Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/nach-undercover-recherche-zalando-geht-juristisch-gegen-rtl-journalistin-vor-1404-105902.html    Veröffentlicht: 16.04.2014 10:53    Kurz-URL: https://glm.io/105902

Nach Undercover-Recherche

Zalando geht juristisch gegen RTL-Journalistin vor

Mit versteckten Kameraaufnahmen hat eine RTL-Reporterin Missstände in einem Logistiklager des Textilversands Zalando offengelegt. Die Recherche hat einen handfesten Streit zur Folge - und eine Anzeige durch den Online-Shop.

Druck von Vorgesetzten und gesundheitliche Ausbeutung bis an die Leistungsgrenze - was die 21-jährige RTL-Reporterin Caro Lobig im Logistiklager des Textilversands Zalando erlebt hat, erschüttert nicht nur Arbeitsrechtler. Für die Sendung Extra hat die Reporterin drei Monate undercover in einem Logistiklager des Textilunternehmens gearbeitet. Ihren Recherchen zufolge soll Zalando massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. Wegen der Methoden ihrer Recherche gibt es nun einen Rechtsstreit.

Als die Tarnung der Reporterin am 28. März aufgeflogen sei, sei es zu einem Polizeieinsatz gekommen, bestätigt Zalando. Noch am selben Tag habe man eine Anzeige eingereicht. Diese sei am 8. April eingegangen, bestätigt die Staatsanwaltschaft Erfurt Handelsblatt Online. Der Vorwurf: Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen. "Diese Anzeige halten wir aufrecht. Wir müssen verhindern, dass unsere Prozesse und Systeme, die wir zum Teil auch selbst entwickelt haben, irgendwo auf Film verfügbar sind", sagt Zalando-Sprecher Boris Radke.

Kündigungsschutzklage gegen Zalando

Im Gegenzug habe auch die Reporterin gemeinsam mit Verdi eine sogenannte Kündigungsschutzklage gegen das Unternehmen eingereicht. "Mitarbeiter, die Missstände öffentlich machen, können nicht mit fristloser Kündigung bestraft werden. Auch um dies zu dokumentieren, hat die Reporterin nach juristischer Beratung entsprechende Klage eingereicht", erklärte RTL-Sprecher Christian Körner Handelsblatt Online. Anzeigen wie die von Zalando seien nicht die Regel. Zudem gehe es RTL "aus Sicht unserer Redaktion um Arbeitsbedingungen und Verstöße gegen das Arbeitsrecht."

Finanzielle Entschädigung oder Wiedereinstellung seien nicht angestrebt. Der Sender lasse die Reporterin in der Auseinandersetzung nicht allein: "Die Reporterin wird selbstverständlich jede notwendige juristische Unterstützung erhalten", so Körner. Am vergangenen Donnerstag habe es ein erstes Treffen der Gewerkschaft Verdi mit Zalando in dieser Angelegenheit gegeben, heißt es derweil von Zalando.

'Sitzen ist generell unerwünscht'

Die juristische Auseinandersetzung wird von Zalando auch als Begründung genannt, warum man auf eine dreiseitige Fax-Anfrage der Reporterin vom 7. April nicht reagierte. "Da wir uns zum aktuellen Zeitpunkt in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit Frau Lobig befinden, haben wir uns entschieden, ihre Fragen nicht zu beantworten", heißt es in einer offiziellen Stellungnahme von Zalando.

Der Textilhändler kritisiert die Recherchepraxis des Senders. Bis zur Ausstrahlung des Berichts habe keine offizielle Anfrage der RTL-Extra-Redaktion vorgelegen. Das Unternehmen habe daher bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass es sich bei Frau Lobig um eine Reporterin im Auftrag von RTL gehandelt habe. Bei RTL heißt es dagegen, Zalando habe sich zu den Vorwürfen und Ereignissen trotz Nachfrage nicht geäußert.

Mitarbeiter würden überwacht und gemaßregelt

In ihrer Reportage hatte die Reporterin Lobig mit einer versteckten Kamera ihre Arbeit im Logistiklager gefilmt. Dabei hatte sie vor allem den Druck durch Vorgesetzte dokumentiert. So musste die Reporterin beim Einsammeln der Ware aus den Regalen des Logistikzentrums nach eigenen Angaben täglich rund 15 bis 20 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. "Sitzen ist generell unerwünscht", heißt es in dem Bericht weiter.

Nachdem sie einen Kreislaufkollaps erlitten habe, habe ihr Zalando statt medizinischer Versorgung eine Verzichtserklärung präsentiert - und damit gegen geltendes Arbeitsrecht verstoßen, berichtet sie weiter. Zudem seien Mitarbeiter durch ihre Vorgesetzen umfangreich überwacht und gemaßregelt worden. Das Unternehmen bestreitet die Vorwürfe.  (lb)


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