Single-Test einen bescheidenen Wert von 248 Punkten, im Multi-Test kommt es auf 427 Zähler. Dies sind die niedrigsten Werte, die wir bisher in unserer Testtabelle verzeichnen. Das LG L40 schafft hier jeweils 322 und 601 Punkte. Zum Vergleich: Ein aktuelles Top-Gerät wie das Galaxy S5 von Samsung kommt auf 960 und 2.933 Punkte.

Lumia 520 als Vorbild

Von der Hardware her ist das Nokia X im Grunde fast ein Lumia 520 in einem neu designten Gehäuse, zuzüglich einer Dual-SIM-Funktion. Im Inneren arbeitet bei beiden Qualcomms Snapdragon-S4-Prozessor mit zwei Kernen und einer Taktrate von 1 GHz - beim Nokia X allerdings ein schwächerer S4 Play statt einem S4 Plus. Während das Lumia 520 zusammen mit den 512 MByte Arbeitsspeicher noch flüssig läuft, reicht die Ausstattung beim Nokia X nicht mehr dafür aus.

Das Display hat Nokia ebenfalls vom Lumia 520 übernommen - wie dort hat es eine Größe von 4 Zoll und eine Auflösung von 800 x 480 Pixeln. Die Farbwiedergabe ist recht kalt, dementsprechend wirken die Farben stellenweise etwas zu bläulich. Die Display-Abdeckung hat keine Anti-Schmutz-Schicht, so dass Fingerabdrücke geradezu magisch angezogen werden. Um sie wieder loszuwerden, müssen wir stellenweise kräftig schrubben.

Statt der 5-Megapixel-Kamera des Lumia 520 hat Nokia beim X eine 3-Megapixel-Kamera eingebaut - dementsprechend bescheiden sind die Ergebnisse. Mehr als Schnappschussqualität bietet die Fixfokus-Kamera nicht. Eine Frontkamera für Videotelefonie fehlt dem Gerät.

Zwei SIM-Karten parallel nutzbar

Praktisch ist hingegen die Möglichkeit, zwei SIM-Karten verwenden zu können. Etwas nervig ist aber, dass permanent der Status der beiden SIM-Steckplätze am oberen Rand des Displays angezeigt wird, auch wenn nur eine Karte eingelegt ist. Die Anzeige des zweiten Steckplatzes wird nicht ausgeblendet, sondern ständig als leer angezeigt - und nimmt dabei die Hälfte der Benachrichtigungsleiste ein.

Nokia gibt für den 1.500-mAh-Akku eine Standby-Zeit von 28 Tagen an, die maximale Sprechzeit soll im UMTS-Modus bei 10,5 Stunden liegen. Unseren Videotest konnten wir mit dem X nicht mit einem 1.080p-kodierten Film durchführen, da dieser zu stark ruckelte. Einen 720p-Film konnten wir 3,5 Stunden lang anschauen, ein durchschnittlicher Wert.

Verfügbarkeit und Fazit

Das Nokia X ist offiziell nicht in Deutschland erhältlich, einige Online-Händler haben das Gerät aber in ihr Sortiment aufgenommen. Momentan kostet es 120 Euro.

Fazit

Mit dem X hat sich Nokia keinen Gefallen getan: Zu schlecht reagiert die Oberfläche, zu gering ist die App-Auswahl im Nokia Store - was eine Enttäuschung ist, da es für Android an sich die wichtigsten Apps gibt. Für viele dürfte außerdem die Installation von Android-APKs oder gar das Rooten zu umständlich sein.

Wir fragen uns, was Nokia mit dem X überhaupt erreichen will. Das Gerät ist bis auf die Dual-SIM-Option und ein Detail beim Prozessor fast baugleich mit dem Einsteigermodell Lumia 520, das mit knapp über 100 Euro aktuell weniger kostet und auch auf den gleichen Märkten angeboten wird. Statt eines ruckelfreien Windows Phone 8 läuft auf dem X aber ein verschlimmbessertes Android, das versucht, wie Windows Phone auszusehen. Die dabei imitierten Funktionen und Designelemente sind aber allesamt nur schlechte Kopien und erreichen den ursprünglichen Funktionsumfang bei Weitem nicht.

Eine weitere Frage ist: Wer soll das Nokia X kaufen? Laut Nokia selbst ist das Smartphone ein "günstiger Einstieg in die Service-Welt von Microsoft", beispielsweise für Onedrive oder Skype. Warum hierfür allerdings ein schlecht reagierendes Android-Gerät nötig sein soll, erschließt sich uns keinesfalls: Angesichts günstigerer und besserer Lumia-Modelle ist das X ein durch und durch überflüssiges Gerät. Und wer es noch preiswerter haben möchte, kann zu Nokias Asha-Modellen greifen.

Auch mit Custom-ROMs ist das Smartphone aufgrund der schwachen Hardware eher uninteressant. Wer ein günstiges Android-Gerät haben möchte, wird mit dem Pseudo-Windows-Phone von Nokia aufgrund der starken Änderungen nicht glücklich werden. Wer Windows Phone gut findet, wird sich aufgrund der deutlich schlechteren Leistung fragen, warum er nicht gleich zu einem vergleichbar teuren Gerät mit Microsofts Betriebssystem gegriffen hat. Und wer einfach nur ein preiswertes Smartphone haben möchte, findet mit den günstigen Lumias oder auch günstigen Android-Einsteigermodellen anderer Hersteller bessere Alternativen.  (tk)


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