Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzneutralitaet-warum-der-netflix-deal-nicht-das-offene-internet-gefaehrdet-1403-104895.html    Veröffentlicht: 03.03.2014 14:25    Kurz-URL: https://glm.io/104895

Netzneutralität

Warum der Netflix-Deal nicht das offene Internet gefährdet

Für viele Netzaktivisten bedeutet die Vereinbarung zwischen dem Videodienst Netflix und dem Kabelnetzbetreiber Comcast einen Angriff auf die Netzneutralität. Bislang ist der Deal aber nur eine neue Stufe im Streit über die Traffic-Kosten.

Der Aufschrei war groß in der vergangenen Woche. Der größte US-Kabelnetzbetreiber Comcast gab bekannt, dass er mit dem Online-Videodienst Netflix eine mehrjährige Kooperation vereinbart hat. Für manche Netzaktivisten kam dies einer "Abschaffung der Netzneutralität" gleich, obwohl die beiden Unternehmen in ihrer knappen Mitteilung darauf verwiesen, dass Netflix-Daten innerhalb des Comcast-Netzwerkes nicht bevorzugt behandelt werden dürfen. Was an der Debatte besonders verwundert: Netflix wird häufig als ein kleines Startup dargestellt, das sich nicht gegen die Macht der großen Internetprovider wehren kann. Dabei verursacht der Dienst inzwischen zu Spitzenzeiten mehr als 30 Prozent des Downstream-Volumens in den USA und hat mehr als 33 Millionen Kunden.

Es ist völlig klar, dass für einen solch starken Anstieg des Internettraffics die Kapazitäten der Provider ausgebaut werden müssen. Für Behauptungen, wonach die Netzbetreiber Verizon, AT&T und Comcast den Netflix-Traffic seit Oktober absichtlich gedrosselt haben, gibt es keinerlei Belege. Auch ist der Zusammenhang mit einem Urteil zur Netzneutralität konstruiert, das ein US-Bundesgericht Mitte Januar getroffen hatte. US-Medienberichten zufolge sollen Netflix-Chef Reed Hastings und Comcast-CEO Brian L. Roberts das Geschäft schon Anfang Januar auf der Unterhaltungselektronikmesse CES in Los Angeles abgemacht haben.

Jahrelanger Streit hinter den Kulissen

Hinter dem Netflix-Comcast-Deal stehen seit Jahren währende Streitigkeiten über Ausgleichszahlungen für Ungleichgewichte beim Datenaustausch zwischen den großen Backbone- und CDN-Betreibern sowie den Telefon- und Kabelnetzbetreibern (ISP), die die "letzte Meile" stellen. Schon im November 2010 verlangte Comcast Geld von Tier-1-Carrier Level 3, nachdem dieser Deals mit Netflix und Apple abgeschlossen hatte. Ähnliche Streitigkeiten gibt es auch zwischen dem Netflix-Carrier Cogent und dem Netzbetreiber Verizon. Während Cogent im vergangenen Jahr von Verizon forderte, mehr 10-Gigabit-Ports für den Datenaustausch bereitzustellen (à 10.000 Dollar für jede Seite), bot Verizon im Gegenzug kostenpflichtige Dienste an, "um sehr große Datenvolumen von ungleichgewichtigem Traffic auszuliefern".

Nach Ansicht der ISP hat sich das Austauschverhältnis durch die datenintensiven Videodienste stark zugunsten der Carrier verändert. Während Comcast ein maximales Ungleichgewicht von 2:1 akzeptieren will, liegt das Verhältnis bei Videodiensten laut Experten bei 30:1. Da die Kunden von Comcast millionenfach die Videodienste nutzen, lässt sich ein Ungleichgewicht kaum vermeiden. Die Netzbetreiber wollen das kostenlose Peering daher beenden und Transitgebühren für die Daten verlangen.

Nutzer von langsamen Verbindungen betroffen

Wenn Carrier und ISP sich nicht auf mehr Peering-Ports einigen können, sinkt bei steigendem Traffic der Datendurchsatz für die Kunden. Bei Videodiensten fallen allgemeine Kapazitätsprobleme stärker ins Gewicht. Ein kontinuierlicher Datendurchsatz muss gewährleistet sein, damit die Bilder nicht ruckeln. Daher sah sich Netflix im Falle von Comcast zum Handeln gezwungen und wollte nicht länger abwarten, bis sich Comcast mit Carriern wie Cogent oder Level 3 über den Ausbau der Kapazitäten einigt.

Harte Verteilungskämpfe auch in Europa

Ohnehin ist es so, dass große Dienste wie Google, Microsoft, Apple und Yahoo nicht nur Content Delivery Networks (CDN) wie Akamai, Level 3 oder Limelight nutzen, sondern ihre eigenen Netze aufgebaut haben. Auch Netflix verfügt über ein eigenes CDN. Ein solches Netzwerk besteht in der Regel aus einem Serververbund, der gecachte Inhalte möglichst schnell und stabil ausliefern soll. Wobei der Videodienst laut Branchenberichten zwar seine eigenen Server hat, aber die Verbindungen wiederum nur mietet. Netflix bietet den Providern an, über sein Open-Connect-Programm kostenlos an weltweit sechs Datenknoten (fünf US-Knoten sowie London) zu peeren. Dieses Angebot nutzen derzeit unter anderem Cablevision, Google Fiber und die British Telecom. Ebenfalls können Provider die Netflix-Hardware ins oder nahe ans eigene Netz stellen. Den Branchenberichten zufolge wird aber noch mehr als die Hälfte des Netflix-Traffics über die CDN der großen Carrier ausgeliefert.

Im Falle Comcasts war der Netzbetreiber aber nicht bereit, sich an einem solch kostenlosen Peering über das Open-Connect-Programm zu beteiligen. Wobei unklar ist, welchen Preis Netflix für die Vereinbarung gezahlt hat. Aus der Sicht des Videodienstes ist es aber vermutlich egal, ob einer der Provider für den steigenden Traffic bezahlt wird oder direkt ein Kabelnetzbetreiber, der zudem einen gewissen Service garantiert. Es wird erwartet, dass Netflix mit anderen Kabelnetzbetreibern ebenfalls solche Vereinbarungen trifft.

Paid Peering bedeutet keine Priorisierung

Was hat das alles also mit der Netzneutralität zu tun? Diese bleibt von solchen Vereinbarungen so lange unberührt, wie die Inhalte der Paid-Peering-Kunden nicht gegenüber den Daten aus anderen Netzen oder von anderen Anbietern bevorzugt transportiert werden. Eine schnelle Auslieferung wird jedoch dadurch möglich, dass die Daten nicht mehr über die Netze der anderen Carrier transportiert werden müssen. Eine Gefahr besteht natürlich, wenn ein Netzbetreiber wie im Falle von Comcast über eigene Videodienste wie NBC Universal verfügt und dessen Dienste dann ohne Störungen ausliefern wird, während bei anderen Anbietern eher Übertragungsprobleme auftreten können.

Ebenfalls erscheint unklar, warum durch solche Verträge kleinere Anbieter benachteiligt werden, wie oft kritisiert wird. Natürlich kann ein Startup nicht sofort sein eigenes CDN aufbauen. Aber solange es ausreichend Kapazitäten über die Provider gibt, dürften auch kleinere Anbieter von Videodiensten nicht von Anfang an ins Hintertreffen geraten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt müssen aber natürlich auch diese versuchen, eigene Verteilzentren einzurichten.

Harte Kämpfe auch in Europa

Auch in Europa gibt es schon seit langem harte Kämpfe zwischen den Telekommunikationsanbietern, Peering-Partnern und Inhalteanbietern. Anfang 2011 forderten die großen Provider wie Deutsche Telekom, France Télécom, Telecom Italia und Telefónica neue Regelungen, die ihnen mehr Einnahmen durch den wachsenden Traffic sichern sollten. Vor einem Jahr vereinbarte Orange mit Google Zahlungen für den Transport von Videodaten. Googles Youtube generiere rund 50 Prozent des Datenvolumens in den Netzen des Unternehmens, argumentierte Orange.

Die Telekom forderte im April 2013 von Youtube den Ausbau von Serverkapazitäten, um eine ruckelfreie Wiedergabe der Videos zu gewährleisten. Zu konkreten Vereinbarungen wollte sich die Deutsche Telekom auf Anfrage nicht äußern. Ein Sprecher von Kabel Deutschland teilte aber auf Anfrage mit, dass es solche Deals wie im Falle Netflix/Comcast mit Inhalteanbietern nicht gebe.

Telekomfirmen wollen an Videotraffic mitverdienen

Auch die geplante EU-Verordnung zum gemeinsamen Telekommunikationsmarkt berührt solche Vereinbarungen zunächst nicht. Dies wäre aber der Fall, wenn die Auslieferung von Videos als "Spezialdienst" deklariert werden könnte. Dann hätten Telekommunikationsfirmen und Inhalteanbieter die Möglichkeit, bestimmte Qualitätsstandards zu vereinbaren. Aus einem "Paid Peering" könnte ein "Paid Prioritization" werden. Ob und wie solche Möglichkeiten Eingang in die Verordnung finden, ist derzeit noch offen. Der federführende Industrie-Ausschuss (ITRE) des EU-Parlaments hat die Formulierungen der EU-Kommission schon ein wenig abgeschwächt.

Traffic-Management soll in Zukunft nicht zu einer Diskriminierung konkurrierender Angebote führen, heißt es in Kompromissvorschlägen, die am 18. März beschlossen werden sollen. Spezialdienste sollen nur bei ausreichender Netzwerkkapazität und ohne Beeinträchtigung des allgemeinen Internetzugangs angeboten werden dürfen. Unabhängig vom Wortlaut der Verordnung gilt aber für Europa das Gleiche wie in den USA: Die Telekomfirmen wollen ihre Marktmacht nutzen, um von den Gewinnen der Inhalteanbieter etwas abzubekommen.  (fg)


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(24.02.2014, https://glm.io/104733 )

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