Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wissenschaft-massenweise-unsinnige-publikationen-zurueckgezogen-1402-104822.html    Veröffentlicht: 27.02.2014 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/104822

Wissenschaft

Massenweise unsinnige Publikationen zurückgezogen

Wissenschaftsverlage müssen zahlreiche veröffentlichte Publikationen zurückziehen. Sie wurden von einem Computerprogramm generiert, das eigentlich nur ein Scherz sein sollte.

TIC - eine Methode für die Konstruktion von E-Commerce, so ist ein wissenschaftliches Paper überschrieben, das offenbar 2013 auf einer Fachkonferenz in China vorgestellt wurde. Doch wer versucht herauszufinden, was TIC eigentlich ist, wird sich wundern. Das Paper ist lediglich eine sinnlose Aneinanderreihung von Sätzen und Begriffen aus der Informatik, die jedoch in keinerlei Zusammenhang stehen. Das dürfte einem fachkundigen Leser bereits auffallen, wenn er versucht, den ersten Satz zu verstehen.

Trotzdem wurde dieses Paper mit Hilfe der IEEE veröffentlicht, ein weltweiter Berufsverband von Ingenieuren, der auch wissenschaftliche Publikationen bereitstellt. Der Tagungsband der Konferenz im chinesischen Chengdu wurde von der IEEE publiziert. Wie die Webseite der Zeitschrift Nature berichtet, fand der französische Wissenschaftler Cyril Labbé in den vergangenen Jahren über hundert derartige Nonsens-Texte in den Veröffentlichungen wissenschaftlicher Fachverlage. Neben der IEEE ist der Heidelberger Springer-Verlag für zahlreiche derartige Publikationen verantwortlich.

Unterhaltung statt Kohärenz

Das Paper ist wie viele andere vermutlich mit dem Programm SCIgen erstellt. "Unser Ziel ist es, Unterhaltung zu maximieren statt Kohärenz" - so beschreiben die am Massachusets Institute of Technology (MIT) arbeitenden Autoren von SCIgen ihr Projekt, das es bereits seit 2005 gibt. Auf der Webseite kann man beliebige Namen eintragen und erhält anschließend eine täuschend echt aussehende wissenschaftliche Informatikpublikation mit Schaubildern und Zitaten. Der Quellcode von SCIgen ist unter einer freien Lizenz verfügbar, jeder kann sich also selbst einen derartigen Paper-Generator basteln.

Mit SCIgen wollten die MIT-Forscher darauf aufmerksam machen, dass viele wissenschaftliche Fachkonferenzen die Einreichungen kaum prüfen. Die Wissenschaftswelt wird in den vergangenen Jahren von einer Menge fragwürdiger Konferenzen und auch Publikationen heimgesucht, meist stecken finanzielle Motive dahinter. Die Ausrichter solcher Konferenzen versuchen oft mit Hilfe von Spammails, Beiträge für ihre Konferenz zu finden und somit andere Wissenschaftler zur kostenpflichtigen Teilnahme zu bewegen. Ähnlich versuchen auch fragwürdige Publikationen, Geld zu verdienen: Im Bereich sogenannter Open-Access-Publikationen, die kostenlos im Internet lesbar sind, ist es oft üblich, dass Wissenschaftler dafür zahlen, wenn ihre Texte veröffentlicht werden.

Geld für Nonsens

Der Nature-Artikel weist aber auch darauf hin, dass das Problem unseriöser Publikationen anders als manchmal dargestellt kein Problem der Open-Access-Welt ist. Sämtliche von Cyril Labbé gefundenen, mit SCIgen erstellten Papers wurden in zahlungspflichtigen Publikationen veröffentlicht.

Bei seriösen Konferenzen und Publikationen würde Nonsens wie der von SCIgen generierte sofort auffallen. Denn das sogenannte Peer-Review ist ein zentraler Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Jede Veröffentlichung wird vorher von anderen Wissenschaftlern geprüft.

Cyril Labbé hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem sich von SCIgen erstellte Publikationen automatisiert finden lassen. Möglicherweise handelt es sich hier aber nur um die Spitze des Eisbergs. Labbé selbst sagt, dass er längst nicht alle wissenschaftlichen Publikationen überprüft hat. Auch erkennt sein Algorithmus nur Veröffentlichungen des speziellen Programms SCIgen. Andere Nonsens-Publikationen entdeckt er nicht.  (hab)


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