Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/google-glass-wearables-sind-die-loesung-nur-fuer-welches-problem-1403-105053.html    Veröffentlicht: 11.03.2014 11:52    Kurz-URL: https://glm.io/105053

Google Glass

Wearables sind die Lösung, nur für welches Problem?

Google Glass ist auf dem Technikfest SXSW in Austin kein Hingucker mehr. Jetzt dreht sich alles um die Frage: Was fangen wir eigentlich mit Wearables an?

2013 war sie noch das große Gesprächsthema - dieses Jahr sieht man sie auf den Nasen unzähliger Besucher in Austin. Zumindest auf dem Branchentreff South by Southwest hat sich die Google Glass bereits durchgesetzt. Zwar findet sich im Programm noch ein Treffen der Glassholes - eine Anspielung auf die Irritationen und Ablehnungen, zu denen die Google-Brille außerhalb der Tech-Gemeinde immer wieder führt. In den Messehallen in Austin aber haben sich die Besucher an den Anblick längst gewöhnt.

Tragbare Technik wie Google Glass ist derzeit das dominierende Thema der Branche. Rund 20 Veranstaltungen rund um die Wearables stehen auf dem Plan. Dass der Markt immer mehr an Bedeutung gewinnt, darin sind sich die meisten Besucher und Experten einig. Bis 2018 wird die Branche rund zwölf Milliarden US-Dollar umsetzen, 60 Prozent davon im Bereich Fitness und Gesundheit. Die Firmen selbst legen den Begriff weit aus. Auf dem SXSW finden sich Handtaschen und Kleider, die das Smartphone aufladen können, Armbänder, die ihren Besitzer am Herzschlag erkennen, und Broschen, die in regelmäßigen Abständen Fotos schießen.

Es ist schwer, in der Masse der Besucher und mehr als 500 jungen Firmen nicht unterzugehen. Eine Chance bietet der SXSW Accelerator - ein Pitch-Wettbewerb, bei dem die jungen CEOs ihre Ideen vor Medien, Publikum und - vor allem - Geldgebern verteidigen müssen. Hier wurde schon Siri entdeckt, die Spracherkennung, die später ihren Weg ins iPhone fand. Der Trend ist auch hier klar: Keine Pitch-Veranstaltung zieht in diesem Jahr mehr Zuschauer an als die Kategorie der tragbaren Technik.

Am Ende überzeugt die kalifornische Firma Skully die Jury. Das Startup aus Redwood City setzt auf Motorradhelme, die dank Augmented Reality Informationen wie Wetter und Navigationshilfen ins Sichtfeld einblenden. Auch den Blick nach hinten soll man sich so künftig sparen können. "Wir möchten uns dafür bedanken, dass wir die Plattform bekommen haben, von der aus wir die Welt verändern können", sagt Firmenchef Marcus Weller bei der Preisverleihung.

Ein Motorradhelm, um die Welt zu verändern

Aber will die Welt überhaupt verändert werden? In vielen Diskussionen geht es in diesen Tagen weniger um die Technik als um den Nutzen der zahllosen Wearables. "Wir wollen wissen, was wir eigentlich mit all den Daten anstellen wollen, die wir sammeln", fasst es Tech-Bloggerin Myriam Joire zusammen. Anders gesagt: Wearables mögen die Lösung sein, nur für welches Problem eigentlich?

Ob man sich tatsächlich fitter fühlt, nur weil man ein Armband trägt, bezweifle sie ebenso wie den Nutzen von Google Glass, sagt Joire. "Ist es wirklich smart, dass ich die Möglichkeit habe, Fotos zu machen, ohne dass ich dafür meine Hände brauche?" Ein wenig klingt das, als sei Evgeny Morozovs Kritik am Solutionismus des Silicon Valley in Austin angekommen. Mit dem Begriff bezeichnet Morozov die naive Vorstellung von Unternehmern, mit vergleichsweise einfacher Technik hochkomplexe soziale Probleme lösen zu können. Ein Armband, eine Brille, ein Motorradhelm, um die Welt zu verändern?

Auto starten mit der Herzfrequenz

Vielleicht sollte man kleiner anfangen: Wearables werden bald Kontextinformationen nutzen, um ihre Benutzeroberfläche und Funktionen an unseren Aufenthaltsort anzupassen. Kommt man im Büro an, erscheinen die relevanten Apps automatisch auf dem Startbildschirm. Am Freitagabend wird der Bürokalender gegen Apps wie Uber oder das Kinoprogramm ausgetauscht. Je stärker die verschiedenen Informationen zusammenarbeiteten, desto größer sei der Nutzen, sagt Joire: Ortungsdienste, Zeitzone, all das könne helfen, uns in Zukunft etwas Arbeit abzunehmen. Immerhin.

Viele Hersteller suchen nach neuen Anwendungsbereichen. Die kanadische Firma Bionym stellt in Austin ein Armband vor, das Passwörter durch Herzschläge ersetzen soll. Nymi heißt es, und es nutzt die Herzfrequenz, um den Träger zu erkennen. Damit sollen sich Computer entsperren, Wohnungstüren öffnen oder Autos starten lassen. Das ginge zwar auch mit einem ganz analogen Schlüssel, aber das wäre vergleichsweise langweilig.

Bald werden wir Sensoren herunterschlucken

Das Startup Kiwi zeigt Move, eine Art Messgerät, das deutlich subtilere Bewegungen erfassen soll als gängige Geräte wie Fitbit oder Nike Fuel - und das zusätzlich Temperatur und Luftdruck misst. Move soll Athleten helfen, den Schwung beim Golf zu verbessern oder Musikern, das Gitarrenspiel zu optimieren. Die Geräte werden in Zukunft immer mehr Sensoren besitzen, um mehr Informationen zu erfassen, ist Myriam Joire sicher.

Auch die Messung von Vitalfunktionen wie Herzfrequenz und Blutdruck werde im Bereich der Wearables eine zunehmend große Rolle spielen. "Das fängt gerade erst an", sagt Joire. Wenn die Geräte in wenigen Jahren die Zusammensetzung unseres Blutes in Echtzeit erfassen könnten, könne das Smartphone Alarm schlagen, wenn der Blutzuckerspiegel eines Diabetikers sinkt - und dank Ortsbestimmung ein Restaurant in der Nähe auftreiben oder den Weg zum Krankenhaus zeigen. Google forscht bereits an einer Kontaktlinse, mit der eine Messung des Blutzuckerspiegels möglich ist.

Botschaften auf dem T-Shirt

Auf dem Tech-Festival denkt man noch weiter. In wenigen Jahren schon, so Yijing Brentano von Sprint, werde der Einsatz von Ingestables normal sein - Pillen, die mit Sensoren ausgestattet durch den Körper wandern und Informationen über Verdauung oder Blut liefern können. Auch Implantate unter der Haut könnten wichtige Aufgaben übernehmen. "Das wird sich aber zunächst auf die Lösung von sehr spezifischen Problemen im medizinischen Bereich konzentrieren", sagt Brentano.

Ebenfalls ein Trend auf dem SXSW: Wearables im wahrsten Sinne des Wortes. Die Firma Agent of Presence stellt mit Displays ausgestattete T-Shirts und Handtaschen her, die per Smartphone mit jeder beliebigen Information gefüttert werden und Symbole oder Text anzeigen können.

Die große Herausforderung, da scheint man sich einig, ist es, die Verbraucher vom Nutzen der Technik zu überzeugen. "Wir müssen Wearables weiterentwickeln und an Orte bringen, an denen wir sie wirklich nutzen können und wollen", sagt Alison Lewis von Agent of Presence.  (ths)


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