Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/relayr-io-have-a-wunderbar-have-a-break-1403-104954.html    Veröffentlicht: 07.03.2014 09:05    Kurz-URL: https://glm.io/104954

Relayr.io

Have a Wunderbar, have a break

Golem.de hat Relayr.io besucht. Von den Gründern haben wir uns ihre Vorstellung vom Internet der Dinge erklären lassen - und das erste Projekt, den Wunderbar, in Augenschein genommen.

Ein wenig an eine Tafel Blockschokolade erinnern die Form und die Farbe des Wunderbar-Gehäuses schon. Doch als wir ein Stück davon in die Hand nehmen, ist es deutlich leichter als erwartet. Denn in der hohlen Plastikschale steckt lediglich eine einzelne kleine Platine - und Luft. Wir fragen trotzdem, ob die Macher nicht Angst haben, verklagt zu werden, sollte ein Kind sich daran verschlucken. Doch das verneinen sie: Die mit einem 3D-Drucker selbst gedruckten Minigehäuse sind in erster Linie ein Gag und der von ihnen vorgestellte Wunderbar ist in dieser Form auch kein Produkt für Endverbraucher. Relayr.io will vielmehr eine offene Plattform und Infrastruktur für das Internet of Things erschaffen.

Das elektronische Haus

Heimautomatisierung, ein mit Sensoren vernetztes Haus, das Internet of Things (kurz: IoT) - für Harald Zapp, einen der Gründer von Relayr, ist das nichts Neues. Schon vor zehn Jahren, während seiner Zeit bei Cisco, hat er damit experimentiert. Es gibt längst Anbieter, die entsprechende Lösungen für Hausbauer anbieten.

Doch solche Anwendungen sind kaum unter 10.000 Euro zu bekommen, sie eignen sich auch nicht für den klassischen Mieter in einem Mehrparteienhaus. Außerdem ist der Besitzer zumeist an die Soft- und Hardware des Anbieters gebunden. Neue Nutzungsmöglichkeiten oder die Verwendung der Sensoren und Aktuatoren durch Apps und Anwendungen unabhängiger, kreativer Entwickler sind praktisch nicht möglich.

Relayr statt Arduino

Und hier setzt die Idee der drei Relayr.io-Gründer Michael Bommer, Harald Zapp und Jackson Bond an. Zum einen wollen sie proprietäre Technik durch offene Hardware mit standardisierten Kommunikationsprotokollen ersetzen, zum anderen den Entwicklern die Last der Hardwareprogrammierung abnehmen.

Die Gründer glauben, dass eine einfache API der Schlüssel für den breiten Erfolg des Internet of Things ist, neben preiswerter Technik. App-Entwickler benutzen mittlerweile wie selbstverständlich all die Sensorik in mobilen Geräten wie Handys über die APIs von Android und iOS. In der Maker- und IoT-Szene hingegen müssen sich Entwickler noch viel zu oft mit der Hardware und den gerätespezifischen Eigenheiten selbst herumschlagen, statt sich auf die Umsetzung einer kreativen Idee konzentrieren zu können.

Das Konzept von Relayr.io will dies ändern. Preiswerte Sensoren beliebiger Hersteller kommunizieren über die Plattform von Relayr und können darüber orts- und geräteunabhängig, aber benutzerspezifisch über eine einheitliche API durch beliebige Apps abgefragt werden. Es besteht keine unmittelbare Kopplung zwischen einer bestimmten Sensorhardware und einer konkreten App des Herstellers, wie sie bei vielen Iot-Produkten derzeit noch dominiert.

Der Wunderbar für Entwickler

Relayr.io will kein Geld mit dem Verkauf von Hardware oder eigenen Apps verdienen. Geld soll eher von anderen Unternehmen kommen, die ohne viel Aufwand ihre eigenen Produkte auf Basis der Relayr-Plattform IoT-fähig machen wollen.

Wie passt der Wunderbar in dieses Konzept? Die Macher waren sich bewusst, dass eine solche Plattform ein Henne-Ei-Problem hat: ohne offene Beacons (Sensoren) keine Apps von freien Entwicklern, aber ohne Apps auch kein Interesse von Hardwareherstellern, sich für die Relayr-Plattform zu öffnen. Der Wunderbar als Entwicklerboard soll das Problem lösen und die Entwicklung von Apps ermöglichen.

Nachdem sie erste Prototypen hergestellt hatten, starteten die Macher eine Crowdfunding-Kampagne, um damit die weitere Entwicklung des Boards und dessen Produktion anzukurbeln. Willkommener Nebeneffekt sollte die Marketingwirkung der Kampagne sein. Jackson Bond, der Produktleiter, erzählt uns, dass sie deshalb ursprünglich auf Kickstarter setzen wollten. Keine andere Plattform zieht mehr Supporter an. Doch quasi in letzter Minute gingen sie zu Dragon Innovation. Diese weniger bekannte Plattform unterscheidet sich deutlich von anderen Crowdfunding-Plattformen. Sie wählt gezielt Hardwareprojekte aus und bietet den Projekten auch Hilfe bei der Planung und Produktion ihrer Hardware.

Um bei der Schokoladenmetapher zu bleiben: Die Platine des Wunderbar sieht aus wie zwei Riegel Twix, die in einer Lebkuchenprinte stecken. Auf der "Printe", dem Hauptmodul, sitzt ein Mikrocontroller zusammen mit einem USB-Anschluss, einem WLAN-Baustein und einem BluetoothLE-Empfänger. Auf je einem Riegel sitzen drei Beacons, die sich abbrechen lassen. Jedes Beacon umfasst das eigentliche Sensor-Element und einen BluetoothLE-Empfänger. Derzeit sind als Sensoren integriert: ein Licht-Helligkeitssensor, ein Feuchtigkeits- sowie Temperatursensor, ein Entfernungsmesser und ein Bewegungssensor. Dazu kommt ein IR-Sender, eines der Beacons enthält außerdem einen Grove-Anschluss. Dabei werden teilweise einige Sensoren auf einem Modul kombiniert. Das ist eher unpraktisch, aber den Wunderbar verstehen die Macher schließlich als Entwicklerhilfe, nicht als Produkt für den Endverbraucher.

Vor der Nutzung bitte auseinanderbrechen

Nachdem der Wunderbar einmal per USB über das Hauptmodul initialisiert wurde, können die einzelnen Teile auseinandergebrochen werden - wie einst in der Werbung für Kitkat-Schokoriegel. Die Stromversorgung der einzelnen Beacons erfolgt dann über jeweils eine Knopfzelle an der Unterseite des Moduls. Die Kommunikation zwischen dem Hauptmodul und den Beacons wird per Bluetooth LE abgewickelt.

Laut dem Chefingenieur Paul Hopton können die Beacons entsprechend dem Bluetooth-LE-Standard ungefähr 25 bis 50 Meter Reichweite erzielen, in der Praxis kommt es natürlich auf die konkrete Umgebung an. In ihrem Großraumbüro konnten sie an die 25 Meter erreichen.

Die Batterien sollen lange halten, bis zu 18 Monate soll durchaus ein realistischer Zeitraum sein, je nach Nutzung. Erreicht wird das durch zwei Maßnahmen: Die Messintervalle der Sensor-Beacons können jederzeit über Bluetooth frei konfiguriert werden, und die Datenübermittlung erfolgt per Push-Benachrichtigung. Ein Lichtsensor kann also zum Beispiel so konfiguriert werden, dass er eine Helligkeitsmessung nur alle 5 Minuten vornimmt und ansonsten ruht.

Als Empfänger der Daten wird entweder das Hauptmodul benutzt, oder es erfolgt eine direkte Kommunikation zwischen einem Beacon und einem Nutzergerät wie einem Handy.

Läuft die Kommunikation mit dem Hauptmodul, dann nimmt dieses die Sensormeldungen entgegen und übermittelt die Informationen über das MQTT-Protokoll (Message Queue Telemetry Transport) auf die Server von Relayr. Von dort kann dann die API auf die Daten zugreifen.

Die Kommunikation des Hauptmoduls mit dem Internet erfolgt über die WLAN-Schnittstelle, Ethernet wird nicht unterstützt.

Rein lokal funktioniert hingegen der Datenaustausch, wenn Beacons und Nutzergerät direkt gekoppelt sind. In dem Fall ist es aber nicht möglich, dass ein Sensor von mehreren Nutzergeräten und Apps gleichzeitig verwendet werden kann.

Aus Sicht des Entwicklers soll die Art der Anbindung dabei keine Rolle spielen, da beides durch die Relayr-API gekapselt wird.

Private Daten auf fremden Servern

Sicherheit und Datenschutz will Relayr über durchgängige Verschlüsselung gewährleisten, die bereits auf den Beacons selbst beginnt.

Ist es wirklich notwendig, die Daten über die Relayr-Server laufen zu lassen? Es sei sinnvoll, meint Relayr. Denn nur so sei es möglich, zuverlässig geräte- und ortsunabhängig auf die Daten zuzugreifen. Und einen eigenen Server zu betreiben beziehungsweise betreiben zu müssen, bedeutete für normale Nutzer, aber auch die App-Entwickler, zu viel Aufwand. Relativ einfach soll es aber zu bewerkstelligen sein, dass das Hauptmodul nicht nur mit dem Relayr-Server spricht, sondern zusätzlich auch mit einem lokalen Rechner. Eine private Anwendung müsse also nicht unbedingt mit dem Relayr-Server kommunizieren.

Relayr will die Quelltexte des SDKs sowie auch anderer Bestandteile als Open Source veröffentlichen, um so auch ein Mindestmaß an Vertrauen herzustellen.

Preis und Verfügbarkeit

Als unmittelbare Folge ihrer Crowdfunding-Kampagne gelang es Relayr, nicht nur eine Anschubfinanzierung zu erhalten, sondern auch Conrad Electronic als Produzent und Vertrieb für den Wunderbar zu gewinnen. Dort soll er ab Juni erhältlich sein, Vorbestellungen sind über Relayr.io aber schon möglich. Der Preis liegt bei 145 Euro, für die notwendige Nutzung der Relayr-Server und des SDK entstehen für Privatpersonen und Einzelentwickler keine weiteren Kosten.  (am)


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