Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/human-robots-roboter-menschengleich-1403-105333.html    Veröffentlicht: 28.03.2014 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/105333

Human Robots

Roboter, menschengleich

Wie menschlich muss ein Roboter sein, damit er ein guter Partner ist? Hiroshi Ishiguro glaubt, er müsse so menschenähnlich wie möglich sein. Nicht alle sehen das so. Von Felix Lill

Wird Hiroshi Ishiguro nach Menschlichkeit gefragt, denkt er schnell an Maschinen. "So läuft ja mein Alltag ab", sagt er wie auf Knopfdruck. Der berühmte Ingenieur, der vor acht Jahren durch eine Roboterkopie von sich selbst weltberühmt wurde, sitzt in seinem Labor in Kyoto, der alten japanischen Kaiserstadt. Neben ihm ruhen zwei andere seiner Schöpfungen, die Roboterpuppen Hugvie und Telenoid. Seinen Gedanken führt der Japaner ohne Nachfrage aus: "Es geht doch vor allem darum, das zu erkennen, was uns Menschen ausmacht. Oder etwa nicht? Und das wollen wir dann nachbauen, die Natur nachbilden." So richtig menschlich wirken die beiden Puppen neben ihm nicht. Aber Ishiguro hält sie für gelungen, gute Dienstleister seien das. Er muss erklären.

"Damit ein Mensch einen Roboter als humanoid wahrnimmt, muss der Roboter mindestens zwei menschliche Eigenschaften haben." Eine passende Körperform oder das Aussehen allein reichten nicht. Komme aber eine menschliche Stimme oder ein Geruch dazu oder fühle sich der Roboter irgendwie menschlich an, dann werde die Assoziation hergestellt. Ishiguros Hugvie, eine nur grob menschenförmige Puppe, in deren Kopf ein Handy eingesetzt werden kann, um den Nutzer während des Telefonierens eine körperliche Nähe spüren zu lassen, ist also noch nicht humanoid.

Umarmung per Tastendruck

Der Telenoid daneben aber schon: Er ist die fortgeschrittene Form des Hugvie und besteht aus einem menschenartigen Torso mit Kopf samt Gesicht, Kamera und Lautsprechern, in dessen Körper sich reichlich Elektronik abspielt. Durch sein Gesicht hat der Telenoid nicht nur eine dem Menschen ähnlichere Form als Hugvie, sondern durch seine Fähigkeit, Stimmen zu übertragen, auch noch eine weitere menschliche Eigenschaft. Derjenige, der durch den Telenoid mit einer anderen Person kommuniziert, kann per Tastendruck am Computer auch eine Umarmung veranlassen.

"Das ist doch schon irgendwie menschlich, oder?", fragt Ishiguro wieder, ohne eine Antwort zu erwarten. Andere würden meinen, so viel Menschenähnlichkeit könnte unheimlich werden. Dieses Prinzip des Unheimlichen hat einst Sigmund Freud erkannt: Bei allem, was irgendwie menschlich, aber gleichzeitig unvertraut daherkommt, bekommen viele Personen ein unangenehmes Gefühl. Was sie wahrnehmen, stößt sie ab.

Der japanische Robotiker Masahiro Mori beschrieb dies vor gut 40 Jahren als Phänomen des Uncanny Valley: Ist eine Kreatur noch kaum menschenähnlich, wird sie von Menschen umso mehr akzeptiert, je menschenähnlicher sie wird. Bis bei weiteren artifiziell menschlichen Eigenschaften schließlich eine steile Talfahrt in der Akzeptanz folgt. Plötzlich wirkt das Wesen bei zunehmender Menschlichkeit unheimlich, weil es nicht völlig unmenschlich ist, aber irgendwie auch noch nicht menschlich. Erst später, bei einer sehr starken Ähnlichkeit, soll die Akzeptanz nach Moris These wieder zunehmen.

Das Problem des Unheimlichen hinter sich lassen

Das Uncanny Valley ist das zentrale Problem bei den Arbeiten von Hiroshi Ishiguro. "Ich glaube, dass wir den Menschen prinzipiell perfekt nachbauen können", sagt er, ohne eine Miene zu verziehen. Mit seinem Geminoid, seiner Selbstkopie, glaubt er, dem Original schon sehr nahe zu sein. Auf den ersten Blick ist in der Tat kaum zu erkennen, dass es sich bei dem Roboter, der auch sprechen, nicht aber laufen, riechen oder schmecken kann, nicht um einen Menschen handelt. Die neueste Version seines Alter Ego hat er erst vor wenigen Wochen fertiggestellt. "Er ist wirklich gut geworden, besser als alle Versionen vorher." Ishiguro sagt das mit Stolz, nicht so hektisch wie sonst.

Er stellt sich an ein Whiteboard, nimmt einen Stift in die Hand und malt zwischen Asymptote und Abszisse den Graphen mit dem Uncanny Valley auf. Ein blaues Kreuz setzt er weit rechts oben auf der Kurve, deutlich jenseits des Tals. "Ich glaube, da sind wir im Moment." Seine Einschätzung ist klar: Das Problem des Unheimlichen habe er mit dem neuesten Geminoid hinter sich gelassen. Je menschenähnlicher er ab jetzt noch werde, desto eher werde er von Menschen auch so wahrgenommen. "Das war schon bei einigen vorigen Versionen so. Aber die Akzeptanz ist eine individuelle Sache. Bei einigen Leuten liegt der Punkt auf dem Graphen auch weiter links unten."

Der Roboter soll zum Partner werden

Aber wie hilfreich ist es, wenn ein Roboter dem Menschen zum Verwechseln ähnlich ist? Wird er dadurch auch ein besserer Helfer des Menschen? Ishiguro glaubt daran. "Das sieht man beim Telenoid. Sein Gesicht ist nicht so wichtig, weil man ihn beim Telefonieren im Arm hat und den Kopf nur spürt, aber nicht sieht. Aber es ist wichtig, dass die Stimme des Gegenübers, das durch den Telenoid spricht, echt ist. Und dass sich die Umarmungen echt anfühlen. Das merken wir in Experimenten immer wieder."

Auch der Geminoid, seine menschenähnlichste Entwicklung, soll in der Zukunft von einem Forschungsobjekt zu einem Partner des Menschen werden. "Wir wollen ihn als Krankenpfleger und Ähnliches einsetzen. Je menschlicher er aussieht, desto besser. Bei älteren Menschen kommt hinzu, dass die Augen bei hoher Ähnlichkeit gar nicht mehr zwischen Mensch und Roboter unterscheiden können."

Unrealistische Ansprüche an Roboter

Aber ob eine allzu starke Ähnlichkeit bei Hilfsrobotern wirklich hilft, ist umstritten. Ayse Saygin, Professorin für kognitive Wissenschaften an der University of California in San Diego, glaubt, dass durch Filme wie Terminator und Robocop zu unrealistische Ansprüche an Roboter entstanden sind, als dass sie jemals jemand für annähernd vollwertig menschlich halten könnte. Würden etwa Bewegungsabläufe einer Maschine als besonders menschenähnlich entwickelt, erhöhe dies die Erwartungen der menschlichen Beobachter gleich mit.

Eine Spirale, die nicht durchbrochen werden könne. Karl MacDorman, Informatiker an der Indiana University, sieht das ähnlich. Er hält neben der kulturellen auch die biologische Evolution für entscheidend. Durch ihre Auslese bei Sexualpartnern seien Menschen so etwas wie Experten in der Beurteilung von Haut, Stimme, Geruch und anderen Merkmalen geworden. Alles Künstliche werde daher schon im Unbewussten abgelehnt.

Das Problem des Uncanny Valley könne also dann vermieden werden, glauben daher einige Forscher, wenn ein Roboter gar kein menschenähnliches Erscheinungsbild habe. Hiroshi Ishiguro will das Gegenteil beweisen. Irgendwann, sagt er, könne sein Geminoid auch ein Liebespartner von Menschen werden. "Das ist mein großes Ziel. Wahrscheinlich sind wir noch weit davon entfernt." Aber dann, meint er, und schaut wieder auf den Graphen mit dem Uncanny valley, "wäre ein Roboter doch wirklich der ultimative Helfer."  (fli)


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