Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-lego-der-hobbit-i-am-king-under-the-mountain-1404-105828.html    Veröffentlicht: 13.04.2014 12:28    Kurz-URL: https://glm.io/105828

Test Lego Der Hobbit

I am King under the Mountain

Erst kullern die Klötzchen, dann die Lachtränen: Traveller's Tales' chaotische Mischung aus Jump 'n' Run und Action-Adventure ist urkomisch, atmosphärisch dicht und oft mehr Film als Spiel. König unter dem Berg ist nicht Smaug, sondern Slapstick.

"I'm going on an adventure", ruft Bilbo Beutlin, während er aus der runden Tür und auf eine Karotte tritt, worauf er zu Gandalfs Füßen landet. In Peter Jacksons Verfilmung Der Hobbit rennt Schauspieler Martin Freeman zu diesem Ausspruch einfach nur durchs Auenland. Entwickler Traveller's Tales erzählt die Geschichte keineswegs falsch, im Gegenteil: Das britische Studio interpretiert die Filmszenen sowie Originalzitate schlicht ein klein wenig anders.

Untermalt von Howard Shores Oscar-prämierter Filmmusik beginnt die unerwartete Reise von Bilbo Beutlin schon im Hauptmenü: Der Hobbit sitzt in seinem liebevoll nachgebauten Lego-Arbeitszimmer und berichtet Frodo über sein wohl größtes Abenteuer. Alleine die Geschichte der Zwerge, die den Berg Erebor und den Arkenstein zurückerobern möchten, beschäftigt gute zehn Stunden - mit allen Nebenaufgaben locker dreimal so lange.

Optisch wie akustisch nah am Film

Lego Der Hobbit umfasst derzeit nur die beiden ersten Filme, das Spiel zum dritten soll als - hoffentlich kostenloser - DLC nachgeliefert werden. Jegliche Stationen der Reise hat Traveller's Tales charmant in Klötzchengrafik nachgebaut: Das quiekfidele Auenland, das Tänzelnde Pony in Bree, die düstere Trollhöhle, die Elbenzuflucht Bruchtal, das Nebelgebirge, die Goblinstadt, den Düsterwald mit seinen Spinnen und Elben, die finsteren Tiefen von Dol Guldur, Seestadt und schließlich das Königreich unter dem Berg.

Dort herrscht der Drache Smaug mit seinem tiefen Bass, im Original wunderbar gesprochen von Benedict "Sherlock" Cumberbatch. Auch die restlichen Figuren haben die Entwickler im Englischen wie im Deutschen mit den jeweiligen Schauspielern vertont: Zwerg Balin (Ken Stott) fasst zusammen, wie sein Volk von Smaug vertrieben und Thorin Eichenschilds Großvater im Kampf mit den Ork Azog (Manu "Crixus" Bennett) getötet wird, Saruman (Christopher Lee) gibt Tipps auf der Weltkarte und zwischen den Missionen einen Überblick.

Ob der Zauberer von den Geschehnissen in Der Hobbit wusste, ist zwar fraglich, für die Atmosphäre ist dies aber unbestreitbar ein dicker Pluspunkt.

Apropos dick: In Lego Der Hobbit haben alle Charaktere ihre Eigenarten und damit spielerische Vorteile. Bombur beispielsweise isst nicht nur ähnlich wie Rusty in Ocean's Eleven in jeder Szene etwas oder streitet sich in einem an Ice Age angelehnten Running Gag mit einem Vogel um seine Wurst, sondern dient auch als Trampolin.

Das Spiel führt in Stückchen gehauene Lego-Objekte als Ressource ein, ein paar Fische später bettet sich der sichtlich aufgeblähte Bombur zum Nickerchen und die anderen hüpfen auf seinen Bauch.



Mal chaotisch, mal nervig

Welcher der 13 Zwerge ihm auf den Wanst steigen soll, ist allerdings nicht immer ersichtlich - vielleicht der mit der Steinschleuder, der mit dem Bogen oder der mit dem Enterhaken an der Kette? Oder doch Dwalin mit seinem Hammer, bei dem wir wenigstens wissen, wie er aussieht? Stehen alle Figuren auf einem Haufen, ploppt meist die Y-Taste über der aktiven auf und ein Mitstreiter beginnt zu hüpfen - dann ist die Sache klar.

Verteilt sich die Gruppe aber über ein größeres Areal, so hilft das zusätzliche Kreismenü nur wenig. Klar, nach einigen Stunden finden wir den richtigen Zwerg, Hobbit oder Zauberer für den Job. Da die Sortierung sich aber ständig ändert (neuer Schauplatz - andere Charaktere), nimmt der Figurenwechsel jedoch leider oft unnötig Tempo aus dem Spiel.

Das gilt auch für die Lego-Bauszenen: Während vielerorts die in Klötzchen zerhauenen Objekte herumzappeln und sich per simplem Knopfdruck zusammensetzen, sind andernorts Ressourcen notwendig. Haben wir nicht genug, reicht es, in der Umgebung ein paar Büsche oder Steine zu zerlegen. In den Bausequenzen suchen wir unter Zeitdruck Steinchen heraus - das sieht zwar schick aus, nervt jedoch ein wenig.

Ein klein wenig Frust hat sich bei uns auch bei den zahlreichen Nebenmissionen eingestellt: Einmal absolviert, dürfen alle Charaktere diese Spielabschnitte und die Welt darum bereisen. Auf der Suche nach gut versteckten Bauplänen für Mithril-Gegenstände, die beim Schmied aus Ressourcen gehämmert werden, besuchten wir eine Vielzahl von Gebieten und Höhlen.

Wer nur während der Hauptquest dort hineinmarschiert, kann viele Rätsel mangels verfügbaren Figuren nicht lösen. In einem Fall mussten wir den letzten Speicherpunkt neu laden, da wir in einer Mine festsaßen. Die Lösung: Die passende Nebenmission annehmen, erst dann ist der Abschnitt zu meistern.

Was hingegen immer klappt, ist das Kumpel-Feature: Zwei Zwerge haken sich ein oder einer steigt auf die Schultern des anderen, dann stehen dick gepanzerte Trolle bald in rosa Unterhose da und dicke Wände bersten.



Lustig und hübsch, Fazit

Noch launiger sind die sehr häufigen Zwischensequenzen: Da hüpfen die Elfen wie die Gummibärenbande mit Pirouetten und Salti herum und wenn Tauriel den Zwerg Kili verliebt anschmachtet, steigen Legoherzchen auf - Fili wendet sich mit einem Facepalm ab. Während die Zwerge in den Fässern den Fluss hinabtreiben, versucht Bombur Fische zu fangen und wird von einem Hai verschluckt.

Die durch Thorin abgeschlagene Hand von Azog führt ein sehr spezielles Eigenleben und rettet sich nur knapp davor, als Wargfutter zu enden. Der Oberork macht aus der Not eine Tugend, steckt sich eine Bratpfanne an den Armstumpf, setzt die Kochmütze auf und bewirtet seine Kumpane am nächtlichen Lagerfeuer.

Gandalfs Zauberstab geht gelegentlich der Akku leer, nach ein bisschen Schütteln strahlt er aber wieder. Das ist wichtig, denn in der Dunkelheit haben die Zwerge panische Angst und rennen dicht gedrängt und schreiend zurück ins Licht - herrlich! Besonders kurios mutet Thranduil an: Der eitle Elbenkönig bewundert sich ständig in einem Handspiegel und wenn er aufsteht, setzt sich ein Elch auf seinen Thron.

Die Beleuchtung ist wichtiger Bestandteil der schicken Grafik, die Traveller's Tales mit einem Deferred Renderer unter Direct3D 9 umgesetzt hat. Daher gibt es leider nur eine Postprocessing-Kantenglättung, die zudem in den oft mit Tiefenunschärfe versehenen, weiter entfernten Bereichen versagt.

Dafür stellte die 4K-Auflösung von 3.820 x 2.160 Pixeln weder für Lego Der Hobbit noch für unsere Radeon R9 290X ein Problem dar. In 720p läuft das Spiel auch auf Ultrabooks rund, wir empfehlen trotz der frei konfigurierbaren Tastatursteuerung ein Gamepad (der Xbox-360-Controller wird anstandslos unterstützt).

Lego Der Hobbit ist seit dem 11. April 2014 für alle Last- und Current-Gen-Konsolen erhältlich. Neben der von uns getesteten PC-Version (bei Steam gekauft) gibt es zudem Umsetzungen für den Nintendo 3DS und die Playstation Vita. Je nach Plattform kostet der Titel 25 bis 50 Euro.

Fazit

"I am fire, I am death", knurrt Smaug, während er kurz vor dem Abspann auf Seestadt zufliegt und Bilbo fragt: "What have we done?" Nun, der britische Entwickler Traveller's Tales hat ein sehr unterhaltsames Spiel programmiert, das gut aussieht und klingt und mit seiner dichten Filmatmosphäre punktet. Die leicht chaotischen Kloppereien zwischen den häufigen Sequenzen sind seicht, die Bauszenen nerven gelegentlich.

Schon die Hauptgeschichte fesselt viele Stunden, die Nebenaufgaben in Mittelerde machen Der Hobbit noch dazu so umfangreich wie Zwerg Bomburs Bauch nach einer anständigen Mahlzeit. Der eigentliche König unter dem Berg aber ist der tolle Slapstick-Humor des Spiels, der sich an Erwachsene richtet. Und die sind ja auch nur große Kinder.  (ms)


Verwandte Artikel:
Der Hobbit: Bilbo Beutlin kämpft in Lego-Mittelerde   
(25.11.2013, https://glm.io/102949 )
Der Herr der Ringe: Mittelerde-TV-Serie von Amazon spielt vor Die Gefährten   
(14.11.2017, https://glm.io/131138 )
Fantasy-Serie: Verfilmt Amazon den Herrn der Ringe?   
(04.11.2017, https://glm.io/130973 )
Jugendschutz: Lootboxen gelten bisher nicht als Glücksspiel   
(16.10.2017, https://glm.io/130632 )
Lego Marvel Super Heroes 2: Zeitreisen mit Superhelden   
(15.05.2017, https://glm.io/127831 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/