Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ueberwachung-wlan-signale-verraten-was-menschen-tun-1403-105189.html    Veröffentlicht: 17.03.2014 14:31    Kurz-URL: https://glm.io/105189

Überwachung

WLAN-Signale verraten, was Menschen tun

Ein deutscher Forscher erkennt an Veränderungen von Radio- und WLAN-Signalen, was ein Mensch tut. Das schone die Privatsphäre mehr als jede Kameraüberwachung, sagt er.

Shuyu Shi geht einen Gang entlang, links und rechts sind Poster an die Wände geklebt. Wenn sie sich für eines davon interessiert, schaut sie genauer hin. Bei einem Poster mit gelben und roten Diagrammen bleibt sie kurz stehen, dann geht sie weiter. Nichts Besonderes, so scheint es. Aber Shi wird beobachtet. An einem Computer in der Nähe sitzt Stephan Sigg und analysiert Kurven. Er schaut sich Radiowellen an und wie sie sich verändern, wenn seine Kollegin Shuyu Shi den Gang entlangspaziert. "Die Daten gehen wirklich gut", sagt er. Sigg erkennt, was Shuyu Shi tut, auch ohne sie zu sehen.

Elektromagnetische Wellen sind praktisch überall zu finden, vor allem Radiosignale. Ähnlich sieht es bei UMTS-Wellen und anderen Signalen aus Mobilfunknetzen aus. Und wo eine Drahtlosverbindung zum Internet besteht, gibt es WLAN-Signale. Sie alle taugen zu mehr als bloßem Radiohören, Telefonieren oder Surfen im Netz. "Da die Wellen ohnehin durch die Luft strömen, können wir sie uns auch für andere Dinge zunutze machen", sagt Sigg. Für die Beobachtung von Menschen zum Beispiel.

Das Prinzip: Ruft jemand über sein Handy eine Website auf, werden die Daten zum Beispiel über WLAN transportiert. Musik oder Verkehrsansagen aus dem Radio erzeugen ebenfalls elektromagnetische Wellen. Je nachdem, ob sich Shi schneller bewegt, stehen bleibt oder sich dreht, werden diese Wellen im Raum schwächer, reflektiert oder gebrochen. "Das gibt uns eine Menge Information", sagt Sigg. Der Informatiker hat am Tokioter National Institute of Informatics mit seiner Arbeit angefangen und setzt sie jetzt an der Universität Göttingen fort.

Wenn Shuyu Shi im Gang stehenbleibt, kann Sigg davon ausgehen, dass dort gerade etwas ihre Aufmerksamkeit erregt. Geht sie schneller, gibt es in ihrer Umgebung offenbar nichts, was sie interessiert. Alles, was es braucht, um das zu erkennen, sind ein einfaches Empfängergerät und eben elektromagnetische Wellen, deren Veränderungen auf eine bestimmte Aktivität schließen lassen.

Neuer Ansatz fürs Smart Home

Praktische Anwendungen solcher Messungen sind zum Beispiel im Haushalt denkbar: Türen öffnen sich, wenn eine Person schnell durch den Raum geht. Die Heizung wird wärmer, wenn jemand ein Zimmer betritt. Bei bestimmten Bewegungen schaltet sich die Leselampe ein.

Auch Einbrecher können erkannt werden, wenn die Bewohner eines Hauses festlegen, dass zu einer bestimmten Uhrzeit eigentlich niemand zu Hause sein dürfte. Und wenn pflegebedürftige Menschen stürzen, könnte der Rettungsdienst automatisch alarmiert werden.

Vieles davon ist längst auch auf andere Weise möglich. Stephan Sigg sieht dennoch Vorteile seiner Methode: "Erstens braucht bei unserer Analyse elektromagnetischer Wellen niemand einen Empfänger mit sich herumzutragen. Wir brauchen also keine Smartphones dafür. Es reicht, wenn ein Empfänger fest im beobachteten Raum installiert ist. Und zweitens verletzen wir nicht die Privatsphäre im engeren Sinn."

Besser, als jeden Menschen mit einem eigenen Sensor auszustatten

Denn das, was jemand durch die Analyse der Wellen erfahren könne, unterscheide sich vom Ausspähen von E-Mails oder von einer Kameraüberwachung, sagt Sigg. "Im Pflegebereich ist das doch ganz offensichtlich eine gute Sache: Helfer werden im Notfall durch die Analyse der Bewegungsprofile sofort benachrichtigt. Aber sie erfahren nicht, was die analysierte Person zuvor getan hat."

Die Beobachtung ist zudem raumspezifisch, nicht personenbezogen. In einem Zimmer, das von mehreren Menschen genutzt wird, sehen sie alle für die Beobachter gleich aus. Das ist privatsphäreschonender, als wenn jeder im Raum mit einem eigenen Sensor ausgerüstet wäre.

Zwar könnten sich theoretisch auch Detektive oder Spione die elektromagnetischen Wellen zunutze machen. "Aber immer, wenn wir eine neue Umgebung analysieren wollen, müssen wir zuerst den Empfänger kalibrieren", sagt Sigg. "Wir müssen der Software dann aufs Neue vorführen, wie sich das Gehen, Stehenbleiben oder Ähnliches auf die elektromagnetischen Wellen auswirkt."

Abgesehen davon funktioniert die Technik noch nicht perfekt. "In 90 Prozent der Fälle liegen wir bei der Deutung unserer Beobachtungen von einfachen Aktivitäten richtig", sagt Sigg. Im Laufe der Zeit will er diesen Wert verbessern. Die Arbeit daran hat auch schon begonnen. In Zusammenarbeit mit der ETH Zürich hat Sigg mittlerweile herausgefunden, wie sich sogar einzelne Gesten durch Radiowellen interpretieren lassen.  (fli)


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