Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ubuntu-14-04-lts-im-test-canonical-in-der-konvergenz-falle-1404-105894.html    Veröffentlicht: 17.04.2014 17:52    Kurz-URL: https://glm.io/105894

Ubuntu 14.04 LTS im Test

Canonical in der Konvergenz-Falle

Ubuntu soll künftig auch auf Tablets und PCs laufen, weshalb die Entwicklung des Unity-Desktops derzeit offenbar feststeckt. Die wenigen neuen Funktionen könnten gut für die lange Support-Dauer sein, zeigen aber auch einige interne Probleme auf.

In Ubuntu 14.04 alias Trusty Tahr ist der neue Unity-Desktop, der auf Qt QML setzt und den Displayserver Mir nutzt, wieder nicht standardmäßig verfügbar. Das mag nachvollziehbar erscheinen, ist doch Trusty ein Long-Term-Support-Release, der fünf Jahre lang gepflegt wird und entsprechend nur getestete Software enthalten sollte. Doch die andauernde Verzögerung von Unity 8 und Mir scheint die Entwicklung des noch immer verwendeten Unity 7 zu verlangsamen. Denn der Desktop enthält nur wenige, längst überfällige und bereits von anderen Linux-Desktops bekannte Verbesserungen.

Altbekannte 'Neuerungen'

So wurde etwa das Ändern der Fenstergeometrie per Drag-and-Drop mit einer Echtzeit-Animation des Fensterinhalts versehen. Bisher zeigte Unity lediglich den mit einem orangefarbenen Schatten unterlegten Bereich an, der die Größenveränderung des Fensters schemenhaft darstellte.

Darüber hinaus werden die Fenster nun ohne Rand dargestellt. Dieser war in vorherigen Versionen immer als wenige Pixel breiter, grauer Balken um die Fenster gezeichnet. Ermöglicht wird das durch ein neues GTK+3-Theme, das allerdings das Verrücken der Fensterknöpfe verhindert. Eine Auswahl über die Darstellung des Fensterrandes besteht aber mit dem Standard-Theme nicht.

Weitere Detailverbesserungen

Zusätzlich zur Implementierung der Funktionen, die es etwa in KDEs Plasma-Arbeitsflächen seit längerer Zeit gibt, ist das Look-and-Feel von Unity weiter angepasst worden. So ist die Bildschirmsperre nun ähnlich gestaltet wie der Anmeldedialog von Lightdm.

Die Übersicht im Dash über die geöffneten Fenster zeigt nur noch Anwendungen mit einem aktiven Icon in der linken Leiste. Die dargestellten Fenster werden entsprechend ihres Titels alphabetisch sortiert und lassen sich nach Namen durchsuchen. Eine zwar versteckte, aber über den Compiz-Config-Settings-Manager (CCSM) erreichbare Einstellung ermöglicht es, Fenster durch einen Klick auf das Icon zu minimieren.

Gnome-Grundlage bereitet weiter Probleme

Für die Entscheidung, die Menüs der Fenster nur noch in der oberen Leiste anzuzeigen, bekam das Designteam von Unity harsche Kritik, die sich mittlerweile aber größtenteils gelegt hat. Deshalb erscheint es ein wenig überraschend, dass die Menüs nun auch wieder in der Anwendung selbst angezeigt werden können.

Die von Unity verwendeten Programme basieren weiterhin auf Gnome. Doch das Team hat sich dagegen entschieden, die neuen zusammengefassten Menüs im Stil der Gnome-Shell zu einzusetzen. Stattdessen werden weiter die bekannten Dialoge genutzt.

Forks zur Arbeitserleichterung

Angesichts grundlegender Techniken aus Gnome 3 erscheint die Positionierung der Fenstermenüs als vernachlässigbares Detail. Denn das Unity-Team muss für viele Hintergrunddienste aus Gnome eigene Patches pflegen, um diese in den Ubuntu-Desktop zu integrieren.

Deshalb hat sich das Team entschieden, künftig das Control-Center und den Settings-Daemon zu forken und somit unter eigener Regie weiterzuentwickeln. Das soll den Pflegeaufwand für das Ubuntu-Team deutlich reduzieren. Dabei konzentrieren sich die Beteiligten aber hauptsächlich auf Stabilität und Sicherheit, größere Neuerungen sollten nicht hinzukommen. Von dem Fork profitiert aber auch Ubuntu Gnome, das nun einfacher neue Versionen der Gnome-Shell bereitstellen kann.

Langer Weg zu Unity 8

Ändern wird sich diese Vorgehensweise wohl aber erst mit Erscheinen des konvergenten Desktops Unity 8. Dieser ist komplett in QML geschrieben und soll sich an verschiedene Formate, also Smartphone, Tablet und Desktop anpassen können. Zudem wird das neue Unity statt des Displayservers Wayland die Eigenentwicklung Mir benutzen.

Doch die Auslieferung verzögert sich immer weiter. Es war im vergangenen Jahr sogar vorgesehen, die neue Oberfläche mit Trusty Tahr bereitzustellen. Doch inzwischen glaubt selbst der Canonical-Gründer und Chef-Vordenker des Unternehmens, Mark Shuttleworth, nicht mehr an eine schnelle Umsetzung. So formulierte er vorsichtig in einer Keynote-Ansprache zum Developer-Summit, die erste stabile Version auf dem Desktop werde möglicherweise erst in zwei Jahren mit Ubuntu 16.04 LTS veröffentlicht.

Für Ungeduldige und Interessierte steht aber ein Paket bereit, das es ermöglicht, Unity 8 unter Mir oder X11 auch mit Trusty zu benutzen. Diese sind aber als sehr experimentell zu betrachten und haben derzeit auch keine ausgereifte Desktop-Shell, sondern lediglich eine hochskalierte Version der Tablet-Oberfläche.

Für Anwendungen, die in Qt geschrieben sind, gibt es nun eine Ubuntu-eigene Bibliothek, um Webinhalte anzuzeigen. Oxide, so der Name, ist eine Reaktion auf die Ankündigung der Qt-Entwickler, künftig statt Webkit die Rendering Engine Blink von Chromium zu verwenden. Letzteres ermöglicht Oxide ebenfalls, nur erhoffen sich die Ubuntu-Entwickler von ihrem Alleingang, dass der Code besser gepflegt werden kann.

Andere Desktops und Apps

Als Alternative zu Unity stehen Ubuntu-Nutzern wie gewohnt auch eine Vielzahl anderer Desktop-Umgebungen zur Verfügung. So liefert Kubuntu KDE SC 4.13 mit, das ebenfalls heute erscheint. Neben den darin standardmäßig enthaltenen Anwendungen und den bereits länger gepflegten Plasma-Arbeitsflächen bietet Kubuntu zusätzliche Neuerungen.

So kann etwa das neue Network-Management-Plasmoid verwendet werden. Nach der ersten Neuimplementierung hat das KDE-Team das kleine Applet einem mehrstufigen Design-Prozess unterzogen, der die Fähigkeiten des Network-Managers einfacher zur Verfügung stellen soll.

Darüber hinaus werden Abstürze - falls gewünscht - auch automatisch an den Bugtracker des Projektes versendet. Das von Ubuntu bekannte Tool zur automatischen Installation proprietärer Treiber wurde verbessert, ebenso der Appstore Muon Discover. Für Qt- und KDE-Hacker gibt es nun außerdem das KDE-SDK-Paket.

Weitere Oberflächen

Obwohl Unity weiterhin einige Bibliotheken von Gnome sehr stark verändert, existiert seit einem Jahr ein Ubuntu-Ableger mit der Gnome-Shell. Nach anfänglichen Problemen ist es dem Team unter anderem wegen der Unity-Forks gelungen, das vergleichsweise aktuelle Gnome 3.10 bereitzustellen. Anwender, die eine weniger leistungshungrige Oberfläche benötigen, können auf XFCE und LXDE ausweichen.

Nützliches aus Debian

Ubuntu überführt nach wie vor sehr viele Pakete aus Debian Sid oder dem aktuellen Debian-Testing-Zweig in die eigenen Paketquellen. In Trusty ist deshalb auch das Pepper-Flash-Plugin in dem freien Chromium verwendbar. Das dazugehörige Paket ist aber nicht viel mehr als eine Sammlung von Skripten, denn zur Benutzung muss der proprietäre Chrome-Browser ebenfalls heruntergeladen werden.

Fortgeschrittene Nutzer, die den Umgang mit der Kommandozeile gewohnt sind, werden sich über die neue Version der Paketverwaltung Apt freuen. Denn mit dem vor kurzem veröffentlichten Apt 1.0 ist die Aufteilung in verschiedene Befehle obsolet. Jetzt reicht allein der Befehl Apt, der mit Optionen aufgerufen werden kann und damit wie Paketverwaltungen wie Yum oder Zypper funktioniert.

Unterbau und Fazit

Die Grundlage für Ubuntu 14.04 bildet ein auf Linux 3.13.6 basierender Kernel. Dieser enthält erstmals den Paketfilter Nftabels und die obligatorischen Verbesserungen an den freien Grafiktreibern. Diese sollen vor allem bei einigen AMD-Karten die Leistung von 3D-Spielen deutlich steigern. Nutzer von Intels Bay-Trail-Chips sollten für eine gute Grafikunterstützung auf das Mainline-PPA mit aktuellem Kernel und dem neuen Treiber-Stack DRM-Next ausweichen. Aktuelle X-Server mit Userspace-Treibern stehen wie immer über das X.org-Edgers bereit.

Laptop-Nutzer, deren Geräte Nvidias Optimus Technologie unterstützen, können mit Nvidia-Prime 0.5 ein besseres Zusammenspiel der beiden Grafikchips erwarten. So soll eine kaputte X.org-Konfigurationsdatei nun automatisch wiederhergestellt werden und Fehler mit der Firmware sollen verhindert werden.

Fazit

Die Entwicklung des Ubuntu-Desktop wird spürbar langsamer, was uns beim Test der letzten Version vor einem halben Jahr deutlich auffiel. Da das Betriebssystem fünf Jahre lang gepflegt werden soll, ergibt es Sinn, dass Canonical nur wenige Neuerungen in den Desktop integriert, um den Support-Aufwand gering zu halten.

Doch dieses Vorgehen scheint nicht geplant, sondern eine Folge der derzeit sehr verzögerten Entwicklung des neuen Unity 8 und des Displayservers Mir zu sein. Zwar benötigt eine komplett neue Implementierung eines Desktops sehr viel Zeit, doch mit dem Abwenden von einem Großteil der Community und den vielen Alleingängen steht sich Canonical womöglich selbst im Weg.

So schätzt etwa Entwickler Sebastian Kügler,, dass die neue Ubuntu-QML-Oberfläche etwa auf dem Stand der KDE-Technologie von vor zweieinhalb Jahren sei, und fragt sich, was wohl geschehen wäre, wenn Canonical sich zu einer Zusammenarbeit mit KDE entschlossen hätte. Diese Frage lässt sich auch in Bezug auf den Abschied von X11 stellen, immerhin veröffentlichte Jolla bereits im Dezember ein Smartphone mit QML-Oberfläche und dem Displayserver Wayland.

Doch das ist alles größtenteils Spekulation. Mit Ubuntu 14.04 liefern Canonical und die Community eine stabile Distribution ab, die alle notwendigen Paket-Updates bereitstellt.  (sg)


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