Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/asteroiden-gefahr-goldrausch-geschichte-1403-104746.html    Veröffentlicht: 21.03.2014 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/104746

Asteroiden

Sind wir alle Aliens?

Ist das Leben gar nicht auf der Erde entstanden, sondern in den Tiefen des Alls? Müssen wir nach E. T. gar nicht da draußen suchen, sondern nebenan, gegenüber, im Spiegel? Missionen zu Asteroiden sollen das erforschen. Und uns nebenbei Reichtum bringen und vor Kollisionen bewahren.

Sind wir am Ende selbst Außerirdische? Hinweise dafür gibt es, und im Herbst sollen weitere gesammelt werden. Dann klinkt nämlich die europäische Sonde Rosetta das Landefahrzeug Philae zum Rendezvous mit dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko aus. Philae soll auf dem Kometen landen, ihn fotografieren und Proben sammeln. Es wird die erste Landung einer Sonde auf einem Kometen.

Boten aus der Vergangenheit

Kometen, Meteore und Asteroiden sind Boten aus einer fernen Vergangenheit. Auf ihnen hat sich seit der Entstehung des Sonnensystems kaum etwas verändert. Aus ihrer Zusammensetzung lassen sich beispielsweise Rückschlüsse auf die Entstehung der Planeten ziehen. Einen solchen Himmelskörper zu untersuchen, heißt, einen Blick in die Anfänge des Sonnensystems zu werfen.

Und es geht vielleicht um noch mehr: Mit diesen Himmelskörpern sind organische Substanzen auf die Erde gekommen. Beispielsweise haben Forscher in Partikeln des Murchison-Meteoriten, der 1969 bei Murchison im australischen Bundesstaat Victoria heruntergegangen ist, Aminosäuren gefunden, aus denen Proteine gebildet werden, sowie Komponenten für Desoxyribonukleinsäure (DNA), den Träger des Erbguts.

Leben aus dem All

Haben Asteroiden und Kometen vielleicht sogar die nötigen Bausteine auf die Erde gebracht und es damit ermöglicht, dass sich auf unserem Planeten Leben entwickelt? In diesem Fall wären wir tatsächlich alle gewissermaßen - Außerirdische.

Die Art und Weise, wie diese Bausteine auf die Erde gekommen sein könnten, gibt jedoch auch Anlass zur Sorge.

Eine reale Gefahr - und Profitchance

Sie sind nämlich mit Wucht auf der Erde eingeschlagen. Je nach Größe kann uns eine solche kosmische Bombe ernsthaft in Gefahr bringen. Der Einschlag eines rund zehn Kilometer großen Meteoriten etwa löste vor gut 66 Millionen Jahren ein Massensterben der Dinosaurier aus. Dass diese Gefahr für unseren Heimatplaneten real ist, hat sich gerade erst wieder gezeigt: Dieser Tage passierte das erdnahe Objekt (Near-Earth Object, Neo) 2014 DX110 die Erde in einer geringeren Entfernung als der Mond.

Am 15. Februar 2013 flog der Asteroid (367943) Duende in einer Entfernung von weniger als 28.000 Kilometern an der Erde vorbei - und war damit näher an der Erde als geostationäre Satelliten, etwa die Fernsehsatelliten von Astra.

Meteoriteneinschlag in Russland

Am selben Tag ging nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk ein Meteorit nieder. Er explodierte in der Luft, wobei etwa 7.000 Gebäude beschädigt und rund 1.500 Menschen verletzt wurden. Teile des Himmelskörpers fielen in einen See, einige davon wurden später im Jahr geborgen.

Aber natürlich sind Asteroiden nicht nur gefährlich. Denn neben Kohlenstoffverbindungen soll es in ihnen auch noch allerlei andere interessante Substanzen geben, Wasser zum Beispiel. Weitere potentielle Funde sind Platin und die Platinmetalle Ruthenium, Rhodium, Palladium und Osmium. Der Aufwand ist also groß - die Profitmöglichkeiten sind es aber ebenso.

Geschichte, Gefahr und Goldrausch sind allemal Grund genug, sich die Himmelskörper einmal näher anzuschauen. Eine ganze Reihe von Missionen ist bereits zu Asteroiden gereist oder noch unterwegs.

Dawn umrundet Vesta

Dawn, die 2007 von der US-Raumfahrtbehörde National Aeronautics And Space Administration (Nasa) gestartete Sonde, soll Vesta und Ceres untersuchen, zwei Objekte im Asteroidengürtel zwischen den Planeten Mars und Jupiter.

Den Asteroiden Vesta erreichte die Sonde 2011 und umrundete ihn gut ein Jahr lang . Dabei sammelte sie Daten und kartierte den Himmelskörper, dessen Durchmesser etwas 530 Kilometer beträgt.

Fast ein Planet

Dabei fand sie heraus, dass Vesta nur rund zwei Millionen Jahre nach den ersten festen Körpern im Sonnensystem entstand. Der Himmelskörper, der beinahe ein richtiger Planet geworden wäre, sei damit ein "Fossil aus der Frühzeit des Sonnensystems", befand die Nasa.

Seit September 2012 ist Dawn wieder unterwegs. Nächstes Ziel ist Ceres, mit einem Durchmesser von 975 Kilometern das größte Objekt im Asteroidengürtel. Die Sonde soll auch diesen Kleinplaneten umkreisen, Daten sammeln und ihn kartieren. Kleinplaneten sind größere Asteroiden, die eine weitgehend runde Form haben.

Ein bisschen herumfliegen, Daten sammeln und Fotos aufnehmen ist zwar ganz nett, aber zugegebenermaßen nicht sehr spektakulär. Zumal die japanische Raumfahrtagentur Japan Aerospace Exploration Agency (Jaxa) die Messlatte für Asteroidenmissionen vor einigen Jahren schon deutlich höher gelegt hatte: Hayabusa ist nicht einfach nur an einem Asteroiden vorbeigeflogen.

Proben sammeln auf fremden Himmelskörpern

Die Jaxa schickte die Sonde Hayabusa am 9. Mai 2003 auf die Reise. Ziel war (25143) Itokawa. Hayabusa sollte den Asteroiden unter die Lupe nehmen, dabei Proben sammeln und diese sogar zur Erde zurückbringen: Die Sonde hatte an der Unterseite eine Art Trichter, mit dem sie auf dem Asteroiden aufsetzte. Dann wurde ein kleines Geschoss auf die Oberfläche abgefeuert und einige von den aufgewirbelten Partikeln wurden aufgefangen.

Das ehrgeizige Projekt glückte - auch wenn einiges nicht planmäßig verlief: So brach zwischenzeitlich der Kontakt zur Erde ab. Lange war nicht klar, ob es gelungen war, Proben auf Itokawa zu sammeln. Am 25. April 2007 trat Hayabusa die Rückreise zur Erde an - mit den Proben an Bord. Am 13. Juni 2010 landete die Probenkapsel in Australien. Es war die erste Mission, die Proben von einem Asteroiden zur Erde zurückbrachte.

Beim nächsten Mal wird alles besser

Die Jaxa aber plant bereits die nächste Mission: Die Sonde Hayabusa 2 soll zum Asteroiden (162173) 1999 JU3 fliegen, der diesseits des Mars um die Sonne kreist. Ziel ist wiederum, den Himmelskörper zu vermessen, Proben zu nehmen und diese zur Erde zurückzubringen.

An dem Projekt beteiligt ist auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) - mit dem Mobile Asteroid Surface Scout, kurz: Mascot. Das ist ein etwa 30 x 28 x 20 cm großer Roboter, den Hayabusa auf 1999 JU3 absetzen soll. Mascot ist mit vier wissenschaftlichen Instrumenten ausgestattet, mit denen er den Asteroiden untersuchen wird. Mit einer Weitwinkelkamera wird Mascot Bilder von der Oberflächenstruktur des Himmelskörpers aufnehmen. Mit einem Radiometer wird die Temperatur gemessen, mit einem Magnetometer die Magnetisierung des Gesteins. Ein Spektrometer dient dazu, die Materie des Asteroiden zu bestimmen.

Abwurf aus 100 Metern Höhe

Hayabusa wird den neun Kilogramm schweren Roboter aus einer Höhe von etwa 100 Metern abwerfen. Mascot soll an drei verschiedenen Stellen seine Messungen durchführen. Als Antrieb hat er einen Exzenter, der so etwas wie Hoppelbewegungen erzeugt, mit denen Mascot den Standort wechseln kann. Die Sprünge sind allerdings recht ansehnlich: 60 bis 200 Meter soll Mascot mit einem Sprung schaffen.

Die Hayabusa-2-Mission ist auf rund sechs Jahre angelegt, wobei der Start für Juli dieses Jahres geplant ist. Die Sonde soll ihr Ziel im Jahr 2018 erreichen und dort etwa anderthalb Jahre bleiben. Im Dezember 2019 soll sie den Rückflug antreten und zwölf Monate später wieder zurück auf der Erde sein. Sollte der Start im Juli nicht gelingen, gibt es weitere Startfenster im Dezember 2014 sowie im Juli und Dezember 2015.

Nasa untersucht Bennu

Auch die Nasa will Proben auf einem Asteroiden sammeln: 2016 soll das unbemannte Raumfahrzeug Origins-Spectral Interpretation-Resource Identification-Security-Regolith Explorer (Osiris Rex) zu dem Asteroiden (101955) Bennu fliegen. Drei Jahre soll der Flug zu dem erdnahen Objekt (Near-Earth Object, Neo) dauern.

Dort angekommen wird sich die Sonde zunächst dem Asteroiden auf etwa 5 Kilometer nähern und ihn ein halbes Jahr lang genau kartieren. Dann werden die Wissenschaftler einen geeigneten Platz für die Probenentnahme auswählen. Osiris-Rex wird sich dem Himmelskörper auf Armlänge nähern - auf Roboterarmlänge. Den wird er ausfahren, um rund 60 Gramm Material von der Oberfläche abzukratzen. Sind die Proben an Bord, nimmt die Sonde wieder Kurs auf die Erde, wo sie voraussichtlich 2023 landen soll.

Allerdings reicht es der US-Raumfahrtbehörde nicht, einfach nur eine Sonde zu einem Asteroiden zu schicken. Sie plant schon den nächsten Schritt: einen persönlichen Besuch auf einem solchen Himmelskörper - den sie selbst einfangen will.

Fang dir einen Asteroiden

Mitte des kommenden Jahrzehnts soll eine bemannte Mission zu einem Asteroiden fliegen. Das hat US-Präsident Barack Obama 2010 angekündigt. Die Vorbereitungen auf der Erde laufen bereits. So trainieren Astronauten für einen Ausflug auf einen fremden Himmelskörper in einer Tauchstation vor der Küste des US-Bundesstaates Florida.

Ziel der Mission wird nicht sein, einfach nur Proben zu nehmen. Sie gilt auch als Vorbereitung für den ersten bemannten Flug zum Mars, der für die 2030er Jahre geplant ist und um den die Nasa mit privaten Akteuren konkurriert. Für bemannte Missionen zu anderen Planeten baut sie ein neues Raumfahrzeug: das Orion Multi-Purpose Crew Vehicle (MPCV), und der Flug zu einem Asteroiden soll ein wichtiger Test dafür sein.

Asteroiden in den Sack

Naheliegend wäre es, einen Asteroiden auszuwählen und hinzufliegen. Die Nasa erwägt derzeit allerdings, die Reise etwas abzukürzen, indem sie das Ziel näher an den Abflugsort rückt: Sie will ein unbemanntes Raumfahrzeug auf die Reise zu einem kleineren Asteroiden schicken. Es soll diesen in einen großen Sack stecken und ihn in eine Mondumlaufbahn transferieren.

Von der Erde aus soll dann eine Mannschaft im Orion MPCV zu dem Asteroiden fliegen, ihn untersuchen und Proben nehmen - und zwar nicht nur ein paar Gramm. Der Vorteil daran wäre die deutlich kürzere Flugzeit. Schon 2017 könnte der Asteroidenfänger der Nasa startbereit sein.

Aber nicht nur Raumfahrtagenturen wollen Asteroiden einen Besuch abstatten. Auch zwei US-Privatunternehmen planen Missionen zu Asteroiden. Und sie wollen dort nicht nur ein paar Partikel oder eine Handvoll Proben nehmen: Sie wollen an die Schätze.

Interplanetarischer Bergbau

Ein einziger, 500 Meter großer Asteroid könnte mehr Platin enthalten, als bis heute auf der Erde abgebaut worden sei, verkündete Planetary Resources bei der Gründung im Jahr 2012. Es wolle einen Beitrag zum Weltsozialprodukt in Höhe eines zweistelligen Milliarden-US-Dollar-Betrags leisten.

Planetary Resources und Deep Space Industries (DSI) wollen diese Rohstoffe abbauen. Die wertvollen Erze sollen dann zur Erde transportiert oder gleich vor Ort verarbeitet werden. DSI entwickelt zudem den 3D-Drucker Microgravity Foundry (MGF), der bei Schwerelosigkeit arbeitet. Er soll aus dem Material, das auf dem Asteroiden gewonnen wird, Komponenten für Raumfahrzeuge herstellen. Aus dem Wasser auf den Asteroiden soll Atemluft oder Raketentreibstoff gewonnen werden.

Bevor ein Asteroid ausgebeutet werden kann, muss erst einmal ein geeigneter gefunden werden. Planetary Resources hat dafür Arkyd-100 entwickelt, ein Weltraumteleskop, mit dem das Unternehmen nach erdnahen Kandidaten suchen will. Es ist etwa 20 Zentimeter hoch, 42 Zentimeter lang und wiegt 15 Kilogramm. Die optische Einheit hat eine Brennweite von 200 Millimetern und die Blende f/4.

Realistisch? Science-Fiction? Spinnerei?

Um den Transport und Betrieb finanzieren zu können, hatte Planetary Resources im vergangenen Jahr eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Kickstarter eingerichtet, und das recht erfolgreich: Statt der beabsichtigten 1 Million US-Dollar kamen 1,5 Millionen US-Dollar zusammen. Das reicht für den Flug ins All und im Jahre 2015 soll Arkyd-100 die Reise antreten - an Bord eines Raumfahrzeugs von Virgin Galactic, dem Raumfahrtunternehmen von Virgin-Gründer Richard Branson.

Ist das realistisch? Oder Science-Fiction? Spinnerei? Zu den Gründern von Planetary Resources gehören immerhin mehrere Prominente, darunter Peter Diamandis, der Vorsitzende der X-Prize-Foundation. Unter den Investoren sind Larry Page und Eric Schmidt von Google und Ross Perot Jr., Sohn des US-Industriellen und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot. Wissenschaftlicher Berater ist Regisseur James Cameron.

Elvis, der Spielverderber?

Deren Enthusiasmus jedoch bremst Martin Elvis, Astrophysiker am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics. Er glaubt, dass die Auswahl an geeigneten Objekten gar nicht so groß sei: Gerade mal zehn erdnahe Asteroiden erfüllten die Kriterien, die eine Ausbeutung lohnten, erklärte er kürzlich. Nur etwa ein Prozent der Neos enthalte Platinmetalle, will er herausgefunden haben.

Würden dann noch weitere Parameter in Betracht gezogen wie etwa die Größe oder dass der Asteroid auch Wasser enthalten soll, blieben nur noch wenige übrig, schreibt er in einem Aufsatz, der als Preprint auf dem Dokumentenserver Arxiv veröffentlicht ist. Auch die Goldgräberfantasien dämpft Elvis: Der Wert der Rohstoffe auf einem solchen Asteroiden könnte 8,8 Milliarden US-Dollar betragen. Die Ausbeute könnte aber auch nur bei 800 Millionen US-Dollar liegen.

Psyche, der eiserne Asteroid

Vielleicht lohnt sich ein Besuch bei 16 Psyche: Dieser etwa 250 Kilometer große Asteroid im Asteroidengürtel besteht fast vollständig aus Eisen. Lindy Elkins-Tanton, Leiterin der Carnegie Institution for Science's Department of Terrestrial Magnetism, würde nur zu gern eine Mission zu dem eisernen Himmelskörper starten. Allerdings nicht, um das Eisen abzubauen.

Psyche könnte der Eisenkern eines Protoplaneten sein, dessen steinerne Hülle durch Kollisionen weggesprengt wurde. Eine Mission wäre daher von großem wissenschaftlichen Interesse, denn sie könnte neue Erkenntnisse über die Entstehung von Planeten bringen sowie einen Einblick in den Teil von Planeten ermöglichen, der normalerweise unter vielen Kilometern Gesteins liegt, sagte Elkins-Tanton kürzlich dem auf Raumfahrtthemen spezialisierten Nachrichtenangebot Space.com: in den Kern.

Während es Elkins-Tanton, Planetary Resources und DSI kaum erwarten können, einen Asteroiden in die Finger zu bekommen, haben andere Missionen genau das Gegenteil zum Ziel: Sie wollen die Asteroiden nicht heranholen, sondern tunlichst von der Erde ablenken.

Auf Kollisionskurs

Es gibt verschiedene Konzepte, wie sich ein Asteroid davon abbringen lassen soll, mit der Erde zu kollidieren. Eines wollen die Nasa und ihr Pendant diesseits des Atlantiks, die Europäische Raumfahrt Agentur (European Space Agency, Esa), Anfang des kommenden Jahrzehnts ausprobieren.

Asteroiden schubsen ...

Asteroid Impact and Deflection Assessment (Aida) heißt die Mission, die aus zwei Raumfahrzeugen bestehen wird: einer Beobachtungs- und einer Kollisionssonde. Auch das Ziel ist zweiteilig: 65803 Didymos - Zwilling - ist ein etwa 800 Meter großer Asteroid, um den in einer Entfernung von circa einem Kilometer ein 150 Meter großer Asteroid kreist.

Die Kollisionssonde, die die Bezeichnung Double Asteroid Redirection Test tragen wird, soll auf den kleineren Asteroiden stürzen. Der Asteroid Impact Monitor (AIM) wird den Aufprall aus etwa 100 Kilometern Entfernung beobachten und soll Daten über die Dynamik des Einschlags und den entstandenen Krater sammeln. Anhand der Daten wollen Forscher Konzepte entwickeln, wie sich die Asteroiden von der Erde fernhalten lassen.

... und Kometen rammen

Einen ersten Versuch mit einem solchen kinetischen Impakt hat die Nasa vor einigen Jahren gemacht: Sie hat am 4. Juli 2005 von der Raumsonde Deep Impact einen knapp einen Meter großen und 372 Kilogramm schweren Impaktor auf den Kometen Tempel 1 abgeschossen. Er schlug mit einer Geschwindigkeit von 10,3 Kilometern pro Sekunde ein.

Mit der Mission verfolgte die US-Raumfahrtbehörde zwei Ziele. Zum einen wollte sie über das ins All geschleuderte Material etwas über die Zusammensetzung des Kometen erfahren. Zum anderen wollte sie wissen, ob sich der Komet aus der Bahn werfen lässt. Tatsächlich stellten die Wissenschaftler fest, dass der Aufprall die Geschwindigkeit von Temple 1 um knapp 0,4 Millimeter pro Stunde verändert hat. Das ist nicht viel, zeigt aber, dass es grundsätzlich möglich ist, auf einen Himmelskörper einzuwirken.

Beobachtet wurde die Kollision übrigens von der eingangs erwähnten Sonde Rosetta. Und mit der hat die Esa noch einiges mehr vor.

Guten Morgen, Rosetta

Am 20. Januar 2014 hat die Esa ihre Sonde aus dem interplanetaren Tiefschlaf geweckt, in den sie sie vor über zweieinhalb Jahren versetzt hatte. Auf dem Weg zu ihrem Ziel Tschurjumow-Gerassimenko hatte sie sich nämlich so weit von der Sonne entfernt, dass ihre Solarzellen kaum noch elektrische Energie produzierten. Um die Ausrüstung zu schützen, wurden alle Systeme in einen Standby-Modus versetzt.

Grund für das Manöver ist der lange Weg, den Rosetta zurücklegen muss: Es gibt keine Rakete, die stark genug ist, um Rosetta direkt zu ihrem Ziel zu bringen. Deshalb hat die Esa Planeten als Katapulte benutzt, um die Sonde zu beschleunigen. Rosetta zog Schleifen durch das Sonnensystem, passierte dabei unter anderem dreimal die Erde und zweimal den Mars.

Vorbeiflug an Šteins und Lutetia

Auf ihrem Weg durchquerte Rosetta auch zweimal den Asteroidengürtel. Das gab den Forschern die Möglichkeit, einen Blick auf die Asteroiden (2867) Šteins und (21) Lutetia zu werfen. An Letzterem flog Rosetta am 10. Juli 2010 in knapp 3.200 Kilometern Entfernung vorbei. Šteins hatte sie sich am 5. September 2008 sogar bis auf 800 Kilometer genähert.

Es war der erste Vorbeiflug einer Sonde an einem sogenannten E-Asteroiden. Die Oberfläche dieser sehr seltenen Asteroiden besteht aus Enstatit. Die Auswertung der Bilder des Vorbeiflugs ergab später, dass Šteins nicht ein einziger Gesteinsbrocken ist, sondern eine Ansammlung vieler kleiner.

Die beiden Asteroiden waren aber nur Aufwärmübungen für die Mission - für das eigentliche Ziel, den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, den die Sonde im Frühsommer erreichen soll. Sie wird ihn begleiten, umkreisen und dabei Daten sammeln. Dazu gehört, den Kometenkern zu kartieren, Schwerkraft, Masse und Form zu bestimmen sowie seine Gas- und Staubatmosphäre, die Koma, zu analysieren.

Kometen betreten

Kometen sind eine Art Spezialität der Europäer: Vor knapp 30 Jahren schickte die Esa die Sonde Giotto auf die Spur des Halleyschen Kometen. Giotto startete am 2. Juli 1985 und näherte sich am 14. März 1986 Halley bis auf knapp 600 Kilometer.

Giotto sucht die Nähe

Obwohl Giotto beim Vorbeiflug schwer beschädigt wurde, konnte die Sonde wertvolle Daten. Sie war sogar noch funktionstüchtig und konnte sechs Jahre später für einen Vorbeiflug an einem zweiten Kometen reaktiviert werden: Am 10. Juli 1992 näherte sich Giotto Grigg-Skjellerup bis auf 200 Kilometer. So nahe war vorher noch keine Sonde einem Kometen gekommen, und der Rekord hatte bis Deep Impact im Jahr 2005 Bestand.

Eine erste Probe von einem Kometen gibt es auch schon: Im Januar 2004 passierte die US-Sonde Stardust den Kometen Wild 2 in etwa 240 Kilometern Entfernung. Dabei gelang ihr etwas Einmaliges: Mit einem speziellen Staubkollektor, der aus einem sogenannten Aerogel bestand, das in Aluminiumzellen untergebracht war, fing Stardust Staubpartikel aus der Koma, der Gas- und Staubatmosphäre des Kometen. Zudem konnte sie einige Partikel interstellaren Staubs einfangen.

Sternenstaub auf der Erde

Stardust brachte die wertvolle Fracht anschließend wieder zurück zur Erde: Zwei Jahre später, am 15. Januar 2006, setzt sie eine Landekapsel mit den Proben in einer Höhe von 111.000 Kilometer über der Erde ab. Diese trat in die Erdatmosphäre ein und landete, von einem Fallschirm abgebremst, wohlbehalten auf einer Militärbasis im US-Bundesstaat Utah.

Proben zur Erde bringen wird Rosetta nicht. Aber sie wird welche sammeln - oder besser: sammeln lassen. Huckepack auf der Sonde reist das Landefahrzeug Philae, das im November dieses Jahres auf Tschurjumow-Gerassimenko abgesetzt werden soll. Es wird die erste Landung einer Sonde auf einem Kometen.

Platzwahl

Rosetta wird, während sie den Kometen kartiert, einen geeigneten Landeplatz suchen. Irgendwann im November wird sie dann Philae ausklinken und auf die kurze Reise zum Kometen schicken. Dass Philae wie Deep Impact zerschellt, ist unwahrscheinlich. Der etwa vier Kilometer große Komet hat wenig Masse und entsprechend auch nur eine geringe Gravitation. Das knapp 100 Kilogramm schwere Landegerät wird nur etwa ein Kilogramm wiegen.

Das ist aber nicht nur von Vorteil: Wegen der fehlenden Schwerkraft würde Philae nicht auf dem Kometen bleiben. Nach dem Auftreffen würde er einfach wegspringen und ins All davondriften. Der Lander wird sich deshalb mit Eisschrauben und Harpunen an dem Kometen festkrallen.

Bohren und fotografieren

Ist Philae sicher verankert, beginnt das wissenschaftliche Programm. Dazu gehört, das Eis zu untersuchen. Die Forscher hoffen, darin organische Substanzen zu finden. Philae wird gut 20 Zentimeter tief in den Kometen bohren, um Proben zu nehmen. Außerdem soll er hochauflösende Bilder von der Kometenoberfläche machen, darunter auch ein Panorama.

Die Mission auf Tschurjumow-Gerassimenko wird auch nach dem Absetzen des Landefahrzeugs andauern: Rosetta wird ihn auf seinem Weg durch das Sonnensystem begleiten. Spannend wird es am 13. August 2015: An diesem Tag wird der Komet den sonnennächsten Punkt seiner Bahn erreichen. Bis auf 185 Millionen Kilometer nähert er sich unserem Zentralgestirn.

Mission bis 2015

Dann wird es ungemütlich auf dem Kometen: Die Temperatur steigt, Gas und Staub entweichen. Dadurch entsteht der für Kometen typische Schweif, den Rosetta aus nächster Nähe betrachten kann. Für Philae jedoch wird das voraussichtlich das Ende bedeuten.

Rosetta hingegen wird Tschurjumow-Gerassimenko weiter folgen. So lange, bis ihr - voraussichtlich Ende 2015 - der Treibstoff ausgeht.  (wp)


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